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Grigori Kanowitsch

„Kaddisch für mein Schtetl.“

Roman

Aufbau Verlag  GmbH & Co., Berlin 2015. 509 Seiten. Rezension von Miriam Magall,  Berlin.

Wer kennt sie nicht, die Geschichten vom polnischen Schtetl, einfühlsam erzählt vor allem von Isaac Bashevis Singer, fester Bestandteil eines jeden Lesekanons? Grigori Kanowitsch führt uns seinerseits nach Litauen und zeigt, dass Juden auch dort lebten, Teil des Ansiedlungsrayons waren und sich nur allmählich von den Juden in Polen unterschieden.

Es sind die Zwanziger- und Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts, die Jahre vor dem Einmarsch erst der Roten Armee in Litauen, dann der Deutschen. In einem Schtetl, einem überwiegend, aber nicht ausschließlich von Juden bewohnten Ort namens Jonava (Anm. d. Red.: 1941 waren 80 % der Einwohner Jonavas Juden) bei Kaunas leben sie, wie schon vermutlich seit Jahrzehnten, nein Jahrhunderten: der Schuster Dovid, seine Frau Roche, ihres scharfen Mundwerks wegen Roche-Samurai genannt, mit den Töchtern Leje und Chawe, den Söhnen Motl, Ajsik und Salomo, Schlojmke genannt.

Hinzu kommt später sein Sohn, unser Protagonist: Er heißt Hirsch, alias Jankl, alias Grigori, alias Jakow. Der weibliche Part darf natürlich nicht fehlen, und so lernen wir die Familie von Schuster Schimon Dudak kennen und seine Frau Schejne, die Sanftmut in Person, und ihre vier Töchter, Chanke, die älteste, Peßje, Chawe und Feigele sowie Sohn Schmulik.

Daneben gibt es auch die nichtjüdischen Bewohner, von denen hier der „Fast-Jude“ Vincas Gedraitis, der Polizist am Ort, der gerne Mazzot isst, und Julius, der litauische Schneiderlehrling Schlojmkes, erwähnt seien, den er in seine Dienste nimmt, nachdem Schwager Schmulik wegen umstürzlerischer Reden gegen die Regierung in Kaunas zu drei Jahren Haft verurteilt wird.

Die reichen Kremnitzers, Sohn Arn, seine Ehefrau Etl und Enkel Rafael, leben in einer Welt für sich. Als sie Chanke als Kindermädchen für Sohn Rafael einstellen, öffnet sich für die junge Frau eine neue Welt: ein großzügiges Haus, wunderbar eingerichtet, und Unterricht, nicht nur für den kleinen Rafael, sondern auch für Chanke, die der kranken Mutter wegen gerade einmal drei oder vier Jahre lang die Schule besuchen konnte. Als Familie Kremnitzer Jonava verlässt, ist die schöne Zeit für Chanke vorbei.

Die Juden in Jonava sind, abgesehen von Reb Elieser, nicht fromm. Aber sie feiern die jüdischen Feiertage, Pessach, Rosch ha-Schana und Chanukka und die übrigen Feste. Dann gehen sie sogar in die Synagoge, wenngleich sie kaum beten können. Am Schabbat ruhen Hammer und Ahle der beiden Schuster Schimon und Dovid, ruhen Nadel und Schere beim jungen Schneider Schlojmke, und auch Chanke – sie haben inzwischen geheiratet – bleibt am Schabbat zu Hause, statt unermüdlich für andere zu kochen, zu backen, zu fegen und zu schrubben.

Dann fangen die Juden von Jonava an zu sterben: als erstes der Schnorrer Avigdor Perelman, ihm folgt die sanfte Schejne, die nicht ins Krankenhaus in Kaunas will. Davor ist schon das Baby von Chanke und Schlojmke tot auf die Welt gekommen. Und auch Schlojmkes Vater stirbt. Er stirbt ganz allein. Der Umbruch kommt von außen. Erst marschieren die Russen in Litauen ein. Rote Fahnen müssen die Häuser der Bewohner von Jonava zieren. Schmulik kommt endlich aus dem Gefängnis und schließt sich begeistert den neuen Herren an. Für ihn verkörpern sie die neue Weltordnung. In den Wäldern erschießen litauische Nationalisten Juden. Ein unguter Vorgeschmack auf Kommendes.

Aus dem Westen hört man böse Nachrichten: Die Deutschen marschieren in Österreich und Frankreich ein, dann rücken sie nach Osten vor. Erste Flüchtlinge aus Polen treffen in Litauen ein, auch in Jonava. Schlojmke findet unter ihnen einen begabten Schneider, der anstelle von Schwager Schmulik fortan für ihn arbeitet. Denn auch die Russen lassen sich gerne ihre neuen Uniformen und Anzüge bei Schlojmke nähen. Und plötzlich ist der russische Spuk vorbei; erst verschwinden die russischen Frauen und Kinder aus Jonava, dann die russischen Soldaten.

Am 22. Juni 1941 fallen die ersten Bomben auf Jonava. Schlojmke und Chanke nehmen ihren Sohn Grigori, packen etwas Essen ein und fliehen zusammen mit den polnischen Flüchtlingen Richtung Osten. Ein beschwerlicher Weg, zurückgelegt erst auf einem Pferdewagen, danach zu Fuß und dann mit dem Güterzug, bis sie endlich in Daugavpils eintreffen. 200 Flüchtlinge stürmen den Zug, der eigentlich nur die Frauen und Kinder der  Funktionäre der Stadt ins sichere Russland bringen sollte. Bis an den Ural führt die Flucht Familie Kanowitsch. Vier lange, beschwerliche Jahre bleiben sie dort und kehren erst 1945 zurück nach Litauen.

Grigori Kanowitsch wird 1929 in Jonava bei Kaunas geboren. Sein Vater ist tatsächlich Schneider. Er erlebt den Einmarsch der Rotarmisten und 1941 den Überfall der Deutschen. Mit seiner Familie flüchtet er in die Sowjetunion bis nach Aul in Kasachstan, wo er eine russische Schule besucht. 1942 zieht die Familie weiter bis in den Ural. Und 1945 kehrt sie schließlich nach Litauen zurück, das mittlerweile Teil der UdSSR geworden ist. In Vilnius studiert Grigori russische Philosophie und fängt an zu schreiben. 1950 wird seine erste Erzählung veröffentlicht. Er hat Erfolg und schreibt immer weiter, insgesamt zehn Romane und mehrere Erzählungen, ebenso Drehbücher und Theaterstücke.

Obwohl Grigori auf Russisch schreibt, werden seine Werke nur in Litauen verlegt. Sein Thema: die Juden und ihre Verfolgung in Litauen. Kein Moskauer Verlag ist daran interessiert: „Plan bezüglich der jüdischen Thematik bereits erfüllt!“ – Das, lieber Grigori Kanowitsch, kenne ich bestens aus eigener Erfahrung, auch in Deutschland, aus der Feder renommierter Verlage und noch renommierterer Zeitungen! Juden sind halt ein schwieriges Thema, das man gerne von sich schiebt.

1989 bis 1993 ist Grigori Kanowitsch Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Litauen. 1993 wandert er nach Israel aus und lebt seither mit seiner Frau in Bat-Jam bei Tel-Aviv.

„Kaddisch für mein Schtetl“ öffnet eine weitere Perspektive auf jüdisches Leben vor 1940. Die Menschen sind ausdrucksvoll beschrieben, ehrlich, aufrichtig, sodass sie beim Lesen wirklich zum Leben erwachen. Man freut sich mit ihnen und man hofft mit ihnen. Als Grigoris Zug nach seiner Rückkehr nach Litauen durch Jonava kommt und dort etwas länger hält, steigt er aus und sucht die Vergangenheit. Als einziger Bekannter kommt ihm Julius entgegen, der ehemalige Schneiderlehrling seines Vaters. Sonst nur fremde Menschen auf den Straßen. Die alte Welt ist untergegangen. – Sehr, sehr lesenswert.

Miriam Magall, Berlin


Jahrgang 23 / 2016 Heft 3, S. 225−227.

 



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