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Imre Kertész

Der Betrachter

Aufzeichnungen 1991–2001

Aus dem  Ungarischen von Heike Flemming und Lacy Kornitzer. Rowohlt  Verlag,  Reinbek 2016. 254 Seiten. Rezension von Stefan Berkholz, Berlin.

Vom ungarischen Literaturnobelpreisträger Imre Kertész  (1929–2016) liegen nun in vier Bänden seine Aufzeichnungen über einen Zeitraum von beinahe fünfzig Jahren vor. Im „Galeerentagebuch“ von 1993 versammelte der am 31. März 2016 verstorbene Schriftsteller Notizen aus den Jahren 1961 bis 1991. Die letzte Lücke ist nun mit den Aufzeichnungen von 1991 bis 2001 unter dem Titel „Der Betrachter“ geschlossen worden. Diese Aufzeichnungen  spiegeln jenen Zeitraum wider, in dem Imre Kertész mit über sechzig Jahren endlich die erhoffte Anerkennung bekam. Sein Werk wurde in Westeuropa bekannt, seine Bücher wurden weltweit übersetzt. Seine Popularität wuchs, er erhielt Preise und Auszeichnungen.

„Ich bin voller Schmerz – voller Leben“ erkennt Kertész zu Beginn dieser Aufzeichnungen, Ende 1991. Da ist sein Schicksal als Davongekommener  von Auschwitz und Buchenwald; seine angenommene Schuld als Überlebender; die Missachtung als Schriftsteller und Brandmarkung als Jude in seiner ungarischen Heimat, in der Antisemiten zunehmend die Oberhand gewinnen und ihn wieder zum Fremden abstempeln. 1995 schreibt er in seinen Aufzeichnungen:

„[...] ich bin Jude, Eklektiker, Existentialist, Religionsloser, Gläubiger, exilierter Umherziehender, der zu Hause nicht zu Hause ist, dessen einzige Identität die Identität im Schreiben ist, dessen Schaffen sich von der Sprache, in der es entsteht, loslöst, dort auf Wirkung stößt, wo Menschen ihm zuhören und ihm ihr Herz öffnen [...].“

Kertész beklagt „die Allerweltsdummheit“, die ihn „wie ein erstickendes Federbett“ umgebe, die Kulturlosigkeit in der Geschäftswelt; er befürchtet, „daß die Kunst völlig überflüssig geworden ist“; er fragt sich besorgt, wie der Mensch heute geprägt wird, welche Stimmungen sich heute beispielsweise bei einem Kind zu späterer Erinnerung verfestigen; er beklagt den „Sprachverfall“. Er registriert seine Depressionen als Antrieb für seine Kreativität, die ihn rette; er versteht sein Schreiben als Selbsterhalt und Gegenwehr, als einzigen Weg, sich zu befreien.

„Wollte ich von außen definieren, ‚warum ich schreibe‘ (was freilich nicht viel Sinn hätte), so würde ich sagen, um unsere Seelen zu retten und zur Flucht aus jener geistigen Fatalität zu helfen, die von der Politik, der Wirtschaft und der mit ihnen eng verknüpften Ideologie hervorgebracht wird – um zumindest für einen Augenblick heimzufinden aus Unmenschlichkeit, Fremdheit, Exil; heim – das bedeutet unser eigenes Leben und unseren Tod.“

Sein Dasein beschreibt er „auf verlorenem Posten“, die „Absurdität“ seiner Existenz, das Abgeschottetsein als Schriftsteller, das Leben allein für sein Werk, wozu eben auch diese Aufzeichnungen zählen. Und dann äußert er sein blankes Entsetzen darüber, sich nicht verständlich machen zu können, allein zu bleiben, einsam unter Blinden und Gehörlosen in seiner Heimat Ungarn. Im April 1994 heißt es:

„Es ist vollkommen offensichtlich, daß ich hier keinen Platz habe – formulieren wir es genauer: daß mein Platz nicht in der ungarischen Literatur ist. Die ungarische Literatur hat mich bereits verstoßen, als ich zu schreiben anfing.“

Die christliche Kultur sei in Auschwitz an ein Ende gekommen, schreibt Kertész,

„heute leben wir die Auschwitz-Kultur. […] Auschwitz ist die Manifestation des Erlöschens einer zweitausendjährigen Kultur.“

Juden und Nichtjuden trenne nicht die Verschiedenheit von Religion und Kultur

„sondern die psychische Auswirkung der Tatsache, daß man die Juden mit Ausrottung bedroht hat und sie zum Teil auch ausgerottet worden sind“.

Kertész beschreibt seine hohe Moral und seine überbordenden Ansprüche an sich selbst; seine ihn marternden Gedanken über das Nichtsein und den Tod; seine verzweifelten Versuche, die „Sterblichkeit zu begreifen“, zu „begreifen, daß der Mensch nur eine flüchtige Erscheinung“ und nicht der Tod das Außergewöhnliche ist, sondern das Leben.

„Ich sehe keinerlei Zusammenhang zwischen meinem Leben und meinem sogenannten Werk; vielleicht bin gar nicht ich es gewesen, der es geschrieben hat. Das ist jedoch, sagen wir mal, nicht wahrscheinlich. Doch ich glaube nicht genug an … ja, an was? An meine Existenz. Die Ereignisse – gestern Scheitern, heute Erfolg – sind geisterhaft; mein Leben ist geisterhaft; ich erlebe es nicht genug, ich bin quasi nur der Betrachter des Ganzen.“

„Der Betrachter“, so hat der Verlag Kertész’ Aufzeichnungen von 1991 bis 2001 betitelt. Noch einmal können wir hier der Entwicklung seiner Philosophie folgen; können Einblick nehmen in die geistige Werkstatt eines großen Zweiflers und Einzelgängers. Über Moral und Ethik und den Glauben an Gott schreibt er. Über die Liebe als einzigen Wert auf dieser Erde. Über Auschwitz als Symbol und Brandzeichen. Über seine Schriftstellergötter: vorneweg sein Landsmann Sándor Márai, dann Thomas Mann, Albert Camus, Franz Kafka, Thomas Bernhard.

„Meine Kultur ist der Holocaust als Kultur. [...] Meine Wurzeln liegen in Auschwitz und der Offenbarung des Johannes, außerdem in den großen apokalyptischen Werken, den Werken von Nietzsche, Camus, Kafka, Beckett, legiert mit der verfeinerten bürgerlichen Kultur, wie man sie in den Romanen Thomas Manns, Goethes, Prousts findet.“

Kertész betreibt in seinen (von Heike Flemming und Lacy Kornitzer vorzüglich übersetzten) Aufzeichnungen „radikale Ich- und Gesellschaftsanalyse“, – ein überwältigendes Zeugnis seines Strebens nach Wahrhaftigkeit. Ein feinsinniger, dünnhäutiger, traumatisierter und zugleich „selbst-süchtiger“, weil schöpferischer Schriftsteller entlarvt unsere Welt als Wolfsgesellschaft, als amoralische Mördergrube. Das macht diese Aufzeichnungen auch für die Gegenwart unersetzlich.

Stefan Berkholz, Berlin


Jahrgang 23 / 2016 Heft 4, S. 303−305.


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