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Volker Koop

„Wer Jude ist, bestimme ich“

„Ehrenarier“ im Nationalsozialismus

Die zwölf Jahre des ‚Tausendjährigen Reichs‘ sind Gegenstand einer Vielzahl von Recherchen und Studien zu verschiedensten Aspekten des Nationalsozialismus. Der Journalist Volker Koop hat bereits mehrere Bücher zum „Dritten Reich“ verfasst, einige behandeln auch führende Funktionäre wie Heinrich Himmler, Martin Bormann, Rudolf Höß und den „Führer“ selbst. Im Vordergrund des neuen Buches stehen die Verwalter der „Nürnberger Rassengesetze“, an erster Stelle Hermann Göring und einige seiner Helfershelfer.

Koop hält sich nicht lange damit auf, den Ursprung des berühmt-berüchtigten Zitats, das er zum Titel des Buches gemacht hat, zu ergründen. Reichsmarschall Hermann Göring mag es sich angeeignet und danach verfahren haben; als Urheber gelten entweder der Wiener Bürgermeister Karl Lueger, den Koop auch nennt, oder der deutsch-nationale Reichstagsabgeordnete Georg von Schönerer, der bereits auf den jungen Hitler starken Einfluss ausübte, den Koop aber unerwähnt lässt.

Genau genommen geht es dem Autor nicht so sehr um die inklusive Bestimmung, „Wer Jude ist, bestimme ich“, sondern vielmehr um Abgrenzung: „Wer nicht Jude ist, bestimme ich“, also um die Ausnahme von der Regel. Und dies aufgrund einer aberwitzigen und unhaltbaren Rassentheorie bzw. deren willkürlicher Handhabung. Einerseits haben die Nationalsozialisten viel Aufwand getrieben, um die angebliche Wissenschaftlichkeit dieser biologistischen Klassifizierung von Menschen zu belegen. Andererseits waren sie bereit, je nach Nützlichkeit oder auch aus sentimentalen Gründen ein Auge zuzudrücken und sich über ihre eigenen Gesetze hinwegzusetzen. Je nach Zweckdienlichkeit nahmen sie sich die Freiheit, willkürlich einige Hunderte von Juden von ihrem Abstammungs-Makel „freizusprechen“, ihre „Deutschblütigkeit“ zu bestätigen und sie zum „Ehrenarier“ zu befördern.

Das prominenteste Beispiel eines „Ehrenariers“ war Generalfeldmarschall Erhard Milch, der – protegiert von Hermann Göring – trotz seines jüdischen Vaters eine glänzende Karriere machte, Feldmarschall der Luftwaffe und Staatssekretär beim Reichsminister der Luftfahrt wurde. Ob Erhard Milch wirklich Jude war, ist nicht sicher beweisbar. Er selbst, ein überzeugter Nationalsozialist, lieferte die Version, sein wahrer Erzeuger sei nicht der in seiner Geburtsurkunde eingetragene jüdische Vater, sondern der arische Liebhaber seiner Mutter gewesen.

Viele Juden oder sogenannte „Mischlinge“ und „jüdisch Versippte“, wie etwa der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt, haben sich freiwillig für den Dienst in der Wehrmacht gemeldet, in der Hoffnung, für sich und ihre Familien von den Ausnahmeregelungen für Frontsoldaten zu profitieren. Bryan Mark Rigg schätzt in seinem Buch „Hitlers jüdische Soldaten“ (Paderborn 2003) die Zahl auf 150 000. Nach Koop ist diese Zahl eindeutig überhöht.

Besonders eindrucksvoll sind die zahlreichen Kulturschaffenden, die trotz ‚Rassenmakel‘ von Verfolgung und Ermordung verschont blieben, – eine Blamage für Propagandaminister Joseph Goebbels, der behauptet hatte, das Kulturleben käme unbeschadet auch ohne Juden aus. Genau besehen, ging es auch nicht um die ‚Kulturschaffenden‘ selbst, sondern um ihre jüdischen Ehepartner. Unter dem Druck, die nichtarischen Lebenspartner aufzugeben, bewiesen die meisten arischen Lebenspartner Standhaftigkeit und versuchten, ihre jüdischen Lebenspartner mit dem Rechtsmittel der „privilegierten Mischehe“ – einer weiteren perversen NS-Erfindung – zu schützen. Die Reihe derer, die davon profitierten, liest sich wie ein Katalog der Anständigkeit: die Schauspieler Hans Albers, Theo Lingen, Hans Moser und Heinz Rühmann, die Sänger Leo Slezak, Max Lorenz, Jan Kiepura und Marta Eggerth sowie viele andere Künstler und Wissenschaftler, deren Geschichte in diesem Buch detailliert beschrieben wird.

Einige hochkarätige Künstler, die die Nationalsozialisten allzu gerne im Reich behalten wollten und umworben hatten, misstrauten dem Angebot oder verabscheuten die Anbiederung und zogen es vor, in die Emigration zu gehen, so Emmerich Kálmán, der Komponist der Operetten „Die Csárdásfürstin“ und „Gräfin Mariza“, der Filmregisseur Fritz Lang oder der Theaterregisseur und Begründer der Salzburger Festspiele Max Reinhardt.

Gewiss, für Prominente, ob Künstler, Wissenschaftler oder andere Personen mit besonderen Fähigkeiten, und um sie geht es vor allem in diesem Buch, standen alle Türen der Welt offen. Sie konnten es sich aussuchen, ob sie in ihrem Vaterland als „Ehrenarier“ von Hitlers Gnaden leben oder in ein anderes Land, das ihnen eine relative Freiheit garantieren konnte, emigrieren wollten. Doch Hunderttausende von Juden, die nicht zu diesem erlauchten Kreis gehörten, hatten keine Wahl. Sie saßen in der Falle und waren den Schergen ausgeliefert. Denn als Resultat der „Konferenz von Évian“ (6. bis 15. Juli 1938), auf der von Vertretern von 36 Nationen die Auswanderung von Juden aus Deutschland und Österreich geregelt und eine „Flüchtlingsquote“ pro Land festgelegt werden sollte, weigerten sich viele Länder, zusätzliche Flüchtlinge aufzunehmen. Andere verweigerten generell die Aufnahme von Flüchtlingen oder öffneten ihre Grenzen nur noch für den Transit.

Wer über die Schicksale der wenigen Hundert sogenannter „Ehrenarier“ unterrichtet sein möchte, findet in diesem Buch reiches Material. Es werden alle Seiten der Problematik und alle Aspekte der Taktiererei genau geschildert, aber auch die Hindernisse, die hier und da überwunden werden mussten. Immerhin waren mehrere konkurrierende Abteilungen im Apparat der NS-Diktatur mit der Angelegenheit befasst, und was das eine Amt tolerierte oder genehmigte, war dem anderen wiederum ein Dorn im Auge.

Einleuchtend und überzeugend ist die Schlussbetrachtung des Verfassers: „Es ist erschütternd zu sehen, welche Energie die Nationalsozialisten aufboten, um ihre Rassenpolitik umzusetzen, von dem krankhaften Wahn getrieben, die Bevölkerung in unzählige Kategorien einteilen zu müssen. [...] Ebenso bestürzend ist es, dass fast 80 Millionen Deutsche sich nicht gegen den Rassenwahn auflehnten, sondern stillschweigend oder aktiv zu Helfershelfern des nationalsozialistischen Rassenwahns wurden.“Ruben Frankenstein, Freiburg i. Br.


Jahrgang 22 / 2015 Heft 4, S. 300−302.



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