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Marina Rentschler

„Zeugen der Zeitzeugen“

Begegnen – Gedenken – Weitergeben

Der 27. Januar 2015, der Gedenktag der Befreiung von Auschwitz vor 70 Jahren, war auch für die junge Generation in Deutschland ein Moment zum Innehalten, nicht nur mit dem Blick in die Vergangenheit, sondern auch, um die Gegenwart zu reflektieren und nach vorne zu blicken.

In dem Projekt „Zeugen der Zeitzeugen“ interviewen junge Menschen ehrenamtlich die letzten Holocaust-Überlebenden in Deutschland und zeichnen das Interview mit Dokumentmaterialien auf Video auf. Durch diese persönlichen Begegnungen sollen die Überlebenden Anerkennung und Wertschätzung erfahren, und die Jugendlichen zu „Zeugen der Zeitzeugen“ werden, die als Multiplikatoren das Gedenken an die Opfer des Holocaust lebendig halten. Die Anregung für die Namensfindung des Projekts gab uns die Rede „Der Auftrag der Erinnerung“ des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler vor dem Deutschen Bundestag am 27. Januar 2009:

„[...] Die Zeit wird kommen, in der kein Mensch mehr am Leben sein wird, der aus eigener Erfahrung über die Jahre vor 1945 berichten kann. Deshalb ist das Gespräch der Zeitzeugen mit den Nachgeborenen so wichtig. Denn eines Tages werden die jungen Menschen, die heute den Alten zuhören, die unmittelbarsten Träger der Erinnerung in Deutschland sein.

[...] Ein Schüler aus Berlin, der einen Film mit Überlebenden gedreht hat, sagte mir: ‚Jetzt sind wir die Zeugen der Zeitzeugen. Wenn uns unsere Enkelkinder eines Tages fragen, gibt es viel, was wir ihnen erzählen können.‘ Diese Antwort hat mir Zuversicht gegeben. Sorgen wir dafür, dass es immer viel gibt, was junge Menschen in Deutschland über die Untaten der Nationalsozialisten wissen und zu erzählen haben [...].“1

Als ich zum ersten Mal in Yad Vashem war und mir die Filme über die Schrecken des Nationalsozialismus angesehen habe, hat mich das zutiefst betroffen gemacht. Ich wollte an diesem Punkt nicht stehen bleiben, und habe nach einer Möglichkeit gesucht, wie ich als junge Deutsche mich für das Wachhalten der Erinnerung an diese Untaten heute einsetzen und Verantwortung übernehmen kann.


Die Überlebende Assia Gorban (r.) und die Projekt-
leiterin Marina Rentschler (l.).

Im Jahr 2012 betreute ich mit einer Gruppe von jungen Deutschen bei einer Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Wannseekonferenz in Berlin eine Gruppe Holocaust-Überlebender aus Israel. Am Ende unserer gemeinsamen Zeit fragten mich Gita Koifman und Sergey, was die junge Generation in Deutschland tue, um das Gedenken an den Holocaust aufrecht zu erhalten. Sie betonten, wie wichtig es wäre, dass viele junge Deutsche Überlebenden des Holocaust begegnen können.

Inspiriert von dieser konkreten Aufforderung zum Handeln, riefen wir im Frühjahr 2013 das Interviewprojekt „Zeugen der Zeitzeugen“ ins Leben. Es ist uns wichtig, dass einerseits möglichst viele junge Menschen die Gelegenheit bekommen, Holocaust-Überlebenden in Deutschland zu begegnen. Andererseits bewegt uns die Tatsache, dass es immer noch so viele Geschichten von Überlebenden gibt, die nicht aufgezeichnet sind und bald in Vergessenheit geraten werden. Deshalb filmen wir die Interviews und stellen sie im Internet zur Verfügung. So ermöglichen wir auch anderen jungen Menschen einen Einblick in die Geschichten der Zeitzeugen. Denn nichts kann die Schrecken der NS-Diktatur bleibender vermitteln als die persönlichen Erinnerungen jener, die das Grauen erlebt und überlebt haben.

Unser Ziel ist, das Gedenken an den Holocaust lebendig zu halten und an die junge Generation weiterzugeben, den Überlebenden Anerkennung und Wertschätzung zu vermitteln, dem Antisemitismus in allen seinen Ausdrucksformen entgegenzutreten und den Dialog zwischen den Generationen zu fördern.

Diese Ziele wollen wir erreichen, indem wir persönliche Begegnungen zwischen jungen Deutschen und Überlebenden und deren Kindern und Enkeln ermöglichen, ihre Lebensgeschichten auf Video aufzeichnen und sie der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen und indem wir Arbeitskreise zu den Themen Antisemitismus und Rassismus organisieren. Die Begegnungen sind das zentrale Grundelement. Sie vermitteln den jungen Menschen einen Bezug zur Realität des Gedenkens an den Holocaust.

1. Begegnen

Durch die Begegnungen mit den Zeitzeugen werden die Jugendlichen sensibilisiert, Gegenwart und Zukunft zu gestalten. Zwei junge Interviewer berichten über ihre Begegnung mit einem Zeitzeugen:

„Ich empfinde es als ein Privileg, als junge Deutsche in Kontakt mit der letzten Generation von Zeitzeugen des Holocaust kommen zu können. Die Menschen erzählen uns ihre persönliche Geschichte, dadurch bekommen die Zahlen und Fakten aus dem Geschichtsunterricht plötzlich Gesichter“ (Katharina Engländer, 25 Jahre).

„Bei all den [früheren] Gelegenheiten, bei denen das Thema Holocaust thematisiert wurde, hatte ich das Gefühl, man wolle mir Schuldgefühle machen; dies führte dazu, dass ich mich dem Thema eine Zeit lang komplett verweigerte. Es war etwas Besonderes, einen Zeitzeugen leibhaft neben mir sitzen zu haben und ihn in seiner Verletzlichkeit, aber auch in seiner Herzlichkeit erleben zu dürfen. Dadurch wurde für mich dieses Thema greifbar und erlebbar“ (Jörn Wipplinger, 23 Jahre).

2. Gedenken

Für das Team von „Zeugen der Zeitzeugen“ und auch für die Überlebenden war die Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Pogromnacht in Berlin am 9. November 2013 ein bedeutungsvolles Ereignis. Der Mittelpunkt der Veranstaltung war die zentrale Erinnerungsfeier. Ebenso wichtig war uns das Anliegen, da, wo jüdisches Leben bewusst zerstört wurde, ein Zeichen des Lichts zu setzen. Dabei wurde das Licht des Gedenkens von den Zeitzeugen an die jungen Menschen weitergegeben in dem Bewusstsein, jetzt sind sie die „Zeugen der Zeitzeugen“. Die Holocaust-Überlebende Raisa Kononenko erzählt von ihren Eindrücken bei der Gedenkveranstaltung:

„Die Atmosphäre der Gedenkveranstaltung empfand ich als sehr feierlich und herzlich, es hat mein Herz und das Herz meines Mannes sehr berührt. Ich war zutiefst bewegt von der Aufmerksamkeit, die mir gewidmet wurde, und dies von dem deutschen Volk, mit dem sehr viele schwere Erinnerungen verbunden sind. Als ich sah, wie viele Menschen gekommen sind, war ich sehr beeindruckt, nicht zuletzt von der Liebe, die mir zugesprochen wurde. Diese gewaltigen Eindrücke werde ich noch sehr lange in meinem Herzen tragen.“

3. Weitergeben

Neben den Interviews bieten wir Workshops und Vorträge an Schulen und Universitäten an. Wir beraten Lehrer bei der Planung und Durchführung der Begegnung mit Zeitzeugen und wir begleiten die Zeitzeugen in die Schulen. Einen ersten Teil des aufgenommenen Filmmaterials findet man auf unserer Homepage unter: www.zeugen-der-zeitzeugen.de. Wer regelmäßig über die Projekte informiert werden möchte, kann mit uns über Facebook Zeugen der Zeitzeugen in Kontakt treten. Vierteljährlich erscheint ein Newsletter, der unter info@zeugen-der-zeitzeugen.de bestellt werden kann.

Wir haben selbst erlebt, wie tief, nachhaltig und prägend diese Interviews für beide Seiten sind. Für die jungen Menschen bedeuten sie eine Horizonterweiterung: Sie hören die persönliche Geschichte eines Menschen. Dies ist viel eindrücklicher, als Daten in einem Geschichtsbuch nachzulesen.

Während der Gedenktage der Wannseekonferenz 2012 fragte mich Gita Koifman am Holocaust-Mahnmal in Berlin, ob ich ihre „deutsche Tochter“ sein möchte. Damals sagte ich zu ihr: „Wenn ich deine deutsche Tochter sein soll, dann möchte ich, dass du meine israelische Mama bist.“ Heute bin ich stolz und glücklich, eine israelische Mutter (ima/imale) zu haben.

Aus diesem Erlebnis heraus ist es mein Wunsch, noch viele Begegnungen mit Überlebenden des Holocaust in Deutschland, in Israel und in anderen Ländern zu ermöglichen, damit beiderseits die Herzen berührt werden und wir ein hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft setzen können. Wir leben heute in einer Zeit, in der es uns – mehr als zu anderen Zeiten – möglich ist, Zukunft mit zu gestalten. Je länger ich in diesem Projekt arbeite und je mehr Details ich entdecke, umso überzeugter bin ich, dass die Zeit, die ich für dieses Anliegen eingesetzt habe, gut angewendet ist.

Mein Wunsch für meine Generation ist es, dass noch viele junge Menschen in Deutschland und darüber hinaus diese Zeit für eine Begegnung mit den letzten Überlebenden nutzen. Aus diesen Begegnungen heraus wollen wir gemeinsam Zukunft bauen, denn nur wer die Vergangenheit kennt, kann auch die Zukunft beeinflussen. Wir können dann etwas weitergeben, was kein Geschichtsbuch vermitteln kann. Dann sind wir im wahrsten Sinn des Wortes „Zeugen der Zeitzeugen“. Mit diesem Vermächtnis wollen wir verantwortungsvoll umgehen und die gesammelten Erfahrungen und Erlebnisse an die nächste Generation weitergeben.

Berichte, wie teilweise ganze Familien ausgelöscht wurden und viele von den Überlebenden bereits als Kinder und Jugendliche sich selbst überlassen waren, machen mein Team und mich immer wieder zutiefst betroffen. In diesen Situationen ist man als Zuhörer fassungslos; erst recht, wenn man aus persönlichen Berichten erfährt, was das deutsche Volk den deutschen Juden und den Juden anderer Nationen angetan hat.


Der Buchstabe Chai.

Bei den Erstbegegnungen mit den Überlebenden überreichen wir ihnen jeweils ein aus Holz gefertigtes Chai-Zeichen. Chai ist der achte Buchstabe des hebräischen Alphabets und bedeutet Leben. Dem Team von „Zeugen der Zeitzeugen“ ist es ein Anliegen, dass die persönlichen Erinnerungen der Holocaust-Überlebenden auch in der Zukunft „lebendig“ bleiben.

Der spanisch-amerikanische Philosoph George Santayana (1863–1952) sagte:

„Wer der Vergangenheit nicht gedenkt und nicht aus der Geschichte lernen kann, ist verdammt, sie zu wiederholen.“

Wir wollen gedenken und verhindern, dass sich das Geschehene wiederholt!


  1. http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Horst-Koehler/Reden/2009/01/2009/01/20090127_Rede.html.

Jahrgang 22 / 2015 Heft 4, S. 307−311.


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