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Clemens Thoma

Mahnzeichen Hebron

Hintergründe des Hasses

Es gibt eine lange Geschichte des nationalistischen, rassistischen, fundamentalistischen und religiösen Fanatismus. Die Kreuzzüge, die Vertreibung der Juden aus der iberischen Halbinsel, die Unterdrückung der schwarzen Afrikaner, die kolonialistische Einsperrung der südamerikanischen Indios, der konfessionalistische Bürgerkrieg in Nordirland, die gezielten Verletzungen der Menschenrechte in Indonesien, die terroristischen Anschläge in Israel und im Libanon sowie der ethnische Gruppenkrieg in Ex-Jugoslawien sind nur einige Beispiele dafür. Millionen von Geknebelten und Ermordeten aus allen Jahrhunderten sind stumme Mahner gegen die schrecklichen Auswüchse des menschlichen Macht-und Zerstörungstriebes. Die vielen Diskriminierungen, Terroranschläge und Massenmorde, von denen die Vergangenheit weiß, sind meistens nicht nur momentanen Regungen der Grausamkeit entsprungen, sondern hatten ihre lange geistig-religiös-soziale Vorgeschichte. Die Organisatoren und Handlanger des Todes schöpften ihre Kräfte und Rechtfertigungen aus geistig-ideologischen, sozialen und emotionalen Nährböden. Friedrich Dürrenmatt schreibt einmal sehr sarkastisch: „Der Glaube allein versetzt Berge. Unter ihnen sind unzählige Millionen begraben: Völker, Kulturen. Dem Glauben wohnt eine immense Grausamkeit inne. Das gilt für Religionen und Ideologien, die ja auch Religionen sind.“1 Der Glaube kann Großes schaffen, er kann aber auch zu Unterdrückung und Mord mißbraucht werden. Einen festsitzenden Virus des Hasses vermag keine Gruppe und keine Religion leicht abzuschütteln.

Baruch Goldstein

Ziemlich unerwartet schreiben heute, gut zwei Monate nach dem 25. Februar 1994, kaum noch Zeitungen außerhalb Israels über das Hebron-Attentat, das der jüdische Arzt, Siedler und Eiferer Baruch Goldstein damals verübt hat. Die Gründe für das Schweigen sind einleuchtend. Einerseits: Zu viele Racheattentate mit zu vielen Toten sind seitdem über die stark geplagten Israelis und Palästinenser hereingebrochen. Diese hauptsächlich von Hamas angezettelten Blutbäder haben sich verselbständigt; theoretische Rückführungen nach Hebron bringen nichts ein. Andererseits: Das Attentat von Baruch Goldstein hat zwar den Friedensprozeß für Israel und für die Palästinenser schwerer und verlustreicher gemacht, verhindern konnte es ihn aber nicht. Bereits kurze Nachforschungen zeigen, daß Baruch Goldstein im Zusammenhang mit anderen Attentaten und ihrer Vor- und Nachgeschichte zu sehen ist. Er steht mit seiner Tat nicht so singulär da, wie ihn verschiedene Kommentatoren sehen möchten. Goldstein ermordete in den frühen Morgenstunden des jüdischen Purim-Festes und des ungefähren Endes des muslimischen Ramadan-Monats neunundzwanzig betende Muslime in der heiligen Abraham-Moschee. Außerdem verwundete er ca. neunzig betende Muslime. Mit Recht schreibt Deborah Kaplan im jüdischen „Hadassah Magazine“ Nr. 6 (April 1994) :

„Als Baruch Goldstein am Grab der Patriarchen in die Menge feuerte, da ermordete er nicht nur unschuldige Männer beim Gebet. Er griff vielmehr auch unsere ethnischen Grundlagen an.“

In den folgenden Seiten des Hadassah-Magazins (bes. S. 9) kommt Cynthia Ozick auf Bemühungen zu einer gewissen Rechtfertigung der Tat Goldsteins zu sprechen: Im Jahre 1929 wurden in Hebron ca. 70 Juden von Arabern massakriert. Goldstein habe da sozusagen einen späten Ausgleich im Morden vollzogen. Frau Ozick läßt derlei nicht gelten.

„Was kann gewonnen werden, wenn man die beiden Hebron-Massaker einander gegenüberstellt? Keine Grausamkeit rächt die andere. Ein Mörder ist ein Mörder, und jeder Mörder steht allein da — ein Greuel in sich selbst. Nichts kann einen Mörder rechtfertigen — keine Ursache, keine Ideologie, kein Credo, kein Glaubenseifer, kein moralischer Mißstand, kein prinzipielles Motiv irgendeiner Art! . . . Immer wieder werden die ermordeten Juden und die ermordeten Araber gegeneinander aufgelistet . . . Beim Vergleich werden die Köpfe gezählt. Und wenn Köpfe gezählt werden, dann wird das Morden quantifiziert. Dadurch wird aber die geheiligte Bedeutung jedes einzelnen Menschenlebens erniedrigt.“

Frau Ozick schließt die Ausführungen mit dem lapidaren Satz: „Gegenseitige Zerknirschung (sc. der Juden und der Araber) ist vor allem ein politischer Akt; und dies ist der richtige Weg zurück“ (S. 10).

Die Feuermauer von Hebron

Ende März 1994, unmittelbar vor Pessach, wurde in Hebron mitten in einer Straße eine 100 Meter lange und gut zwei Meter hohe Mauer errichtet: die Feuermauer von Hebron. Sie erhebt sich in der Nähe der Enklave der jüdischen Siedler. Ihr strategischer und politischer Zweck besteht darin, neue Zusammenstöße zwischen den 80.000 palästinensischen und den 450 jüdischen Bewohnern Hebrons zu verhindern. Außerdem sollen politische Hasardeure und Fanatiker, die von auswärts kommen, beidseits der Mauer einigermaßen in Schach gehalten werden können. Weder die Israelis noch die Palästinenser lieben diese neue Mauer. Sie sei ein „klotziger Angriff“, hieß es auf arabischer Seite. Sie erinnere an die jüdischen Gettos, meinen Juden. Graffiti schmücken bereits die häßliche Mauer, verfertigt von Satirikern und Fanatikern: „Berliner Mauer“, „Willkommen im Getto von Hebron“, „Hoch lebe Baruch Goldstein“.

Präsident Weizman und Bürgerm. Abdel Majid Al Zir (l.)
Nach dem Hebron-Massaker: Israels Präsident Ezer Weizman (r.) spricht während
seines Beileidsbesuches mit dem Bürgermeister von Hebron Abdel Majid Al Zir (1.)
Foto: dpa

Hebron gleicht seit jenem schwarzen 25. Februar einem Pulverfaß, und die Leute reden von mörderischen „Post-Massaker-Phänomenen“. Inzwischen ist die Mauer bereits nebensächlich geworden. Im Zentrum des Terrorkrieges stehen die blutigen Racheakte der arabischen Hamas-Bewegung — nicht in Hebron, sondern im israelischen Kernland. Hamas hat angekündigt, daß sie mindestens viermal in Israel zuschlagen wird. Zweimal hat sie bereits im staatlichen Kernland Israels blutig zugeschlagen. Zuerst in Afula und dann bei Chadera. Am 13. April, dem Datum, an dem der Vertrag zwischen der israelischen Regierung und den Palästinensiern hätte unter Dach und Fach kommen sollen, überfiel Hamas einen Bus bei Chadera. Fazit: sechs Tote und dreißig Verletzte. Zwischen diesen beiden Terroranschlägen wurden sechs Fatach-Aktivisten ermordet, und Israel mußte am Yom hassikarôn in Trauer der 18.000 israelischenSoldaten gedenken, die in den 46 Jahren des Bestehens des Staates Israel ihr Leben bei aufgezwungenen kriegerischen Aktionen verloren hatten. So jagt ein Schrecken den anderen und eine Trauer die andere, das Volk ist sprachlos vor Entsetzen und braucht dringend neue Hoffnungsschimmer. Die israelische Regierung verdient Bewunderung dafür, daß sie den Friedensprozeß trotz dieser Gewaltakte nicht abbricht. Es gibt keine Alternative zum Frieden. Die Extremisten aber heizen sich auf und werden fanatisiert. Das Wort von den endzeitlichen Supernöten macht die Runde. Die Mauer von Hebron ist leider nicht die Feuermauer, von der beim Propheten Sacharja die Rede ist. In Sach 2,8 f. läßt Gott den Propheten in einer Vision sagen: „Jerusalem wird eine offene Stadt sein . . . Ich selbst — Worte des Ewigen — werde für die Stadt ringsum eine Mauer von Feuer sein, und in ihrem Innern ihr Ruhm und ihre Ehre.“ Wie fern klingt so etwas im gepeinigten Land Israel!

Dazwischen die Christen und der Papst

In der harten Krise seit dem Hebroner Attentat hat sich gezeigt, daß das am 30. Dezember 1993 ausgehandelte Grundsatzübereinkommen zwischen Israel und dem Vatikan einen kleinen Hoffnungsschimmer bildet.2 Von den diplomatischen Fesseln der nicht vollen Anerkennung des Staates Israel befreit, konnte Papst Johannes Paul II. in der Zeit um Ostern 1994 Zeichen setzen, die ihm von vielen Seiten Zustimmung eingetragen haben. In der Karwoche kam in den USA ein Interview des Papstes zur Haltung der Kirche den Juden gegenüber heraus.3 Darin beteuert der Papst, er sei seit frühester Jugend davon überzeugt, daß die einzig mögliche Haltung der Kirche dem jüdischen Volk gegenüber jene der Anerkennung sei, „daß sie unsere älteren Brüder im Glauben sind“. Und er fordert Verständnis dafür, daß Juden, die 2000 Jahre unter allen Völkern der Welt zerstreut waren, sich entschlossen haben, ins Land ihrer Vorfahren zurückzukehren. Das ist ihr Recht („This is their right.“). In diesen und anderen Zusammenhängen äußerte der Pontifex immer wieder die Hoffnung, daß Jerusalem zur Stadt des Weltfriedens werden möge. Er möchte Jerusalem möglichst bald besuchen. Der Papst verband diese freien, fast lockeren Äußerungen über das jüdische Volk mit solchen über die christliche Ökumene. Am Karfreitag betete er den Kreuzweg nach einer Textvorlage, die ihm Bartholomaios, der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, zugesandt hatte. Der Papst unterbrach das Gebet mehrmals und beschwor dabei die christliche Einheit: „Wir dürfen nicht uneins sein, denn die heutige Welt versucht, das Kreuz seiner Bedeutung zu berauben.“

Was der Papst in der Passionszeit über das jüdische Volk und sein Recht zur Heimkehr in das Land der Väter gesagt hat, wurde auch in Israel vernommen und als ein wenig Balsam auf tiefe Wunden ausgekostet. Israel ist dankbar für Rückendeckungen seitens der Kirchen. Auch das über die Einheit der Kirchen Gesagte ist nicht ohne Bedeutung für die Atmosphäre im Heiligen Land. Viele sinnlose Streitigkeiten rund um die heiligen Stätten würden besonders im Gefolge einer ökumenischen Verständigung zwischen der Ostkirche und den Westkirchen aufhören. Hebron hat wieder einmal gezeigt, daß die von Juden, Christen und Muslimen verehrten Gräber der Patriarchen meistens keinen einigenden Faktor bilden, sondern Sammelpunkte gefährlicher Zwietracht sind. In den heiligen Stätten Jerusalems liegt wohl noch mehr Zündstoff für Fanatiker der großen Religionen und Konfessionen als in Hebron. Wenn das Gesicht des Friedens der Stadt Jerusalem um einige Nuancen frischer erscheinen wird, könnte dies Ausstrahlungen bis nach Hebron haben!

Was immer an Ermutigendem von christlicher Seite her Israel und den Juden gegenüber gesagt und getan wird, eröffnet neue Perspektiven. Wenn sich die Kirchen von allem Makel des Antijudaismus zu befreien vermögen, und wenn volle beidseitige Anerkennung der Normalfall sein wird, muß zwar noch kein voller Friede in Israel und rund um Israel aufblühen. Aber die Friedenskoalition wird international und interreligiös stärker sein. Zur vollen Friedensordnung kann es jedoch erst kommen, wenn auch die Muslime umschwenken und sich von ihrer eigenen Kriegs- und Radikalideologie zu distanzieren beginnen. Schmale Anzeichen dafür gibt es. Aber es ist zu befürchten, daß der Weg zur geistig-religiösen und politischen islamisch-jüdischen Aussöhnung noch sehr weit ist. Alles muß ja beidseitig werden: die Trauer über Terror und Tote, die Rolle der Religionen als friedenschaffende Institutionen und die Abkehr von der vergangenen Feindschaftsgeschichte.

  1. Friedrich Dürrenmatt, Gedankenfuge. Diogenes, Zürich 1992, 70.
  2. Vgl. FrRu NF 2-1993/94, 88-94.
  3. Vgl. The New York Times vom 3. April 1994, 3.

Jahrgang 1 1993/94 Seiten 161-165


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