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Menachem Heppner

Jamim Noraim – Die „fürchterlichen Tage”

Jom Kippur und Rosch ha-Schana

Die Übersetzung von Jom Kippur mit Versöhnungstag ist sehr ungenau und verändert die Mensch – Gott Beziehung, die das Leitmotiv dieses Tages ist. Eine Versöhnung setzt einen Streit voraus, an dem zwei Seiten beteiligt sind. Der Mensch aber streitet nicht mit Gott, und Gott streitet nicht mit dem Menschen, sondern der Mensch sündigt gegen Gott und bittet Ihn um Verzeihung. Um diese zu erlangen, bedarf es der Buße und der Sühne; in früheren Zeiten durch Opfer und Sündenbock, heute durch Fasten. Aus diesem Grunde sollte der Tag als „Buß- und Fasttag“ bezeichnet werden. Unter diesem Namen ist er mir auch aus meinen Kindertagen in den dreißiger Jahren in Deutschland in Erinnerung.

Mit den aramäischen Worten Kol-Nidre beginnt der Buß- und Fasttag. Seine sakrale Bedeutung hat er erhalten, weil er uns als solcher in der Tora befohlen wird. Wenn wir aber diesen Text näher betrachten, stellen wir fest, daß es sich gar nicht um ein Gebet handelt, sondern um ein juristisches Dokument, in dem der Name des Ewigen überhaupt nicht erwähnt wird.

Der Text ist ein Vorwort vor dem Gebet, in dem alle Schwüre, Gelübde und Verpflichtungen Gott gegenüber als ungültig erklärt werden, nicht nur für das vergangene Jahr, sondern – im voraus – auch für das kommende Jahr. Um nicht aus Vergesslichkeit einer unerfüllten Verpflichtung beschuldigt zu werden, lösen wir alle Verpflichtungen auf.

Die an diesem Tag getragene weiße Bekleidung erinnert an die farblosen Leintücher, in denen Juden begraben werden (und auch Jesus begraben wurde), und die ein Symbol der Gleichheit der Menschen vor Gott sind, ohne Farben und Prunk, arm und reich, alle gleich.

Die Tage des Gerichts

Im heutigen Judentum sind es die drei „fürchterlichen Tage“ (Jamim Noraim), die als Tage des Gerichts bezeichnet werden (zwei Tage für Rosch ha-Schana und ein Tag für Jom Kippur).

Während der Jom Kippur in der Bibel festgelegt ist, erscheint „Rosch ha-Schana“ in einer vollkommen anderen Dimension. Es ist der Tag der „jubelnden“ Fanfaren und Erinnerungen (sichron truah) (Lev 23,24). Das Schofarhorn wird erst in Zusammenhang mit Jom Kippur (Lev 25,9) erwähnt. Dieser „Jubel-Erinnerungstag“ am Beginn des siebten Monats des hebräischen Kalenders ist unser heutiges zweitägiges Neujahrsfest (Rosch ha-Schana), der „Kopf“ des Jahres. Da dies der einzige Festtag der Bibel am „ersten Tag“ eines Monats – an Neumond anstatt an Vollmond – ist, wurde dieser Festtag von den jüdischen Gelehrten als der Tag der Erschaffung der Welt festgelegt, als der „Kopf der Jahre“ in der jüdischen Zeitrechnung. Der Schofar  (Widderhorn), ursprünglich das Blasinstrument der Hirten, erhielt seine Bedeutung in Erinnerung an den Widder, den Abraham anstelle von Isaak opferte.

Rosch ha-Schana und Jom Kippur sind die Tage des Gerichtes nicht nur für die „Gläubigen“ oder Juden, sondern für alle Geschöpfe, auch jene, die Gott nicht kennen oder nicht an ihn glauben. Nach dem Schofarblasen am Neujahrstag werden darum im Mussafgebet folgende Worte gesprochen:

„Heute ist der Tag der Erschaffung (wörtlich: des Geborenwerdens = Harat) der Welt. Heute stellt Er alle Geschöpfe der Welt vor Gericht, wie Knechte oder wie Söhne.“

Laut jüdischer Auffassung wird an Rosch ha-Schana das Schicksal jedes Menschen bestimmt und an Jom Kippur besiegelt. Alles, was sich in diesem Jahr ereignet, wird an diesem Tag beschlossen. Durch unser Tun erfüllt sich der Beschluß. Darum sind diese jüdischen Feiertage auch Tage der gesamten Menschheit. Gott ist der Schöpfer aller Geschöpfe. Er ist nicht nur der Gott Israels, sondern des ganzen Universums. Das Motiv dieser Tage ist die Gegenüberstellung der menschlichen Vergänglichkeit und der ewigen Schöpfung:

„Denn sie sind Fleisch und Blut, der Mensch entsteht aus Staub und sein Ende ist Staub. [...] Er ist wie trockenes Heu, eine welke Pflanze, ein vergehender Schatten, eine vorüberfliegende Wolke, ein wehender Wind, zerstreuter Staub und ein vergehender Traum. Aber Du bist der ewig lebendige El und König.“

Das Bewußtsein seiner Vergänglichkeit soll den Menschen in seinem Handeln und in seinem Verhältnis zu seinen Mitmenschen beeinflussen.

Der Gott Israels

Wer oder was ist der „Gott Israels“, „wie ist sein Name?“ fragte Moses den Gott seiner Väter, und erhielt die Antwort: „Ich bin, der ich bin da“ (in biblischer Sprachart: Ich werde sein, der ich sein werde – „Eheje ascher eheje“). Dieses ist die einzige wahre Definition des Gottesbegriffes, einmalig in der Bibel. Gott sagte zu Moses: „Du sollst zu den Israeliten sagen, der ,Ich bin da‘ hat mich zu euch gesandt.“ Gott sprach zu Moses in der ersten Person und Moses überlieferte den Namen in der dritten Person. Anstatt zu sagen: „Ich werde da sein“, sagte Mose: „Er wird da sein“, und anstatt „Eheje“ sagt Mose „Jehaweh”. HaWaJaH und HoWeH bedeutet Gegenwart. Die vier Buchstaben JHWH bedeuten das „sein werden“. Der Gott der Bibel ist der „Ewig Gegenwärtige“. Dieser Ewig Gegenwärtige ist die Ewige Schöpfung, die sich durch Israel offenbart hat und deshalb als „Gott Israels“ bezeichnet wird. Israel ist das Beispiel der „Tat und deren Folge“, der „Sünde und Strafe“.

Israel war die erste Glaubensgemeinschaft, die diesen Gottesbegriff erkannt hat, ihn entwickelt und überliefert hat – auch an das Christentum und an den Islam –, daher der Begriff „Gott Israels“. Es ist eine übermenschliche Inspiration, die vor über 3000 Jahren diesen allumfassenden und unfaßbaren Begriff geschaffen hat. Er umfaßt alles Gegenwärtige und alle Ereignisse in der Welt und im Weltraum, den wiederkommenden Sommer nach dem Winter, den Tag nach der Nacht, den Aufbau nach der Zerstörung (die Sintflut und Noah), und die sich immer wieder erneuernden Generationen der Menschheit.

Der Mensch und sein Gott

Jedes Menschen Leben beginnt mit seiner ungewollten Geburt und endet mit seinem ungewollten Tod. Er gestaltet seine Welt mit dem ihm gegebenen schöpferischen Geist (der Geist Gottes?), jeder nach seiner Art. In diesem Sinne bewahrt sich die biblisch-symbolische Bezeichnung des Menschen als „Ebenbild”; Gott ist der ewige Schöpfer, der Mensch ist der vergängliche Schöpfer. Der undefinierbare Geist des Lebens führt den Menschen auf seiner Suche nach dem Sinn seines „Daseins“ und dem Sinn allen Geschehens in dieser Welt, auf der Suche nach seinem Glauben, in dem er seinen Halt findet, und nach der Erkenntnis seines Gottes, der Stütze seiner Seele.


Menachem Heppner, Jerusalem, geboren 1924 in Hamburg, lebt seit 1934 in Jerusalem. Autodidakt in den Fachbereichen Judentum, Bibelstudium, Theologie und Geschichte Israels, Veröffentlichungen in kirchlichen Zeitschriften. 1997 erschien sein Buch „Jüdische Gedanken über Glaube, Gesetz, Land und Volk“ (vgl. FrRu 9[2002]297). Reiseführer vorwiegend für deutschsprachige christliche Gruppen. Menachem Heppner bezieht sich auf die Beiträge zu den großen jüdischen Herbstfesten von Clemens Thoma, Jom Kippur − Tag der Sühne und Erneuerung, und von Horst F. Rupp, Die jüdischen Herbstfeste, in FrRu 10(2003), denen er Eräuterungen aus jüdischer Sicht hinzufügen möchte.
Jahrgang 11 / 2004 Heft 2, S. 112−114.


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