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Claudia Meretz

Späte Midraschim zu Mose

Eine Analyse rabbinischer Exegese des Midrasch Petirat Mosche (Teil 2)

Im ersten Teil  des Artikels wurde vor allem das rabbinische Bild Moses in der unvollständig erhaltenen Fassung Moses Größe aufgezeigt.1  Der zweite Teil wird sich nun mit der wesentlich umfangreicheren Version Moses Tod beschäftigen.

Der Midrasch „Moses Tod“

Den Rahmen des Midrasch Moses Tod bilden die Zitate Dtn 33,1 sowie Dtn 34,10–12, womit der Bezug auf die Thora-Lesung für das jüdische Fest Simchat Thora hergestellt ist, für welches der Text verfasst wurde.2  Es fließen jedoch auch andere Elemente aus dem Fünften Buch Mose in den Midrasch ein. So kann zum Beispiel festgestellt werden, dass mit Dtn 3,23–28 eine genaue Beschreibung eines großen Teils des Inhalts vorliegt: Mose darf das verheißene Land sehen, jedoch nicht betreten; Gott lässt keine Widerrede zu; Josua wird als rechtmäßiger Nachfolger angeführt. Auf dieser Grundlage zeigt der Midrasch eine minutiöse Aufzeichnung des letzten Tages im Leben des großen Gesetzeslehrers. Dabei liegt ein inhaltlich sehr verdichteter Text mit fließenden Übergängen vor. Es handelt sich um eine „Art von Kompilation [...],die Traditionselemente ganz verschiedener Herkunft und aus unterschiedlichen Epochen zusammenträgt“.3  Viele Parallelen finden sich in der rabbinischen Literatur: Mischna, Talmud, Midraschim sowie Pijjutim zu den unterschiedlichsten jüdischen Festen.

Die Gestalt Mose unterliegt hierbei einem stetigen Wechsel. Zu Beginn noch in passiver Rolle4, wird Mose mit seinem aktiven Auftreten zunächst stur und uneinsichtig, aber auch ängstlich dargestellt. Seine Angst beruht jedoch vielmehr auf seinem Fehlen in der Welt – denn wer setzt sich von nun an vor Gott für das oft halsstarrige Volk Israel ein? Bis kurz vor seinem Tod versucht Mose daher immer wieder Gott umzustimmen, damit er ihn am Leben lasse. Der Verfasser fügt fortwährend neue Elemente hinzu und zögert somit den Tod – auf dem Papier – bewusst hinaus, um das Leben Moses und damit einhergehend seine Taten zu rekapitulieren und gleichzeitig den großen Gesetzeslehrer zu ehren. Indem Mose einsichtig wird, verändert sich auch sein Bild und zeigt mehr und mehr seine wahre Größe.

Moses Gebet

„Als Mose sah, dass über ihn der Gerichtsbeschluss besiegelt worden war, legte er sich Fasten auf, stellte sich hin zum Gebete und sprach: Ich weiche nicht von hier, bis du den ganzen Gerichtsbeschluss aufhebst. Was machte Mose? Er hüllte sich in Sack, bestreute sich mit Asche, stand vor dem Heiligen, geb. sei er! im Gebet 15 mal, bis Himmel und Erde und alle Gebilde der Schöpfung erbebten […] Was machte der Heilige, geb. sei er!? Er ließ in dem ganzen Himmel und in allen Gerichtshöfen des grossen (himmlischen) Gerichtshofes [...] bekannt machen, dass sie die Gebete Moses nicht annehmen sollten; kein Engel soll Moses Gebet vor mich bringen, weil ich den Gerichtsbeschluss zum Tode über ihn besiegelt habe. [...] In jener Stunde erzitterten Himmel und Erde und alle Grundfesten der Erde und alle Gebilde der Schöpfung wegen des Gebetes Moses, das einem Schwerte glich, das zerreisst und zerschneidet und nicht innehält, weil das Gebet Moses dem unaussprechlichen Gottesnamen glich, den er aus dem Munde seines Lehrers, des Engels Zagzagel gelernt hatte [...]“ (S. 145).

Das tiefe und innige Gebet Moses stellt einen weiteren Versuch dar, Gott in seiner Absicht noch umstimmen zu können. Dabei wirkt die Szene leicht ambivalent, wenn sich Mose bewusst reumütig in Sack und Asche hüllt, sich Fasten auferlegt und tief im Gebet versunken ist. Es ist das Bild eines Trauerrituals. Das Fasten kann hierbei als ein Zeichen der Trauer über den bevorstehenden Tod sowie als ein Zeichen der Not mit der Bitte um ein positives Eingreifen Gottes verstanden werden.5  Auch das Anlegen eines Trauergewandes und das Bestreuen mit Asche sollen der Situation Moses Ausdruck verleihen.6  Gleichzeitig kann diese Szene auch als „Tschuva“, als eine Umkehr zu Gott, betrachtet werden, welche ihren Ursprung in den Trauerriten hat.7  Bereits in den Sprüchen der Väter (Pirke Avot) findet sich die Aussage: „[B]ekehre dich einen Tag vor deinem Tode [...]“ (mAvot 2,10). Der Unterschied jedoch ist, dass Mose – im Gegensatz zu anderen Menschen – seinen Todestag kennt und sich rechtzeitig bekehren kann.

Das Gebet Moses ist so stark und inbrünstig, aus tiefster Seele kommend, dass selbst Himmel und Erde beben. Es wird dabei mit einem scharf geschliffenen Schwert verglichen, das verletzt und den Hörenden Schmerzen bereitet. Viel mehr noch gleicht es dem unaussprechlichen Gottesnamen, was dem Gebet eine Stärke von hohem Ausmaß verleiht. Der Engel Zagzagel wird hierbei als Lehrer Moses angeführt, von dem er den unaussprechlichen Gottesnamen gelernt hat. Zagzagel gilt als Engel der Weisheit sowie des brennenden Dornbuschs (vgl. Ex 3,2). Neben Mose unterrichtet Zagzagel auch Engel8 , womit auch dieser Verfasser die Besonderheit Moses hervorhebt.

Da Gott um die Kraft dieses Gebetes weiß und das Urteil bereits beschlossen ist, soll das Gebet Moses nicht angenommen werden – auch wenn es die „Grundfesten der Erde“ (S. 145) erschüttert.

Mose wird in diesem Abschnitt demütig und reuevoll dargestellt. Sein Gebet dringt bis in die tiefsten Himmel, es lässt das gesamte Universum erzittern – und noch immer will er seinen Tod nicht akzeptieren. Im weiteren Verlauf des Midrasch heißt es denn auch: „Wo ist jetzt mein Lohn von den 40 Jahren [...]?“ (S. 146). Der Verfasser möchte ein detailliertes Bild des Gesetzeslehrers aufzeigen und ihm Ehre erweisen. Sein Lohn erwartet ihn in der kommenden Welt (vgl. S. 146). Doch bereits in seinem diesseitigen Leben war ihm viel gegeben, sodass Mose im vorliegenden Midrasch langsam auf den Weg zur Akzeptanz seines unvermeidlichen Todes geführt wird.

‚Countdown‘ – Moses letzte Stunden

Mit dem Hinweis auf ein Weiterleben in der kommenden Welt und dass sein Licht nicht schwinden wird (vgl. S. 146), naht nun endgültig Moses Todesstunde. Unterdessen gibt ihm die Himmelsstimme (Bat Kol) einen entsprechenden Hinweis: Mose hat nur noch diesen einen Tag zu leben und soll ihn daher sinnvoll nutzen. Der siebte Adar gilt dabei traditionell als Moses Geburts- und Todestag.9  Die erzählerische Darstellung und Ausschmückung der letzten Stunden Moses erstreckt sich indes (in der deutschen Übersetzung) über etwa zehn Seiten des Midrasch (vgl. S. 148–157).10

Im Folgenden beginnt nun der ‚Countdown‘ der noch verbleibenden fünf Stunden, dessen Verlauf durch die Himmelsstimme stündlich bekannt gegeben wird. Wie in einem Protokoll listet der Verfasser dabei die letzten Taten Moses auf. Zunächst wird Josua als rechtmäßiger Nachfolger erkannt.

„Eine Tochterstimme11  aber ging hervor und sprach zu Mose: Du hast nur noch fünf Stunden zu leben. Sogleich schrie Mose und sprach zu Josua:Setze dich wie ein König vor dem Volke, und sie trugen beide wie einer vor ganz Israel vor. [...] Mose las, und Josua erklärte. Den Schriftvers, welchen Mose vorlas, erklärte Josua, und es war keine (Meinungs-)Verschiedenheit zwischen ihnen in dieser Sache, und ihre Worte stimmten wie eins überein, gleich der Perle der Könige“ (S. 151 f.).

Dass Josuas Erklärungen und Auslegungen der Heiligen Schrift mit denen Moses übereinstimmen, ist von hoher Bedeutung und zentraler Wichtigkeit. Es soll sichergestellt werden, dass Josua, der Nachfolger Moses, seiner Aufgabe auch wirklich gerecht wird und ihn entsprechend ersetzen kann, sodass die jüdische Religion am Leben bleibt und ihre Früchte in den kommenden Generationen trägt. Ferner wird hierdurch gezeigt, dass sich das (rabbinische) Judentum nicht allein an Mose orientiert. Dies verdeutlicht auch die spätere Sterbeszene Moses, bei der „ihm (Mose) die Schätze der Weisheit genommen und dem Josua gegeben [werden]“ (S. 157) und Mose daraufhin nicht mehr weiß, „was Josua sprach“ (ebd.).

Bei nur noch vier verbleibenden Stunden fleht Mose erneut Gott an, doch über den Jordan ziehen zu dürfen. Dabei werden Elemente, beziehungsweise Vorschläge angeführt, die den großen Gesetzeslehrer doch etwas lächerlich wirken lassen: Mose als Vogel oder Fisch oder ihn gar „Glied für Glied“ (S. 152) zerschnitten über den Jordan zu werfen, um anschließend wieder zum Leben erweckt zu werden. Der Phantasie sind anscheinend keine Grenzen gesetzt, und dies bestätigt die zu Beginn erwähnte These, dass der Midrasch für das einfache jüdische Volk zum Trost in der eigenen Sterbestunde verfasst wurde.

Eine Bitte wird Mose nun aber doch gewährt, und der Text orientiert sich dabei mit Dtn 32,48–52 erneut an der biblischen Vorlage: Mose wird das verheißene Land sehen – aber nicht hinübergehen (vgl. S. 153).

So wagt Mose auch in der drittletzten Stunde noch einen Versuch, und diesmal zeigt sich ein indirekter Bezug zum biblischen Text: Mose möchte – wie die Stämme Ruben, Gad und Manasse – „nicht über den Jordan ziehen“ (Num 32,5), dafür jedoch am Leben bleiben. Der Verfasser zeigt noch immer einen ängstlichen Mose, der nichts unversucht lässt, am Leben bleiben zu dürfen, und sei es außerhalb des verheißenen Landes. Parallel dazu werden wichtige Angelegenheiten geregelt wie etwa die Einsetzung Josuas als Moses Nachfolger, sodass in diesen Szenen der Tod Moses absehbar erscheint.

In der vorletzten Stunde treten nun auch zwei Engel in Erscheinung, die jeweils unterschiedlich mit der Nachricht von Moses Tod umgehen (vgl. S. 154): Michael, als Schutzengel Israels12 , der um Mose weint, und Sammael, als Todesengel, der den Tod Moses mit großer Freude erwartet, „um vielleicht seine Seele in Empfang zu nehmen wie die der übrigen Menschenkinder“ (S. 154). Der Engel Sammael wird erstmalig im Targum Jonathan (zu Gen 3,6) als Todesengel bezeichnet. Spätere Aggadot, vor allem die Legenden zum Tod Moses, übernehmen diese Zuschreibung Sammaels.13

Die letzte Stunde in Moses Leben ist herangerückt, und wieder finden sich enge Parallelen zum biblischen Text. So segnet Mose die Stämme Israels (vgl. Dtn 33) und erklärt nun Josua offiziell zu seinem Nachfolger (vgl. Dtn 31).14  Mit einem Rückbezug auf den Beginn des Midrasch bittet Mose sein Volk, an ihn und seine Gebeine zu denken (vgl. S. 156). Dass sein Grab unbekannt bleiben wird, ist zu diesem Zeitpunkt der Erzählung noch nicht klar. Der Verfasser stellt hier einen Bezug zu Joseph her, der vor seinem Tod dieselbe Bitte äußerte.

Mose ist aber noch immer nicht tot, und der Verfasser zögert mit einer weiteren Zeit-Teilung in eine halbe Stunde und in anderthalb Augenblicke die Sterbestunde hinaus. Dabei nimmt er nun Gefühlselemente hinein: Sowohl das Volk als auch Mose weinen und vollziehen ein Trauerritual. Das Volk erhebt ein „großes und bitteres Geschrei“ (S. 156), Mose zerreißt sein Hemd und bedeckt sein „Haupt wie ein Trauernder“ (S. 157). Auch diese Szene soll nicht nur dem jüdischen Leser in seiner eigenen Sterbestunde Beistand leisten, sondern auch dem großen Gesetzeslehrer einen würdigen Abschied zugestehen.

Dem Midrasch folgend schreibt Mose kurz vor seinem Tod den unaussprechlichen Gottesnamen auf eine Schriftrolle und auch das Sefer ha-Jaschar. Diese Stelle ist nicht eindeutig erschließbar. Der Text gibt keinen Hinweis darauf, welche Schriftrolle hier gemeint sein könnte. Die Rolle wird dann an Josua übergeben, der sie dem Volk vorträgt (vgl. S. 157). Es könnte sich hierbei allgemein um die Thora handeln. Da jedoch der Begriff ‚Megilla‘ (sonst immer Thora) verwendet wird, ist dies wohl eher nicht anzunehmen.

Das hier erwähnte Sefer ha-Jaschar entspricht mit großer Wahrscheinlichkeit nicht dem auch unter dem Namen Toldot Adam bekannten „Buch des Aufrechten“, das nach Ansicht der Forschung frühestens im 11. oder 12. Jh., vielleicht sogar erst im 16. Jh. entstanden ist – und somit wahrscheinlich später als der vorliegende Midrasch. Überdies beruht Toldot Adam wohl auf dem Werk Josippon (10. Jh.) sowie dem Midrasch Divre ha-jamim schel Mosche (etwa 11. Jh.). Daher ist eher anzunehmen, dass es sich hier um das in Josua 10,13 erwähnte Sefer ha-Jaschar handelt:

„Ist dies nicht geschrieben im Buch des Redlichen [Sefer ha-Jaschar]?“15

Dies soll jedoch lediglich eine These darstellen. Dennoch bleibt die Frage, warum in diesem Midrasch ein Sefer ha-Jaschar erwähnt ist und welche Bedeutung ihm beigemessen wird.16

Mit der Übergabe der Schriftrolle wird die Weisheit an Josua übertragen, und Mose stirbt – zunächst schlicht in einem Satz: „Mose strauchelte und fiel in dieser Stunde hin“ (S. 157). Damit ist der Midrasch jedoch nicht beendet. Die letzten Seiten beschäftigen sich mit der Seele Moses, und auch Mose selbst behält seine aktive Rolle bei.

Sammael versus Mose

„Er [Mose] sprach: Herr der Welt! bis jetzt begehrte ich Leben, jetzt, siehe, meine Seele ist in deine Hand gegeben!“ (S. 157 f.)

Der Midrasch nähert sich nun seinem Ende und damit auch dem Höhepunkt seiner Erzählung. Alle angeführten Elemente scheinen sich an diesem Punkt zusammenzufügen und zeigen noch einmal die wahre Größe Moses. Um diese auch greifbar hervorheben und nachfolgend eine Verbindung zum biblischen Text herstellen zu können, bringt der Verfasser erneut die Engel ein.

Zunächst soll Michael17, dann Zagzagel Moses Seele abholen. Doch beide vermögen dies nicht zu tun, sodass schließlich Sammael beauftragt wird, der sich sofort „mit Grausamkeit [gürtet] und [...] in grossem Grimme zu Mose“ (S. 158) zieht. Vor allem im Zusammenspiel mit Sammael, der in diesem Midrasch als Todesengel fungiert, lässt sich Moses Größe besonders gut unterstreichen. Gleich bei einem ersten Zusammentreffen wird Sammael beim Anblick von Mose der Hochmut genommen. Der Verfasser lässt Mose selbst wie einen Engel erscheinen, einen „Engel des Ewigen der Heerscharen“ (S. 158), mit Feuerpfeilen, die aus seinem Mund schießen, und einem glänzenden Angesicht.

Als Sammael seine Seele einfordert, werden noch einmal Moses Taten im Detail aufgezählt. Dabei fließen neue Elemente ein, die bisher nicht erwähnt wurden. Demnach kam Mose zum Beispiel bereits beschnitten auf die Welt, und ihm war seit dem Kleinkindalter vorherbestimmt, die Thora zu empfangen (vgl. S. 159). Der Verfasser betont hier die Reinheit der Seele Moses, die es nicht ‚verdient‘ hat, von einem „Frevler“ (S. 160) geholt zu werden. Dennoch wird Sammael erneut von Gott geschickt, um Moses Seele zu holen. Diese Szene dient denn auch dazu, am Ende einen Rückbezug zum biblischen Text herstellen zu können.

„Sammael sprach: Herr der Welt! wenn du mir befehlen (sagen) würdest: Die Hölle umzuwenden und die unterste Stufe zur obersten zu machen, ich vermöchte sie umzuwenden, dem Sohne Amrams aber vermag ich nicht beizukommen, und nicht einmal vor ihm zu stehen, denn das Licht seines Angesichts gleicht den Seraphim der Merkaba und Pfeile von Feuer schiessen aus seinem Munde hervor, und nicht nur das, sondern der Glanz seines Angesichts gleicht der Schechina, ich bitte dich, sende mich nicht zu ihm, denn ich kann nicht vor ihm stehen. […] Was machte Sammael? Er zog in dieser Stunde sein Schwert aus der Scheide und erschien vor Mose. Dieser erhob sich sofort im Grimm und Zorn gegen ihn, nahm den Stab Gottes, auf dem der unaussprechliche Gottesname eingegraben war, und stiess mit ihm den Sammael und bedrohte ihn, bis er fortlief und vor ihm floh. Mose lief ihm mit dem unaussprechlichen Gottesnamen nach, erfasste ihn und schlug ihn mit dem Stabe und blendete sein Angesicht mit den Strahlen seiner Majestät“ (S. 160).

Moses Größe wird in dieser Darstellung um ein Vielfaches erhöht. Es ergibt sich somit ein wesentlich positiveres Bild, als bisher gezeigt wurde. Seinem äußeren Erscheinungsbild werden dabei göttliche Attribute und engelgleiche Züge zugeschrieben, die vor allem die reine Seele Moses betonen sollen und es Sammael erschweren, auch nur vor Mose zu stehen.

Der zweite Teil dieses Abschnitts zeigt einen Mose, der seine Seele nicht kampflos dem Todesengel Sammael überlässt. Der Stab, mit dem Mose Sammael blendet, wird bereits an einer früheren Stelle im Midrasch erwähnt:

„[...] von meinem [Gottes] Szepter, auf das der unaussprechliche Gottesname eingegraben ist, mit dem ich die Welt im Anfang erschaffen habe, habe ich dir [Mose] ein Abbild in dieser Welt gegeben“ (S. 147).

Der Stab verdeutlicht noch einmal den göttlichen Beistand, der bis zu seinem Tod auf Mose ruht.

Enge Parallelen zu der Auseinandersetzung zwischen Mose und Sammael finden sich auch im Midrasch Devarim Rabba 11. Hier zeigt sich besonders die klare ‚Rollenverteilung‘ der beiden Figuren:

„Es giebt keinen ruchloseren unter den Satanen als Samael und es giebt keinen gerechteren unter allen Propheten als Mose.“18

Der Kuss Gottes

Im direkten Anschluss an die Auseinandersetzung zwischen Mose und Sammael wird nun der Bezug einerseits zur biblischen Vorlage Dtn 34,5 19, andererseits zum Beginn des Midrasch hergestellt.20 Denn seine selbstlose Tat, die Gebeine Josephs aus Ägypten herauszuführen (vgl. Ex 13,19), gibt den entscheidenden Ausschlag dafür, dass Gott sich an Moses Lebensende persönlich mit ihm beschäftigen wird. Die Konfrontation mit Sammael bietet dem Verfasser dabei einen guten (literarischen) Übergang zum Ende des Midrasch über die letzten Lebensmomente des Mosche Rabbenu.

„Da ging eine Tochterstimme hervor und sprach: [...] Das Ende der Stunde ist da!

Mose stellte sich (sofort) hin zum Gebete und sprach: Herr der Welt! gedenke, dass du dich mir im Dornbusche offenbart hast, [...] überliefere mich nicht in die Hand Sammaels!

Der Heilige, geb. sei er! antwortete: Ich habe dein Gebet angenommen: ich werde mich selbst mit dir befassen und dich begraben. [...]

Der Heilige, geb. sei er! rief nun seine Seele und sprach zu ihr: Meine Tochter! 120 Jahre hatte ich dir bestimmt, in dem Körper dieses Gerechten zu verweilen, zögere nicht, meine Tochter!

Die Seele antwortete: [...] Du hast mich geschaffen [...], gibt es wohl einen so unschuldigen, reinen und heiligen Körper in der Welt, wie dieser es ist, [...] es ist mir gut, dass ich hier wohnen bleibe.

Der Heilige, geb. sei er! sprach zu ihr: Zögere nicht, meine Tochter! dein Ende ist herangekommen und ich lasse dich bei mir auf dem Throne meiner Herrlichkeit sitzen [...].

Sie sprach vor ihm: [...] Lass mich an meinem Orte.

Als der Heilige, geb. sei er! das sah, nahm er seine Seele mit dem Kusse des Mundes, wie es heisst (Deut. 34,5): ‚Und es starb daselbst Mose, der Knecht des Ewigen, am Munde des Ewigen [...].

Der Heilige, geb. sei er! weinte über ihn und fing an über ihn zu wehklagen [...].

Da erschien Metatron21  vor dem Heiligen, geb. sei er! und sprach: Herr der Welten! Mose gehörte dir in seinem Leben und er gehört dir in seinem Tode.

Der Heilige, geb. sei er! sprach zu Metatron: Es ist mir nicht allein um Mose leid, sondern um ihn und um die Israeliten, denn vielemal haben sie mich erzürnt, und er betete für sie und besänftigte mich. [...] Er sprach vor mir: Denn der Ewige ist der Gott im Himmel oben und auf der Erde unten, auch ich bezeuge über ihn (Deut. 34,10–12): ‚Und es stand fortan nicht ein Prophet auf in Israel wie Mose, den der Ewige erkannt, Angesicht zu Angesicht, … nach all den Zeichen und Wundern und der starken Hand, die Mose bewiesen hat vor den Augen ganz Israels‘“ (S. 160–162).

Im letzten Abschnitt des Midrasch wird die Überführung von Josephs Sarg nicht mehr als Grund angegeben, weshalb sich Gott in Moses Todesstunde persönlich um ihn kümmert. Vielmehr resultiert göttliches Handeln hier aus der Konfrontation mit Sammael und folgt der Bitte, nicht in dessen Hand ausgeliefert zu werden. Auch wird an dieser Stelle ein Gebet Moses erhört. Dies geschieht nur noch einmal im Zusammenhang mit dem Sehen des verheißenen Landes. Alle anderen Gebete und drängenden Bitten werden kategorisch abgelehnt, denn der Tod ist ein natürlicher Bestandteil des Lebens. Zugleich ist er vor allem in diesem Fall unabdingbar, um eine Vergöttlichung oder einen Personenkult zu vermeiden.

Dem Midrasch nach geht Gott auf Moses Bitte ein und ruft zunächst dessen Seele zu sich. Dabei zeigt insbesondere die Anrede der Seele als ‚Tochter Gottes‘ den göttlichen Ursprung allen Lebens. Die Weigerung der Seele, den Körper Moses zu verlassen, betont dessen Reinheit und Unschuld. Gleichzeitig verleiht diese Weigerung von Moses Seele seinem Ableben eine nachdrückliche Stärke.

Ferner wird gezeigt, dass Moses Seele nicht nur in den Himmel aufsteigt, sondern vielmehr „auf dem Throne meiner [Gottes] Herrlichkeit“ (S. 161) sitzen darf und weiterhin Gott sehr nahe sein wird. Der Verfasser setzt die Weigerung der Seele, Moses Körper zu verlassen, dazu ein, den Bezug zur biblischen Vorlage in Dtn 34,5 herzustellen. Denn erst nachdem die Engel Moses Seele nicht fortnehmen wollen, auch Sammael dazu nicht in der Lage ist und die Seele selbst den Körper nicht verlassen möchte, nimmt schließlich Gott Moses Seele „mit dem Kusse des Mundes“ (S. 162). Es scheint der letzte Weg zu sein, Moses Seele zu holen und ihn sterben zu lassen. Alle davor genannten Gründe, wie etwa die Überführung von Josephs Sarg und dem daraus resultierenden Versprechen Gottes, scheinen am Ende des Midrasch nicht von primärer Bedeutung zu sein. Vielmehr kreiert der Verfasser ein neues Szenarium, welches sich mit dem biblischen Text vereinbaren lässt. Es ist also durchaus möglich, dass Gott den Tod Moses erst durch seinen Kuss selbst herbeigeführt hat. Der Todesengel, der eigentlich von Gott gesandt wurde, ist dieser Aufgabe aufgrund von Moses Größe nicht gewachsen.

„Mose ist damit letztlich dem Schicksal der gewöhnlichen Sterblichen entzogen. Er stirbt zwar noch, aber er stirbt einen Tod, der seinen Schrecken völlig verloren hat und diesen Namen fast schon nicht mehr verdient.“22

Dass sein Grab unbekannt bleibt, ist nur konsequent.

Auch in den letzten Zeilen des Midrasch zeigt sich noch einmal die große Zuneigung und Verehrung für Mose. Denn es folgt ein regelrechtes Trauerritual: Gott weint und fängt an, „über ihn zu wehklagen“ (S. 162); die Dienstengel schließen sich ihm an. Daneben ehren ihn Himmel und Erde, Sonne, Mond und Sterne mit Zitaten aus der Heiligen Schrift. Wie das Volk Israel hingegen den Tod Moses empfindet, kommt hier nicht mehr zur Sprache. Es wird jedoch gezeigt, dass Mose als Mittler zwischen Gott und dem Volk eine bedeutende und wichtige Position inne hatte, die es zukünftig nicht mehr geben wird. Wer also wird nun für das Volk Israel eintreten? Mit den letzten Versen des Fünften Buches Mose (Dtn 34,10–12) endet schließlich auch der vorliegende Midrasch.23 Diese Verse können als Epitaph, eine Art Grabinschrift, gesehen werden.24  Mose wird darin geehrt und die Erinnerung an ihn aufrechterhalten.

Das gute Verhältnis zwischen Mose und Gott ist im gesamten Midrasch präsent. Trotz des bevorstehenden Todes und der Diskussion darüber bleibt diese Beziehung lebendig und ist von Verständnis und Zuneigung geprägt. Gezeigt wird ein barmherziger und mitfühlender Gott, dem seine Schöpfung sehr am Herzen liegt. Mose erhält im Gegensatz zum Midrasch Moses Größe eine aktive Rolle und bleibt bis zur letzten Minute ein Gesprächspartner Gottes. Auch wird der große Mosche Rabbenu menschlich dargestellt, wenn er bis zum letzten Atemzug an seinem Leben festhält und nicht loslassen möchte. Selbst seine Seele verlässt seinen Körper nicht freiwillig.

All dies lässt den Schluss zu, dass der Midrasch für ein jüdisches Publikum verfasst wurde und als Erbauung für die eigene Sterbestunde gedacht war. Denn wenn – um im rabbinischen Wortlaut zu argumentieren – schon der große Lehrer Mose so viel Angst vor dem Tod hat und sich an sein Leben klammert, um wie viel mehr dann erst der einfache Mensch!

Fazit

Der frühmittelalterliche Midrasch Petirat Mosche ist in dem Sammelwerk Bet ha-Midrasch von Adolf Jellinek in zwei Versionen erhalten. Obwohl sich beide mit der biblischen Gestalt Mose beschäftigen und den Gesetzeslehrer ehren, könnten die Texte unterschiedlicher nicht sein. Sowohl im Inhalt als auch im Aufbau zeigen sich Abweichungen – und das ungeachtet desselben Titels. Einerseits liegt mit Moses Größe ein (unvollständiger) Text vor, der anhand von Gleichnissen ein Loblied auf Mose ‚singt‘ und ein Idealbild von ihm zeichnet.

In lebendigen Bildern wird Mose hierbei jeweils mit einer biblischen Figur und einem Schöpfungswerk verglichen. Das Ziel: Mose überwiegt alles und jeden; nichts oder niemand kann mit ihm verglichen werden. Dabei bleibt er an der Handlung unbeteiligt, steht passiv im Hintergrund, was ihn jedoch noch eindrucksvoller wirken lässt.Andererseits stellt Moses Tod einen längeren erzählenden Text dar, der für das jüdische Fest Simchat Thora verfasst wurde und, an die biblische Grundlage anknüpfend, von den letzten Stunden in Moses Leben ‚berichtet‘. Der Gesetzeslehrer ist hier aktiv an der Handlung beteiligt und wird in einem wechselnden Bild gezeigt;

„[s]o fassen die Rabbinen Heroisierung und Entheroisierung Moses geradezu ins Klappbild: erhaben als Träger der Thora, aber jämmerlich in seiner Conditio humana“25 .

Das Ende bildet den Höhepunkt der Erzählung, wenn Gott schließlich Moses reine und unschuldige Seele mit dem Kusse seines Mundes nimmt. Zahlreiche Elemente sind der rabbinischen Literatur aus Mischna, Talmud und Midrasch entnommen.

In beiden Versionen des Midrasch Petirat Mosche ist Gott immer präsent, und die gute Beziehung zwischen ihm und Mose wird deutlich hervorgehoben. Dabei wird vor allem in Moses Tod stets der göttliche Beistand betont, der auf Mose ruht. Allein durch Gottes Unterstützung und durch seine Auserwählung gelingen Mose seine Aufgaben. Daraus geht deutlich hervor, dass von einem Personenkult um Mose Abstand genommen wird. Dennoch wird der Gesetzeslehrer mit beiden Texten, die seine großen Taten rekapitulieren, geehrt. Seine hohe Bedeutung zeigt sich auch darin, dass nur Gott allein den Tod über Mose bringen kann. Dass ein jüdisches Lesepublikum angesprochen wird, zeigt sich neben der hebräischen Sprache auch daran, dass zumindest eine Version (Moses Tod) für ein jüdisches Fest verfasst wurde. Die Übersetzungen ins Jiddische zeigen einen Zugang zum einfachen jüdischen Volk, das die Midrasch-Traditionen weitertragen soll. Sehr wahrscheinlich wird Moses Tod zudem ein Erbauungstext gewesen sein, der in der eigenen Sterbestunde als Trost dienen sollte.

Die aggadische Tradition aufgreifend – vor allem wohl den vorliegenden Midrasch Moses Tod – verfasste der Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1926) das überaus kraftvolle und eindrückliche Gedicht Der Tod Moses26, mit dem der Artikel ausklingen soll.

DER TOD MOSES

KEINER, der finstere nur gefallene Engel
wollte; nahm Waffen, trat tödlich
den Gebotenen an. Aber schon wieder
klirrte er hin rückwärts, aufwärts,
schrie in die Himmel: Ich kann nicht!

Denn gelassen durch die dickichte Braue
hatte ihn Moses gewahrt und weitergeschrieben:
Worte des Segens und den unendlichen Namen.
Und sein Auge war rein bis zum Grunde der Kräfte.

Also der Herr, mitreißend die Hälfte der Himmel,
drang herab und bettete selber den Berg auf;
legte den Alten. Aus der geordneten Wohnung
rief er die Seele; die, auf! und erzählte
vieles Gemeinsame, eine unzählige Freundschaft.

Aber am Ende wars ihr genug. Daß es genug sei,
gab die vollendete zu. Da beugte der alte
Gott zu dem Alten langsam sein altes
Antlitz. Nahm ihn im Kusse aus ihm
in sein Alter, das ältere. Und mit Händen der Schöpfung
grub er den Berg zu. Daß es nur einer,
ein wiedergeschaffener, sei unter den Bergen der Erde,
Menschen nicht kenntlich.27


Claudia Meretz, geb. 1981, studierte Judaistik an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg/Br. Der vorliegende Beitrag basiert auf ihrer Masterarbeit mit demselben Titel (Abschluss im Sommersemester 2014) und erscheint in zwei Teilen. Auf Zitate in hebräischer Sprache wurde hier bewusst verzichtet.

 

  1. Vgl. Claudia Meretz, Späte Midraschim zu Mose. Eine Analyse rabbinischer Exegese des Midrasch „Petirat Mosche“ (Teil 1), in: FrRu NF 23 (2016) 195–210.
  2. Vgl. ebd. (Anm. 1), S. 198.
  3. Beate Ego, Mose im Judentum, in: Christfried Böttrich / Beate Ego / Friedmann Eißler (Hg.), Mose in Judentum, Christentum und Islam, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, 11–66; 60.
  4. Midrasch Moses Tod, in: August Wünsche, Aus Israels Lehrhallen, Band 1, Teile I–III: Kleine Midraschim zur späteren legendarischen Literatur des Alten Testaments, 2. Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1907. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2013, S. 134–162, hier: S. 134 ff.; die im Text folgenden Seitenverweise zum Midrasch Moses Tod beziehen sich auf diese Ausgabe.
  5. WiBiLex. Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet: http://www.bibelwissenschaft.de /wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/umkehr-reue/ch/3a7166a3c3 5acfb61cebacfba88104f0/ [Abrufdatum: 22.03.2014], s. v. Fasten / Fastentage (AT)
  6. Diese Trauerrituale finden sich bereits in der Hebräischen Bibel. Vgl. dazu z. B. Dan 9,3: „Und ich kehrte mich zu Gott, dem Herrn, um zu beten und zu flehen unter Fasten und in Sack und Asche.“
  7. WiBiLex (Anm. 5), s. v. Umkehr / Reue
  8. Richard Webster, Encyclopedia of Angels, Woodbury/MN 2009, S. 220.
  9. Der siebte Adar. Moscheh Rabenus Geburts- und Todestag (ohne Datum und Autor), in: haGalil.com. Jüdisches Leben online. Online im Internet: http://www.hagalil.com/judentum/ feiertage/purim/adar/moses-2.htm [Abrufdatum: 09.04.2014].
  10. Der Midrasch umfasst in der deutschen Übersetzung insgesamt etwa 30 Seiten.
  11. August Wünsche übersetzt Bat Kol wörtlich mit „Tochterstimme“. Im vorliegenden Artikel wird hingegen die gebräuchliche Übersetzung ‚Himmelsstimme‘ verwendet.
  12. Vgl. auch Encyclopaedia Judaica, 2nd Edition, Online-Ausgabe. Detroit, Macmillan Reference, 2007. [Abrufdatum: 20.03.2014], s. v. Samael.
  13. Encyclopaedia Judaica (Anm. 12), s. v. Samael.
  14. Vgl. auch August Wünsche, Midrasch Moses Tod (Anm. 4), S. 155.
  15. Vgl. Günter Stemberger, Einleitung in Talmud und Midrasch, Neunte, vollständig neubearbeitete Auflage, Verlag C. H. Beck, München 2011, S. 372 ff.
  16. Auch Wünsche gibt dazu keine weiteren Erklärungen.
  17. Im hebräischen Original wird in dem kurzen Dialog zwischen Gott und Michael an einer Stelle der Name Gabriel verwendet: Michael wird beauftragt, doch Gabriel antwortet. August Wünsche hingegen nennt hier ausschließlich den Namen Michael und verweist darauf, dass in einer anderen Rezension der Auftrag an Gabriel ergeht.
  18. Der Midrasch Debarim Rabba, Parasche XI, in: August Wünsche, Bibliotheca Rabbinica. Eine Sammlung alter Midraschim, Band 3. Zum ersten Male ins Deutsche übertragen von August Wünsche. Reprografischer Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1882. Georg Olms Verlag, Hildesheim u. a. 1993, S. 114.
  19. Dtn 34,5: „So starb Mose, der Knecht des HERRN, daselbst im Land Moab nach dem Wort des HERRN.“
  20. In diesem Artikel leider nicht abgebildet.
  21. Zum Engel Metatron vgl. Encyclopaedia Judaica (Anm. 12), s. v. Metatron.
  22. Klaus Haacker / Peter Schäfer, Nachbiblische Traditionen vom Tod des Mose, in: Otto Betz / Klaus Haacker / Martin Hengel (Hg.), Josephus-Studien. Untersuchungen zu Josephus, dem antiken Judentum und dem Neuen Testament. Otto Michel zum 70. Geburtstag gewidmet.Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1974, S. 147–174; 170.
  23. Das Zitat aus Dtn 34,10–12 ist dabei in gekürzter Form wiedergegeben.
  24. Eckart Otto, Mose. Geschichte und Legende. Verlag C. H. Beck, München 2006, S. 20.
  25. Gabrielle Oberhänsli-Widmer, Klassiker der jüdischen Literatur: Sigmund Freud. Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1939), in: Kirche und Israel. Neukirchener Theologische Zeitschrift, Heft 1/2014, 29. Jahrgang, S. 74–89; 85.
  26. Zitiert nach Rainer Maria Rilke, Sämtliche Werke. Zweiter Band. Gedichte. Zweiter Teil. Hg. vom Rilke-Archiv. In Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, besorgt durch Ernst Zinn, Erste Abteilung / Sammlung der verstreuten und nachgelassenen Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, S. 102 f.
  27. [Anm. der Redaktion:] Die Verse 1–14 sind in Paris im Sommer 1914, die Verse 15–22 in München im Oktober 1915 entstanden. Einer Reinschrift des Gedichts ist der Vermerk hinzugefügt: „Im Anschluss an eine, von Herder übertragene, Talmud-Stelle vom Tode Moses’.“ Herders Übertragung ist eine gekürzte und bearbeitete Version aus Devarim rabba, die er im 12. Stück der 2. Sammlung seiner Blätter der Vorzeit, S. 264–266, 1782 veröffentlicht hatte:

„Der Tod Moses.

Als Moses, der Vertraute Gottes, sterben sollte und seine Stunde herannahte, versammlete Gott die Engel um sich her. ‚Es ist die Zeit, sprach er, die Seele meines Knechtes zu mir zu fodern, wer will mein Bote seyn?‘

Die Edelsten der Engel, Michael, Raphael und Gabriel, sammt allen die vor Gottes Thron stehn, baten und sprachen: ‚wir sind seine, Er ist unser Lehrer gewesen, laß uns nicht fodern dieses Mannes Seele.‘

Aber der abgefallene Sammael trat hervor: ‚Hier bin ich, sende mich.‘

Mit Zorn und Grausamkeit bekleidet, stieg er hinab, das Flammenschwert in seiner Hand und freuete sich schon der Schmerzen des Gerechten. Als er aber näher zu ihm trat, erblickte er das Angesicht Moses. Seine Augen waren nicht dunkel worden und seine Kraft war nicht verfallen. Er schrieb die Worte seines letzten Liedes und den heiligen Namen; sein Antlitz glänzete, bewaffnet mit Ruhe und Himmelsklarheit.

Der Feind der Menschen erschrack. Sein Schwert entsank ihm und er eilete hinweg. ‚Ich kann dir die Seele dieses Mannes nicht bringen, sprach er zu Jehovah: denn ich habe an ihm nichts Unreines funden.‘

Da stieg Jehovah selbst hernieder, die Seele seines Knechts von ihm zu nehmen und seine getreuen Diener, Michael, Raphael und Gabriel, sammt allen Engeln seines Angesichts, stiegen hinab mit ihm. Sie bereiteten Moses sein Sterbelager und standen ihm zu Haupt und Füssen und eine Stimme sprach: ‚fürchte dich nicht. Ich selbst will dich begraben.‘

Da bereitete Moses sich zu seinem Tode und heiligte sich, wie Einer der Seraphim sich heiligt, und Gott rief seine Seele: ‚Meine Tochter, hundert und zwanzig Jahre hatte ich dir bestimmt, im Hause meines Knechts zu wohnen. Sein Ende ist gekommen: gehe heraus und säume nicht.‘

Und Moses Seele sprach: ‚o du Herr aller Welt! Ich weiß, daß du bist ein Gott aller Geister und aller Seelen und daß in deiner Hand sind die Lebendigen und die Todten. Aus deiner Hand empfing ich das feurige Gesetz und sahe dich in den Flammen und stieg hinauf und ging den Weg des Himmels. Durch deine Macht trat ich in den Palast des Königes und nahm die Krone von seinem Haupt und that viel Wunder und Zeichen in Aegypten. Und führete dein Volk hinaus und spaltete das Meer in zwölf Spalten und verwandelte das bittere in süßes Wasser und offenbarte deine Geheimnisse den Menschenkindern. Ich wohnte unter dem feurigen Thron und hatte meine Hütte unter der Feuersäule und redete mit dir von Angesicht zu Angesicht, wie der Freund mit dem Freunde redet. Und nun, es ist genug! nimm mich, ich komme zu dir.‘ –

Da küssete der gnädige Gott seinen Knecht und nahm ihm im Kusse seine Seele. Moses starb am Munde Gottes und Gott begrub ihn selber und niemand weiß die Stäte seines Grabes.“

(Johann Gottfried Herder, Sämtliche Werke, hg. von Bernhard Suphan, Bd. XXVI: Poetische Werke, hg. von Carl Redlich, Berlin 1882, S. 346 f.)


Jahrgang 23 / 2016 Heft 4, S. 242−256.


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