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Roth, Philip

Operation Shylock. Ein Bekenntnis

Originalausgabe: Operation Shylock. A Confession. Jonathan Cape, London 1993. Übersetzt von Jörg Tobitius. Carl Hanser, München 1994. 460 Seiten.

Seit seinem großen aufsehenerregenden Roman „Portnoys Beschwerden“ verfolgt Philip Roth das Problem der Identifikation des Autors mit seinem literarischen Geschöpf durch die Leser. Seit „Portnoy“ wurde er hauptsächlich von den jüdischen Lesern als Sexfreak, Antisemit und Neurotiker angesehen. Das beschäftigte ihn so sehr, daß er sich in den folgenden Werken mit dieser vermeintlich autobiographischen Angelegenheit befaßte; es entstanden die Zuckermanbücher. Dann schrieb er „Tatsachen“, wo Philip Roth sich selber „erfindet“, d. h. nicht nur seinen eigenen Namen, sondern auch Tatsachen und Begebenheiten aus seinem realen Leben in eine fiktive Geschichte so verwebt, daß sie darin völlig aufgehen. Also ist der wirkliche Philip Roth wieder nicht faßbar.

Nun legt er einen neuen „autobiographischen“ Roman vor, wie immer ironisch, sarkastisch, sinnlich, von eminentem Wissen und Bildung, brillant, ein Meisterwerk der Literatur. Dieses Buch erschließt sich nicht aufs erste Mal, man braucht Zeit und Aufmerksamkeit, bis man die Perlen alle auf einem Faden hat. Aber die Aufmerksamkeit lohnt sich und die Sache wird so spannend präsentiert, daß sie einen nicht losläßt.

Es fängt damit an, daß Philip Roth von seiner tatsächlichen, nun überstandenen Medikamentenvergiftung während einer Krankheit berichtet, von seiner Frau Claire Bloom, der Filmschauspielerin, und einer bevorstehenden Reise nach Jerusalem, wo er ein Interview mit Aharon Appelfeld (1988 in der „Times“ erschienen) zu machen gedenkt. Nun, diese Medikamentenvergiftung brachte ihm Bewußtseinsstörungen, Depressionen. Er glaubt sie überwunden und sich geheilt. Hier bereits, in diesem sachlichen Bericht über seine Krankheit, führt er das Problem der Verdoppelung seiner Person ein, das in der packenden Erzählung das Hauptthema ist.

Philip Roth trifft in Jerusalem auf einen zweiten „Philip Roth“, der sich dort als den berühmten amerikanischen preisgekrönten Schriftsteller ausgibt und der dessen Bekanntheit für ein abstruses Projekt, den „Diasporismus“, einsetzt. Dieser Diasporismus will, daß alle europäischen Juden wieder in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden, weil für sie Israel das Exil und Europa ihre Heimat sei. So könnten Israels Schwierigkeiten mit den Arabern gelöst werden. Philip Roth begegnet diesen verrückten messianischen Ideen und ihrem Verfechter amüsiert, läßt diesen sich weiter als Philip Roth I ausgeben, wehrt sich nicht gegen den Usurpator, lebt beobachtend neben ihm her. Es passieren dann Verwechslungen, weil auch der „echte“ Philip Roth sich manchmal als der „falsche“ Philip Roth ausgibt. Und so kommt der „echte“ Philip Roth in Kontakt mit antiisraelischen Arabern, die natürlich sehr für den Diasporismus sind, und schließlich noch mit dem Mossad, der ihn für seine Zwecke einspannt. Der Mossad weiß selbstverständlich um den Doppelgänger, aber der paßt ihm ausgezeichnet ins Konzept. Philip Roth I kann sich nicht entziehen und nimmt schließlich den Agentenauftrag an — dessen Resultat aber geheim bleiben muß und auch bleibt.

Ganz klar darf, wie in allen Büchern Philip Roths, die attraktive Goite nicht fehlen, die Freundin Philip Roths II, die auch den Philip Roth I verführt. Um die Spaltung und Spiegelung der Person auf die Spitze zu treiben, belegt Philip Roth seinen Widerpart bei sich und im Gespräch mit ihm mit dem Namen Moische Pipik. Dieser Moische Pipik ist eine Figur der jüdischen familiären Folklore, eine Art Joker, die für alles Verquere wie, Aufschneiderei und Pechvogel steht und jedem jüdischen Kind vertraut ist.

Das alles versteckt sich unter dem Namen Philip Roth. Wer ist das nun wirklich? Einer oder drei, oder drei in einem? Er bleibt unfaßbar. Er ist alle seine literarischen Figuren plus ein verfremdetes Selbst, eben ein Mensch in seiner Vielschichtigkeit.

Außer dem tatsächlichen Interview mit Aharon Appelfeld, dem wichtigen israelischen Autor, ist noch eine zweite Begebenheit wirklich: die Reportage über den Prozeß gegen Ivan Demjanjuk, „Ivan den Schrecklichen“ des Konzentrationslagers, der in Jerusalem stattgefunden hat. Die „Banalität des Bösen“ ist sichtbar verkörpert in diesem beinahe debilen, stumpfen Klotz und die Berichterstattung Philip Roths ist distanziert und genau, ein ganz wichtiges Bindeglied in diesem vielschichtigen Buch.

Philip Roth ist schon immer ein großartiger Geschichtenerzähler gewesen mit einer geschliffenen Sprache und vielen Registern. Ein unerhört kultivierter Mann, gerade auch, wenn er die triviale Ebene benützt. Dieses Buch läßt einen nicht los von der ersten bis zur letzten Seite, nie läßt die Spannung nach, handle es sich um die Prozeßreportage, seine Krankheit, die Fahrten durch Jerusalem, Gespräche mit Appelfeld, Arabern, Juden, Polizisten, Mossadleuten oder der arischen Schickse. Und wenn man am Ende des Buches ist, wo Philip Roth das „Geständnis“ ablegt, daß dieses Geständnis falsch ist, dann beginnt man am besten mit großem Gewinn gleich noch einmal von vorne.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 213-215



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