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Theo Mechtenberg

Hirtenbrief der katholischen polnischen Bischöfe

zum 50. Jahrestag von „Nostra aetate“

Unter dem Titel „Gemeinsames geistiges Erbe von Christen und Juden“ verabschiedete der polnische Episkopat am 6. Oktober 2015 einen Hirtenbrief zum 50. Jahrestag von „Nostra aetate“. Einleitend unterstreichen die Bischöfe die Bedeutung dieser Konzilserklärung für die heutige Welt, indem sie in den allen Religionen eigenen geistigen Elementen das „notwendige Fundament der Einheit menschlicher Gemeinschaft für den Bereich unseres gesamten Planeten“ sehen. Mit „Nostra aetate“ habe sich die Kirche für den interreligiösen Dialog ausgesprochen und sei damit zu einer „prophetischen Stimme“ zu Beginn der Epoche der Globalisierung geworden.

Doch in diesem interreligiösen Kontext besitze der christlich-jüdische Dialog seine Besonderheit. Er resultiere „aus dem Bewusstsein geistiger Verwandtschaft beider Religionen“. Die Juden sind „unsere älteren Brüder“ (Johannes Paul II.) und unsere „Väter im Glauben“ (Benedikt XVI.). So führe eine „Vertiefung des Mysteriums der Kirche zur Begegnung mit den Juden“, und ihr „geistiges Erbe“ sei auch das der Christen.

Der Hirtenbrief wertet „Nostra aetate“ als „wahren Umbruch in den gegenseitigen Beziehungen“ und sieht in dem Konzilstext zugleich „den Weg zu einer Reinigung des Gedächtnisses“ angesichts der durch Feindschaft gegenüber den Juden belasteten Vergangenheit. Als Konsequenz ergebe sich für die Gegenwart die Verurteilung jeglichen „Antijudaismus und Antisemitismus als Sünde gegen die Nächstenliebe“ sowie als „eine die Wahrheit über die christliche Identität zerstörende Sünde“. Daher dulde diese Verurteilung keinerlei Entschuldigung „kultureller, politischer oder ideologischer Art“.

Diese Aussagen sind sehr allgemein gehalten, ohne einen kritischen Bezug zur Situation in Polen. In einem kurzen Passus wird an den Holocaust erinnert, der, von „nationalsozialistischen Deutschen“ verübt, zugleich „Anklage“ und „Herausforderung“ sei. Beklagt wird, dass die Vernichtung der Juden „manchmal auf die Gleichgültigkeit eines gewissen Teils von Christen“ getroffen sei.

„Hätten Christen und Juden in der Vergangenheit eine religiöse Bruderschaft gepflegt, dann hätten mehr Juden Rettung und Hilfe von Seiten der Christen erfahren.“

Umso mehr würden jene Christen „Wertschätzung verdienen, die von den Juden „Gerechte unter den Völkern der Welt“ genannt werden.

Der Hirtenbrief verweist auf die vom „Komitee für den Dialog mit dem Judentum“ initiierten eigenen Initiativen. Erwähnt werden der jährliche „Tag des Judentums“ (17. Januar), verschiedene Begegnungen, die „der gemeinsamen theologischen Reflexion und dem gemeinsamen Gebet“ dienen, sowie die Pflege des Gedächtnisses an die „viele hundert Jahre währende Präsenz der Juden in Polen“.

Doch Polens Bischöfe geben sich mit dem Erreichten nicht zufrieden. Der christlich-jüdische Dialog dürfe „niemals als ‚religiöses Hobby‘ einer kleinen Gruppe Engagierter“ betrachtet werden, „sondern müsse mehr und mehr die Hauptströmung der Pastoral wie Katechese und Wortverkündigung durchdringen“.

Gegen Ende des Hirtenbriefes werden die Gläubigen dazu aufgerufen, sich bezüglich der Juden jeglicher Stereotypen zu enthalten und sich in ihrem Vaterland, in dem es kaum noch Juden gibt, dem Antisemitismus zu widersetzen. Sie sollen sich „der Spuren ihrer Religion und Kultur“, insbesondere ihrer „vernachlässigten Friedhöfe“ annehmen. Mit einem „Dank an die Juden in Polen für ihre Offenheit für Initiativen des Dialogs“ und mit dem Ausdruck der Freude über die „brüderlichen Bindungen, die es erlauben, unser gemeinsames geistiges Erbe immer mehr zu erneuern und zu vertiefen“, schließt der Text.

Es verwundert allerdings, dass dieser Hirtenbrief lediglich im Internet veröffentlicht wurde und nicht zur Verlesung in den Kirchen kam. Das war vor 25 Jahren anders. Auch damals hatten Polens Bischöfe mit einem Hirtenbrief vom 30. November 1990 der Konzilserklärung „Nostra aetate“ gedacht, aber im Unterschied zu heute den Klerus verpflichtet, ihn am 20. Januar im sonntäglichen Gottesdienst zu verlesen. Allerdings kamen nicht alle Priester dieser Aufforderung nach.


Jahrgang 23 / 2016 Heft 1, S. 70 f. 


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