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Barnes, Julian

Das Stachelschwein

Originalausgabe: Bodlivo svinche (bulgarisch). Obsidian, Sofia. The Porcupine, Picador Edition,  London 1993. Übersetzt von Stefan Howald und Ingrid Heinrich-Jost. Haffman/ Libri F, 1992. 160  Seiten.

An Aktualität ist dieser kurze, sehr konzise Roman nicht zu übertreffen. Barnes beschreibt den  Umsturz, die „Veränderung“ wie er es nennt, in einem osteuropäischen kommunistischen Land, d.  h. er beschreibt nur den Prozeß, der dem gestürzten Diktator gemacht wird. Der Staatsanwalt, Sohn  eines später in Ungnade gefallenen ehemaligen Kampfgenossen des Diktators, steht dem verhaßten und  verachteten Mann gegenüber, eigentlich hilflos, obwohl ja jetzt die Verhältnisse umgekehrt sind.  Hilflos, weil es ihm unmöglich ist, dessen Sturheit und Machtbesessenheit nachzuvollziehen.

Der Prozeß wird zur Farce, denn diese skrupellosen kommunistischen Machthaber benützen und  pervertieren die demokratischen Spielregeln für ihre Zwecke. Unheimlich entlarvend ist die  langatmige Aufzählung all der Orden und Auszeichnungen, die dem über Leichen gehenden Diktator von  allen christlichen und demokratischen Nationen und ihren Präsidenten oder Königen überreicht  worden sind.

Auf großartig satirische Weise und in einer adäquaten Sprache läßt Barnes den Zynismus der  westlichen Welt deutlich werden. Man kommt nicht darum herum zu fragen, wer nun schuldig oder  unschuldig an dem jahrzehntelangen Elend des Volkes war und wie ehrlich und demokratisch die „Veränderung“  weiterhin sein wird, da es ja wieder um die Karriere der neuen Machthaber, die großenteils die  alten sind, geht. Aber auch, welche Lehren der Westen aus dem Vergangenen zieht.

Barnes verfehlt nie, den Leser zu packen und ganz persönliche Teilnahme zu bewirken, weil er die  conditio humana so genau offenlegt.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 1 — 1993/94 Seite 209



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