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Michael Theobald

Prof. Dr. Dr. h. c. Franz Mußner (1916–2016)

Franz Mußner1, mitten im Ersten Weltkrieg am 31. Januar 1916 unweit des Marienwallfahrtsorts Altötting in Feichten/Oberbayern geboren, ist wahrlich ein Jahrhundertzeuge. Sein Vater fiel 1918, im letzten Jahr des „großen Kriegs“, seine Mutter zog in bedrängten und ärmlichen Verhältnissen als Näherin von Hof zu Hof, um für sich, ihre Tochter Elisabeth (geb. 1910) und Franz, den sie mitnahm, den Lebensunterhalt zu verdienen. 1927 kam Franz aufs Gymnasium nach Passau, wo er 1936 das Abitur ablegte. Dort begann er nach dem „Arbeitsdienst“ auch sein Theologiestudium.

Der Zweite Weltkrieg verschlug ihn als Offizier an die Ostfront in Russland, wo er zu seinem Glück als „unzuverlässig“ entlassen wurde. Kurz vor Ende des Kriegs empfing er am 2. April 1945 im Dom zu Passau die Priesterweihe, war Kaplan im vorderen Bayerischen Wald und wurde alsbald in München als Schüler von Friedrich-Wilhelm Maier und Josef Schmid im Fach Neues Testament promoviert und habilitiert. 1952 nach Trier berufen, kehrte er 1965 in seine bayerische Heimat zurück, nach Regensburg an die Katholisch- theologische Fakultät, der er bis zu seiner Emeritierung 1981 und auch danach als Passauer Domkapitular verbunden blieb. Die Schrecken des Jahrhunderts haben Franz Mußner zutiefst geprägt.2

Durch den Holocaust erschüttert, den er, wie viele andere auch, in seinem ganzen Ausmaß erst lange nach dem Krieg wahrnahm, musste er ernüchtert feststellen, wie sehr Kirche und Theologie  vom Virus des Antijudaismus befallen waren. Es war der Jakobusbrief, der ihm – wie er in seinen „Lebenserinnerungen“3  schreibt – „den Weg zurück zum Judentum spurte“, weshalb er auf das Titelblatt seines Kommentars (1964) das Wort Pius XII. setzte: „Wir Christen sind auch Juden“. Die Freundschaften mit den jüdischen Theologen Schalom Ben Chorin, Pinchas Lapide und Schemaryahu Talmon halfen Mußner, den Juden Jesus zu entdecken, was einen ganz erstaunlichen Lernprozess bei ihm auslöste.4

Franz Mußner überreicht Papst Johannes Paul II.  (in Anwesenheit von Rudolf Schnackenburg und Josef Kardinal Ratzinger)  bei dessen Besuch in Altötting am 19./20. November 1980 ein Exemplar  seines Buchs „Petrus und Paulus – Pole der Einheit: Eine Hilfe“  (Quaestiones disputatae 76, Herder, Freiburg i. Br. 1976).

Franz Mußner tauchte tief in die Geschichte des Judentums ein, Israel und insbesondere Jerusalem wuchsen ihm durch Reisen und Vorlesungen im Land ans Herz. Die reife Frucht dieses Lernprozesses war der in viele Sprachen übersetzte Traktat über die Juden (1979/21988 / Neudruck 2009), der ihn zum weltweit anerkannten Pionier christlich-jüdischer Verständigung werden ließ. 1985 erhielt er dafür in Augsburg die Buber-Rosenzweig-Medaille. „Die Kraft der Wurzel. Judentum – Jesus – Kirche“ (1987) und „Dieses Geschlecht wird nicht vergehen. Judentum und Kirche“ (1991) vervollständigten die „Trilogie“.

Philologisch bis heute unübertroffen ist sein Kommentar zum Galaterbrief (1973).5  In der Vergangenheit musste dieser streitbare Brief des Apostels – wie er schreibt – immer wieder „der Scheinlegitimation des christlichen Antijudaismus dienen“; ihm öffnete er die Augen für den Juden Paulus, der für den Glauben an den Messias Jesus stritt, ohne die Thora abzuwerten. So wichtig der Galaterbrief für ihn war, ist es nicht übertrieben zu sagen, dass seit den 70er Jahren die Israel-Kapitel des Römerbriefs (9–11) zu seinem ständigen Begleiter wurden, inspiriert auch durch eine kleine, aber bedeutsame Studie seines Lehrers Friedrich-Wilhelm Maier von 1929 („Israel in der Heilsgeschichte“). „Ganz Israel wird gerettet“ (Röm 11,26) – dieser Paulus- Satz war es, den Franz Mußner immer wieder emphatisch zu sagen und zu erklären wusste.

Der Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils beglückte und prägte ihn nachhaltig. Nostra aetate begleitete ihn zeitlebens. Die Ökumene war ihm, wie sein Buch Petrus und Paulus – Pole der Einheit (1976) zeigt, ein Herzensanliegen. Während seiner Regensburger Jahre und auch danach war Mußner ein hochgeschätzter Gast im Schülerkreis von Josef Ratzinger / Papst Benedikt XVI. (auch er hatte bei Friedrich-Wilhelm Maier in München gelernt) und stand bis zuletzt mit dem „Papa Emeritus“ in freundschaftlichem Briefaustausch. Wenn mich jemand nach meinem Lieblingsbuch aus seiner Feder fragt, gestehe ich freimütig: Die johanneische Sehweise und die Frage nach dem historischen Jesus (1965). Es atmet den Frühling der katholischen Exegese nach dem Konzil, der mit seinem Namen verbunden bleibt.

Franz Mußner war überaus gebildet und belesen, historisch wie philosophisch interessiert. Er liebte Friedrich Hölderlin, Adalbert Stifter und Anton Bruckner, reiste eigens nach Paris, um Paul Cézanne zu bewundern. Nichts Schöneres gab es für ihn, als stundenlang durch den Bayerischen Wald zu wandern, dessen Urgestein ihn, der selbst bayerisches ‚Urgestein‘ war, immer wieder entzückte. Er predigte gerne, beinahe jeden Sonntag, darum wissend, dass die Predigt ‚der Ernstfall der Theologie‘ ist (Karl Barth).

Jetzt ist er, von dem ich dachte, er würde wie der Geliebte Jünger „bleiben“ (Joh 21,22), am 3. März 2016 in Passau verstorben. In der Lesung vom 7. März, dem Tag seiner Beerdigung – früher Fest des hl. Thomas von Aquin – heißt es über den Neuen Himmel und die Neue Erde:

„Ich will über Jerusalem jubeln […]. Dort gibt es keinen Säugling mehr, der nur wenige Tage lebt, und keinen Greis, der nicht das volle Alter erreicht; wer als Hundertjähriger stirbt, gilt noch als jung“ (Jes 65,19 f.).

Danken wir Franz Mußner für seine Impulse, die heute noch so aktuell sind wie zu seiner Zeit, und bewahren ihm unser ehrendes Andenken!Michael Theobald, Tübingen

Nachwort der Redaktion:

Franz Mußner war Gertrud Luckner, der Begründerin des Freiburger Rundbrief, stets eng verbunden. In einer persönlichen Widmung in seinem Buch Traktat über die Juden schrieb er am 4.10.1979: „Für Frau Dr. Gertrud Luckner, der getreuen Sachwalterin Israels“.

Seit der Neugründung des Freiburger Rundbrief Neue Folge (1993) war Mußner als Mitglied des Konsultorenkreises aktiv am Freiburger Rundbrief beteiligt. Zutiefst erschüttert über den ihm gegenüber geäußerten Kommentar eines katholischen Bischofs, vom „Juden Jesus dürfe man nicht sprechen“ (55), veröffentlichte er im Alter von 98 Jahren seinen letzten Beitrag, Der Jude Jesus  (FrRu NF 21 [2014] 55–59; vgl. dazu seinen früheren Beitrag Der Judes Jesus in: FrRu XXIII [1971] 3–7).

Clemens Thoma schloss seine Würdigung zum 90. Geburtstag von Franz Mußner mit den auch heute noch gültigen Worten:

„Der Freiburger Rundbrief dankt dem großen christlichen ,Zaddik‘ Franz Mußner für seine Deutung der verbindenden Gemeinschaft des Christentums mit dem jüdischen Volk.“


  1. Anm. d. Red.: Vgl. auch den Beitrag von Clemens Thoma zum 90. Geburtstag von Franz Mußner, Nicht du trägst die Wurzel – die Wurzel trägt dich, in: FrRu NF 13 (2006) 43-45.
  2. Anm. d. Red.: Vgl. Franz Mußner, „Die Schoa und der Jude Jesus. Versuch einer Christologie nach Auschwitz“, in: FrRu NF 5 (1998) 272–278.
  3. Franz Mußner, Geführt und Geleitet. Lebenserinnerungen, Winzer 2010.
  4. Vgl. Michael Theobald, Die Entdeckung des Juden Jesus von Nazareth und Christologie. Die theologische Herausforderung im Werk von Franz Mußner, in: Franz Mußner, Jesus von Nazareth im Umfeld Israels. Gesammelte Aufsätze, hg. von Michael Theobald, Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 111, Mohr Siebeck, Tübingen 1999, 1–10.
  5. Anm. d. R.: Vgl. Franz Mußner, Theologische „Wiedergutmachung“. Am Beispiel der Auslegung des Galaterbriefes, in: FrRu NF XXVI (1974) 7–11; sowie Besprechungen von Eduard Schweizer (Zürich) und Ernst Ludwig Ehrlich (Basel) zu Franz Mußners Beitrag Der Galaterbrief (Herders Theologischer Kommentar zum NT, Band IX, hg. von Alfred Wickenhauser / Anton Vögtle / Rudolf Schnackenburg, Freiburg i. Br. 1974) in: FrRu NF XXVI (1974) 92–94.

Jahrgang 23 / 2016 Heft 3, S. 235−238.


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