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Reinhold Boschki

Elie Wiesel (1928–2016)

Am 2. Juli 2016 ging ein reiches und langes Leben zu Ende. Elie Wiesel starb an einem Schabbat, der einen Vorgeschmack auf das „Reich des Schalom“ darstellt, das in der jüdischen Tradition voll Sehnsucht erwartet wird. Wiesel lebte in der aktiven und engagierten Erwartung einer Welt mit menschlichem Antlitz – hier auf Erden und darüber hinaus. Für Wiesel, den Überlebenden von Auschwitz, war – wie er oft zu sagen pflegte – „jede Minute eine Zeit der Gnade“, die es zu nutzen gilt, die einen Auftrag bereithält, keine Zeit zu verschwenden, sondern alle Kraft darauf zu verwenden, die Erinnerung an die Katastrophe wach zu halten. Nur sie, die Erinnerung, kann Gegenwart und Zukunft vor einer Wiederholung bewahren: das war die Lebensphilosophie Elie Wiesels.

In seinen Schriften zeichnet Wiesel die Konturen seiner Kindheit und Heimat nach: die Welt des osteuropäischen Schtetl, der Jeschiwot (Tora- und Talmudschulen), der Schtibl (chassidische Gebetshäuser, kleine Synagogen), des Feierns und Tanzens, der chassidischen Erzählungen, der Rebben mit ihren Schülern, der Hingabe an Gott. Jenseits der Romantisierungen und Harmonisierungen beschreibt Wiesel in seinen chassidischen Schriften auch die Armut, die Ausgrenzungen und den alltäglichen Antisemitismus, denen die Juden Osteuropas ausgesetzt waren.

Das zunächst rumänische, ab 1940 ungarische und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder rumänische Städtchen Sighet (deutsch: Marmaroschsiget, rumänisch: Sighetu Marmatiei) am Fuß der Karpaten ist der Heimatort Wiesels. Geboren am 30. September 1928 als Sohn des Kaufmanns Schlomo Wiesel und dessen Frau Sarah Wiesel (geb. Feig), verbringt er dort zusammen mit den älteren Schwestern Hilda und Bea sowie der jüngeren Schwester Tsipora eine relativ unbeschwerte Kindheit. Im Cheder und in der Jeschiwa lernt er Tora und Talmud und widmet sich schon früh dem Studium der jüdischmystischen Schriften der Kabbalah. Die chassidischen Geschichten, die ihm insbesondere sein Großvater Dodje Feig erzählte, wurden für ihn zu einem lebenswichtigen Schatz, der ihn über die Zeit der Verbannung und Todeslager hinaus begleitete.

„Reich der Nacht“

Im Frühjahr 1944 öffnete Ungarn den deutschen Truppen kampflos seine Tore. Gemeinsam mit den ungarischen Behörden begannen die Nationalsozialisten mit der Vernichtung der ungarischen Juden. In seinem Erstlings- und Hauptwerk Un die Welt hot geschwign, das 1956 in Buenos Aires auf Jiddisch1  erschien, beschreibt er die blitzschnelle Ghettoisierung und Deportation der ca. 20 000 Juden seiner Heimatstadt. Dem Hunger und Durst in den hermetisch versiegelten Viehwaggons folgte die „Selektion“ auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau, wo Wiesel von seiner Mutter und seiner Schwester Tsipora für immer getrennt wurde, da die nichtarbeitsfähigen Frauen, Alten und Kranken sofort in den Gaskammern ermordet wurden. Er selbst klammerte sich an seinen Vater, gab sich, obwohl erst fünfzehnjährig, als Achtzehnjähriger aus, um in den mörderischen Arbeitslagern mit knapper Not zu überleben, ebenso wie seine beiden Schwestern Hilda und Bea, die er später wiederfand. Sein Vater starb nach dem Transport der Häftlinge im Winter 1944/45 von Auschwitz ins „Reichsinnere“ an Schwäche und Krankheit im Lager Buchenwald. Dort wurde Elie Wiesel zusammen mit den Mithäftlingen am 11. April 1945 von den amerikanischen Truppen befreit.

Über den Abgrund hinweg

Nachdem Elie Wiesel zusammen mit anderen überlebenden Kindern und Jugendlichen in Erholungslagern in Frankreich erstmals wieder ein menschenwürdiges Leben erfahren durfte, kam er nach Paris, wo er rasch das Französische als zweite Muttersprache erlernte.2  An der Sorbonne studierte er Philosophie, Psychologie und Literatur. Autoren wie Albert Camus, Franz Kafka und Fjodor M. Dostojewski wurden zu Bezugspunkten seiner späteren Literatur. Er begann auch wieder mit dem Studium des Talmud, unter anderem bei dem geheimnisumwitterten Talmudgelehrten Raw Mordechai Shoushanie, der zeitgleich auch der Talmudlehrer von Emmanuel Levinas war. Zahlreiche Begegnungen, Reisen (u. a. nach Israel, Südamerika und Indien), neue Freundschaften waren Wege, um „über den Abgrund hinweg“ wieder am Leben anzuknüpfen, der Verzweiflung zu trotzen und einen Sinn im Überleben zu finden.

Wiesel fand seine Erfüllung im Schreiben: Seine Arbeit als Journalist für verschiedene europäische und israelische Zeitungen und Zeitschriften ermöglichte ihm unzählige Kontakte. 1956 wanderte er nach New York aus, heiratete dort seine Frau Marion, bekam 1972 seinen Sohn Elisha und erhielt eine erste Professur an der City University of New York. 1976–2013 war er Professor of Humanities an der Boston University.Werk


Elie Wiesel.

Quelle: Oregon Jewish Museum and Center for Holocaust Education.

Das reichhaltige literarische Lebenswerk Wiesels kann vier Rubriken zugeordnet werden3 : Zum einen ist es eine Vielzahl von bewegenden autobiographischen Schriften wie Die Nacht (1958), Alle Flüsse fließen ins Meer… (1994) und die letzte Autobiographie …und das Meer wird niemals voll (1996). Ob sich in seinem Nachlass das mehrfach angekündigte autobiographische Buch über seine Lehrer und Freunde befindet, wird die weitere Forschungsarbeit am Gesamtwerk zeigen.

Neben den autobiographischen Schriften begann Wiesel schon früh ein umfangreiches literarisches Werk zu schaffen: fünfzehn publizierte Romane, mehrere Dramen, Gedichte, Lieder und Erzählungen. Keiner seiner Romane handelt von Auschwitz, was seiner dezidierten Meinung nach als literarisches Thema tabu ist. Wiesel lässt in seinen Romanen Überlebende der Lager oder deren Kinder in der Welt der Nachkriegszeit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts nach Wegen suchen, mit den Erinnerungen zurecht zu kommen, die Verzweiflung zu überwinden, neue Hoffnung zu schöpfen. Manchmal gelingt das partiell, bisweilen scheitern seine tragischen Helden oder ihre an Gott gerichteten Fragen und Klagen.

Ein dritter Teil von Wiesels Werk besteht aus einer profunden rélecture biblischer, talmudischer, und chassidischer Schriften, Geschichten biblischer Urgestalten, Propheten, talmudischer Gelehrter oder chassidischer Meister, die er, mit Bezug auf die gesamte jüdische Tradition, insbesondere auf die rabbinische Kommentarliteratur (Midrasch, Raschi etc.) neu erzählt. Implizit ist stets die Erinnerung an die Katastrophe von Auschwitz präsent, wenn beispielsweise Ijob als „Zeitgenosse“ bezeichnet oder Raschi als „Zeuge“ des mittelalterlichen Vorläufers des Holocaust, der Judenpogrome während der Kreuzzüge, beschrieben wird.4

Den vierten und vom Umfang her größten Teil des Gesamtwerks bilden Artikel, Buchbeiträge, Essays, Vor- und Begleitworte, Rezensionen, Kommentare zu aktuellen Bezügen, die teilweise in Sammelwerken publiziert, teilweise noch unveröffentlicht sind. Sie behandeln Themen wie das Gedenken an die Schoa, den zunehmenden Antisemitismus in vielen Ländern, Rassismus, Gerechtigkeit, Menschenwürde und Menschenrechte und das Thema Frieden. Für seinen Einsatz für die Wahrung der Menschenrechte erhielt er im Jahr 1986 den Friedensnobelpreis.

Frage nach Gott und dem Menschen

Wiesels Gesamtwerk kreist sowohl um die Theodizee-Frage angesichts des Grauens von Auschwitz wie auch um die Frage nach dem Menschen, der fähig war, ein solches Grauen anzurichten. Gott ist Objekt der Klage, die zahlreiche – dem biblischen Ijob ähnliche – Romanfiguren in aller Schärfe artikulieren, oder die im Drama als Prozess gegen Gott inszeniert wird. Wiesel stellt sich in die Klagetradition der jüdischen Schriften und zeigt an ihr exemplarisch die jüdische Fähigkeit auf, gegen Gott zu klagen, sich aber dennoch innerhalb des Glaubens zu bewegen. Dies macht sein Werk theologisch reich an Impulsen, weshalb es zum Ausgangspunkt zahlreicher jüdischer und christlicher theologischer Studien wurde.5

Die darin formulierte theologische Herausforderung ist ebenso wie die ethische Frage nach dem Humanum und der Möglichkeit der Realisierung einer menschenwürdigen Welt in unserer Zeit von brennender Dringlichkeit. Beispielsweise ist der Flüchtling, sein Status als Staatenloser ohne schützende Papiere, ein Leitmotiv, das sich durch Wiesels Werk zieht. Er selbst war „unbegleiteter Minderjähriger“, blieb bis zu seiner Einbürgerung in den Vereinigten Staaten im Status des entwurzelten Flüchtlings, was er in gewisser Weise zeitlebens blieb. An derlei Themen zeigt sich, dass das Werk zwar erinnerungsorientiert ist, aber niemals nur rückwärtsgewandt, sondern stets auf Gegenwart und Zukunft ausgerichtet.6

Reinhold Boschki, Tübingen


  1. 1958 erschien die französische Übersetzung La Nuit, 1962 die deutsche Übersetzung Die Nacht. Deutsche Neuausgabe: Die Nacht. Erinnerung und Zeugnis, Freiburg i. Br. 2013.
  2. Vgl. seine zweibändige umfangreiche Autobiographie: Elie Wiesel, Alle Flüsse fließen ins Meer. Autobiographie (Originalausgabe: Tous les fleuves vont à la mer, Paris 1994), Hamburg 1995; ders., ... und das Meer wird niemals voll. Autobiographie 1969–1996 (Originalausgabe: ... et la mer n’est pas remplie. Mémoires 2, Paris 1996), Hamburg 1997.
  3. Für weitere Informationen zu Elie Wiesels Biografie und seinen Publikationen siehe die Homepage der „Forschungsstelle Elie Wiesel“ an der Universität Tübingen und an der Hochschule für Jüdische Studien, Heidelberg: www.elie-wiesel.de bzw. http://www.hfjs.eu /elie_wiesel/home.html.
  4. Elie Wiesel, Raschi. Ein Portrait (Rashi – ébauche de portrait, Paris 2008); aus dem französischen Original übersetzt, mit Quellenangaben, Erläuterungen und einem Nachwort versehen von Daniel Krochmalnik, Freiburg i. Br. 2015.
  5. Vgl. u. a.: Steven T. Katz / Alan Rosen (eds.), Elie Wiesel – Jewish, Literary, and Moral Perspectives, Bloomington/Indiana 2013 (hier umfangreiche weitere Sekundärliteratur).
  6. Um speziell im deutschsprachigen Raum das Gesamtwerk Elie Wiesels für die Nachwelt zu sichern, ist eine wissenschaftliche und kommentierte Publikation seiner wichtigsten Werke erforderlich (die meisten sind nicht mehr lieferbar oder noch nicht ins Deutsche übersetzt). Die Forschungsstelle Elie Wiesel an der Universität Tübingen und der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg versucht einen Beitrag zur wissenschaftlichen Sicherung des Werks in Kooperation mit der internationalen Elie Wiesel-Forschung zu leisten. Die Nachfolgezeitschrift des „Freiburger Rundbrief“ wird als „Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung im Kontext“ die erste Nummer im Jahr 2017 dem Werk von Elie Wiesel widmen.

Jahrgang 23 / 2016 Heft 4, S. 307−311.


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