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Fitzmyer, Joseph A.

Qumran: Die Antwort

101 Fragen zu den Schriften vom Toten Meer. Katholisches Bibelwerk (Stuttgarter Taschenbücher, STB 18), Stuttgart 1993. 286 Seiten.

In den letzten Jahren haben pseudowissenschaftliche Bestseller „Qumran“ in die Medien gebracht und für ein breites Publikum zum Begriff werden lassen. So abstrus und unsachlich die Behauptungen in jenen Büchern auch sein mögen, einen Vorteil haben sie: Sie haben einem Thema Popularität verschafft, das bislang nur einige wenige Fachleute in seinen Bann zog, und diese können nun auf der Welle des geweckten Interesses ein wirklich fundiertes Wissen über ein spannendes Gebiet jüdischer und christlicher Forschung in eine breite Öffentlichkeit tragen. So sind im letzten Jahr einige gute populärwissenschaftliche Bücher über Qumran auf den deutschen Buchmarkt gekommen, eines davon das hier zu besprechende. Die englische Originalausgabe erschien 1992. Der Autor ist Professor für Neues Testament in den USA, dessen „Hauptinteresse“ — nach eigener Aussage — „immer auf dem semitischen Hintergrund dieser christlichen Schriften“ lag (Vorwort S. 14) und sich deswegen insbesondere den Qumranschriften zuwandte. 1957/58 arbeitete er als Mitglied des internationalen wissenschaftlichen Teams, dem die Edition der Texte anvertraut worden war, an einer Konkordanz zu den nichtbiblischen Texten aus Höhle 4. Neben mehreren wissenschaftlichen Büchern und Aufsätzen publizierte er auch eine Bibliographie zu diesem Forschungsgebiet: The Dead Sea Scrolls. Major Publications and Tools for Study (SBL Resources for Biblical Study 20), Atlanta 31990. Solide Kenntnis und langjährige Beschäftigung mit den Schriften vom Toten Meer verrät auch dieses Buch für breitere Leserkreise. Es verschafft auf leicht lesbare Art einen ausgezeichneten Einblick in die Bedeutung der Schriftfunde für die Erforschung des Frühjudentums und des Neuen Testaments und in die wissenschaftliche Diskussion, die diese Schriften ausgelöst haben. Die gewählte Darstellungsweise eines Frage- und Antwort-Spiels erweist sich als sehr vorteilhaft: Sie begünstigt die „rasche“, knappe Vermittlung einer Fülle von Informationen; der Nicht-Fachmann wird gerade die Streitpunkte und die auseinandergehenden Standpunkte kennenlernen und auch abzuschätzen lernen, auf welch begründeter oder wackliger Basis zahlreiche Behauptungen und Hypothesen stehen. Verweise auf weiterführende Fachliteratur, insbesondere einschlägige Artikel, verraten eine sehr treffsichere Auswahl.

„Die 101 Fragen und Antworten, die den Großteil dieses (sic) Buches ausmachen, gliedern sich in vier Gruppen: (1) Fragen zu der Entdeckung der Höhlen und dem Inhalt der Schriften (S 1-38); (2) Fragen zu den Auswirkungen der Schriften auf das Studium des Alten Testaments und des antiken Judentums, insbesondere der Qumrangemeinschaft (S 39-67); (3) Fragen zu den Auswirkungen der Schriften auf das Studium des Neuen Testaments und des frühen Christentums (S 68-84) und (4) Fragen zur jüngsten schlagzeilenträchtigen Entwicklung und zu den Anschuldigungen, die Publikation der Schriften werde unterdrückt (S 85-101)“ (5.15). Die Identifizierung der Qumrangemeinschaft mit den Essenern wird trotz der guten Gründe, die dafür sprechen, als „nicht gesicherte Mehrheitsmeinung“ vorgestellt, die solange „zweifellos bestimmend bleiben“ wird, als Texte wie 4QMMT nicht vollständig publiziert sind und ihre Beziehung zur Gemeinschaft geklärt ist (S 67). Zu den Pharisäern und Sadduzäern scheinen die Qumran-Leute eher in Opposition gestanden zu haben; da auf diese Gruppen aber nur in letztlich mehrdeutigen Wendungen angespielt wird, läßt sich auch das nicht mit Sicherheit behaupten (S 64).

Eine Identifizierung mit dem frühen Christentum schließt der Autor mit Bestimmtheit aus. Die Qumrangemeinschaft war „nicht christlich“ (163). Die Qumranschriften enthalten keines der Elemente der spezifisch neutestamentlichen Gottesvorstellung (besondere Gottessohnschaft Jesu, aufs engste verbunden mit einer Konzeption von Gott als Vater, Titel theos für Jesus; vgl. S 68, außerdem S 72). Entgegen anderen vorgebrachten Meinungen findet sich in den Qumranschriften auch nicht das Motiv des Gottesknechtes und des leidenden Messias. „Man muß es darum für ein lukanisches Theologoumenon halten“ (181).

So fern eine Verbindung mit der Urkirche auch liegen mag, die Qumranschriften bilden dennoch einen Schriftkorpus, der zum Vergleich mit dem Neuen Testament in erster Linie herangezogen werden muß. „Während es vor der Entdeckung der Schriften vom Toten Meer die Tendenz gab, jüdisch klingende neutestamentliche Ausdrücke mit Hilfe des Vergleichs mit der späteren rabbinischen Literatur zu erklären, erkennt man heute, daß für vergleichende Studien eine jüdische Literatur aus Palästina zur Verfügung steht, die kurz vor Jesu Geburt oder etwa zu seinen Lebzeiten entstanden ist. Es bietet sich ganz einfach an, Texte des Neuen Testaments mit jenen der Qumranschriften zu vergleichen, bevor man auf die rabbinische Literatur des dritten bis sechsten Jahrhunderts zurückgreift“ (164). Ein solcher Vergleich bringt eine Fülle von Parallelen zutage. „Die Anzahl von neutestamentlichen Formulierungen, die sich durch die Entdeckung der Qumranschriften als im Judentum Palästinas beheimatet erweisen, ist schier unendlich . . . Die meisten Parallelen oder literarischen Berührungspunkte sind in den Evangelien nach Matthäus und Johannes, im paulinischen Textkorpus und im Hebräerbrief aufgetaucht“ (172 f.).

Die 101. und letzte Frage lautet: Aber gibt es irgend etwas in den Qumranschriften mit der Tendenz, den christlichen Glauben zu unterminieren? Fitzmyer beantwortet sie mit einem Zitat aus der Zeitschrift Time: „Die einzigen Christen, deren Glauben die Schriftrollen erschüttern könnten, sind diejenigen, die nie das Paradox erkannten, das die Kirchen immer lehrten: nämlich, daß Jesus Christus sowohl Mensch als auch Gott war — ein Mensch einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, der eine bestimmte Sprache sprach und seinen Weg in den Begriffen einer bestimmten kulturellen und religiösen Tradition offenbarte. Den Christen, die mehr über die Matrix, in der ihr Glaube geboren wurde, erfahren wollen, reichen die Menschen der Schriften vom Toten Meer über die Jahrhunderte hinweg die Hand“ (255).

Michael Kreuzer


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 209-212



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