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Bibel in jüdischer und christlicher Tradition

Festschrift für Johann Maier. Hg. von Helmut Merklein, Karlheinz Müller, Günter Stemberger. Athenäum Monographien: Theologie Bd. 88. Anton Hain, Frankfurt 1993. 569 Seiten.
Das besondere Buch

Einen recht bunten und kostbaren Strauß von 29 wissenschaftlichen Artikeln hat Johann Maier, Ordinarius für Judaistik an der Universität Köln, zu seinem 60. Geburtstag erhalten. Das Zusammenpassen der einzelnen Teile kommt dadurch zustande, daß es stets um das Thema der Weitergabe und Interpretation der Hebräischen Bibel bis heute geht. Vergleicht man diese Geburtstagsgabe mit den insgesamt 150 Büchern und Artikeln, die Prof. Maier während seines Forscherlebens geschrieben hat (die Maier-Bibliographie findet sich S. 555-569), dann stößt man auf viele Ähnlichkeiten. Es ging Johann Maier stets um exakte hebräisch-aramäische Philologie, um Interpretationen von biblischen und nachbiblischen jüdischen Texten und um historische Zuordnungen seines reichen Textmaterials. In Qumran z. B. haben sich Inspiration und Interpretation gegenseitig durchdrungen, weil sich die Qumraner „auch weiterhin in der Epoche der Inspiration wußten“ (88). Da Johann Maier ein erstklassiger Deuter und Übersetzer der Qumranschriften ist — er gehört hier in die allerersten Ränge —, ist man für die beiden Artikel, die ein Echo darauf geben, besonders dankbar: Schriftauslegung der Qumran-Essener (87-96: Heinz-J. Fabry) und „Torah in the Qumran Scrolls“ (97-120: George J. Brooke). Bereits vor Qumran, in der Septuaginta, kann beobachtet werden, daß es im 3. Jh. v. Chr. nicht nur um die Wiedergabe eines hebräischen Textes gegangen ist, sondern auch um eine weiterführende, Gültigkeit beanspruchende Interpretation (Josef Schreiner S. 52, zu Neh 8, 8). Eine besonders eingehende Würdigung erhält der Pijjût bzw. die jüdisch-liturgische Poetik. Wout J. van Bekkum legt (226-242) eine Geschichte des Pijjût seit Ben Sira vor, wobei es ihm um die formkritische Frage geht, wie Bibelverse in die poetischen Verse hineingepaßt worden sind. Elisabeth Hollender setzt ihren Schwerpunkt auf den aschkenasischen Pijjût (441-454). Sie erkennt anhand gut gewählter Beispiele (ab 11. Jh. n. Chr.), daß der „Rekurs auf die Bibel immer auch Rekurs auf die traditionelle Auslegung der Schrift ist“ (447). Mit der traditionellen Auslegung der Schrift ist das rabbinische Schrifttum (Mischna, Talmud, Tosefta, Midrasch, Targum) gemeint. Im Zusammenhang mit dem rabbinischen

Schrifttum gibt es in der Festschrift Maier einen interessanten historisch-theologischen Disput. Jacob Neusner wagt sich (192-211) mit der These vor, man könne das Judentum (und auch das Christentum) nicht im strengen Sinn als eine biblische Religion bezeichnen. Es gehe ja im (rabbinisch-traditionellen) Judentum nie nur um die Schrift, sondern immer auch — und zwar zuerst — um die mündliche Tora. Das Judentum sei nicht die Religion des Alten Testaments. Es gehe in ihm vielmehr um eine Offenbarung von Regeln für das Leben. Günter Stemberger, der Mitherausgeber der Festschrift, kontert dagegen (212-225), Judentum und Christentum wären ohne Bibel „absolut undenkbar“ (212). Israel „allein ist das Volk der Bibel und versteht diese Bibel als die Basis seines ganzen Denkens“ (224). Viel Aufmerksamkeit wird der Bibelaktualisierung und -ausschmückung im Bereich der jiddischen Tradition geschenkt: Erika Tim, Formen der Bibelvermittlung im älteren Jiddisch (229-324), gibt einen Überblick über die Drucke und ihre Inhalte. Sie wird von Susanne Oevermann sekundiert, die das im 18. Jh. entstandene jiddische Sefer Jone (417-440) interpretiert und auch den jiddischen Text zur Verfügung stellt.

Weitere (nicht alle) Reichhaltigkeiten der Festschrift können nur gestreift werden: Gianfranco Miletto: Die „Hebraica Veritas“ in S. Hieronymus; Helmut Merklein: Eine Auslegung von Gal 2,15-21 (leider ohne Bezug zur Qumranliteratur); Kurt Rudolph: Zum Verständnis jüdisch-biblischer Texte in der gnostischen Literatur; Karlheinz Müller: Die hebräische Sprache der Halacha als Textur der Schöpfung (Untersuchung zum Jubiläenbuch); Giuliano Amani: Le prime edizioni della Bibbia ebraica; Louis Diez Merino: La triple Recension del Targum a los Profetas; Hannelore Künzl: Die Torah in der mittelalterlichen Buchmalerei; Friedrich Lotter: Das Prinzip der ,Hebraica Veritas' und die heilsgeschichtliche Rolle Israels bei den frühen Zisterziensern; Stefan Schreiner: Der Dekalog in Ibn Kathir's Qisas al-anabiyâ.

Der Rezensent hat vieles aus diesem Buch für seine eigene Arbeit herausgeschrieben. Daraus können Vorlesungen, Vorträge, Einsichten in die Geschichte des Judentums, in die jüdische Denkart und Poesie bereichert werden. Ein reichhaltiges Buch mit vielen wissenschaftlichen Anregungen, die wirklich weiterhelfen!

Clemens Thoma


Jahrgang 1 1993/94 Seiten 101-102


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