Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Rezensionen ab Jg. 2001 > 1519  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Katharina von Kellenbach

The Mark of Cain

Guilt and Denial in the Post- War Lives of Nazi Perpetrators

Oxford University Press,  Oxford/New York 2013. 287 Seiten. Rezension von Jutta Koslowski,  Gnadenthal.

Wer dieses Buch liest, muss sich auf erschütternde Einsichten gefasst machen. Auch wer schon mit Aspekten des NS-Terrorregimes vertraut ist, wird Neues – und Verstörendes – erfahren.

Katharina von Kellenbach, Professorin für Religious Studies am St. Mary’s College in Maryland/USA, legt mit dieser Untersuchung Ergebnisse mehrerer Forschungsaufenthalte in verschiedenen Ländern vor. Da sie selbst aus Deutschland stammt, konnte sie das Archivmaterial in der Originalsprache auswerten. In ihrem Vorwort legt sie offen, dass ihr Forschungsinteresse auch aus persönlicher Betroffenheit resultiert: Ihr Onkel Alfred Ebner war als stellvertretender Gebietskommissar der SS verantwortlich für das Massaker an den Juden in der ukrainischen Distrikthauptstadt Pinsk, das zwischen dem 29. Oktober und dem 1. November 1942 stattfand. Innerhalb von drei Tagen wurden durch Erschießungen etwa 30 000 Menschen ermordet – hauptsächlich Frauen und Kinder. Wer mit einer solchen Schandtat eines Angehörigen konfrontiert wird, gerät in ein Dilemma.

In dieser Situation sind drei unterschiedliche Reaktionen möglich: Loyalität mit den Angehörigen – um den Preis der Verdrängung von Schuld; Dissoziierung von der eigenen Familie – um den Preis der Verleugnung der Identität; oder der mühevolle Versuch, sich der familiären Vergangenheit zu stellen. Katharina von Kellenbach hat diesen Weg gewählt. Ihr Buch legt eindrucksvoll davon Zeugnis ab.

In acht Kapiteln setzt Kellenbach sich mit den unterschiedlichen Facetten ihres Themas auseinander: Im einleitenden Kapitel „Das Zeichen des Kain“ entfaltet sie die These, dass das Kainsmal (vgl. Gen 4,15) als Symbol für einen glaubwürdigen Umgang mit Schuld dienen kann: Es reicht nicht aus, Schuld „bedingungslos“ zu vergeben (so wie es in der christlichen Theologie jahrhundertelang verkündet worden ist). Eine Wahrnehmung für die Perspektive der Opfer und echte Betroffenheit über das ihnen zugefügte Leid ist auf Seiten der Täter notwendig, damit Schuld aufgearbeitet werden kann. Das Kainsmal steht für einen offenen Umgang mit Schuld: der Täter muss dauerhaft mit ihr leben – und bekommt dennoch die Chance auf einen Neuanfang zugesichert. Dass genau dies bei den Nazi-Verbrechen nicht geschehen ist, belegt Kellenbachs Buch auf bestürzende Weise.

Im zweiten Kapitel, „Schuldbekenntnisse und Amnestieforderungen“, setzt sie sich mit der Rolle der Kirchen unmittelbar nach Kriegsende kritisch auseinander:

„Predigten und Gesprächskreise in Internierungslagern bedienten ebenso wie offizielle kirchliche Verlautbarungen die gefährliche Vorstellung von ,Kollektivschuld‘, indem sie die allgemeine Sündhaftigkeit des Menschen betonten und ein diffuses Gefühl von gemeinsamer Schuld vermittelten, welches den einzelnen Tätern ermöglichte, ihre persönliche Verantwortung zu verleugnen. Diesen frühen Debatten über die Schuldfrage lag die unausgesprochene Erwartung zugrunde, dass aus jedem Schuldbekenntnis der Anspruch auf Vergebung und auf Befreiung von der Last der Vergangenheit resultiert“ (28).

Im dritten Kapitel, „Glauben unter dem Galgen“, werden die letzten Worte von Kriegsverbrechern analysiert, die diese unmittelbar vor der Vollstreckung der Todesstrafe äußerten. Die Exekutionen wurden unter amerikanischer Militärregierung in Landsberg am Lech von 1945 bis 1951 an insgesamt 285 Personen vollstreckt. Unter den dokumentierten letzten Worten finden sich nur drei Äußerungen, in denen Bedauern über die begangenen Taten zum Ausdruck gebracht wird. Alle drei stammen von gewöhnlichen Kriminellen. Die Nazi-Täter dagegen starben im ungebrochenen Glauben an ihre eigene Unschuld mit dem militaristischen Gestus des Heroismus.

Das vierte Kapitel vergleicht unter der Überschrift „Gereinigt durch Schuld?“ den Lebensweg von Oswald Pohl, einem hochrangigen General der Waffen-SS, der für die wirtschaftliche Organisation sämtlicher NS-Lager verantwortlich war, mit dem Schicksal der Kapo-Frau Klara Pförtsch: Sie ist die einzige Person in der Untersuchung von Kellenbachs, bei der die Unterstützung eines Gnadengesuchs durch den Gefängnispfarrer abgelehnt wurde, da sie als „wahre menschliche Bestie“ galt (97). Es ist wohl kein Zufall, dass es sich hier um eine Frau handelt, denn weibliche Gewalttätigkeit war eine Ausnahme und erregte besonderen Anstoß. Mehr als zwanzig Jahre ihres Lebens hatte Pförtsch in den unterschiedlichsten Gefängnissen verbracht. Ihre Persönlichkeit war gebrochen durch die Schuld, die sie erlebt und begangen hatte. Im Kontrast dazu steht Oswald Pohl, der seinen Lebensweg unter Mithilfe des Gefängnisseelsorgers Karl Morgenschweis in der Autobiografie „Credo: Mein Weg zu Gott“ aufgezeichnet hat. Er schreibt, dass die „Schuld“ eine „Läuterung“ für ihn gewesen sei (94) – und spricht dennoch von „Schuld“ stets nur in Anführungszeichen und in Form rhetorischer Fragen.

Kapitel fünf, „Von ehrenwerten Opfern und einsamen Sündenböcken“, befasst sich mit der veränderten Selbstwahrnehmung von NS-Verbrechern in den 60er Jahren: Noch immer waren sie von ihrer Unschuld überzeugt, konnten dabei aber immer weniger auf gesellschaftliche Akzeptanz zählen.

Im sechsten Kapitel, „Schuld erben“, wird ein 77-seitiger Brief analysiert, den Artur Wilke im Jahr 1966 seinem Sohn anlässlich von dessen 17. Geburtstag schrieb. Wilke war an Massenerschießungen von Juden in Minsk (Weißrussland) beteiligt. Der Vater möchte seine Glaubwürdigkeit gegenüber seinem Sohn durch vermeintliche Offenheit erhalten; in der Tat ist in dem langen Text vielfach von „Fehlern“ (seltener auch von „Sünde“) die Rede. Und doch ist auch dieses Selbstzeugnis sehr unbefriedigend, denn die Auseinandersetzung mit Schuld bleibt gewunden, allgemein und abstrakt, – ohne das Leid der Opfer in den Blick zu nehmen.

Das siebte Kapitel behandelt unter dem Titel „Natürlich werde ich an der Seite meines Mannes stehen“ die Rolle der Ehefrauen von angeklagten und verurteilten Nazi-Verbrechern. Viele von ihnen waren schon vor ihrer Heirat einer minutiösen ideologischen Überprüfung unterzogen worden, und tatsächlich standen sie auch nach 1945 an der Seite ihrer Ehemänner, ohne deren Vergehen in Frage zu stellen oder Betroffenheit darüber zu äußern. Auch hier spielte die Begleitung durch Seelsorger eine verhängnisvolle Rolle, denn unter Verweis auf die Unauflöslichkeit der christlichen Ehe ermahnten diese die Frauen, ihrem Mann unter allen Umständen „die Treue zu halten“.

Im letzten Kapitel, „Erinnerung als Last und als Gnade“, wird schließlich der Lebensweg von zwei NS-Tätern nachgezeichnet, die nach dem Krieg eine kirchliche Laufbahn einschlugen: Matthias Defregger war Weihbischof der Erzdiözese München und Freising, als 1969 durch eine Reportage des Magazins Der Spiegel öffentlich gemacht wurde, dass er 1944 in dem italienischen Dorf Filetto di Camarda die Erschießung von 17 Gefangenen angeordnet hatte. Auch hier ist es schockierend, wie die kirchliche Obrigkeit (in diesem Fall Kardinal Döpfner) ihn deckte. Defregger leugnete seine Tat nicht, berief sich aber darauf, dass er sie im Sakrament der Beichte bekannt habe und ihm hierfür die Absolution erteilt worden sei. Eine Versöhnung mit den Bewohnern des Dorfes und den Angehörigen der Opfer hielt er nicht für erforderlich. Auf Druck der empörten Öffentlichkeit wurde ihm von der Diözese eine andere Tätigkeit zugewiesen.

Einen anderen Umgang mit der schuldhaften Vergangenheit hat Otto Zakis gewählt, der bereits im Alter von 16 Jahren zur SS gekommen war und in den Konzentrationslagern Buchenwald und Majdanek eingesetzt wurde. Schon dort erlebte er Momente des Erschreckens über die verübten Verbrechen und bemühte sich – vergeblich – um seine Versetzung. Nach dem Krieg arbeitete er zwei Jahre in einem belgischen Kohlebergwerk und verstand diese Zeit als selbstauferlegte Buße. Anschließend wurde er evangelischer Pfarrer in Frankreich. 1972 musste er in Düsseldorf im Prozess über die Verbrechen in Majdanek aussagen und beeindruckte dabei durch die (in solchen Verfahren selten zu beobachtende) Offenheit und Bereitschaft zur Selbstkritik. Doch auch Zakis kann nicht als ein positives Beispiel dienen. Für ihn scheint sein Schuldbekenntnis vor Gericht nicht der Anfang, sondern das Ende einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit gewesen zu sein. Denn anschließend konstatiert er:

„Bis 1972 beschäftigte mich meine Vergangenheit mächtig. Aber dann wurde ich diese Dinge los, besonders diejenigen, die mich persönlich betroffen hatten, und ich habe mich auch innerlich von diesen Sachen abgewandt und mich auf meinen Beruf konzentriert. [...] Ich bezweifle immer mehr [...], ob wir Menschen verantwortlich sein können für Sachen, die weit in der Vergangenheit liegen – ob sie wirklich – ob diese Dinge bedeutsam bleiben – für mich kam diese Angelegenheit 1972 zu Ende. Ich habe einen Beruf und Familie“ (202).

Noch im Jahr 2008, als von Kellenbach für ihre Recherchen ein längeres Telefonat mit Zakis führte, beendete er dieses mit den Worten, er fühle sich nicht schuldig, denn

„ich habe niemanden erschossen. Heute sehe ich mich selbst im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1941 bis 1945 als Opfer und nicht als Täter“ (ebd.).

Katharina von Kellenbach legt mit diesem mutigen Buch einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit vor – und darüber hinaus zur theologischen Reflexion der für den christlichen Glauben so grundsätzlichen Frage von Schuld und Vergebung. Eindrücklich zeigt sie, dass Vergebung nicht ohne Reue möglich ist. Eine baldige Übersetzung ins Deutsche ist diesem Buch sehr zu wünschen!

Jutta Koslowski, Gnadenthal


Jahrgang 23 / 2016 Heft 4, S. 299−302.


top