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Walter Kasper

Die Reichspogromnacht und die Gleichgültigkeit

Gekürzter Abdruck des Vortrags von Walter Kasper, Bischof von Rottenburg-Stutt­gart, gehalten vor der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Stuttgart am 9. November 1993.

In dieser Nacht vom 9. zum 10. November jährt sich zum 55. Mal das Judenpogrom, jenes schreckliche und beschämende Geschehen, das mit dem Begriff „Reichskristallnacht“ viel zu verharmlosend umschrieben wird. Denn das zerschlagene Kristall ist nicht vergleichbar mit dem, was damals wirklich mit Füßen getreten wurde: die Unantastbarkeit menschlicher Würde, das Recht auf Unversehrtheit des Lebens und auf Schutz des persönlichen Eigentums. Die Bilanz ist bedrückend: 91 Tote; Hunderte von Synagogen verbrannt und verwüstet; Friedhöfe geschändet; viele tausend Geschäfte ebenso wie ungezählte Wohnungen demoliert und geplündert — von zahllosen einfachen, gefährlichen und schweren Körperverletzungen, von Nötigung und anderem ganz zu schweigen.

Was sich in jener Nacht und örtlich in den Nächten davor und danach ereignete, war nicht — wie von den Nazis propagiert — der spontane Ausbruch des Volkszorns. Es war eine geplante „Aktion“ der NSDAP, eine Aktion, die das Ziel verfolgte, die künftige Judenverfolgung der Nationalsozialisten als Vollstreckung des Volkswillens erscheinen zu lassen. Die Rechnung ging insofern nicht auf, als die Aktion bei der Mehrheit der Bevölkerung auf Unverständnis und auch auf Widerspruch stieß. Sie hat jedoch insofern ihre Wirkung nicht verfehlt, als dieser Widerspruch sich kaum zu einem sicht- oder hörbaren Widerstand formierte. Sie blieb ungesühnt wegen der Gleichgültigkeit und der Passivität und gewiß auch wegen der Feigheit und der mangelnden Zivilcourage der vielen. In seinem Augenzeugenbericht vom 12. November 1938 schreibt der belgische Generalkonsul in Köln: „Vor einem großen Luxusmöbel-Geschäft stand eine große Menschenmenge mit bekümmerten Gesichtern. Kein Schrei, keine Beleidigung.“ Das gleiche vor einem Lampengeschäft, „wo eine amorphe Menge, darunter mehrere Nazis in Uniform, ruhig die wilden Szenen beobachtete. Niemand protestierte; einige Passanten lächelten, vielleicht aus Feigheit; und das Publikum wartete auf die ersten Hammerschläge gegen die Fensterscheiben.“*

Hätte sich damals rechtzeitig Widerstand erhoben, wäre wohl vieles anders gekommen. Aber der Widerstand blieb aus. Die Gleichgültigkeit und die Feigheit waren größer. Es war jenes furchtbare, unerträgliche Schweigen, das viele Nichttäter zu Mittätern machte.

Der jüdische Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger (1986) Elie Wiesel schrieb die eindringlichen Sätze: „Der Gegensatz von Liebe ist nicht Haß, der Gegensatz von Erinnerung heißt nicht Vergessen, sondern es ist nichts anderes als jedes Mal die Gleichgültigkeit.“ Und an anderer Stelle mahnt er: „Wenn Sie die Wahl haben, zwischen Verzweiflung und Gleichgültigkeit zu wählen, wählen Sie die Verzweiflung, nicht die Gleichgültigkeit! Denn aus Verzweiflung kann eine Botschaft hervorgehen, aber aus der Gleichgültigkeit kann per definitionem nichts hervorgehen“ . . .

Heute, ein halbes Jahrhundert nach den Novemberpogromen, gibt es wiederum antijüdische Aktionen, erneute Tendenzen des Antisemitismus. Seien wir nicht gleichgültig, wehren wir den Anfängen! Szenen wie die aus Hoyerswerda riefen bei vielen zu Recht böse Erinnerungen wach, Erinnerungen nicht nur an die Gewalttäter von einst, sondern Erinnerungen auch an jene, die schweigend dabeistanden, gleichgültig, feige oder gar mit dem widerlichen Gestus der Zustimmung. Doch die Massen schwiegen dieses Mal nicht. Sie gingen auf die Straße, bildeten Lichterketten, verurteilten die Gewalt in öffentlichen Erklärungen, hielten Protestveranstaltungen, feierten Mahngottesdienste in ihren Kirchen. All dies sind Zeichen der Anteilnahme und der Solidarität, für die wir dankbar sind. Solche Zeichen machen deutlich, daß Gewaltanwendung und Fremdenfeindlichkeit in diesem Land keine Mehrheit finden. Sie sind Ausdruck der vielen guten Erfahrungen im alltäglichen Miteinander zwischen Deutschen und Immigranten, zwischen Christen und Andersgläubigen.

Die vielen positiven und dankenswerten Zeugnisse gegen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sind erfreulich. Es sind hoffnungsfroh stimmende Signale unserer Gegenwart. Dennoch wäre es unrealistisch zu glauben, daß die Gefahr der Gleichgültigkeit heute geringer wäre als in früheren Tagen.

Ich möchte sogar die These wagen: Wir haben es heute mit einer besonders gefährlichen Form von Gleichgültigkeit zu tun; einer Gleichgültigkeit, die weiter und tiefer reicht als der Ohne-mich-Standpunkt, einer Gleichgültigkeit, die abgründiger ist als die Meinung, man müsse sich nur aus konkret miterlebtem Unrecht heraushalten, um nicht daran teilzuhaben. Es ist jene Haltung, die nicht nur gegenüber diesem Negativen gleichgültig bleibt, sondern auch gegenüber dem Positiven, dem Guten; jene Selbstgenügsamkeit, die sich auf den eigenen Standpunkt zurückzieht und ihn zum archimedischen Punkt der eigenen Lebensgestaltung erhebt; jene Abgestumpftheit, die sich gerne als Toleranz ausgibt, wo sie letztlich doch oft nicht mehr ist als Desinteresse am anderen; jene Oberflächlichkeit, der letztlich alles gleich gültig erscheint, weil sie es bereits aufgegeben hat, nach den Werten zu suchen, die unserem Leben und Zusammenleben erst seinen Sinn geben. Ja, es ist jene Lebenshaltung, deren tiefster Abgrund letztlich die Gleichgültigkeit gegenüber Gott ist.

Wenn uns Gott gleichgültig wird, werden wir auf die Dauer unfähig, im eigentlichen Sinn des Wortes verantwortlich zu handeln. Denn ebenso wie die Freiheit des Menschen ist seine Verantwortung ohne religiösen Rückbezug in ihrem Wesen nicht verstehbar. Zwar ist in unseren Tagen viel von Verantwortung die Rede. Doch die transzendentale Dimension des Verantwortungsbegriffs kommt dabei oft nur wenig zu Bewußtsein. Eine vertiefte Besinnung auf das Wesen der Verantwortung tut daher not. Hier ergeben sich Herausforderungen, der sich Juden und Christen stellen müssen, und der sich Juden und Christen auch gemeinsam stellen können ...

Verantwortung vor Gott und den Menschen —
eine zentrale Kategorie der jüdischen und der christlichen Tradition

Im Zeitalter der Technologie haben die Möglichkeiten des Menschen, die Welt zu gestalten, eine früher unvorstellbare Zunahme erfahren. Der Mensch hat über die Welt eine Macht bekommen, angesichts derer sich der alte ethische Satz: „Du kannst, denn du sollst“, umzukehren beginnt zur Formel: „Du sollst, denn du kannst.“ Hans Jonas, der — selbst aus der jüdischen Tradition kommend — als erster den Begriff der Verantwortung zum Prinzip einer Ethik für das technologische Zeitalter erhoben hat, schreibt hierzu: „Primär ist nicht mehr, was der Mensch sein und tun soll ... und dann entweder kann oder nicht kann, sondern das Primäre ist, was er de facto schon tut, weil er es kann, und die Pflicht folgt aus dem Tun.“ In dieser Situation kommt der Verantwortung eine ganz neue, dringliche Bedeutung zu.

Der Begriff Verantwortung trat in unserem Jahrhundert gleichzeitig mit der Einsicht in die dialogische Struktur der menschlichen Existenz und in die Bedeutung der Sprache deutlicher ins Bewußtsein. Die Philosophie des dialogischen Personalismus, deren Blütezeit die erste Hälfte unseres Jahrhunderts ist, sieht darum in dem Verhältnis von Ich und Du die tiefe Realisierung von Verantwortung.

Im allgemeinen ethischen Sinn bezeichnet „Verantwortung“ die Zuständigkeit des Menschen für sein Tun und für sein Lassen. Die dialogische Philosophie machte überdies deutlich: Verantwortung in einem tieferen Sinn ist zugleich Vollzugsform eines Dialogs, der unsere Existenz ausmacht, des Dialogs zwischen Ich und Du. Dem Wort entspricht das Gegenwort, die Antwort: Verantwortung meint eine mit der ganzen Person gegebene Antwort.

Nach jüdisch-christlichem Verständnis findet das dialogische Moment seinen Grund in der Gottesbeziehung. Auf den Anspruch Gottes folgt das Gehorchen des Menschen als seine Verantwortung, wie es schon das „Schema Israel“ (Höre Israel) ausdrückt. Dieses Wort-Antwort-Verhältnis bezieht auch den Mitmenschen mit ein. Schon die Geschichte von Kain und Abel zeigt, daß wir nie sagen können: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ — Doch, wir sind es, und niemals kann uns unser Bruder gleichgültig sein.

Auf dem Hintergrund dieses biblischen Verständnisses der menschlichen Verantwortung möchte ich im folgenden einige konkrete Herausforderungen nennen, denen wir uns hinsichtlich unserer besonderen Verantwortung als Juden und Christen heute zu stellen haben.

Verantwortung und Erinnerung

Wenn wir als Juden und Christen gemeinsam unsere Geschichte reflektieren, begegnen wir beidem: der gemeinsamen Wurzel unseres Glaubens und der ungeheuren geschichtlichen Last, die auf unserer gegenwärtigen Beziehung liegt.

„Juden und Christen haben einen gemeinsamen Grund ihrer Hoffnung: den sich der Menschheit gnädig zuwendenden Gott Israels“, so drückten es die jüdischen und christlichen Teilnehmer des Gesprächskreises „Juden und Christen“ des Zentralkomitees der deutschen Katholiken in ihrer Erklärung vom B. Mai 1979 aus. Als Juden und Christen verstehen wir uns gemeinsam als Söhne Abrahams; wir erwarten die Heilsherrschaft Gottes gemeinsam als unser Ziel. Wir haben einen gemeinsamen Schatz biblischer Schriften, die Zeugnis ablegen von dem einen und einzigen Gott und von dem Bund Gottes mit seinem Volk. Jesus Christus war Jude und er kam aus dem Judentum. Was dies für uns Christen heißt, haben

die deutschen katholischen Bischöfe in ihrer Erklärung über das Verhältnis der Kirche zum Judentum von 1980 in den Satz gefaßt: „Wer Jesus begegnet, begegnet dem Judentum.“ Umgekehrt kann Schalom Ben-Chorin bekennen: „Jesus ist für mich der ewige Bruder, nicht nur der Menschenbruder, sondern mein jüdischer Bruder.“ Ben-Chorin sieht in Jesu Glauben das, was Juden und Christen verbinden kann.

Wenn wir so von dem Verbindenden der Geschichte sprechen, dann reden wir nicht nur von Vergangenem. Auch heute nähren wir uns aus der gleichen Wurzel, zehren wir von der gleichen Hoffnung auf Vollendung. Der Christ kann im Judentum daher nicht nur eine vergangene Vorstufe des Christentums sehen, ebensowenig wie sich der Jude damit begnügen kann, das Christentum nur als ein fortlebendes Zeugnis des sogenannten Alten Testamentes zu betrachten. So sind wir einander nicht nur Spiegel unserer eigenen Vergangenheit. Wir sind einander in einzigartiger Weise Zeugen im Glauben. Wir können uns nicht die Heilstaten Gottes ins Gedächtnis rufen und Gott dafür preisen, ohne daß wir einander als Zeitgenossen und als Brüder begegnen. „Glaubende“, so heißt es in der Erklärung des Gesprächskreises ,Juden und Christen', „werden einander schuldig, wenn sie nicht füreinander dieses Zeugnis geben.“

Um so schwerer wiegt die Last der Geschichte, die nicht nur eine Geschichte des Getrenntseins ist, sondern nicht selten auch eine Geschichte von Anfeindungen, eine Geschichte der Ausgrenzung sowie der Verfolgung von Juden durch Christen. In der Zeit der Kreuzzüge und während der Pestepidemie im 14. Jahrhundert haben Christen Juden verfolgt und umgebracht. Die Motive für diesen Antijudaismus sind sehr komplex und sehr vielfältig. Er hat nicht nur religiöse Ursachen. Gleichwohl spielten antijüdische Tendenzen in der kirchlichen Glaubensunterweisung eine Rolle. Zwar erklärt bereits das Konzil von Trient, daß die Verantwortung und Schuld am Kreuzestod Jesu Christi den Juden nicht anzulasten ist. Denn — so die Begründung — hätten sie ihn erkannt, hätten sie es nicht getan. Dennoch kommt es auch in der Folgezeit zu vielen judenfeindlichen Außerungen durch Repräsentanten der Kirche.

Hier in Deutschland haben wir auch als Christen besonderen Anlaß, Gott und die jüdischen Brüder um Verzeihung zu bitten. Denn zur Zeit des Nationalsozialismus hat die Kirche sich zu stark von der Bedrohung ihrer eigenen Institutionen fixieren lassen und zu den Verbrechen geschwiegen (vgl. Gemeinsame Synode, Beschluß: Unsere Hoffnung). Viele Christen leisteten — wie die deutschen Bischöfe in ihrem Hirtenwort vom 23. August 1945 bekennen — durch ihre gleichgültige Haltung ,,den Verbrechen Vorschub“, und mehr noch: „viele sind selber Verbrecher geworden.“

Auch das Lweite V atikanische lionzil laiSt keinen Lweitel daran, daiS sich die Kirche der Mitverantwortung von Kirchengliedern an den schrecklichen Verbrechen bewußt ist. Es beklagt alle „Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben“ (Nostra aetate Nr. 4).

Wir wissen zwar, daß es auch zur Zeit des Nationalsozialismus viele Christen gab, die nicht versagt, die sich nicht schuldig gemacht haben, die vielmehr, oft sogar unter Gefährdung des eigenen Lebens, bedrohten Juden Hilfe gewährt haben. Doch wir können uns nicht entschuldigend auf diese leuchtenden Vorbilder berufen. Wir Christen müssen, wie die deutschen Bischöfe es vor fünf Jahren formulierten, diese „Last der Geschichte annehmen“. „Das sind wir den Opfern schuldig, deren Leiden und Tod nicht vergessen werden darf“ (Wort der Deutschen Bischöfe zum Verhältnis Christen und Juden aus Anlaß des 50. Jahrestages der Novemberpogrome 1938).

Gemeinsam Verantwortung wahrnehmen für die Zukunft

Als Papst Johannes Paul II. in der Synagoge von Rom Oberrabbiner Toaff besuchte, sagte er: „Wir . . . können die Vergangenheit nicht vergessen. Aber wir möchten heute voller Vertrauen und Hoffnung den Anfang setzen für eine Geschichtsperiode, die fruchtbar zu sein verspricht durch gemeinsames Wirken, das endlich im Geist der Partnerschaft, der Gleichwertigkeit und der gegenseitigen Achtung der ganzen Menschheit zum Vorteil gereichen kann. "

Als Juden und Christen sind wir eins im biblisch bezeugten Glauben, daß die Welt Gottes gute Schöpfung ist. Wir bekennen gemeinsam, daß der Mensch als Ebenbild (be zelem ki demut) Gottes geschaffen ist, daß auf jedem Menschenantlitz etwas widerstrahlt von der Herrlichkeit (kabod) Gottes. Wir wissen daher um die einzigartige Würde eines jeden Menschen, und wir sehen in der humanen Gestaltung der Welt eine Aufgabe, die Gott dem Menschen im Schöpfungsauftrag anvertraut hat. In dieser Übereinstimmung liegt eine entscheidende Voraussetzung für ein gemeinsames Engagement von Juden und Christen füreinander und miteinander.

* Zitiert nach K. Repgen: Judenpogrom, Rassenideologie und katholische Kirche 1938, Köln 1988: Kirche und Gesellschaft 152/153.


Jahrgang 1 / 1993/93 Seiten 95-100


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