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Moshe Navon

Von Melchisedek zu Jesus:

Der Ewige Hohepriester in der Literatur des Zweiten Tempels

Die Person Melchisedeks steht in der Literatur des Zweiten Tempels sowohl für den Messias als König wie auch für den Messias als Priester. In den frühen biblischen Schriften spielt Melchisedek nur ganz am Rand eine Rolle:

„Melchisedek, der König von Salem, brachte Brot und Wein heraus. Er war Priester des Höchsten Gottes“ (Gen 14,18).

„Der Herr hat geschworen, und nie wird’s ihn reuen: ,Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks’“ (Ps 110,4).

In der Zeit des Zweiten Tempels dagegen wird er – ob allgemein oder nur in bestimmten Kreisen, ist unklar, – zur messianischen Figur erhoben.

Melchisedek – der endzeitliche Hohepriester

In der Schriftrolle Pescher Melchisedek [Malkizedek] (11QMelch) steht Melchisedek für den endzeitlichen Hohenpriester, der am letzten Versöhnungstag die Sünden aller Söhne des Lichtes sühnen wird. Das heißt, er fungiert als der eschatologisch-messianische Hohepriester, der sich in Gottes Nähe befindet und am Tage des Gerichts auch der himmlische Richter sein wird:

„Wir haben gesehen, dass der ,Sohn Gottes' die Erde richten wird, und damit eine Funktion übernimmt, die in der Hebräischen Bibel nur Gott zusteht. In 11QMelch dagegen wird das Göttliche Gericht nicht vom Allerhöchsten Gott (elohim) ausgeführt, sondern von Melchisedek.“1

Nach David Flusser besteht eine Ähnlichkeit zwischen Melchisedek und dem Menschensohn bei Enoch und in den Evangelien:

„Melchisedek wird die Gerechten, die sein Anteil und sein Erbe sind, trennen von den Bösen, zu denen Belial gehört und die Geister seines Anteiles, [...] an ihnen wird er Vergeltung üben wegen ihrer Übertretung von Gottes Urteil.“2

Offensichtlich ruft diese fragmentarische Rolle aus der judäischen Wüste sehr unterschiedliche Hypothesen hervor. Aus zehn Fragmenten konnten nur zwei Spalten textlich rekonstruiert werden. Und dennoch können wir sogar aus dem kurzen Text der zweiten Spalte Bedeutendes lernen, wenn wir die Texte im größeren Kontext der Bibel sehen. Der entzifferte Text scheint in erster Linie ein Kommentar zu Lev 25,10 und Dtn 15,2 zu sein, jener Gesetze, die das Jubeljahr und das Sabbatjahr regeln und für die Söhne Israels die Befreiung aus der Versklavung (durch ihr eigenes Volk) und die Vergebung der Schuld fordern:

„Im siebten Monat, am zehnten Tag des Monats, sollst du das Signalhorn (Schofar) ertönen lassen; am Versöhnungstag  (Jom ha-Kippurim) sollt ihr das Horn im ganzen Land ertönen lassen. Erklärt dieses fünfzigste Jahr für heilig, und ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus! Es gelte euch als Jubeljahr. Jeder von euch soll zu seinem Grundbesitz zurückkehren, jeder soll zu seiner Sippe heimkehren. Beim Ertönen des Schofars sollen die Söhne Israel am Versöhnungstag eines Sabbatjahres und Jubeljahres ihren hebräischen Sklaven die Freiheit schenken“ (Lev 25,9–10).

„In jedem siebten Jahr sollst du die Ackerbrache einhalten. Und so lautet eine Bestimmung für die Brache: Jeder Gläubiger soll den Teil seines Vermögens, den er einem andern unter Personalhaftung als Darlehen gegeben hat, brachliegen lassen. Er soll gegen den andern, falls dieser sein Bruder ist, nicht mit Zwang vorgehen; denn er hat die Brache für den Herrn verkündet“ (Dtn 15,1–2).

Pescher Melchisedek 11Q13 – Kolumne 2

Der Autor der Schriftrolle Pescher Melchisedek interpretiert diese Torastelle folgendermaßen:

Die Gestalt Melchisedeks, der himmlische Retter jener, die vorherbestimmt sind, zu ihm zu gehören.

2 [...] Und hinsichtlich dessen, was in der Schrift steht:
„In [diesem] Jubeljahr [soll jeder von euch zu seinem
Besitz zurückkehren“ (Lev 25,13)
und dessen, was auch geschrieben steht: „Und dies]

3 ist die [A]rt der [Rückgabe:] Jeder Gläubiger soll den Anspruch, den er
[gegen einen Nachbarn] hat, [nicht von einem Nachbarn,
der ein Mitglied der Gemeinschaft ist, erzwingen,
denn Gottes] Erlass [wurde] verkündet“ (Dtn 15,2).

4 [Die Auslegung] ist, dass es sich bezieht [auf die L]etzten Tage und die
Gefangenen betrifft, wie [Jesaja sagte: „Damit ich den Gefangenen die
Entlassung verkünde“ (Jes 61,1) ... genau] wie

5 [...] und vom Erbe Melchisedeks, d[enn ... Melchi-se]dek, der

6 ihnen zurückgeben wird, was ihnen rechtmäßig gehört.
Er wird ihnen das Jubeljahr verkünden
und s[ie] dabei befreien [von der Schuld a]ll ihrer Sünden.
[Er soll ver]künden diesen Erlass

7 in der er[s]ten [Woch]e des Jubeljahrs, das auf [neun J]ubeljahre fol[gt],

8 wenn er sühnen wird für all die Söhne des [Lichtes] und das Vol[k,
das vor]herbestimmt ist dem Mel[chi]sedek [...] übe[r ihne]n [...] Denn

9 dies ist die Zeit, die bestimmt ist für
„das Gnadenjahr Melchis[edek]s“ (Jes 61,2),
[und] durch seine Macht w[i]rd er Gottes Heilige richten
und so ein gerechtes Kö[n]igreich errichten,
wie es geschrieben steht

10 über ihn in den Liedern Davids:
„Ein göttliches Wesen hat im Rat Gottes seinen Platz eingenommen;
im Kreis der Götter hält er Gericht“ (Ps 82,1).
Die Schrift s[agt] auch von ihm: ,,[Dar]über

11 nimm deinen Platz im höchsten Himmel ein;
ein göttliches Wesen wird über die Völker richten“ (Ps 7,7-8).
In Bezug auf das, was in der Schrift s[teht:
„Wie lange noch wollt i]hr ungerecht richten
und die Frevl[e]r begünsti[gen]? [S]el[a]” (Ps 82,2),

12 so bezieht sich die Auslegung auf Belial und die Geister,
die ihm vorherbestimmt sind,
den[n alle von ihnen haben sich erho]ben und abgewen[det] von Gottes
Vorschriften [und wurden so äußerst frevelhaft.]

13 Daher wird Melchisedek gründlich ausführen die Rac[h]e,
die Go[ttes] Geb[ot]e verlangen.
[Ebenso wird er alle Gefangenen aus der Gewalt B]elials [erlösen]
und aus der Gewalt all [der Geister, die ihm vorherbestimmt sind.]

14 Mit ihm verbunden werden sein all die [„gerechten]
göttlichen Wesen“ (Jes 61,3)
[...] ist das, w[as ... a]ll die göttlichen Wesen.

Die Person des Boten, eines Gesalbten, der mit einer Botschaft Gottes kommt und „getötet“ wird.

Dieser Be[such] 15 ist der Tag des [Heils,] den Er bestimmt hat [durch Jesaj]a,
den Propheten, [betreffend alle Gefangenen,]
insofern als es in der Schrift he[ißt: „Wie] schön

16 sind auf den Bergen die Schritt[e des] Bote[n,] der Frieden [an]kündigt,
der [frohe] Botschaft bringt, [der Rettu]ng [verheißt],
der zu Zion [sa]gt: ,Dein [gö]ttliches Wesen [regiert’“ (Jes 52,7).]

17 Die Auslegung dieser Bibelstelle: „die Berg[e“ sind die] Prophete[n],
diejenigen, d[ie gesandt wurden,
um Gottes Wahrheit zu verkünden
und] ganz I[srael] zu prophe[zeien].

18 „Der Bote“ ist der [Ge]salbte des Geist[es], von dem Dan[iel] sprach:
[„Nach den zweiundsechzig Wochen
wird ein Gesalbter umgebracht werden“ (Dan 9,26).
Der „Bote, der bringt]

19 frohe Botschaft, der [Frieden] ankünd[igt“] ist der eine, von demgesch[rie]ben steht:
[„zu verkünden das Gnadenjahr des HERRN,
einen Tag der Vergeltung unseres Gottes;]

20 damit ich [alle Trauernden] trös[te]“ (Jes 61,2).
Die Auslegung dieser Bibelstelle:
er soll sie unte[r]weisen über all die Zeiten der Geschichte in Ewig[keit ...
und in den Gesetzen]

21 [der] Wahrheit. [...]

22 [... Herrschaft,] die von Belial [zu den Söhnen des Lichts]
zur[ückkehrt ...]

23 [...] beim Gericht Gottes, so wie es über ihn geschrieben steht: [„die zuZi]on [sagt:]
,Dein göttliches Wesen regiert’“ (Jes 52,7). [,,Zi]on ist

24 [die Versammlung all der Söhne der Gerechtigkeit,
die] aufrechterhalten den Bund
und sich abwenden vom [Weg] des Volks.
„Dein gö[tt]liches Wesen“ ist

25 [Melchisedek, der sie erl]ös[en wird aus der Ge]walt Belials.
Hinsichtlich dessen, was die Schrift sagt:
„Dann sollt ihr die Trompeten [laut erschallen]
lassen; [im siebten M]o[nat...]“ (Lev 25,9).3

Melchisedek – der Befreier und Sühner

Das Gebot der Tora, im Sabbat- und Jubeljahr den (eigenen) hebräischen Sklaven die Freiheit zu schenken, wird hier auf eine einzige geheimnisvolle Person übertragen: auf Melchisedek. Nur er allein wird das Gebot erfüllen und auch nur ein einziges Mal – am Ende der Zeit –, und die Erfüllung wird sich nicht auf alle Söhne Israels erstrecken, sondern nur auf die Söhne des Lichtes, auf das Volk, das Anteil und Erbe Melchisedeks ist. Die Schlüsselworte dieses Fragmentes, das das Handeln Melchisedeks am letzten Versöhnungstag beschreibt, sind „zurückgeben“, „Freiheit zu verkünden“ und „sühnen“, Sühne zu leisten für die Gefangenen, die Söhne des Lichtes, für das Volk, das Anteil und Erbe Melchisedeks ist. Diese Verschiebung (der Sühneleistung) geschieht dadurch, dass der Autor von Pescher indirekt aus Trito-Jesaja 61 zitiert, wo das Gesetz des Jubeljahres andeutungsweise erwähnt wird, sich aber auf die Person des „Gesandten des Geistes“ konzentriert.

„Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt.

Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes, damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt der Verzweiflung.

Man wird sie ,Die Eichen der Gerechtigkeit’ nennen, ,Die Pflanzung, durch die der Herr seine Herrlichkeit zeigt’“ (Jes 61,1–3).

Historisch gesehen richtete sich die Botschaft des Trito-Jesaja an die aus Babylon nach Zion Zurückgekehrten oder vielleicht auch an eine besondere Gruppe von Juden im Ausland, die „Trauernden Zions“, die man „Priester des Höchsten“ nennen wird und „Diener unseres Gottes“. Der Autor des „Pescher Melchisedek (Malkizedek)“ war sich dieser drei Komponenten in der Vision Jesajas bewusst.

1. Nur der Prophet selbst – als Künder des Geistes Gottes – erfüllt das Gesetz des Jubeljahres und des Versöhnungstages.

2. Er erfüllt es in einer konkreten historischen Situation: er verkündet Freiheit den Juden in Babel.

3. Vielleicht verkündete er seine Botschaft aber auch nur jenen, die nach Zion zurückkehren wollten, und nennt sie daher „Priester des Höchsten“.

Der Autor von Pescher Melchisedek bezieht diese drei Komponenten aus Jesaja einzig auf Melchisedek, den Künder des Geistes Gottes. Dieser Bezug zeigt sich in Zeile 18, wo er – in Anlehnung an Jesaja – von Melchisedek als dem „Messias [Gesalbten] des Geistes“ spricht.

„[...] der Hohepriester, der gesalbt und zum Künder bestellt ist, ist Melchisedek, von dem der Midrasch in den darauf folgenden Zeilen spricht. Er ist der Lehrer und Interpret Gottes sowohl in Jes 61 wie auch in 11QMelch, auf den Engel und Menschen hören werden.“4

Melchisedek wird also nur die Söhne des Lichtes von ihren Sünden befreien – am letzten Versöhnungstag am Ende der Tage der Menschheitsgeschichte.

Wie wird er dies vollbringen?

Er, der einzigartige Hohepriester, wird selbst Sühne leisten für sein Volk.

Wann wird er dies vollbringen?

Im zehnten Jubeljahr, um zu verkünden Gottes Gnadenjahr und den Tag von Gottes Rache. Und am selben Tag, dem Tag von Gottes Rache, wird der Himmlische Richter Belial, den Teufel, bestrafen.

Melchisedek – Vorbild messianischer Hoffnungen

Melchisedek ist einerseits Priester des Allerhöchsten; doch zur Nachkommenschaft von Aaron und Zadok besteht keine Verbindung, obwohl die Genealogie zur priesterlichen Linie für die Ideologie der Gemeinschaft (Adat ha-Jachad) von großer Bedeutung war. Nach den Vorschriften (Serech ha-Jachad) mussten die Vorsteher von Adat ha-Jachad Priester aus der Linie Zadoks sein. Sie befolgten die Lehre des Priesters Moreh ha-Zedek, ebenfalls ein Nachkomme Zadoks, und sie warteten auf das Kommen des Messias-Priesters, der für ihre Sünden Sühne leisten würde.

Nach Meinung von David Flusser glaubten bestimmte Gruppen der Sekte, „dass Melchisedek der Messias-Priester der Letzten Tage sein wird“.5  Sie sahen darin auch keinen Widerspruch zu ihrer Treue zur aaronitischen Linie. Für sie war die Person des Messias-Priesters, der sie von ihrer inneren Sklaverei befreien wird, wichtiger als die Person des Messias-Königs, der über alle[s] herrscht. (So spricht 1Q Sb z. B. von einem Messias aus dem Stamme Davids und einem zweiten Messias aus dem Stamme Aarons.)

Möglicherweise erhofften sie aber auch einen Messias, der beide Personen, den Messias-König und den Messias-Priester, in einer Person vereint. Als biblisches Vorbild diente die Figur Melchisedeks, der nach Genesis 14,18 Königtum und Priestertum in sich vereint und nach Ps 110 der Ewige Hohepriester ist. Nach Pescher Melchisedek (Malkizedek) betonte die Gemeinschaft (Ha-Jachad) vor allem die priesterliche Funktion Melchisedeks, insofern sie auch auf das Kommen des Messias-Priesters warteten. Wir können zwar nicht mit Sicherheit wissen, welche konkreten Vorstellungen die Gemeinschaft (Ha-Jachad) oder auch andere Gruppen von Melchisedek hatten, aber wir können verstehen, warum Melchisedek als Priester für sie von so großer Bedeutung war: die Hoffnung auf das Kommen des Messias-Priesters. Manche von ihnen erwarteten in ihm wohl auch den Richter, der die Quelle alles Bösen in der Welt zerstören wird.

Melchisedek im Hebräerbrief

Es gibt aber neben der Melchisedek-Rolle noch einen zweiten Autor aus der Zeit des Zweiten Tempels (11QMelch), der sich mit der priesterlichen Funktion Melchisedeks, des Ewigen Hohenpriesters, auseinandersetzte: der Schreiber des Hebräerbriefes. Eine direkte Verbindung zwischen der Melchisedek-Rolle und dem Hebräerbrief ist aber – trotz der Bemühungen mancher Forscher – noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen.

Der Hebräerbrief wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 1. Jh. n. d. Z. verfasst; 11QMelch dagegen 70–50 vor Chr.; es besteht also ein Zeitunterschied von mehr als 120 Jahren. Eine weitere Schwierigkeit ist die Sprache: 11QMelch ist ein hebräischer Text, der Hebräerbrief wurde in griechischer Sprache geschrieben. 11QMelch und der Hebräerbrief können also zwar weder historisch noch philologisch verglichen werden, wohl aber auf der Basis eines gemeinsamen Motivs. Nur daraus erschließen sich jene erhabenen priesterlichen Eigenschaften, die gegen Ende der Zeit des Zweiten Tempels Melchisedek zugeschrieben wurden, und die in Folge die Glaubensüberzeugungen der frühen Christen beeinflussten.

Entsprechend dem Hebräerbrief ist Jesus von Nazaret der Ewige Hohepriester „nach der Ordnung Melchisedeks“, und folglich auch der Ewige Hohepriester, der für seine Gläubigen, „die Brüder, die an der himmlischen Berufung teilhaben“, Sühne leistet, und zwar nur ein einziges Mal.

„In ihr haben wir einen sicheren und festen Anker der Seele, der hineinreicht in das Innere hinter dem Vorhang;dorthin ist Jesus für uns als unser Vorläufer hineingegangen, er, der nach der Ordnung Melchisedeks Hoherpriester ist auf ewig“ (Hebr 6,19–20).

Ein Vergleich der Melchisedek-Rolle (11QMelch) mit dem Brief an die Hebräer zeigt ähnliche Motive und Ausdrücke – mit einer Ausnahme: Der Melchisedek der Rolle agiert in der Zukunft; Jesus, der Melchisedek des Hebräerbriefes, handelt in der Vergangenheit.

11QMelch

 

  
Hebräerbrief

 

Melchisedek wird die Gefangenen „befreien [von der Schuld a]ll ihrer
Sünden“ (2,6).
  

Jesus hat für seine Gläubigen die „Reinigung von den Sünden bewirkt” (Hebr 1,3).

 

Melchisedek wird „nach Gottes Gebot“ Vergeltung üben und „alle Gefangenen aus der Gewalt Belials [erlösen]“.  

Jesus nahm es auf sich, „durch seinen Tod den zu entmachten, der die  Gewalt über den Tod hat [...], um die zu befreien, die durch die Furcht  vor dem Tod [...] der Knechtschaft verfallen waren“ (Hebr 2,14–15).

 

Melchisedek wird am Letzten Versöhnungstag „sühnen für all die Söhne des [Lichtes] und das Vol[k]“.                                                          
  

Jesus ist als Hohepriester „am Ende der Zeiten“ (Hebr 9,26) „ein für  allemal in das Heiligtum hineingegangen“ und hat so „mit seinem eigenen  Blut [...] eine ewige Erlösung bewirkt“ (Hebr 9,12)

 

„Diese Ähnlichkeiten lassen darauf schließen, dass die Beschreibung des Erlösungswerkes Jesu im Hebräerbrief und der Erlösungstat Melchisedeks in 11QMelch Teil eines allgemeinen Gedankenkomplexes darstellen über die Vorstellungen von Erlösung (Rettung) und die Figur eines himmlischen Erlösers. Mit Bezug auf eine kommende Erlösung ist Melchisedek in 11QMelch die Verkörperung der Hoffnung des Volkes auf eine endgültige Erlösung aus dem Übel der Sklaverei. Mit Bezug auf eine bereits erfolgte Erlösung spricht der Hebräerbrief von Jesus als dem, der Erlösung bereits gebracht hat.“6  Der Autor des Hebräerbriefes zitiert zwar zahlreiche Bibelstellen, aber niemals die für die Evangelien so entscheidende Stelle aus Jes 61,1–2:

„Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes, damit ich alle Trauernden tröste [...].“

Nach Lk 4,16–19 hat Jesus genau diese Perikope in der Synagoge in Nazaret vorgelesen. Der Gedanke, dass Jesus der Hohepriester ist, der am Versöhnungstag für die Sünden seines Volkes sühnt „nach der Ordnung Melchisedeks“, bezieht sich traditionsgemäß auf Jes 61,1–2. Diese Tradition wird auch von Pescher Melchisedek bestätigt.

Im Hebräerbrief ist Jesus der „Einzige Himmlische Hohepriester“, der für die Sünden seines Volkes ein einziges Mal Sühne leistete und damit die Gewalt des Teufels zerstörte. Der Verfasser kannte wohl den Lk-Kommentar zu Jes 61, aber er hat die Jesaja-Tradition vorgezogen: Melchisedek, der Hohepriester und himmlische Richter, der Künder von Gottes Gnadenjahr und dem Tag der Vergeltung, der erhöht wird zum Ewigen Hohenpriester des letzten großen Sühnetages (Jom ha-Kippurim). Warum?

Zusätzlich zur Ähnlichkeit der Motive in 11QMelch und im Hebräerbrief gibt es auch Ähnlichkeiten im liturgischen Kontext, d. h. in der Rolle Melchisedeks als Himmlischer Hoherpriester. Dieser liturgische Kontext gewährt den Gläubigen – seien es die Anhänger des Moreh ha-Zedek oder die Jünger Jesu – die Teilhabe an der kosmischen Liturgie, der Liturgie der  Engel und des Himmlischen Hohenpriesters, die das ganze Zeitalter umspannt, vom ersten Tag der Schöpfung bis zum letzten großen Sühnetag.

Die Melchisedek-Rolle aus Qumran belegt, dass sich in manchen jüdischen Kreisen des 1. Jh. v. d. Z. in der Interpretation des biblischen Melchisedek ein Wandel vollzogen hat – hin zum eschatologischen Hohenpriester. Aus diesem gedanklichen Wandel heraus ergab sich dann auch die Verbindung zwischen ihren eschatologischen Erwartungen und der Tora. Und aus dieser Hoffnung heraus gaben sie sich in ihrem gemeinsamen Studium der Tora und in ihrem gemeinsamen Gebet ganz dem Gedanken an die endgültige Erlösung hin. Die Mitglieder von Adat Ha-Jachad scheinen sich mit der mythologischen Figur Melchisedeks nicht identifiziert zu haben. Sie brauchten die Identifizierung mit einem Lehrer aus ihrer Mitte.

Aber für manche Jünger aus dem Umfeld Jesu lag der Gedanke nahe, dass ihr Lehrer Jesus der neue Hohepriester ist, wie es in der messianischen Tradition des Zweiten Tempels die Person Melchisedeks ist. Im Brief an die Hebräer erhält Jesus von Nazaret den Status des „Ewigen Hohenpriesters nach der Ordnung Melchisedeks“, der die Schuld der Seinen gesühnt hat. Darum stellte der Autor eine Verbindung her zwischen der Figur des Melchisedek, der „dem Sohn Gottes ähnlich“ ist, und Jesus von Nazaret, der „der Sohn Gottes ist“. Nach seinem Verständnis hat jener, der „dem Sohn Gottes ähnlich“ ist (Melchisedech), sein Priesteramt dem übertragen, der „der Sohn Gottes ist“ (Jesus). Das lässt auch jene Gedanken anklingen, mit denen die Zielgruppe des Hebräerbriefes bereits aus der Bibel vertraut war: Melchisedeks erhöhter priesterlicher Status.

In den Synoptischen Evangelien (z. B. Lk 20,41–44; 22,66–69) ist Jesus der Messias-König, der zur Rechten Gottes sitzt; im Hebräerbrief (5,10) ist er der Ewige Hohepriester, der zur Rechten Gottes sitzt, nach „der Ordnung Melchisedeks“.

Damit hat eine biblische Figur, die in der jüdischen Literatur des Zweiten Tempels eine Metamorphose durchlaufen hat, ihre neue Identität an eine historische Figur aus der Nach-Tempel-Ära weitergegeben. Es ist darum meine Vermutung, dass die Jünger des Moreh ha-Zedek zu Jüngern Jesu wurden und auf diese Weise ihre Liturgie weiterentwickelten zur Liturgie der Jünger Jesu.7


Rabbiner Dr. Moshe Navon, 1954 in der Sowjetunion geboren, 2007 in Jerusalem ordiniert, ist Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) in Deutschland. Er war der letzte Doktorand von Prof. David Flusser. In Jerusalem arbeitete Navon u. a. als Dozent und Verfasser von Curricula für die Hebräische Universität, das Erziehungsministerium und die Jewish Agency. Zur Zeit ist er Lehrbeauftragter an der Ruhr-Universität Bochum, an der Evangelischen Fachhochschule RWL in Bochum, und Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinden des Kreises Unna, der Städte Oberhausen und Bad Pyrmont. Dieser Artikel ist im Juni 2010 in der Zeitschrift „Jerusalem Perspective Online” erstmalig (in der englischen Originalversion) veröffentlicht worden. Übersetzt aus dem Englischen von Elisabeth E. Weidinger und Rolf-Christian Goethert.
  1. John Joseph Collins, „The Son of God Text from Qumran”, in: From Jesus to John: Essays on Jesus and New Testament Christology in Honor of Marinus de Jonge, M. C. De Boer, ed., Sheffield Academic Press, Sheffield 1993, 65–82.
  2. David Flusser, „Melchizedek and the Son of Man”, Judaism and the Origins of Christianity, Jerusalem 1988, 25.
  3. Übersetzung aus: Michael O. Wise/Martin Abegg/Edward Cook, Die Schriftrollen von Qumran, Übersetzung und Kommentar. Mit bisher unveröffentlichten Texten. Hg. von Prof. Dr. Alfred Läpple, Bechtermünz Verlag, Augsburg 1999, 473 f. Vgl. die Rezension von Alwin Renker in: FrRu 6(1999)130 ff.
  4. Émile Puech, Some Remarks on 4Q246 and 4Q521 and Qumran Messianism, in: Donald W. Parry/Eugene C. Ulrich (eds.), The Provo International Conference of the Dead Sea Scrolls, Leiden 1999, 558.
  5. David Flusser, Melchizedek and Son of Men, in: Judaism and the Origins of Christianity, Jerusalem, Magnes Press, Hebrew University, 1988, hier 24 f.
  6. Paul J. Kobelski, Melchizedek and Melchiresa, CBQ MS 10, Washington 1981, 128.
  7. Vgl. meine Doktorarbeit, „Messianic Figures in Second Temple Judaism: Relationship between the Charismatic Leader and his Adherents”, The Hebrew University of Jerusalem, 2002.

Jahrgang 18 / 2011 Heft 1, S. 2−11.

 



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