Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Inhalt Neue Folge > Berichte > 1538  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Beiträge
Berichte
Bücherschau
Dokumente
Geburtstage-ad multos annos
In memoriam
Notizen
Personenregister
Verzeichnisse Einzelnummern
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Johanna Schwalbe

Die Messiaserwartung in jüdischer und christlicher Sicht.

in jüdischer und christlicher Sicht

Das 10. jüdisch-christliche Gespräch im Benediktinerinnenkloster Alexanderdorf am 7. Juni 2015 befasste sich mit dem Thema jüdischer und christlicher Messiaserwartung. Prof. Daniel Stein Kokin von der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald wies auf die verschiedenen Auffassungen und Texte zur jüdischen Messiaserwartung hin.

Im Judentum gibt es vielfältige und sehr verschiedene Vorstellungen vom Messias. So heißt es im zwölften der von Moses Maimonides (1135–1204) um das Jahr 1200 verfassten Dreizehn Glaubensartikel1:

„Ich glaube, dass der Messias kommt, und trotz seines langen Ausbleibens erwarte ich täglich seine Ankunft.“2

Aus der „Mischna Torah“ (14,11–12)3 geht hervor, dass es bezüglich der Messiaserwartung im Laufe der Geschichte spannungsreiche Vorstellungen gab und bis heute gibt. In seiner „politischen“ Funktion (vgl. Sach 4,3–14) wird erwartet, dass der Messias den Tempel wieder aufbaut und die Zerstreuten Israels sammelt. Wenn der Messias kommt, wird es eine besondere Blütezeit geben, keinen Hunger und keinen Krieg. Die ganze Erde wird erfüllt sein von der Erkenntnis des Herrn (vgl. Jes 11,9). Sowohl im Jerusalemer Talmud als auch im Babylonischen Talmud wird vom Messias gesprochen. Im Hinblick auf die politischen Erwartungen, die mit neuer Hoffnung nach den Zerstörungen verbunden sind, wird verständlich, warum sogar der Perserkönig Kyros im 6. Jh. v. Chr. und Napoleon zu Beginn des 19. Jh. n. Chr. als Messias bezeichnet wurden.An jedem Sabbat erfahren Juden einen Vorgeschmack der messianischen Zeit. Nach Shlomo Molkho4 (1500–1532) kann die Welt nicht ohne Messias leben, jede Generation brauche einen Messias. Abraham Abulafia5 (1240–1291/92) schreibt sogar jedem Menschen messianische Kraft zu. Nach Leopold Stein6 ist das Judentum die Lehre von Gott und das Christentum die Lehre vom Messias. Der evangelische Theologe Dr. Martin Behnisch legte korrigierend dar, dass Jesus und die Christen bis heute in der Erwartung der Königsherrschaft Gottes stehen und dies täglich in der Vaterunser-Bitte „Dein Reich komme“ ausdrücken. Dazu stellte Behnisch fünf Thesen auf:

1) Im Prozessverfahren gegen Jesus spielte der messianische Titel „König Israels“ eine wichtige Rolle. Das wird auf dem Hintergrund anderer jüdischmessianischer Prätendenten der Zeit verständlicher. Jesus selbst hat den Titel nicht ausdrücklich verwendet; er spricht vom „Menschensohn“.
2) Das Urchristentum verstand Jesu Tod und Auferstehung als Beginn des endzeitlichen Handelns Gottes mit dem Ziel, dass „Gott alles in allem“ sei (1 Kor 15,28: die universale Gottesherrschaft). Es geht um die Bekehrung zum lebendigen Gott (1 Thess 1,9).
3) Der Preis für die Integration der Christen in das Römische Reich nach der „Konstantinischen Wende“ (4. Jh.) war das Schwinden der unmittelbaren Parusie-Erwartung. Seit die Kirche im Frieden, sozusagen schon im Reich Gottes lebte, konnte sie die Messiaserwartung nur noch religiös-spirituell interpretieren. In den Jahrhunderten der Verfolgung war der Ruf nach Rettung durch den Messias noch präsent gewesen.
4) In den christlichen Gemeinden hat die Erwartung des kommenden Christus ihren liturgischen Ort in der Adventszeit (vgl. Offb 21).
5) Gegenüber einer pauschalen Zuweisung der Dichotomie „Schon erfüllt“ an das Christentum und „Noch erwartet“ an das Judentum gibt es in der Struktur dessen, was in der Gegenwart bereits an Heil wahrgenommen und was als zukünftig erwartet und erhofft wird, zwischen Judentum und Christentum überraschend viel Gemeinsames. Erwartung und tätige Mitwirkung stehen sowohl im Judentum wie auch im Christentum in fruchtbarer Spannung zueinander. Es bleibt für beide die Überzeugung: Gott ist treu.

Sr. Johanna Schwalbe, Alexanderdorf


  1. http//www.hagalil.com/judentum/rambam/ikarim.htm.
  2. Nach der Übersetzung von Rabbiner Dr. S. Bamberger lautet der 12. Glaubensartikel: „Er schickt am Ende der Tage unseren Gesalbten, zu erlösen, die auf das Endziel seiner Erlösung harren.“ In: Sidur Sefat Emet, Basel 1992.
  3. Reinhold Mayer, Die Messiasse, Tübingen 2002, S. 335 f.
  4. Moshe Idel, Messianic Mystics, New Haven 1998, S. 50.
  5. Ebd., S. 65.
  6. Wolf Günther Plaut, The Rise of Reform Judaism, New York 1963, S. 144.

Jg. 22 / 2016 Heft 4, S. 312 f.


top