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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 1 - 1993/94 Heft 2

Notizen mit Namen

Die Wilhelm-Leuschner-Medaille wurde am 1. Dezember 1993 an Ignatz Bubis verliehen. Er erhielt diese höchste Auszeichnung des Bundeslandes Hessen für seine Arbeit für die Juden in Deutschland und in der ganzen Welt.

Königin Helena (Königinmutter von Rumänien) wurde mit der Yad-Vashem-Medaille geehrt. Durch ihren persönlichen Einsatz konnte sie Tausende Juden retten. Sie veranlaßte Marschall Antonescu, die Deportation der Juden aus Czernowitz zu stoppen. Außerdem ließ sie in die Sammellager von Transnistien Lebensmittel, Kleidung und Medikamente bringen, die vielen das Leben rettete. Der hochbetagte Oberrabbiner Safran sagte bei der Feierstunde zur Verleihung der Yad-Vashem-Medaille über die verstorbene rumänische Königinmutter: „Sie hat meinen Hilferufen immer und ohne zu zögern Folge geleistet: mit Gottvertrauen und Weisheit, mit Einfühlungsvermögen und Stärke bemühte sie sich, geschundene jüdische Wesen zu retten. Und sie hat sie gerettet.“

Bei der Bürgermeisterwahl am 2. November 1993 in Jerusalem hat Teddy Kollek, der 28 Jahre Jerusalem regierte, das Amt an Ehud Olmert abgeben müssen. Kollek war es gelungen, Araber und Israelis in Frieden miteinander leben zu lassen. In seiner Abschiedsrede bei der ersten Sitzung des neugewählten Stadtrats von Jerusalem mahnte Kollek, daß eine ausgewogene Stadtpolitik für die nahe Zukunft von außerordentlicher Wichtigkeit sein werde. Er befürchtete jedoch, daß die neue Stadtverwaltung das labile Gefüge zwischen Juden und Arabern sowie zwischen weltlichen und orthodoxen Juden empfindlich stören könnte. Sein Nachfolger 0lmert wurde 1945 geboren, ist Rechtsanwalt und ist seit 1973 Mitglied in der Knesset. Der neue Bürgermeister wird Jerusalem in den nächsten vier Jahren mit einer Koalition von orthodoxen Parteien und dem Likud regieren.

Mit dem Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik wurde der bekannte Publizist Pinchas Lapide ausgezeichnet. Lapide wurde 1922 in Wien geboren. Von den Nazis in ein Kinder-KZ gebracht, gelang ihm die Flucht nach Palästina. Nach der Gründung des Staates Israel trat er in den diplomatischen Dienst. In Köln promovierte er in Judaistik. Seit 1974 lebt er in Frankfurt am Main.

Zum 25. Mal jährte sich der Todestag der Physikerin Lise Meitner. Ihr Lebensweg ist exemplarisch für Schwierigkeiten, mit der Wissenschaftlerinnen in unserem Jahrhundert zu kämpfen haben, aber auch für das Schicksal der jüdischen Intelligenz in Nazi-Deutschland. Sie wurde 1878 in Wien als Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts geboren. In Berlin war sie Mitarbeiterin von Max Planck. 1907 lernte sie Otto Hahn kennen, mit dem sie 30 Jahre zusammen gearbeitet hat. Beiden gelang eine Fülle von Entdeckungen für die Atomphysik. 1933 erhielt sie ein Lehrverbot, konnte aber im Institut weiterarbeiten. 1938 verweigerte man ihr die Ausreise. Es gelang ihr jedoch, sich über Holland nach Schweden in Sicherheit zu bringen. Lise Meitner lieferte 1939 mit O. R. Frisch eine erste theoretische Erklärung für die entdeckte Kernspaltung. 1949 erhielt sie die Max-Planck-Medaille. Hahn erhielt den Nobelpreis, während Lise Meitner in den USA im gleichen Jahr zur „Frau des Jahres“ gewählt wurde, obwohl sie als Wissenschaftlerin Hahn durchaus ebenbürtig war. Sie starb 1968 in Cambridge.

Am 9. Dezember wurde der alternative Nobelpreis 1993 an fünf Frauen vergeben. Die Stiftung „Right Livelihood“ (Stiftung für verantwortungsbewußtes Leben) erklärte, daß mit der Auszeichnung „der Mut von Frauen in Krise und Konflikt anerkannt werden“ soll. Die fünf Frauen aus Israel, Simbabwe, Indien und den USA wurden für ihren Einsatz zum Schutz von Kindern, Umwelt und Menschenrechte geehrt. Aus Israel erhielt den Preis die Lehrerin Arna Mer-Khamis für die Arbeit bei der Organisation „Care and Learning“ (Schutz und Lernen), die sie gegründet hat. Sie hat sich unter anderem für die Freilassung palästinensischer Kinder aus israelischen Gefängnissen eingesetzt. Außerdem organisierte sie mit freiwilligen Helferinnen und Helfern Unterricht, als die Schulen im Westjordanland geschlossen waren. Vier „Kinderhäuser“ als Orte der Ruhe für Kinder aus den besetzten Gebieten werden heute noch von der Organisation betrieben.

Neuer israelischer Botschafter in Bonn ist Avi (Abraham) Primor. Im November 1993 überreichte er Bundespräsident Richard von Weizsäcker sein Beglaubigungsschreiben. Er tritt die Nachfolge von Benjamin Navon an, der seit 1988 israelischer Botschafter in Bonn war. Primor ist der erste israelische Botschafter, der nicht in Deutschland geboren ist. Primor sagt von sich: „Deutsch ist die Sprache meiner Mutter, aber sie ist nicht meine Muttersprache.“ Dennoch spricht er ein gutes Deutsch, das er durch einige Wochen, die er im Goethe-Institut verbrachte, vervollkommnet hat.

Die „Medaille der Gerechten unter den Nationen“ von Yad Vashem, der Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Holocaust, wurde an den Schweizer Sebastian Steiger verliehen. Damit wird ein Mann geehrt, der im Zweiten Weltkrieg durch selbstlosen Einsatz und oft unter eigener Lebensgefahr zahlreichen jüdischen Kindern in Frankreich das Leben gerettet hat.

Gießens neuer Theaterintendant ist Robert Tannenbaum. Er ist einer von derzeit vier jüdischen Intendanten in der Bundesrepublik. Als Kind deutsch-jüdischer Eltern wurde er in New York geboren. Seit neun Jahren arbeitet er an deutschen Bühnen. Aus seinem Judesein hat er nie einen Hehl gemacht, im Gegenteil, es ist ihm sehr wichtig, in der Gesellschaft als Jude aufzutreten.

Als neue Konsultorin konnte die Dogmatik-Professorin Dr. Monika K. Hellwig, Washington, gewonnen werden. Damit hat der Freiburger Rundbrief neben der Außenstelle mit Frau Dr. Mach in Jerusalem nun auch die Verbindung in die USA.

Außerdem begrüßen wir als neuen Konsultor Dr. Franz Mußner, emeritierter Professor für Neues Testament, Passau. Er ist seit vielen Jahren ein Freund und Mitarbeiter des FrRu. Im christlich-jüdischen Gespräch ist er durch zahlreiche Veröffentlichungen bekannt

Stichworte

Am 1.Dezember 1993 jährte sich zum hundertsten Mal der Geburtstag des Dramatikers Ernst Toller. Als Sohn einer jüdischen Familie wurde er in der Nähe von Posen geboren. Als Freiwilliger zog er in den Ersten Weltkrieg und wandelte sich zum Pazifisten. Seinen Namen als Schriftsteller verdankte er vor allem seinen Dramen „Die Wandlung“, „Masse Mensch“ (ein Revolutionsdrama), „Maschinenstürme“ (der Kampf der englischen Weber gegen die Industrialisierung) und „Feuer aus den Kesseln“ (der Matrosenaufstand in Kiel 1918/1919).

Fast keine Juden in Armenien

Man rechnet damit, daß nach der Auswanderungswelle aus Armenien nur noch ca. 50 Juden in Armenien zurückbleiben werden. In den Jahren von 1989 bis 1992 sind etwa die Hälfte der dort lebenden ca. 700 Juden nach Israel übersiedelt. Die Jewish Agency hat begonnen, die restlichen auswanderungswilligen Juden nach Israel auszufliegen.

Jüdische Gemeinde in Bad Vilbel

Die neugegründete jüdische Gemeinde in Bad Vilbel trat am 9. November 1993 erstmals mit einer Gedenkfeier an die Offentlichkeit.

Max Liebermann, der zwölfjährige Jesus im Tempel*

Das einst umstrittene Bild von Max Liebermann wurde in den Jahren nach seiner Fertigstellung vom Künstler selbst übermalt, wahrscheinlich in den Jahren zwischen 1879 und 1884. Der bisher unbekannte Originalzustand des Gemäldes, das Jesus als einen jüdischen Jungen darstellt, zeigt Liebermanns Interpretation des biblischen Ereignisses nach Lk 2,41-52. Der Verzicht auf den bei Historiengemälden etablierten Stil und die kompromißlose Darstellung alltäglicher Häßlichkeit enthüllen den Wunsch des Künstlers, die Relevanz des Themas hervorzuheben und verleihen einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit. Liebermann betrachtete den Prozeß jüdischer Assimilation im 19. Jh. als einen wechselseitigen Austausch zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland.

*) Katrin Boskamp in „das münster“ (1/1993, Verlag Schnell & Steiner, 93055 Regensburg) „Die ursprüngliche Fassung von Max Liebermanns: Der zwölfjährige Jesus im Tempel. Ein christliches Thema aus jüdischer Sicht.“

Klosteranlage aus dem 5. Jahrhundert in Maale Adumim

In der neuen jüdischen Siedlerstadt, Maale Adumim, 8 km östlich von Jerusalem, stieß man bei Bauarbeiten auf Ruinen einer Klosteranlage aus dem 5. Jahrhundert. Archäologen und Kirchenhistoriker stellten fest, daß es sich um das Kloster des Hl. Martyrios handelt. In den Mosaikböden sind auffallend viele jüdische Kultgegenstände dargestellt, die darauf schließen lassen, daß sie damals auch noch von den Christen benutzt wurden. Das Kloster wurde 614 von den Persern zerstört. — Außerdem wurden jetzt in Maale Adumim Kirchen entdeckt, deren Altarböden noch mit dem Davidstern geschmückt sind. Die Inschriften sind teils hebräisch, teils schon griechisch.

Vom Sinai nach Sachsen

Die Wanderausstellung „Vom Sinai nach Sachsen“, die in Röhrsdorf (bei Chemnitz) gezeigt wurde, besuchten mehr als 60000 Menschen. Zu sehen war u.a. eine Nachbildung der Stiftshütte. Der CVJM-Landesverband Sachsen machte die Besucher auch mit dem heutigen Israel bekannt.

Europäisches Jiddisch-Festival in Leverkusen

Vom 27. bis 29. November 1993 fand in Leverkusen ein Jiddisch-Festival statt. Das Bestreben solcher Veranstaltungen ist es, jiddische Kultur dem Vergessen zu entreißen, eine Kultur, aus der große Menschen und große Ideen kamen. Jiddische Kultur ist nicht gleich jüdische Kultur, sie ist nur ein Ausschnitt aus der jüdischen Kultur. Auf diesem Festival präsentierten überwiegend Nichtjuden diesen Bereich der jüdischen Kultur.

5000 Jahre altes Skelett im Westjordanland gefunden

In einer Höhle nördlich von Jericho haben Israelis ein 5000 Jahre altes Skelett eines Soldaten gefunden, der mit seinen Waffen (Pfeil und Bogen) bestattet worden war. Das Skelett ist in einer Strohmatte eingehüllt und außergewöhnlich gut erhalten. Die Israelis versuchen vor ihrem Abzug aus den besetzten Gebieten noch so viele Funde wie möglich zu machen. Von den Palästinensern wird das als Plünderung angesehen.

Existenz des biblischen Kõnig David bestätigt

Von israelischen Archäologen wurden Steinfragmente mit Inschriften gefunden, die die Existenz des biblischen König David und seiner Dynastie bestätigen. Zum ersten Mal sind damit außerbiblische Hinweise gefunden worden, die auf diesen Herrscher hinweisen.

Jüdische Gemeinde in Sarajewo

Im belagerten Sarajewo ist die jüdische Gemeinde eine wichtige Anlaufstelle, in der unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit Medikamente und Lebensmittel verteilt werden. Ivan Ceresnjes, Präsident der jüdischen Gemeinde, sagt: „Wir wollen zeigen, daß auch nach bald 18 Monaten Krieg ein Zusammenleben noch möglich ist.“


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 154-158


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