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Berichte

„Mount Zion Award“ für Schwester Abraham

Am 28. Oktober 1993 erhielt Dr. Kirsten Stoffregen-Pedersen in der Dormition Abbey in Jerusalem den mit 10.000 Sfr. dotierten Berg-Zion-Preis. Alle Leute in Jerusalem und im europäischen Norden reden sie mit ihrem Ordensnamen Schwester Abraham an. Der von Pfarrer Wilhelm Salberg gestiftete „Mount Zion Award“ wird alle zwei Jahre an Personen verliehen, die sich für Christen, Juden und Araber ökumenisch und sozial engagieren.

Schwester Abraham wurde bei der Preisverleihung als zu den „grassroot people“ von Jerusalem gehörig bezeichnet. Das trifft ihr Wesen: Sie steht trotz höchster Bildung zuunterst, damit die „Pflanzung des Ewigen“ bei anderen wachsen kann. Für sie ist Jerusalem — so sagte sie es in ihrer Dankesadresse — „der absolut einzige wunderbare Ort, der von Gott als Senérie für die Geschichte unserer Erlösung erwählt worden ist.“ Seit Jahren lebt sie in Armut als Einzel-Nonne im Benediktinerinnen-Kloster auf dem Ölberg und betreut von dort aus als Lehrerin, Katechetin und Sozialhelferin die Gemeinde der Äthiopier.

Ihr Leben ist voller Überraschungen. Geboren wurde sie 1932 in Kopenhágen, Dänemark, in einer lutherischen Familie. Sie erwies sich bereits ab dem zwölften Lebensjahr als außerordentlich sprachbegabtes Mädchen: Dänisch, Englisch, Schwedisch, Deutsch, Latein, Französisch! Als 15jährige nahm sie auch Unterricht in Bibelhebräisch. Nach ihrem Abitur konvertierte sie zum Katholizismus und trat in Schweden in den Brigittenorden ein. 1962 kehrte sie mit drei Brigittinnen nach Kopenhagen zurück. Dort studierte sie Judaistik und gewann drei weitere Sprachen für sich: Hebräisch, Aramäisch und Arabisch. 1965 siedelte sie sich in Jerusalem an. In einem Frauenkloster verdiente sie mit Hausarbeiten und Handarbeiten ihren Lebensunterhalt und besuchte die Hebräische Universität in Jerusalem. 1969 machte sie dort das Bakkalaureat in Bibelwissenschaft und hebräischer Literatur. 1970 schloß sie sich der äthiopischen Kirche an. Hier fand sie als Lehrerin in Amaharisch (äthiopische Sprache), als Sekretärin und Sozialarbeiterin in der Residenz des äthiopischen Erzbischofs von Jerusalem ihren Platz und ihre geistige Heimat. Verschiedene katholische Obere hatten sich zuvor mehr mit Verboten hervorgetan als mit Verständnis und Förderung ihres Eigenweges.

Ab 1975 studierte sie weiter an der Hebräischen Universität in Jerusalem und erreichte 1990/91 den Dr. phil. mit der Arbeit: „Die traditionelle äthiopische Exegese im Buch der Psalmen“.

Schwester Abraham ist auch Malerin. Sie malt biblische Szenen aus äthiopischer Mentalität heraus, um die Äthiopier zum Nachdenken, zu einem kulturellen Bewußtsein und zur religiösen Reife zu bringen. Sie gehört zu Jerusalem wie die Synagogen, Kirchtürme und Minarette. Ihre ungemein reichen Sprachkenntnisse und ihr Engagement für religiöse Minoritäten und für sozial Arme befähigen sie zu raten, zu helfen und so neues Grün von der Wurzel her (grassroot people!) zu fördern. — Eine Einzelgängerin, die ganz im Dienste anderer aufgeht und sich nicht vom autoritären Gehabe anderer stören läßt.

Clemens Thoma
(aufgrund persönlicher Bekanntschaft mit Sr. Abraham und in Anlehnung an die von Elisheva Hemker gehaltene Laudatio bei der Preisverleihung)

Der St. Galler Polizeikommandant Grüninger und das langsame Gewissen im Staatsapparat

Am 30. November 1993 wurde der in den Jahren unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg illegal gegen die restriktive Flüchtlingspolitik der Schweiz agierende Polizeikommandant Paul Grüninger im sechsten Anlauf postum politisch rehabilitiert. Die Pressemitteilung des Regierungsrates des Kantons St. Gallen beginnt mit folgenden Worten: „Der 1972 verstorbene ehemalige Kommandant der Kantonspolizei, Paul Grüninger, ist aus heutiger Sicht politisch rehabilitiert. " Den letzten Anstoß für diese längst überfällige und immer noch ungenügende Erklärung gab das 1993 erschienene Buch von Stefan Keller, Grüningers Fall, Geschichten von Flucht und Hilfe, Rotpunkt-Verlag, Zürich.

Was war geschehen? Paul Grüninger, der Polizeikommandant (damals Landjägerhauptmann) an der Ostgrenze der Schweiz (Rheintal), wurde im Frühling 1939 fristlos und ohne Pensionsberechtigung aus seinem Amt entlassen. Nach seiner Entlassung — es wurde erwogen, ihn in die Psychiatrie einzuweisen, weil „Charakterdefizite im Sinne fehlender Hemmungen“ diagnostiziert wurden — wurde er teilweise von Schweizer Juden unterstützt. Die Schweizer Literaturkritikerin und Schriftstellerin Beatrice Eichmann gibt in ihrem Artikel „Paul Grüninger — das lebendige Gewissen“ in der „Luzerner Zeitung“ vom 4. Dezember 1993 die Stimmung beim Begräbnis Grüningers wieder: „,Wer nur eine Seele rettet, gleicht einem, der die ganze Welt gerettet hat', zitierte Rabbiner Lothar Rothschild aus dem Talmud beim Begräbnis des ehemaligen St. Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger im Jahr 1972. Der Verstorbene hatte aber nicht nur eine Seele, sondern mehr als zweitausend vor der Vernichtung bewahrt. Doch er bezahlte dafür einen hohen Preis. Im Frühling 1939 suspendierte man ihn fristlos von seinem Amt, bedachte ihn während des Prozesses und noch Jahrzehnte danach mit unhaltbaren Vorwürfen, strich ihm die Pension und stürzte ihn dadurch in menschliche Isolation und materielle Bedrängnis.“ Fünfmal hatte es die St. Galler Regierung zwischen 1967 und 1990 abgelehnt, Grüninger zu rehabilitieren, und auch jetzt rehabilitierte sie ihn nur „politisch“ und noch nicht rechtlich (juristisch). Ein Verein „Gerechtigkeit für Paul Grüninger“ stieß aber immer wieder nach und kann sich nun eines ersten Teilerfolges freuen.

Die Erkenntnis ließ sich nach vielen der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Dossiers nicht mehr verdrängen, daß Paul Grüninger „bewußt staatliche Vorschriften mißachtet und damit schwere persönliche Nachteile in Kauf genommen hat, und zwar zum Schutz von Flüchtlingen, die an Leib und Leben bedroht waren“. Zu diesem Schluß gelangte der St. Galler Regierungsrat nun endlich.

Der 1891 geborene Paul Grüninger war Volksschullehrer und brachte es 1925 zum lokalen Kommandanten der Polizei an der schweizer Ostgrenze im Kanton St. Gallen. Seit 1933 kam ein zunehmender Ansturm von Flüchtlingen an die Grenze bei Diepoldsau. Beatrice Eichmann beschreibt die sich zuspitzende Lage und die entsprechenden Aktionen Grüningers so: „Bis Mitte August 1938 erfolgten die Einreisen der Juden aus dem besetzten Osterreich ohne große Schwierigkeiten, aber am 18. August verhängte der Bundesrat eine absolute Grenzsperre und schickte Militär ins Rheintal.

Für die Juden, die danach noch illegal einreisten, änderte Grüninger die Angaben in den Papieren, indem er die Einreisedaten vorverlegte, also vor das ominöse Datum des 18. August. Oder er schickte später sogar ,amtliche Vorladungen' beispielsweise ins KZ Dachau, die in Wirklichkeit Einladungen zur ungehinderten Einreise in die Schweiz waren; mit solchen offiziellen Papieren versehen, konnten Juden noch am ehesten aus einem KZ freikommen.

Es sprach sich schnell herum, daß man die Schweizer Grenze am ehesten im Gebiet des Alten Rheins bei Diepoldsau passieren konnte und sich dann an Kommandant Grüninger wenden mußte; dieser Ruf drang unter anderem bis nach Mailand. Wenn Paul Grüninger im Flüchtlingslager Diepoldsau erschien, die Flüchtlinge erblickte, dreckig und naß, und ihre Geschichten hörte, standen ihm ,die Tränen in den Augen' (so Landjäger Ernst Kamm, der später gestand, daß er beinahe ,nervenkrank' in dieser Zeit geworden sei).“

In Israel wurde Paul Grüninger 1971 zum „Gerechten aus den Völkern“ erklärt.

Clemens Thoma

Erinnern durch Begegnen

Ein katholisches Jugendprojekt zum christlich-jüdischen Dialog

„Was ist ein typischer Jude?“ — so lautete die erste Frage auf dem Fragebogen, den die Gruppe von etwa 40 jungen Juden und Christen in kleinen Kreisen auszufüllen und zu diskutieren hatte. Die Antwortvorschläge auf den Bögen waren ebenso pointiert wie sehr bewußt aufgelistet: „Einer der ein Käppchen trägt? Einer, der in Israel lebt? Einer, der sich besser fühlt, weil er sich auserwählt wähnt?“

Mitglieder einer Schweizer jüdischen Gemeinde hatten diesen Fragebogen speziell für den Besuch einer deutschen Jugendgruppe zusammengestellt, um die Themen Vorurteil, Entstehung und Auswirkungen von Stereotypen sowie deren Überwindung diskutieren zu lassen. Gleichwohl, auch die Vorurteile gegenüber Deutschen kamen auf den Tisch: „Was ist ein typischer Deutscher? — Einer der groß und blond ist? Einer, der in Lederhosen herumspaziert und Bier säuft? Einer, der sich besser fühlt, weil er sich für tüchtiger und zuverlässiger als andere wähnt?“

Die spannenden Gespräche hierzu, aber auch das gemeinsame Feiern des Schabbat-Abends in den Familien, der Gottesdienstbesuch, gemeinsames Essen und Singen gehörten zu einem Austausch, der von dem Projekt „Erinnern und Begegnen“ des Freiburger Jugendseelsorgeamts organisiert wurde. Träger der Initiative ist gleichermaßen das Erzbischöfliche Jugendamt wie der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Für die meisten der Teilnehmenden ist die Begegnung eine äußerst prägende und bewegende Erfahrung — in religiöser Hinsicht wie in Blick auf aktuelle gesellschaftliche Fragen.

Im Jahre 1988, dem 50. Gedenkjahr der Reichspogromnacht, sammelten die in katholischen Verbänden organisierten Jugendlichen der Erzdiözese Freiburg zum Thema „Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung“ einen beachtlichen Geldbetrag, der als Grundstock für ein Projekt verwendet wurde, das sich einer kontinuierlichen Erinnerungs- und Begegnungsarbeit verschrieben hat. „Erinnern“ bedeutet die Vergegenwärtigung der reichen und lebendigen Geschichte der Juden besonders auf lokaler Ebene sowie die Aufarbeitung der Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus. „Begegnen“ heißt, das Judentum als heute lebendige Größe wahrzunehmen, in einen echten Austausch zu kommen und Erfahrungen zu teilen.

Längst ist das Projekt nicht mehr nur diözesan tätig, hat es doch, wie Experten im christlich-jüdischen Dialog betonten, Defizite aufgedeckt: Für Jugendliche gibt es bisher kaum eine Institution, die sich speziell diesen Themen zuwendet, obwohl die Arbeit auf diesem Gebiet dringender denn je ist. Sie umfaßt Kontakte zu jüdischen Gemeinden und Jugendgruppen, Kennenlernen jüdischer Kultur und jüdischen Alltags heute, Spurensuche vor Ort, Seminare und Begegnungsveranstaltungen auch auf internationaler Ebene, Gedenkstättenbesuche, Jugendakademien, Film- und Kulturprogramme usw. Inzwischen wurde von Mitarbeitern des Projekts eine Arbeitshilfe „Erinnern und Begegnen“ für Multiplikatoren in der Jugendarbeit, Lehrer' und Seelsorger, erstellt.

‘Leider wird die Arbeit bislang nicht überregional gefördert, sondern ist auf Spenden und die — dankenswerterweise — kräftige Unterstützung durch das Erzbistum Freiburg angewiesen. An lobender Zustimmung vpn katholischer, ökumenischer und jüdischer Seite zu den Aktionen des Projekts mangelt es keineswegs, und es bleibt zu hoffen, daß die Arbeit durch finanzielle und personelle Ausweitung weiter bundesweit und international wirken kann.

Ob es einen typischen Juden, einen typischen Christen, Deutschen oder Schweizer gibt, wurde von den jungen Teilnehmern des eingangs erwähnten christlich-jüdischen Austauschs allgemein bezweifelt. Daß jedoch manifeste Vorurteile und Zerrbilder existieren, daß sie bisweilen gefährlich, ja lebensgefährlich werden können, hat niemand bestritten, auch nicht die Tatsache, daß Erinnerung und Begegnung Wege sind, sie zu überwinden.

Reinhold Boschert-Kimmig


Jahrgang 1 / 1993/94 Seiten 148-152



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