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Clemens Thoma

Jom Kippur

Tag der Sühne und Erneuerung

Zehn Tage nach dem jüdischen Neujahrsfest (Rosch ha-Schana) begeht das jüdische Volk den Versöhnungstag Jom Kippur. Es ist ein Tag der Sühne und der seelischen Reinigung und Erholung. Jehuda Hallevi (1080-1145) charakterisierte diesen Feiertag in seinem Werk „Kusari“ (III 5): Es handelt sich um den großen Fasttag,

„an welchem die Reinigung aller Sünden der Vergangenheit stattfindet [...]. Die Seele wird frei von allen Einflüsterungen der Einbildung, des Zornes und der Begierde [...]. Das Fasten an diesem Tag ist ein Fasten, das nahezu den Engeln gleich werden läßt [...]. Der Fromme beschäftigt sich nur mit Dingen, die ihn Gott nahe bringen.“

An den Vorbereitungstagen zum Jom Kippur wird in den jüdischen Gottesdiensten folgender Satz feierlich zitiert:

„Gedenke unser zum Leben, König, der Du Freude am Leben hast, und schreibe uns in das Buch des Lebens ein um Deinetwillen, lebendiger Gott.“

Der Jom Kippur ist also nicht nur ein Tag der Sühne und der Reinigung des Volkes Gottes, sondern auch ein Freudentag für Gott angesichts der Heilung und Erneuerung der Mitglieder des Bundesvolkes. Der Bußtag findet nicht nur um der Israeliten willen statt, sondern auch um Gottes willen, damit auch Er neue Freude haben kann. Franz Rosenzweig (1886-1929) drückte dies ähnlich aus:

„Der offenbarende Gott ist ein Vielverzeihender (marbeh li-seloach), er liebt den Umkehrenden (baal teschuvah) mehr als den vollkommenen Gerechten.“1

Vorschriften in der Mischna

Der Versöhnungstag Jom Kippur war schon in biblischer Zeit ein zentraler jüdischer Festtag, dessen Feier gemeinschaftlich mit den Priestern und dem Volk im Tempel stattfand (vgl. Lev 16; 23,26-32; Num 29,7-11). In der Mischna (Endredaktion um 220 n. Chr.) werden die beiden Hauptanliegen des Versöhnungstages angegeben: teschuvah (Umkehr, Reue, Buße, Erneuerung) und Kappara/Kippurim (Entsühnung, Tilgung der Schuld, Verzeihung, Bedeckung, Erneuerung). Im Mischna-Traktat Joma (wörtlich: „Tag“) wird die Liturgie dieses hohen Feiertages detailliert geschildert.2  In mJoma 8,8-9 heißt es:

„Sündopfer und Schuldopfer bewirken in aller Wahrheit (waddaj) Entsühnungen. Der Versöhnungstag und der Tod entsühnen in Verbindung mit Buße. Die Buße bewirkt Entsühnungen von läßlichen Vergehen. Gegen schwere Vergehen erwirkt die Buße Aufschub, bis der Versöhnungstag kommt und Entsühnung bewirkt.

Wenn jemand sagt: Ich will sündigen und Buße tun und dann nochmals sündigen und Buße tun, dem wird von Gott nicht Raum zur Umkehr (teschuvah) gegeben.

[...] Sünden, die sich zwischen Menschen und Gott abspielen, entsühnt der Tag der Versöhnung. Aber Sünden, die sich zwischen einem Menschen und seinem Nächsten abspielen, entsühnt der Tag der Versöhnung nur, wenn er seinen Nächsten zuvor begütigt hat.

[...] Rabbi Akiba sagte: Selig seid ihr Israeliten! Von wem werdet ihr gereinigt und wer reinigt euch? Euer Vater im Himmel! [...] Und es heißt auch: Die Mikweh (die Hoffnung oder das Reinigungswasser) ist JHWH. Und was bedeutet das Reinigungswasser? Es reinigt die Unreinen! So reinigt der Heilige, gelobt sei Er, Israel“ (= Deutung von Jer 17,13).

Dieser zentrale Abschnitt der Mischna betont, daß man nicht sündigen darf, um Gott zu reizen. Gott verzeiht nur, wenn sich auch der Mensch von seinem sündigen Tun zu lösen versucht. Der Mensch muß auch im Verzeihen Nachahmer Gottes sein. In mehreren talmudischen Stellen wird dazu Gen 8,21 zitiert: Gott ist nach dem Verhängen der Sintflut zur Schlußfolgerung gekommen, daß Er in Zukunft nicht alles gegen Ihn sich empörende Leben vernichten soll. Nachdem Er den Duft des Sühnopfers Noachs gerochen hatte, sprach Er zu sich selber:

„Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an“ (vgl. auch Ex 32,14).

Gott erträgt also das Böse und verzeiht es, wenn nur der Mensch immer wieder zu ihm umkehrt bzw. Buße tut und sich Besserung vornimmt. Der Versöhnungstag ist also ein Tag der Verzeihung für viele zu verschiedenen Zeiten begangene Verfehlungen, wenn spätestens im Gottesdienst dieses Tages Reue aus den Herzen der Teilnehmer aufsteigt.

Die Reue und Umkehrgesinnung vor dem Tod bewirkt dieselbe volle Verzeihung wie der Versöhnungstag. Auch laut dem Achtzehn-Gebet ist Gott der, der „viele Möglichkeiten zur Vergebung schafft“ (sechste Beracha; vgl. auch Mt 6,12).

In einer weiteren Jom-Kippur-Vorschrift wird gefordert, daß jede Feindschaft gegen ein Mitglied der Gemeinschaft des Volkes Gottes aufgegeben und persönlich eingeebnet werden muß. Erst dann kommt die Verzeihung Gottes. Eine schwierige Sache ist dabei der versöhnende Kontakt mit Gegnern, die dazu neigen, Verzeihungsangebote für die eigene Sache zu mißbrauchen. Mangelnde Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit führt zu Problemen. Die Vorschrift zeigt aber besonders deutlich, daß auch im Judentum das religiöse Doppelgesetz der Gottes- und Nächstenliebe die oberste Voraussetzung für Verzeihung und für die erneute Begnadigung durch Gott ist. In den Jom-Kippur-Traditionen wird dabei besonders Lev 19,18 zitiert:

„An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.“

Dazu sagt Moses Maimonides (1135-1204) in seiner „Mischne Tora“ (III 41) ergänzend:

„Ein Sünder wird (von Gott) nur bestraft, wenn seine Sünde sich gegen das Wohlergehen der jüdischen Gemeinschaft richtet.“

Der heilige Akt der Verzeihung

Zur Zeit des Bestehens des Jerusalemer Tempels (bis 70 n. Chr.) gab es jedes Jahr am Jom Kippur den beeindruckendsten Gottesdienst. Es ging dabei um feierliche Sündenbekenntnisse, um die Schlachtung von Opfertieren und vor allem um die Verzeihung der bereuten Sünden: erst die Sünden der Priesterschaft und dann die Sünden des Bundesvolkes Gottes.

Im Folgenden wird vor allem auf die bekennenden Worte des Hohenpriesters, auf die dankbare Zustimmung der Gemeinde und auf die Opferung von zwei Paaren von Lämmern als stellvertretende Sühnopfer hingewiesen.3  Die Worte und Handlungen waren Voraussetzung und Zeichen für die Versöhnung mit Gott.

Laut mJoma 3,8 stellte sich der liturgisch und für die rituelle Reinheitshandlung vorbereitete Hohepriester im Tempel neben die zur stellvertretenden Schlachtung bestimmten Lämmer. Er blickte nach Westen, legte beide Hände auf ein Tier und sprach laut und vernehmbar folgendes Reueund Vertrauensbekenntnis:

„Vergib doch bitte, Name [Gottes], die Vergehen, Verfehlungen, Versündigungen, mit denen ich mich vor Dir vergangen, verfehlt, versündigt habe, ich und die Meinigen. Vergib doch entsprechend dem Wort im Gesetzbuch deines Knechtes Mose, wo es heißt: ,Denn an jenem Tag wird man euch Sühne erwirken, um euch zu reinigen. Von allen euren Sünden werdet ihr vor JHWH rein werden‘“ (vgl. Lev 16,30).

Das laute und deutliche Aussprechen des geheimnisvollen Namens JHWH war das klare Signal der Verzeihung aller Sünden des Hohenpriesters und seiner Familienangehörigen, der Sünden der Priester, Leviten und des übrigen kultischen Tempelpersonals. Unmittelbar nach der Absolutionsformel des Hohenpriesters riefen die hinter ihm stehenden offiziellen Vertreter der Zwölf Stämme Israels ebenfalls mit lauter Stimme:

„Gelobt sei der Name [Gottes], Herrlichkeit Seines Reiches für immer und ewig.“

Das hohepriesterliche Aussprechen der Verzeihungsbitte, das namentliche Nennen der um Verzeihung Bittenden, das Ansprechen Gottes mit seinem geheimnisvollen Namen und der bestätigende Lobpreis der Vertreter der Zwölf Stämme Israels galten als Bestätigung der Verzeihung der Sünden des Volkes und der Bekräftigung der göttlich-israelitischen Bundesgemeinschaft. Das zweite Sündenbekenntnis erfolgte nach gleichem Zeremoniell und gleichem Wortlaut. Es betraf wiederum erst die Priesterkreise, die durch ihre Sündenlosigkeit das ganze Volk Israel in der Hinwendung zum barmherzigverzeihenden Gott erziehen sollten (vgl. mJoma 4,2).

Nach beiden Sündenbekenntnissen wandte sich der Hohepriester jeweils zwei Böcken zu. Einer der beiden wurde geschlachtet als eine Opfergabe an Gott, der andere wurde – mit den Sünden des ganzen Volkes beladen – in die Wüste hinausgejagt, und zwar an eine Felsenhöhe, von wo aus er zu Tode stürzte.

Das Blut des Schlachtopfers wurde anschließend vom Hohenpriester durch den ganzen Tempel getragen. Priester und Diakone trugen Feuer und glühende Kohlen und erfüllten den Tempel mit Rauch. Angekommen am Vorhang vor dem Allerheiligsten mit der Bundeslade, besprengte der Hohepriester den Vorhang und die Decke über dem Vorhang mit Blut.

Das gesamte Zeremoniell war ein geistiger Entsühnungsakt. Der Hohepriester „begann die Entsühnung und führte sie von oben nach unten aus“ (mJoma 5,5). Die Entsühnung der Priester und der Tempeldiener und -dienerinnen galt als Kernpunkt der Verzeihung der Sünden aller umkehrbereiten Israeliten.

Das Bekenntnisgebet „Kol Nidre“

Das Kol Nidre („alle Gelübde“) – eines der großen Gebete in der Synagoge am Versöhnungstag – ist der dreimal gesprochene und gesungene Anfangstext des feierlichen Abendgebetes am Beginn des Versöhnungstages. Die Anwesenden sprechen den Text leise mit. Im Kol Nidre bekennen die Betenden:

„Ich habe unrecht, und Gott hat recht; meine Klugheit ist Torheit, meine Rechtschaffenheit ist Einbildung, meine Sicht der Welt ist falsch.“

Dieses Bekenntnis verlangt, daß der Mensch sich vor Gott stellt, daß er sich nicht auf sich selbst, sondern ganz auf die Weisheit und die Gnade Gottes verläßt.4

Das Kol Nidre ist eine Weiterführung – bis in unsere Zeit – des heiligen, sündenvergebenden Gottesdienstes am Versöhnungstag im Jerusalemer Tempel. Es ist Ausdruck der bis heute gültigen jüdischen Glaubensauffassung, daß Sündenbekenntnis und Sündenvergebung sich primär im gemeinschaftlichen Gottesdienst ereignen sollen. Sünden sind nicht nur individuelle Vergehen. Sie haben Auswirkungen auf die ganze Gemeinschaft des Volkes Gottes. Gott will daher gemeinschaftliche Bekenntnisse und Besserungsvorsätze. Sein Verzeihungswille ist nicht nur individuell, sondern betrifft das ganze Bundesvolk.Christliche Interpretationsmöglichkeiten

Mitmenschliche Bemühungen um Versöhnung sind auch im Christentum eine Voraussetzung für Sündenvergebung. Ungebremster Streit und Haß gehören zur Reflexion bei jeder religiösen Selbstbesinnung. Jüdische Versöhnungsbemühungen zur Erlangung von Gottes Barmherzigkeit sind ein Impuls für alle Menschen. Daß sie nicht leicht sind, wissen Juden und Nichtjuden. Vorbildhaft für christlich-sakramentale Buß- und Erneuerungsfeiern wäre es auch, wenn die kirchlichen Beauftragten (Bischöfe, Priester), wie es auch vom Hohenpriester verlangt wurde, zuerst ein eigenes Sündenbekenntnis ablegen. Erst danach sollten sie als Symbolfiguren der Verzeihung für das von der Teschuva geprägte Volk zu wirken beginnen. Damit könnte ein neuer Impuls für christliche Gemeinschaften aus der einstigen zentralen Tempelliturgie des Versöhnungstages erwachsen.

Am 12. März 2000 legte Papst Johannes Paul II. zusammen mit mehreren Kardinälen, Bischöfen und Priestern im Petersdom in Rom ein deutliches kommunitäres Schuldbekenntnis der katholischen Kirche ab: wegen der gemeinschaftlichen Sünden gegen Gott und gegen das jüdische Volk, wegen leichtfertigen Verstößen gegen die Liebe und gegen den Dienst an der Wahrheit, wegen geistig-religiösen Verletzungen gegen einzelne Völker, wegen Rückgriffen auf die Logik der Gewalt, wegen Diskriminierung, Unterdrückung und Mißachtung der Armen und Niedrigsten.5  

Ähnliche Gemeinschaftsbekenntnisse und Gemeinschaftsabsolutionen finden derzeit in verschiedenen kirchlichen Gemeinschaften auf Pfarrei- und Diözesanebene statt. Der Mensch sündigt ja nicht nur „einsam“ für sich. Durch die Sünde wird auch den Mitmenschen Schaden zugefügt. Deshalb sind Sünde und Verzeihung nur sehr selten rein individuelle Angelegenheiten. Sie durchwirken vielmehr kleinere und größere Gemeinschaften. Gemeinschaftliche Bußfeiern – so umstritten sie in katholischen Kreisen heute auch noch sind – haben jedoch ihre Wurzeln bereits in der vorchristlichen jüdischen Tradition.


  1. Reinhold und Annemarie Mayer (Hg.), Zweistromland. Kleinere Schriften zu Glauben und Denken, Dordrecht 1984, 96.
  2. Vgl. Johannes Meinhold, Joma (Der Versöhnungstag) in der Mischna-Edition II. Gießen 1913, 1-27; Moritz Zobel, Das Jahr des Juden. Berlin 1936, 77-93; Hanspeter Heinz u. a. (Hg.), Versöhnung in der jüdischen und christlichen Liturgie, QD 124, Freiburg/Br. 1990; Johann Maier, Judentum von A bis Z. Freiburg/Br. 2001, 219-223.
  3. Der ganze, hier verkürzt wiedergegebene Ablauf der Versöhnungszeremonien findet sich im Joma-Traktat der Mischna und – noch ausführlicher – in den Kommentierungen dieses Traktats im palästinischen und im babylonischen Talmud.
  4. So deutete Ignaz Maybaum das Kol Nidre. Zit. in: Jonathan Magonet, Der Versöhnungstag in der jüdischen Liturgie, in: Hanspeter Heinz u. a., Versöhnung, QD 124 (Anm. 2), 133-154, bes. 143.
  5. Vgl. Die große Versöhnungsbitte der katholischen Kirche, FrRu 7(2000)161-166.

Jahrgang 10 /2003 Heft 4, S. 242−247. 


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