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Maria Gotzen-Dold

Mojzesz Schorr und Majer Balaban

Polnisch-jüdische Historiker in der Zwischenkriegszeit

Maria Gotzen-Dold, Pfarrerin der evangelischen Landeskirche in Württemberg, widmet sich in ihrer von Stefan Schreiner angeregten Dissertation, die für diese Publikation überarbeitet wurde, den beiden Begründern der modernen jüdischen Geschichtsschreibung in Polen, Mojzesz (Moses) Schorr (1874–1941) und Majer Balaban (1877–1942). Leider gibt es von den beiden Historikern jedoch nur wenige persönliche Dokumente, und ihre Freundschaft ist nur mündlich überliefert.

Schorr stammte aus Przemysl, wo sein Vater Direktor der jüdischen Genossenschaftsbank war. Balaban war der Sohn eines Kaufmanns in Lemberg; sein Onkel war Vorstandsmitglied der ‚Fortschrittlichen Synagoge‘ und Mitglied des Lemberger Stadtrats. Im Unterschied zu Balaban, der in seiner Heimatstadt sein Studium absolvierte, studierte Schorr in Wien an der ‚Israelitisch- Theologischen Lehranstalt‘ und an der Universität Wien, wo der Orientalist David Heinrich Müller sein akademisches Vorbild war.

Balaban wurde 1920 Leiter des Warschauer Rabbinerseminars; nach der Habilitation 1928 unterrichtete er an der dortigen Universität und am Institut für Judaistische Wisssenschaft. Dort unterrichtete auch Schorr. Balaban war zudem Professor für Orientalistik an der Universität Warschau und Rabbiner der ‚Fortschrittlichen Synagoge‘ in Warschau. Beide setzten sich für die Integration jüdischer Bildung in die Curricula jüdischer Schulen ein, im Gegensatz zu Versuchen, das jüdische Privatschulwesen zu stärken. Mit ihrem Wirken wollten sie das polnisch-jüdische Zusammenleben stärken und ins Bewusstsein heben.

Als Historiker schuf Balaban das weitaus bedeutendere und umfassendere Werk. Aufgrund seiner umfangreichen Archivrecherchen vergleicht ihn die Autorin in einem Unterkapitel (3.3 „Majer Balaban – ein polnischer Hein rich Graetz?“, S. 194–247) mit dem deutsch-jüdischen Historiker Heinrich Graetz (1817–1891). Auch als Publizist war Balaban prominenter als Schorr.

Mojzesz Schorr spezialisierte sich dagegen anfangs auf das alte Babylonien und Assyrien. Als Vorsitzender des Freundeskreises der Hebräischen Universität Jerusalem reiste er 1925 nach Jerusalem, um an der Eröffnung der Universität, an der er gerne gelehrt hätte, teilzunehmen. Schorr war Rabbiner an der Großen Synagoge in Warschau. 1925 erhielt er eine Professur an der Universität Warschau. In dieser Funktion war er auch Mitbegründer des Instituts für Judaistik.

Auch Balaban besuchte 1935 und 1936 Palästina. Sein Biograph Israel Mordecai Biderman schrieb, dass er vor allem wegen seiner Bibliothek und seines umfangreichen Archivs nicht auswandern wollte. Einige offizielle Akten konnte er retten; der Großteil, auch das Manuskript seiner Erinnerungen, wurde bei der Zerstörung des Warschauer Gettos vernichtet. Im Getto hielt Balaban Vorträge; er wurde zum Archivar des Judenrats und zum Nachfolger von Rabbiner Schorr ernannt und schrieb für die Gettozeitung. Über seine Todesumstände gibt es widersprüchliche Angaben; belegt ist, dass Ignacy Schipper (1884–1943), der dritte bedeutende polnisch-jüdische Historiker der Zwischenkriegszeit, die Grabrede hielt.

Mojzez Schorr floh 1939 in den Osten; er wurde von Stalins Geheimpolizei NKWD (Volkskommissariat für Inneres) verhaftet und nach Moskau verschleppt; als „sozial gefährliches Element“ wurde er zu fünf Jahren Arbeitslager in Usbekistan verurteilt. Er starb am 8. Juli 1941 in Posty in Usbekistan (Sowjetunion). Seine fünf Kinder überlebten, im Gegensatz zur Familie Balabans, dessen Frau Gizela und die drei Kinder offensichtlich nicht überlebt haben.

Maria Gotzen-Dold hat für ihre Studie zahlreiche polnische Quellen untersucht. Für den deutschsprachigen Leser ist das Buch daher ein großer Gewinn.

Evelyn Adunka, Wien


Jahrgang 22 /2015 Heft 4, S. 294 f.


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