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Rabbiner Leon Klenicki

Jom Kippur

Tag der Vergebung – durch Gott und durch uns

Ich stand neben meinem Vater. Die Männer waren alle in ihren Gebetsschal, genannt „Kittel”, gehüllt. Der gleiche „Kittel“ würde einst auch ihr Totenhemd sein. Fast alle weinten, Männer und Frauen, denn die ersten umfassenden Informationen über die Konzentrationslager und den Tod von Millionen von Juden weltweit waren bekannt geworden. Ich betrachtete meinen Vater, wie er da stand in seinem weißen „Kittel” und die ernsten und doch so bewegenden Gebete des Sündenbekenntnisses von Jom Kippur1 rezitierte:

„Wir haben gegen Dich gesündigt durch unser vorschnelles Urteil über andere; wir haben gegen Dich gesündigt durch Eigensucht. Wir haben gegen Dich gesündigt durch unsere Verstocktheit; wir haben gegen Dich gesündigt durch üble Nachrede. Wir haben gegen Dich gesündigt durch grundlosen Haß; wir haben gegen Dich gesündigt durch Mutlosigkeit und Verzagtheit.“

Man konnte förmlich das innere Weinen der Versammelten hören, und das Weinen aller Juden auf der ganzen Welt, während sie die Verantwortung für ihre eigenen Sünden und für die Sünden der gesamten Judenheit auf sich nahmen und zu Gott um Vergebung flehten. Plötzlich warf mein Vater seine Arme nach oben und schrie laut: „Farvos? Farvos?“ (Jiddisch für „Für was? Für was?“).

Ich hatte Angst und war entsetzt, daß er es wagte, Gott zu einer Antwort auf die unerklärliche Realität des Bösen herauszufordern. Was unserem Volk angetan worden war, war unverzeihlich. Dennoch verpflichtet uns die Liturgie von Jom Kippur, allen zu verzeihen, die wahrhaft bereuen und um Verzeihung bitten, sogar Menschen wie den Verbrechern des Holocaust. Dieser Gedanke wurde zur größten religiösen Herausforderung meines Lebens.

Entsprechend den Weisungen von Lev 23,26–32 findet der Versöhnungstag zehn Tage nach dem jüdischen Neujahr statt. Jom Kippur  ist der heiligste und feierlichste Tag des jüdischen Jahres, der Schabbat der Schabbate, an dem keinerlei Arbeit verrichtet werden darf, ein Fasttag, an dem wir unsere leiblichen Bedürfnisse zurückstellen, um uns ganz auf die Seele zu konzentrieren. Es ist eine Zeit der Buße, der Bitte um Vergebung unserer Sünden, des Versprechens eines echten Wandels des Herzens, echter Umkehr. Teschuwa, Umkehr (Reue, Bußfertigkeit) ist der zentrale Aspekt der Gebete der zehn Tage, die die Hohen Feiertage  mit dem Versöhnungstag beschließen. Wir bitten Gott um Vergebung. Aber Vergebung geschieht nur, wenn wir aufrichtig bereuen und Besserung geloben. Wer nicht aufrichtig bereut, dem wird auch nicht vergeben.

Vergebung – am Beispiel des Propheten Jona

Rabbi Eleasar Ben Asarja sagt:

„Für die Verfehlung eines Menschen gegen Gott wird am Versöhnungstag Versöhnung erlangt; aber Verfehlungen gegen Menschen werden am Versöhnungstag nur dann gesühnt, wenn der eine sich mit dem anderen versöhnt hat und für das ihm oder ihr zugefügte Böse Wiedergutmachung geleistet worden ist.“

Vergebung ist das zentrale Thema der Liturgie von Jom Kippur. Die Propheten- Lesung des Tages ist aus dem Buch Jona, den Gott beauftragt hatte, der sündigen Bevölkerung von Ninive den drohenden Untergang zu verkünden. Als aber die Einwohner Buße taten und ihnen Gottes Zorn erspart blieb, wurde Jona zornig. Gott aber war mit ihrer aufrichtigen Buße zufrieden. So lehrte Gott Jona die Bedeutung von Vergebung – indem er ihm den Wert jedes einzelnen irdischen Geschöpfes vor Augen hielt.

Eine der Lehren, die wir aus der Jona-Erzählung ziehen sollten, ist die Verpflichtung, anderen zu vergeben, egal wie wir sonst zu ihnen stehen. Für mich ist das eine der schwierigsten Bedingungen von Jom Kippur. Fast jedesmal überkommt mich mitten im Gebet der Gedanke:

„Wie würde ich reagieren, wenn ein ehemaliger Nazi, ein argentinischer Folterer oder ein Terrorist, der unschuldige Menschen ermordet hat, mich um Vergebung bitten würde. Kann ich, als einzelner Jude, Vergebung gewähren?“

Ich habe den Holocaust nicht erlebt. Ich war weder in einem argentinischen Gefängnis noch wurde ich je gefoltert. Ich habe noch keine Verwandten verloren, weder durch die Bombe eines Terroristen noch durch eine Rakete der Hisbollah. Doch der jüdische Theologe Abraham J. Heschel (1907–1972) lehrt uns:

„Ein Jude steht nie allein vor Gott. Er ist Mitglied einer Gemeinschaft, die vor Gott steht. Unsere direkte Beziehung zu Gott ist nicht die eines ‚Ich zu einem Du’, sondern ein ‚Wir zu einem Du’.“

Darum werden am Versöhnungstag alle Gebete des Sündenbekenntnisses im Plural gesprochen. Darum darf ich, auch wenn ich nicht persönlich unter den Nazis, unter einem argentinischen General oder einem Terroristen gelitten habe, als Individuum Vergebung gewähren.

Vergebung und innerliche Verwandlung – ein zweifacher Prozeß

Vergebung geschieht nicht automatisch. So wie der König von Ninive muß auch der Mensch, der um Vergebung bittet, einen inneren Wandlungsprozeß der Teschuwa durchlaufen. Wer den Bund mit Gott bricht, zerreißt die „Gott-Mensch-Beziehung“. Durch aufrichtige Teschuwa wird der Bruch geheilt und der Bund erneuert. Maimonides (1135–1204) schrieb in seinem Kommentar über Teschuwa:

„Selbst wenn ein Mensch sein ganzes Leben lang gesündigt hat, aber an seinem Todestag seine Sünden bereut, werden ihm seine Sünden vergeben.“

Gemeint ist hier die Vergebung für seine gegen Gott begangenen Sünden. Sünden gegen die Mitmenschen werden erst dann vergeben, wenn der Geschädigte dem Verursacher vergeben hat.

Die Bedeutung dieses Gedankens wird in der Liturgie des Versöhnungstages darin zum Ausdruck gebracht, daß wir erst die gegenseitige Verzeihung suchen, um uns für den Empfang der Vergebung durch Gott vorzubereiten.

„Über jeden, der sich über Mitgeschöpfe erbarmt, erbarmen sie sich vom Himmel her, und über jeden, der sich über Mitgeschöpfe nicht erbarmt, erbarmen sie sich auch vom Himmel her nicht“ (Shab 151 b).

Um Verzeihung und Absolution zu erlangen, ist eine innere Reinigung durch Wiedergutmachung, Entschädigung oder Wiederherstellung und Versöhnung mit der geschädigten Person gefordert. Nach den Weisungen der Rabbinen muß der Täter die verletzte Person vor drei Zeugen dreimal um Verzeihung bitten (Yona 87a).

Nach jüdischer Tradition ist Vergebung somit ein zweifacher Prozeß: Einer vergibt und der andere erlebt eine grundlegende Erneuerung seines Lebenswandels. Es ist eine Verwandlung des Geistes: Der Täter kehrt zu Gott zurück, er bekennt seine Vergehen und bewirkt dadurch innere Erneuerung. Der Mensch erkennt erneut – als ein von Gott geschaffenes Geschöpf – seine moralische und ethische Verpflichtung, die Gebote Gottes zu befolgen. Und trotzdem frage ich am Jom Kippur immer wieder, ob ich als Jude tatsächlich verpflichtet bin, allen zu vergeben.

Muß ich wirklich einem Nazi oder einem Terroristen, der die Welt in Chaos und Tod stürzt, verzeihen? Doch beim Gebet spüre ich, daß ich die Frage anders formulieren muß: Ich sollte beten, daß sich der Terrorist, der Folterer und der Nazi bekehren, Vergebung erlangen und zu wahrhaft besseren Menschen werden.

In der jüdischen Theologie war aufrichtige Umkehr schon immer ausschlaggebend für Vergebung. Nach einem Jahrhundert, das im Holocaust und in anderen Genoziden das absolut Böse erlebt hat, sind Reue und Umkehr um so entscheidender. Als Gegenleistung für erlangte Vergebung wird eine entsprechende Umkehr des Herzens gefordet. Der Sünder kehrt um, er läßt sein einstiges böses Tun hinter sich und widmet sich ganz dem Frieden und dem Wohlergehen anderer. Der Folterknecht, der Terrorist und der SS-Offizier müssen Werkzeuge des Guten werden, um Vergebung zu verdienen. Ansonsten würde aus Vergebung nur bloßes Vergessen des Verbrechens, und der Kriminelle würde weiterhin sein böses Tun als im Einklang mit Gottes Wegen verstehen.

Feindesliebe

Die jüdische Tradition legt uns den Wunsch nach der Veränderung des Sünders nahe, denn es ist uns geboten, den Feind zu lieben:

„Freue dich nicht über den Sturz deines Feindes, dein Herz juble nicht, wenn er strauchelt“ (Spr 24,17).

„Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken“ (Spr 25,21).

Barmherzigkeit (Herzensgüte) gegen seinen Feind ist im Judentum Teil des biblischen Gesetzes.

„Wenn du siehst, wie der Esel deines Gegners unter der Last zusammenbricht, dann laß ihn nicht im Stich, sondern leiste ihm Hilfe“ (Ex 23,5).

Der rabbinische Kommentar weitet diesen Gedanken sogar noch aus:

„Es geht jemand die Straße entlang und sieht, daß der Esel seines Feindes unter seiner Last zusammengebrochen ist. Er geht hin und hilft seinem Feind, dem Esel die Last abzunehmen und wieder aufzuladen. Dann gehen sie in eine Herberge, und der Eseltreiber denkt sich: ‚Dieser Mensch liebt mich so sehr, und ich dachte, er haßt mich.’ Daraufhin sprechen sie miteinander und schließen Frieden.“

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, daß es auch in unserer Zeit so wäre zwischen den Völkern. Und doch ist es für mich persönlich sehr schwierig, denen zu vergeben, die so viele Verbrechen gegen mein Volk begangen haben und gegen alle anderen Völker, die heute unter Genozid oder einem blutigen Bruderkrieg leiden. Warum bin ich nicht bereit, zu verzeihen? Bin ich ein Zyniker oder ein Realist, daß ich den Gesinnungswandel eines SS-Offiziers nicht für möglich halte? Daß ein Terrorist, dessen Ideologie ihm für den Mord an Unschuldigen Belohnung im Jenseits verspricht, sich ändern kann? Daß ein argentinischer Folterer, der einige meiner Freunde umgebracht hat, das Böse, das er getan hat, einsieht und bereut?

Ja, ich habe damit meine Schwierigkeiten! Und trotzdem weiß ich, daß Gott an die wahrhaftige Reue des Menschen glaubt. Vielleicht kann ich daran glauben, wenn ich mich an die Vorgabe der Rabbinen halte, daß der Sünder, der seine Sünden bekennt, sich auch von innen her bekehrt und sich einem tugendhaften Leben zum Wohl seiner Mitmenschen zuwendet. Die Fähigkeit zu vergeben ist ein Geschenk Gottes.

Am Ende des Jom-Kippur-Gottesdienstes sind wir alle müde, aber seelisch aufgerichtet. Meine Verfehlungen, die ich aufrichtig bereut habe, sind mir vergeben worden. Ich bin voller Hoffnung und fest entschlossen, im neuen Jahr ein besserer Mensch zu sein. So schwierig es auch sein wird, so werde ich mich doch bemühen, dem göttlichen Beispiel zu folgen und all denen vergeben, die gegen mein Volk gefrevelt haben und dies aufrichtig bereuen. Es ist der einzige Weg zu echter Heilung und ein Schritt hin zur Wiederherstellung der Welt.

„Verzeihe uns, unser Vater, denn wir haben gesündigt, vergib uns, unser König, denn wir haben gefrevelt, denn du vergibst und verzeihst.

Heile uns, Ewiger, dann sind wir geheilt, hilf uns, dann ist uns geholfen, [...] bringe vollkommene Heilung allen unseren Wunden, denn Gott, König, ein bewährter und barmherziger Arzt bist Du“ (Aus dem Gebet „Schmone Esre“).


Rabbiner Leon Klenicki, em. Direktor für interreligiöse Angelegenheiten der „Anti-Defamation League“, ist Autor, Professor und Konsultor für interreligiöse Fragen. Übersetzt aus dem Englischen von E. Weidinger.

  1. Der Jom Kippur des Jahres 2007 beginnt am Abend des 22. September.

Jahrgang  14 / 2007 Heft 4, S. 272−276.


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