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(Red. / E. E. Weidinger)

Reformation und Israel

gestern, heute, morgen

Mit Blick auf das fünfzigjährige Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland und vorausblickend auf das Reformationsjubiläum (2017) veranstaltete die „Stiftung Leucorea“ in Wittenberg vom 30. August bis 1. September 2015 eine Tagung zum Thema „Reformation und Israel – gestern, heute, morgen“. Mitveranstalter der deutsch-israelischen Tagung waren u. a. die Evangelischen Akademien Sachsen-Anhalt und Berlin sowie die Botschaft des Staates Israel in Deutschland. Es sprachen christliche und jüdische Referenten aus Deutschland und aus Israel. Schirmherren waren der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman und der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt Dr. Reiner Haseloff. Letzterer hob in seiner Begrüßungsrede vor allem die „Verwurzelung des Christentums im Judentum“ hervor:

„Für den christlichen Glauben war und ist es von größter Bedeutung, sich bewusst zu machen, wie stark dieser aus jüdischer Geschichte, aus jüdischer Theologie, aus jüdischem Denken und aus jüdischer Liturgie erwachsen ist. Es ist ein ganz besonderes Verdienst der Reformation, sich alles das auch wieder aus den hebräischen Urtexten heraus zu erschließen. Bereits darin zeigt sich auch, wie eng verwoben die geistigen und religiösen Grundlagen von Juden und Christen sind. Darin liegt eine große Chance für die Verständigung zwischen unseren Kulturen.“

Und weiter zitierte Haseloff den ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, Nicolaus Schneider:

„Christentum und Judentum sind aufgrund ihrer gemeinsamen Grundlagen in der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament, ihrer gemeinsamen Hoffnung auf das messianische Reich und durch gemeinsame Herausforderungen verbunden und müssten darum auch zu gemeinsamem Handeln kommen“ (Dankesrede anlässlich der Verleihung des Leo-Baeck- Preises 2013). „Die Kirche der Reformation war lange gefangen in der alten Ur-Krankheit des christlichen Antijudaismus. Erst im geistlichen Erdbeben nach der Schoa ist es in den vergangenen Jahrzehnten in der Theologie und dann in den Kirchen zu einer Reformation im christlichen Denken gekommen.“

Es wurden aber auch kritische Stimmen laut zu einer neuen, „modernen“ Form des Antisemitismus, dem „Israel-Bashing“, wie es Pfarrer Dr. Stefan Meißner (Speyer/Minfeld) in seinem Vortrag „Wenn die Jüden wieder in ihr Land kämen, wollt ich …“ formulierte:

„Folgen wir Protestanten heute in dieser Frage eher Luther oder Jesus? Folgen wir den Parolen derer, die im Zionismus nur eine Spielart des Rassismus sehen, dessen baldiges Ende sie heraufbeschwören, oder erkennen wir in der Rückkehr von Jüdinnen und Juden in das Land ihrer Eltern vielleicht doch so etwas wie ein Zeichen der Treue Gottes? Stimmen wir bei Fehlentwicklungen in Israel in das schon Mode gewordene Israel- Bashing mit ein oder üben wir konstruktive Kritik unter Brüdern und Schwestern?“

Einen höchst informativen Beitrag leistete Dr. George Y. Kohler (Bar-Ilan- Universität / Ramat Gan) mit seinen Ausführungen über die Hintergründe der Entstehung des Reformjudentums mit dem Titel „Die verpasste Rückkehr zum Judentum  – Reformrabbiner über die Reformation im Christentum“. Ausgehend von Moses Mendelssohn, dem „erste[n] moderne[n] jüdische[n] Denker und de[m] letzte[n] Philosoph[en] des Judentums“, skizzierte Kohler die Hintergründe, die zum Reformjudentum führten, und dessen Auswirkungen auf das Judentum. Gleichzeitig zog er Parallelen zur protestantischen Reformation, die sich jedoch bei genauem Hinsehen – in der Zielsetzung wie im Resultat – als gegenläufig zur Intention des Reformjudentums herausstellen.Während die jüdische Reformbewegung sich „zuerst als ein reiner Laienprotest gegen den Massenabfall“ verstand, entwickelte sie sich später zu einer „rabbinisch-theologische[n] Widerstandsbewegung gegen den zunehmenden Identitätsverlust der modernen Juden Westeuropas“.

Die „jüdische Reformation” war keine „Ablehnung und Bekämpfung der alten jüdischen Orthodoxie, sondern sie verstand sich vor allem als ein Heilmittel gegen die religiöse Indifferenz der Moderne“. Dagegen war die Reformation Luthers, so Kohler, „zuerst eine Ablehnung des Katholizismus, der Papstherrschaft, des Priestertums und der Heiligkeit der Kirche“. Und doch zeigte sich auch im Reformjudentum eine Form der Ablehnung: die Bevorzugung der Propheten über den Pentateuch, ein fundamentaler Widerspruch gegen die jüdische Tradition.

Mit Blick auf den Anlass der Veranstaltung in Wittenberg war die Tagung eine Bestätigung, dass die enge Verbindung zwischen Deutschland und Israel nicht auf die Schoa reduziert werden darf. Sogar beide Reformbewegungen, die jüdische und die protestantische, hatten ihren Anfang in Deutschland. Obwohl das Reformjudentum keinen „Reformationstag“ kennt, könne man, so Dr. Klaus Hermann, doch von einer „Geburtsstunde der jüdischen Reformbewegung“ sprechen: dem Tag der feierlichen Eröffnung des ersten „Reformtempels“ am 17. Juli 1810 in Seesen am Harz „mit Glockengeläut, Orgelspiel, [und dem] Gesang von Chorälen“.


Jahrgang 23 / 2016 Heft 1, S. 74−76



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