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Alvin H. Rosenfeld

Das Ende des Holocaust

übersetzt von Manford  Hanowell. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015. 273 Seiten. Rezension von Willi Körtels, Konz.

Alvin H. Rosenfeld thematisiert in seinem Werk Das Ende des Holocaust (The End of the Holocaust, Bloomington University Press, Indiana, USA 2011) die Sorge über die Art und Weise, wie in der amerikanischen (und europäischen) Öffentlichkeit die Erinnerung an den Holocaust dargestellt wird. Unter dem Begriff der „Holocaust-Industrie“ werde der Holocaust als ein Mittel verstanden, die Wiedergutmachung an jüdischen Opfern zu forcieren und den Staat Israel und seine Politik gegenüber den Palästinensern zu rechtfertigen.

Rosenfeld setzt sich vor allem mit der Position von Norman Finkelstein, dem Sohn eines Ehepaares, das den Holocaust überlebte, auseinander. Dessen Buch The Holocaust Industry (2000) sei in Deutschland mehr als hunderttausendmal verkauft worden und habe die Vorstellung, die Juden hätten sich mit dem Holocaust-Thema wirtschaftlich bereichert, mehrheitsfähig gemacht. Eine Emnid-Umfrage hat ergeben, dass 65 % der Befragten von der Richtigkeit dieser These überzeugt seien. Rosenfeld weist Finkelstein nach, dass dessen Prämissen unreflektiert seien und wissenschaftlichen Standards nicht entsprächen.

Ausführlich geht er auf drei jüdische Zeugen des Holocaust ein: Primo Levi, Jean Améry und Elie Wiesel, Überlebende der Konzentrationslager, die über das Erlittene schrieben. Er analysiert die posttraumatischen Auswirkungen in den literarischen Werken dieser Zeitzeugen und verweist auf deren unterschiedliche persönliche Konsequenzen. Während Primo Levi und Jean Améry wegen ihrer Verzweiflung über das Nicht-gehört-werden in der Gesellschaft den Suizid wählten, hat Elie Wiesel seine Erfahrungen des Holocaust weiterhin in die Weltöffentlichkeit getragen. Gleiches gelte auch für Imre Kertész.

Dem Autor geht es um die unverfälschte Weitergabe der Erinnerung an den Holocaust. Probleme erkennt er in der Relativierung dieses in der Geschichte einzigartigen Geschehens und in einer verflachenden Vermittlung dieser Thematik, die das Leiden weitgehend ausklammert. In diesem Zusammenhang sei die umstrittene Kranzniederlegung Bundeskanzler Kohls und Präsident Reagans auf dem Soldatenfriedhof bei Bitburg (im Anschluss an den Besuch von Bergen- Belsen) 1985 von zentraler Bedeutung.

Alvin H. Rosenfelds Werk besticht aufgrund seiner gedanklichen Klarheit und der genauen Analyse der Aussagen von Zeitzeugen wie von Holocaust-Kritikern; es ist geeignet, über ein wenig bekanntes Thema aufzuklären. In einer Zeit, in der fast alle Zeitzeugen bereits verstorben sind, regt es zum Nachdenken an, wie in der Zukunft die Erinnerung an den Holocaust wachgehalten werden soll. Vor allem öffnet es den Blick auf die Schatten der Erinnerungsarbeit. Leider ignoriert Alvin H. Rosenfeld weitgehend die intensive Erinnerungsarbeit im Deutschland während der letzten dreißig Jahre: auf schulischem, publizistischem, künstlerischem, politischem und wissenschaftlichem Gebiet. Das lange Zeit verdrängte Thema Holocaust ist inzwischen dank privater und institutioneller Aktivitäten zu einem zentralen Thema unserer Kultur geworden. Über die Weitergabe der Erinnerung an den Holocaust wird intensiv reflektiert. Dabei wurden die didaktischen Bedingungen dieser Problematik für die Schule und für die Gedenkstättenarbeit differenziert ausgearbeitet, wie man beispielsweise Wilhelm Schwendemanns Artikel Schoa und Erinnerung. Sinnvolles Lernen an Schulen und Gedenkstätten (FrRu NF 3 [2013] 180–189) entnehmen kann.

Willi Körtels, Konz


Jahrgang 23 / 2016 Heft 3, S. 230 f.

 



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