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Mordechai Rotenberg

The Psychology of Tzimtzum

Self, Other, and God

Maggid Books, Jerusalem 2015. XVI und 139 Seiten. Rezension von Yizhak Ahren, Jerusalem.

In unseren Tagen gibt es zahlreiche Formen der Psychotherapie, die von verschiedenen Theorien über seelische Störungen abgeleitet sind. Einen originellen Ansatz hat der in Jerusalem wirkende Professor Mordechai (Manfred) Rotenberg (1932 in Breslau geboren) entwickelt, der als „Vater einer jüdischen Psychologie“ bezeichnet worden ist. Gestützt auf Martin Bubers Dialog-Lehre und auf die Interpretation kabbalistischer und chassidischer Auffassungen, hat Rotenberg ein Behandlungskonzept vorgelegt, das bereits in der Praxis erprobt worden ist. In Israel existiert ein Ausbildungszentrum, in dem die Rotenbergsche Therapie gelehrt wird. Eine kompakte Einführung in das Modell von Rotenberg ist jetzt aus dem Hebräischen ins Englische übersetzt worden: „The Psychology of Tzimtzum“.

Der Schlüsselbegriff „Tzimtzum“ (Zimzum) ist ein Terminus aus der kabbalistischen Lehre Rabbiner Isaac Lurias (1534–1572), der aussagt, dass der erste göttliche Schöpfungsakt eine Handlung der „Selbsteinschränkung“ (hebr.: Tzimtzum) war, damit die Welt überhaupt existieren konnte. Rotenberg folgt chassidischen Autoren und spricht von Tzimtzum nicht nur im Bereich der Kosmologie, sondern auch auf dem Gebiet des menschlichen Verhaltens. In Nachahmung des Schöpfers sollte auch der Mensch sich selbst beschränken.

Bei näherer Betrachtung erweist sich diese Selbsteinschränkung als eine Voraussetzung für gut funktionierendes Lebensgeschehen. Stets sind im menschlichen Leben verschiedene Bereiche aufeinander angewiesen; diese müssen sich gegenseitig Raum gewähren – sonst entstehen Störungen unterschiedlicher Art, die im Extremfall nur durch eine Psychotherapie zu beheben sind. Das Wissen um die Notwendigkeit von Tzimtzum hilft dem Therapeuten, Schwierigkeiten des jeweiligen Falles zu erkennen und gemeinsam mit dem Patienten eine positive Entwicklung in Gang zu setzen.

Das Grundprinzip der Selbsteinschränkung spielt in verschiedenen Bereichen eine Rolle, die Rotenberg sorgfältig beschreibt. In seinen Ausführungen zitiert und interpretiert der Autor eine Fülle rabbinischer und chassidischer Quellen; er hebt Momente hervor, die für ein psychologisches Behandlungskonzept wichtig sind. Es ist spannend zu sehen, wie Rotenberg die aus Midrasch, Kabbala und Chassidismus herausgearbeiteten Merksätze in sein Behandlungsmodell einzuordnen versteht. Weil der Leser leicht die Übersicht über die „Werkzeuge“ im Behandlungszimmer verlieren kann, war es eine sehr gute Idee, im Anhang eine Art Repetitorium zu bringen; dieses Glossar haben Baruch Kahana und Michal Fachler verfasst.

Schon in früheren Veröffentlichungen hat Rotenberg Freuds Psychoanalyse als Gegenbild zu seiner Tzimtzum-Lehre angeführt und die Freudsche Psychologie kritisiert, weil sie einen Ausgleich zwischen den beteiligten Bereichen nicht für möglich halte. Diese Kritik, die im vorliegenden Werk mehrmals wiederholt wird, hat den Schreiber dieser Zeilen nicht überzeugt. Rotenberg kommt nämlich immer wieder auf die bekannte Ödipus-Sage zu sprechen, die er einseitig auslegt. Die vom Kritiker überhaupt nicht erwähnte „Traumdeutung“ und andere Publikationen Freuds zeigen aber ganz klar, dass der Begründer der Tiefenpsychologie das Prinzip der Selbstbegrenzung immer in Rechnung gestellt hat: Die verschiedenen Instanzen, von denen Freud spricht, brauchen einander und müssen sich daher einschränken.

Aus Rotenbergs 2012 veröffentlichter Autobiographie wissen wir, dass er kein ausgebildeter akademischer Psychologe ist. Es waren seine Erfahrungen als Sozialarbeiter, die ihn zum Nachdenken über psychologische Fragen gebracht haben. Rotenbergs Therapie-Konzept ist also das Werk eines äußerst tüchtigen und mutigen Autodidakten. Als Anerkennung für sein Werk wurde Rotenberg im Jahre 2009 der angesehene Israel-Preis für Sozialarbeit verliehen.

Yizhak Ahren, Jerusalem


Jahrgang 23 / 2016 Heft 4, S. 305 f.


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