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Goldschmidt, Georges-Arthur

Der unterbrochene Wald.

Aus dem Französischen übersetzt von Peter Handke. Ammann Verlag, Zürich 1992. 171 Seiten.

Das dritte Buch Goldschmidts, das sich immer noch mit den traumatischen Erlebnissen des deutschen, jüdischen Flüchtlingskindes in Frankreich während des Krieges auseinandersetzt. Das Kind ist völlig allein, die Eltern blieben in Deutschland, sie wollten nur ihr Kind retten. Die Familie war gutbürgerlich und musisch, nicht religiös, assimiliert. Jetzt wird der Bub im fremden Land, schutzlos und, weil er für seinen Unterhalt ja nicht bezahlen kann, gedemütigt nach Strich und Faden, als Domestik benützt, sogar sexuell von den anderen Zöglingen mißbraucht, von den Erziehern auf sadistische und scheußlichste Art gezüchtigt zu seinem „Wohl“. Die einzige Chance, sich selbst nicht ganz abhanden zu kommen, ist der Rückzug auf die eigene Körperlichkeit, die Zärtlichkeit und Wärme, die er aus der Berührung seines eigenen Körpers erfährt. Er schämt sich dessen auch, kann es aber in seiner Verlassenheit nicht lassen. Viel unerträglicher ist jedoch der Gedanke, daß seine Eltern von seiner Demütigung durch die anderen, Erzieher und Kinder, erfahren könnten. Manchmal wünscht er sich, daß sie tot seien.

Ganz wesentlich sind für den jungen sensiblen Menschen die Landschaften, die er manchmal mit den fast vergessenen heimatlichen norddeutschen vergleicht. Die Berghänge und Schluchten und besonders die Wälder beschreibt er so sinnlich genau, daß man die Textur des Waldbodens und der Baumrinde zu spüren meint.

Georges-Arthur Goldschmidts Bücher sind Kleinode der neuen Literatur, deren genaue sprachliche Knappheit faszinierend ist.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 1 / 1993/94 Seite 144