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David Flusser

Lessings Ringparabel und die jüdisch-christliche Begegnung

„Vor Gott und Menschen angesehen zu machen“

Den Mut, etwas zu dem gemeinsamen Streben der drei Glaubensweisen zu sagen, habe ich gerade jetzt bekommen, als ich die Worte des Papstes gehört habe, in denen er seinen künftigen Besuch in dem Lande der drei monotheistischen Religionen angekündigt hat. Vielleicht wird uns auf diesem Wege auch Gotthold Ephraim Lessing weiterbringen, obzwar mir bewußt ist, daß er kein Kirchenvater gewesen ist.

Kann man heute noch Neues aus der Ringparabel in seinem Nathan lernen, das uns gerade jetzt nottäte? Das will ich zu zeigen versuchen und dabei auch einen kleinen Fund mitteilen. Das ist ja auch im Geiste Lessings, der ebenfalls die Menschlichkeit mit literarischer Akribie verbunden hat.

Lessing hat klar auf die Quelle seines Nathans hingewiesen: Es ist die dritte Novelle des ersten Tages im Decamerone des Boccaccio. Von dort hat er nicht nur die Ringparabel, sondern auch das ganze Sujet genommen. Doch bei Boccaccio wird man zwar den teuren Ring finden, aber nicht seine „geheime Kraft, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trägt“ — und doch gerade durch dieses Motiv wurde die Ringparabel von der ursprünglichen agnostischen Ausrichtung befreit. Erst jetzt ist sie für den Glauben fördernd geworden. Erst jetzt — nicht bei Boccaccio — hören wir, „der rechte Ring besitzt die Wunderkraft, beliebt zu machen, vor Gott und Menschen angenehm.“ Erst durch das zusätzliche Motiv wurde der Sinn der Parabel dynamisch, in die Zukunft weisend (und auch für das Gespräch zwischen den drei Glaubensweisen bedeutend).2 Wie ist der Schiedsspruch des Richters?

Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag Zu legen!

Gab es außer dem Decamerone auch eine andere Quelle für Lessings Ringparabel? Nachträglich habe ich in der neuen Ausgabe der Werke Lessings den lakonischen Hinweis gefunden: „Zur Ringparabel auch ,Gesta Romanorum‘.“3 Das lateinische Werk ist eine anonyme Sammlung erbaulicher Erzählungen, deren Kern am Ende des 13. Jh. vermutlich in England oder Deutschland entstanden ist. Nach einer jeden Geschichte folgt dort eine allegorisierende ,Moralisatio‘.

Lessing konnte seine literarische Neugierde in bezug auf die ,Gesta Romanorum‘ voll befriedigen, da er ja Bibliothekar der großen Bibliothek zu Wolfenbüttel gewesen ist.4 Am 19. November 1776 schreibt er sogar an J. J. Eschenburg, er habe sich „seit geraumer Zeit“ alle Ausgaben der Gesta „auf einen Winkel getragen“. Man vermutet,5 daß Lessing im Februar 1776 den Nathan zu vollenden plante — dessen Druck dann im Mai 1779 abgeschlossen wurde. Jedenfalls ist es sicher, daß Lessing sich mit den ,Gesta Romanorum‘ gründlich beschäftigt hat.

Nun können wir über den gesegneten Einfluß dieser lateinischen Schrift aus dem Mittelalter auf die Ringparabel mehr berichten. Dort6 wird ein Märchen erzählt, das zu derselben Gattung gehört, wie zwei Märchen bei Grimm, nämlich „Tischleindeckdich“ und „Der Ranzen, das Hütlein und Hörnlein“ und das Volksbuch von Fortunatus. Wie in der Ringparabel wird auch in dem Märchen der ,Gesta Romanorum‘ von drei Söhnen erzählt, denen der sterbende Vater ihre Erbschaft verteilt, aber in unserem Märchen wird nichts mehr von den zwei Söhnen berichtet; die zwei ersten Söhne und ihre Erbschaften sind also, was man in der Märchenforschung ein ,stumpfes Motiv‘ nennt, ein Überbleibsel eines vorgefundenen Schemas. Uns geht also nur der jüngste von den drei Brüdern an. Der bekam von dem Vater drei Kostbarkeiten: einen goldenen Ring, eine Brosche und ein kostbares Tuch. Alle drei Geschenke des sterbenden Vaters an den jüngsten Sohn erfüllen im Laufe der Geschichte ihre Bestimmung, wie es zu der Gattung des Märchens gehört — davon kann sich ein jeder leicht überzeugen, der das kurzweilige mittelalterliche Märchen lesen wird. Lessing hat für seine Ringparabel nur den Ring verwendet, weil erst durch diese Aneignung aus den ,Gesta Romanorum‘ und ihre Verpflanzung in die Novelle von Boccaccio die Ringparabel ihre dritte Dimension und ihre eigentliche Dynamik gewonnen hat. Nach dem lateinischen Märchen „besaß der Ring die Eigenschaft, daß der, welcher ihn am Finger trug, die Gunst aller hatte, so daß er alles bekam, worum er sie gebeten hat.“7 Noch klarer wird die geheime Kraft des Ringes in der allegorischen Morallehre zu der Geschichte beschrieben. Dort wurde der Ring zum „Ring des Glaubens“ : Ein jeder, der den Ring des Glaubens tragen wird, wird die Gunst Gottes und des Menschen und ihre Liebe haben können, so daß er alles bekommen wird, was er sich auch wünscht.8

Nun, die Erwähnung von Gott und den Menschen, welche sowohl in den ,Gesta Romanorum‘ als auch bei Lessing vorkommt, würde inhaltlich nicht sehr viel bedeuten. Die Kritiker der Erwähnung von Gott und Menschen in der deutschen Verfassung wissen wohl nicht, daß diese Verbindung nicht nur im Judentum und im Christentum vorkommt, sondern auch in der griechischen, also auch heidnischen Popularphilosophie.9 Jesus‘ berühmtes Doppelgebot der Liebe (Mt 27,34-40 und Parr.) ist auch sonst in den jüdischen Quellen belegt.10 Im Neuen Testament kommen noch Gott und die Menschen in Apg 24,16,11 Röm 12,17 (Textvariante)12 und 2 Kor 8,21 vor. Von entscheidender Bedeutung ist, was im Alten Testament, in den Sprüchen 3,4 geschrieben ist, denn gerade dieses Wort hat sowohl die ,Gesta Romanorum‘ als auch Lessing beeinflußt. Dort in den Sprüchen lesen wir nämlich „so wirst du Gunst und Beifall finden vor Gott und den Menschen“. Dieses Bibelwort bekam dann bei den europäischen Juden eine neue Wichtigkeit in ihrem Tischgebet, in welchem sie Gott bitten, sie mögen „Gunst und Wohlgefallen finden in den Augen Gottes und der Menschen“.

Nachdem Lessing die Parabel bei Boccaccio mit den ,Gesta Romanorum‘ verglichen hat, hat er dem Ring die geheime Kraft verliehen, „vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug“. Jetzt konnte er durch einen genialen Griff den Ring der alten Ringparabel zu einem „Ring des Glaubens“ verwandeln und zu einem Symbol des richtigen Glaubensweges auf Erden machen. Ich nehme an, daß Lessing dabei gemerkt hat, daß die Beschreibung des Glaubensringes in der mittelalterlichen Schrift von dem schönen Bibelwort in den Sprüchen 3,4 abhängt, in dem empfohlen wird, „Gunst und Beifall zu finden vor Gott und den Menschen“. Dabei bekam das, was in den ,Gesta Romanorum‘ über den Glaubensring ausgesagt wird, bei Lessing eine neue Ausrichtung. Er hat das Motiv des Wunschtraumes ausgeschaltet; die Gunst der Menschen, welche der Ring seinem Träger verschafft, ist nicht mehr dazu da, damit der Inhaber des Ringes „alles bekommt, was er sich auch wünschen wird“. Durch diese Änderung wird der biblisch-humane Hintergrund hervorgehoben. Jetzt geht es um eine Bewährung, um den Beweis der Echtheit des wahren Glaubensringes. Und noch eine Änderung: Der Ring wirkt nur, wenn man ihn mit Zuversicht trägt, das heißt, soweit ich verstehe, wenn man den Zweck des Glaubensringes ernst nimmt.

Diese Bedingung konnte Lessing in seinen Quellen nicht gefunden haben.

Bevor wir den Glaubensring Lessings für die jüdisch-christliche Begegnung anwenden werden, wollen wir ein wenig den Sinn der geheimen Kraft des Glaubensringes bei Lessing betrachten. Es widerspricht sicher nicht der jüdischen humanistischen Glaubensüberlieferung, wenn man dieses Bibelwort zu einem „kerygmatischen Kernspruch“ erhebt. Ich pflege diesen antiken jüdischen Humanismus einen „anthropozentrischen Theozentrismus“ zu nennen. Rabbi Hanina ben Dosa hat den Grundgedanken aus den Sprüchen 3,4 weiter entwickelt. Er pflegte zu sagen: „An jedem, an welchem die Menschen Wohlgefallen finden, findet auch Gott Wohlgefallen, an wem aber die Menschen kein Wohlgefallen finden, findet auch Gott kein Wohlgefallen“ (Sprüche der Väter 3,10 13). Es stimmt, daß Rabbi Hanina ben Dosa kein gewöhnlicher Jude gewesen ist. Er lebte einige Jahrzehnte nach Jesus und war ein heiliger Mann und ein ausgeprägter Vertreter des jüdischen Humanismus. Ich habe in keinem jüdischen Kommentar gefunden, daß man sich an dem Spruch gestoßen hat, aber nicht so bei meinen christlichen Hörern. Der Spruch erweckte bei ihnen ein instinktives Unbehagen und ein jeder begründete dies mit anderen Argumenten. Ich vermute, daß hinter diesem Staunen über den rabbinischen Spruch sich eine tiefere Fragestellung verbirgt: Viele Christen von heute stoßen sich eben daran, daß Rabbi Hanina ben Dosa der Menschengunst einen positiven Wert beimißt, einen Fingerzeig auf die Gunst Gottes. Vielleicht würde man heute lieber die Menschengunst von der Gnade Gottes total abtrennen wollen. Man würde, wie es scheint, sogar kaum etwas gegen eine Paradoxie einwenden, nach der man die Gnade Gottes mit dem Haß der Mitmenschen verkoppeln würde. So etwas wäre wieder einem Juden unverständlich, und ein mittelalterlicher Christ würde sicherlich seinerseits das moderne Unbehagen bei dem Spruch des Rabbi Hanina ben Dosa als unangebracht empfinden. Das ist durch die Erzählung von dem Glaubensring in den ,Gesta Romanorum‘ bewiesen.

Hat sich vielleicht der Rat des Richters bei Lessing heute als veraltet erwiesen, oder ist er auch jetzt für die Begegnung zwischen den drei monotheistischen Glaubensweisen gültig? Vielleicht ist die moderne Schwierigkeit, den vorgezeichneten Weg zu beschreiten, unsere eigene Schuld? Es ist bekannt, daß Lessing nicht gerade ein vollkommener Atheist gewesen ist, aber ist darum der Rat seines Richters nicht zukunftsweisend? Hören wir uns ihn nun noch einmal an:

Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott,
Zu Hülf!

Also nicht nur ein aufklärerischer Humanismus! Was würde da die „innige Ergebenheit in Gott“ suchen? Daß sich die Worte des Richters bei Lessing heute als eine Rüge anhören, ist leider wahr. Heute pocht leider oft sowohl der Jude als auch der Christ auf seine ihm eigene, nicht gerade vernünftige und menschenfreundliche Eigenart und es scheint sogar, daß bei dem heutigen Gespräch zwischen den beiden Glaubensweisen oft die beiden Kontrahenten die Gegenseite gerade um ihre Unschönheit beneiden. Es scheint mir, daß diese heutige Unnatur ein Symptom der jetzigen religiösen Krisis sei, die ihrerseits nur ein Teil des — hoffentlich vorübergehenden — Verfalls der Menschheit ist. Vor Jahren habe ich im Freiburger Rundbrief die christlich-jüdische Begegnung mit zwei Gemeinden verglichen, zwischen welchen ein hoher Berg emporragt. Wenn sich die Bewohner der zwei Dörfer treffen wollen, müssen sie also über ihre gewohnten Wohnsitze aufsteigen. Ich glaube, dieser Vergleich würde auch Lessing gefallen. Und ich hoffe, daß dieses Bild auch meinen Lesern gefällt.

  1. D. Flusser ist Professor für „Die Geschichte des Zweiten Tempels“ an der Hebräischen Universität in Jerusalem.
  2. Nicht so ganz unähnlich meint Paulus zum „christlich-jüdischen Gespräch“, das Heil sei zu den Heiden gekommen, „um sie (die Juden) zur Nacheiferung zu reizen“ (Röm 11,11 und dort 10,19). — Leider haben sich bis jetzt die Christen nicht immer so benommen, daß sie durch ihr Benehmen die Juden zur Nacheiferung gereizt hätten!
  3. G. E. Lessing, Werke. Carl Hanser Verlag, München 1971, Bd. 2. 716. Aus dem Hinweis kann ich nicht entnehmen, was damit gemeint ist.
  4. Die Stellen, an welchen Lessing die ,Gesta Romanorum‘ erwähnt, befinden sich in der großen kritischen Ausgabe Lessings sämtlicher Schriften von K. Lachmann und Fr. Muncker, Bd. XVI, 45, 49, 54, 63, 150-152, 156, 173-174, 192, 367, und in seinen Briefen an Johann Joachim Eschenburg in Bd. XVIII, 98,111, 123, 208, 248, 341. — Lessing hat sich in seinen Notizen zur Geschichte der Asopischen Fabel (Bd. XVI, 151 ff.) eine Liste der ihm bekannten Ausgaben notiert. Dort (152) hat er auch darauf hingewiesen, daß die Geschichte Nr. 66 den Stoff zu Shakespeares Kaufmann von Venedig geliefert hat. Darüber siehe auch Bd. XVIII, 98, 111, 248; 98 schreibt Lessing, daß Boccaccio die ,Gesta Romanorum‘ gebraucht hat, aber das hängt anscheinend nicht mit unserem Thema zusammen.
  5. Siehe die oben in Anm. 2 erwähnte Ausgabe, 718.
  6. Siehe Gesta Romanorum, von H. Oesterley, Berlin 1872 (Nachdruck Hildesheim, 1980), 466-470, Nummer der Erzählung 120 (112). Die deutsche Übersetzung des Märchens (ohne die Morallehre) befindet sich im Anhang des Volksbuches von Fortunatus, hrsg. von Hans-Gers Roloff, Reclam, Stuttgart 1981. Die Übersetzung ist der Ausgabe von Th. Gräße, Leipzig 1905, entnommen. Ich gehe von dem lateinischen Original aus.
  7. „Annulus illam virtutem habuit, quod qui ipsum in digito gestabat, graciam omnium habuit, intantum quod quicquit ab eis peteret obtineret." — Ein wenig später: „... continuo annulo utebatur, et graciam omnium habuit, et quicquit ab eis voluit habe-re, obtinuit.“
  8. „Quicumque annulum fidei portaverit, graciam dei et hominis et amorem habere poterit in tantum, quod quicquit desiderat obtinebit."
  9. Darüber siehe A. Dihle, Der Kanon der zwei Tugenden, Westdeutscher Verlag, Köln und Opladen 1968.
  10. Siehe D. Flusser, Bemerkungen eines Juden zur christlichen Theologie. Chr. Kaiser, München 1984. 39-40.
  11. Soweit ich sehe, kommt es von dort in die deutsche Verfassung.
  12. Über diese Textvariante siehe Bruce M. Metzger, A Textual Commentary on the Greek New Testament. London 1975. 528.

Nie sollen Liebe und Treue dich verlassen; binde sie dir um den Hals, schreibe sie auf die Tafel deines Herzens!
Dann erlangst du Gunst und Beifall bei Gott und den Menschen. (Spr 3,3.4)

Jahrgang 1 / 1993/94 Seiten 177-182



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