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Christoph Schulte

Zimzum

Gott und Weltursprung

Zimzum ist ein zentraler Begriff aus der Kabbala, einer religiös-mystischen Bewegung im Judentum, die im 12. Jh. in Frankreich und Südspanien entstand, sich im Lauf der Zeit über Europa bis nach Safed, einem Zentrum der jüdischen Mystik in Galiläa, ausbreitete und in populärer Form noch heute lebendig ist. Die Kabbala ist ein höchst uneinheitliches System. Die Kabbalisten werden auch „Männer des Geheimnisses“ genannt.

Die älteste kabbalistische Schrift ist das Buch Bahir (Klarheit), das um 1180 in Frankreich erschien. Seine Bedeutung wurde bald durch das Buch Sohar (Glanz) übertroffen, dessen einzelne Teile zwischen 1270 und 1300 entstanden sind und von Mose ben Schem Tov de Leon (1250–1305) veröffentlicht wurden. Nach Meinung mancher Forscher ist er auch der Autor. Der Verfasser des Sohar versuchte, in die Geheimnisse der göttlichen Welt einzudringen. Das Buch, das Gottesspekulationen und Schöpfungsdramen, Seelenlehren und Erlösungshoffnungen miteinander verbindet, erlangte später bei den Kabbalisten eine fast kanonische Geltung.

Das letzte große System entwickelte Isaak Luria (1534–1572), der Hauptvertreter der Kabbala in Safed (Galiläa). Ihm wird die Lehre vom Zimzum (Zusammenziehung / Begrenzung / Selbstbeschränkung) zugeschrieben. Zimzum bedeutet die Selbstzusammenziehung Gottes vor der Erschaffung der Welt, die bewirkte, dass dadurch Raum für die Weltschöpfung frei wurde. Diese Selbstbeschränkung Gottes war notwendig, weil wegen der Allgegenwart Gottes für nichts anderes Platz war. Ohne Zimzum gäbe es keine Welt, auch keinen Menschen. Erst nach dem Zimzum konnte in Gottes eigener Mitte die Schöpfung existieren. Zugleich schränkte Gott mit dem Zimzum auch seine Allmacht ein, sodass endliches Geschehen und zugleich die menschliche Freiheit möglich wurden.

Aus der Lehre vom Zimzum lässt sich folgern, dass sich die Welt nun nach eigenen Gesetzen – ohne Eingriff des Schöpfers – entwickelt, und dass der Mensch nun selbstverantwortlich handeln kann und selbst für das Gute und das Böse verantwortlich ist. Aus der Idee des Zimzum ist eine originelle Schöpfungslehre entstanden und eine Form der „Gerechtigkeit“ oder „Rechtfertigung Gottes“ (Theodizee / Erklärung des Leidens in der Welt), mit der sich die christliche Theologie bis heute schwer tut. Eine genaue Festlegung der Bedeutung von Zimzum ist allerdings außerordentlich schwierig, weil Isaak Luria selbst kaum Schriften hinterlassen hat. Er lehrte in Safed (nur mündlich) einen kleinen Kreis ausgesuchter Schüler und bestimmte, dass seine Lehre nicht an die Öffentlichkeit dringen sollte. Luria starb bei einer Epidemie im Alter von 38 Jahren. Sein Grab ist eine viel besuchte Pilgerstätte.

Lurias Schüler hielten sich jedoch nicht an das Veröffentlichungsverbot. Sie schrieben das Gehörte so auf, wie sie es verstanden hatten, und interpretierten damit bereits die Lehre ihres Meisters. Keineswegs einig inihrer Interpretation, stritten vier verschiedene Schulen um das richtige Verständnis der Lehre vom Zimzum.

Lurias bedeutendste Schüler waren Chajim Vital (1542–1620) und Joseph Ibn Tabul (geb. um 1545). Ihre Schriftenenthalten zahlreiche weiterführende Details und Deutungen der mystischen Lehre Isaak Lurias. Alle späteren Arbeiten über Isaak Luria sind wiederumInterpretationen von Interpretationen.

Aus Lurias Lehre sei hier exemplarisch die Unterscheidung der oberen Welt des En Sof („Unendliche“) und der unteren Welt erwähnt. Die Gottheit der oberen Welt ist einzig, absolut jenseitig, für den Menschen unzugänglich und unerreichbar. Sie ruht in sich und kann als „Nichts“, als „Verborgenheit aller Verborgenheiten“ bezeichnet werden. En Sof existiert vor dem Eintritt in das Schöpfungswirken und vor dem Beginn der Geschichte Israels.Vorbedingung der Selbstoffenbarung der Gottheit in der Schöpfung und im Bund mit Israel war der Vorgang des Zimzum. So wurde sie noch verborgener, schuf aber auch Platz für einen geistigen Raum. In diesen konnten nun aus Gottes Licht Gottes Gefäße des Lichts, die Sefirot (Zählungen, Sphären), einströmen.

Die Sefirot (Singular: Sefira) kommen aus der Verborgenheit Gottes. Sie sind Weisen seiner Selbstentfaltung und Instrumente zur Schöpfung und Lenkung der Welt. Es gibt zehn Sefirot, die nach biblischen Namen bezeichnet werden: Krone, Weisheit, Einsicht, Gnade, Strenge, Schönheit, Majestät, Sieg, Fundament und Königsherrschaft.

Hier ist der biblische Gott JHWH nicht der göttliche Urgrund, sondern der Beginn der Selbstentfaltung Gottes, die vom absoluten Geheimnis Gottes ausgeht und sich in die materielle Welt erstreckt. Darum wird En Sof auch das „große Antlitz Gottes“, JHWH das „kleine Antlitz Gottes“ genannt. – Mit der Lehre von En Sof und den Sefirot ist eine Brücke geschlagen zwischen dem mystischem Gottesverständnis, wonach wir von Gott nichts aussagen können, und dem anthropomorphen Gottesbild der Bibel, die anschaulich von Gott erzählt. In der Lehre Isaak Lurias sind beide Formen – das Schweigen über Gott und das Reden von Gott – miteinander versöhnt.

In diesem Kontext steht auch das Problem des Bösen. Woher kommt das Böse? Warum wird es von Gott nicht besiegt? Diese schwierigen Fragen beantwortet Isaak Luria mit der Lehre von der „Urkatastrophe“. Als im Schöpfungsprozess das gewaltige Licht von der verborgenen Gottheit ausging, entstand eine Spannung zwischen Gott und dem von ihm ausgehenden Licht. Die Gefäße, die, selbst aus niederem Licht bestehend, das göttliche Licht aufnehmen sollten, zerbrachen unter dessen Wucht. Durch diesen „Bruch der Gefäße“ wurde das göttliche Licht nach unten geworfen. Aus den Schalen der zerbrochenen Lichtgefäße entstanden dämonische Kräfte, die umso schlimmer sind, je weiter sie sich von Gott wegbewegen. Die Gerechtigkeit Gottes hat hier kaum noch Platz.In diesem Kontext vollzieht sich auch die Sünde. Alle Geschöpfe haben nun Anteil am Bösen. Sie leben als Folge von Gottes Schöpfung im Exil, fern von Gott. Gott erwartet aber, dass die Schöpfung sich zu ihm hin entwickelt. Um wieder zu seiner ursprünglichen Macht zurückzukehren, braucht Gott die Hilfe Israels. Durch Befolgung der Tora, durch Gebet und alltägliche Arbeit, selbst durch Essen und Trinken können die Frommen an Gottes Erlösung mitwirken. Sie können Gott dabei helfen, das Böse zu überwinden und zur Erlösung zu kommen. Am Ende wird Gott endlich in der Lage sein, das Leid zu besiegen. Gottes endgültige Befreiung von seiner Ohnmacht wird auch zur Erlösung der Welt („Tikkun Ha-Olam“) führen.

Im Rahmen dieser Besprechung können nicht alle Differenzierungen und Interpretationen der kabbalistischen Gottes-, Schöpfungs- und Erlösungslehre Isaak Lurias referiert werden. Aber auch so wird ersichtlich, wie theologisches Nachdenken und mystische Erfahrungen zu einer originellen Synthese gefunden haben. Das Buch des in Potsdam lehrenden Judaisten Christoph Schulte (geb. 1958) ist ein Meilenstein in der Erforschung der jüdischen Mystik, die im 20. Jh. von Gershom Scholem (1897–1982) initiiert wurde.

Scholem hatte erstmals 1941 in Jerusalem ein hochbedeutendes Werk über die jüdische Mystik veröffentlicht, das seit 1951 bei Suhrkamp auch in deutscher Übersetzung („Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen“) vorliegt. In diesem heute als Klassiker berühmten Buch hatte Scholem auch ein längeres Kapitel zum Thema Zimzum veröffentlicht. Schultes Ausführungen reichen aber über Scholem weit hinaus, weil er vor allem die unglaublich reiche Wirkungs- und Kulturgeschichte des kabbalistischen Begriffs Zimzum in Kunst, Literatur, Philosophie, Theologie und Musik detailliert nachzeichnet. Seine Arbeit umfasst die Zeitspanne vom 16. bis Anfang des 21. Jh.

Auf den Stationen seines langen Weges treffen wir auf jüdische, christliche und naturwissenschaftliche Interpretationen. Wir finden sowohl großes Interesse und begeisterte Zustimmung für die Kabbala wie auch Desinteresse und entschiedene Ablehnung. In der sabbatianischen Bewegung und im Chassidismus des 17. und 18. Jh. war der Begriff populär und allgegenwärtig.

Zur Zeit der jüdischen Aufklärung (Haskala) galt die Kabbala als wirre, unverständliche Phantasterei. Diese ablehnende Grundeinstellung machte sich auch der größere Teil des neuzeitlichen Judentums in Westeuropa und in den USA zu eigen. Erst die hochkarätigen Forschungen Gershom Scholems verschafften der Kabbala und auch dem Begriff Zimzum neues Ansehen.Der deutsche Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854) benutzt in seinem philosophischen Denken zwar den Begriff Zimzum nicht, wohl aber den der „Kontraktion“ als Element seines Denkens. Interessant ist auch, wie moderne Künstler sich an die Aufgabe heranwagen, den Begriff Zimzum darzustellen. Stellvertretend für viele seien zwei herausragende Künstler genannt: Barnett Newman und Anselm Kiefer, deren Werke in Schultes Buch abgebildet sind.

Die wohl bedeutendste moderne philosophisch/theologische Adaption liegt in der berühmten kleinen Schrift „Der Gottesbegriff nach Auschwitz: Eine jüdische Stimme“ (Frankfurt a. M. 1987) von Hans Jonas (1903–1993) vor, die zu den wichtigsten jüdischen Auseinandersetzungen mit dem grausamen Geschehen zählt, und die auch in der christlichen Theologie rezipiert wurde.

Insgesamt liegt mit Schultes Darstellung ein herausragendes wissenschaftliches Werk zur jüdischen Geistesgeschichte vor, das mehr bietet als nur die Kenntnis eines einzelnen Begriffs. Dabei verzichtet Schulte auf eine Beurteilung der unterschiedlichen Interpretationen. Das überlässt er dem Leser. Darauf weist der letzte Satz seines umfangreichen Werks hin:

„Das soll die Geste sein, mit der ihr Autor diese Studie schließt: Er zieht sich zurück und überlässt es den Lesern, ihre immer anderen Interpretationen und Leseweisen von Zimzum, Gott und Weltursprung zu probieren. Der Autor verstummt und stellt es seinen Lesern frei, den faszinierenden Gedanken einer produktiven und kreativen Veränderung in Geist und Materie durch das gewollte und bewusste, sich selbst zurücknehmende Platzmachen für Neues und Anderes immer neu zu denken.“

Werner Trutwin, Bonn


Jahrgang 22 / 2015 Heft 4, S. 303−305


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