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Claudia Meretz

Späte Midraschim zu Mose

Eine Analyse rabbinischer Exegese des Midrasch Petirat Mosche (Teil 1)1

Vom Findelkind im Schilfkörbchen bis zum Gesetzeslehrer und Gesprächspartner Gottes – Mose ist eine einzigartige biblische Gestalt, die weit über das Alte Testament hinaus Bedeutung erlangt hat. Neben seiner zentralen Rolle in den drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam reicht die Faszination Moses bis in die Gegenwart; er war und ist Inspiration für zahlreiche Künstler. Davon zeugen beispielsweise Fresken in der Synagoge von Dura Europos (3. Jh.) mit einem bereits breiten Mosezyklus ebenso wie Ausschnitte aus dem Leben Moses in der Sixtinischen Kapelle von Sandro Botticelli und Pietro Perugino (beide 15. Jh.) – um nur wenige bildliche Darstellungen herauszugreifen.2  Auch Literatur, Musik, Theater und Film beschäftig(t)en sich immer wieder mit dem ‚Mann Moses‘3, bis hin zu dem weltbekannten Spiritual „Let my people go“. Auch im jüdischen Alltag und im liturgischen Festkalender ist Mose das gesamte Jahr über präsent. So begleitet er zu fast 90 Prozent des Jahres die Thora-Lesung in der Synagoge. Viele Festgebete des Synagogengottesdienstes zu Pessach, Schawuot und Simchat Thora ehren Mose als größten Propheten.4


Moses Rettung aus dem Nil.
London, British Library, dd. ms. 27210, fol. 9r,a.

 

Mose im rabbinischen Judentum

Für die Analyse des frühmittelalterlichen Midrasch Petirat Mosche5 ist ein Blick auf die Darstellung Moses im rabbinischen Judentum von elementarer Bedeutung. Hier gilt Mose als höchster Prophet und größter Lehrer; als ein Mann, mit dem Gott von Angesicht zu Angesicht sprach; ein Mittler zwischen Gott und Mensch; vor allem jedoch als Empfänger beider Traditionen – der schriftlichen sowie der mündlichen Thora.6  Dabei reicht seine Wirkung bis in die Zukunft hinein, denn

„auch das, was ein kundiger Schüler einmal vor seinem Lehrer (in einer umstrittenen Sache) entscheiden wird, wurde bereits dem Mose am Sinai gesagt“ (yPea 17a).7

Seine hohe Bedeutung im rabbinischen Judentum zeigt sich auch darin, dass er in eine Reihe mit den großen Rabbinen Hillel, Jochanan ben Zakkai sowie Aqiva gestellt wurde: Denn auch ihnen wird eine Lebenszeit von 120 Jahren (mit drei Perioden von je 40 Jahren) wie Mose zugesprochen8 , die bis heute als perfektes Lebensalter gilt – gemäß dem modernen Gruß zum Geburtstag: ‚Bis 120!‘

Doch ungeachtet dieser zahlreichen positiven Eigenschaften wird eine Vergöttlichung Moses bewusst vermieden.9  Mose ist wie jeder andere auch ein Mensch aus Fleisch und Blut, ein Mensch mit Fehlern. Von einem Personenkult wird Abstand genommen: Die jüdische Religion ist kein Mosaismus. Hier erfolgt eine ausdrückliche Abgrenzung zum Christentum mit Jesus Christus sowie später auch zum Islam mit Muhammad.10  Nicht Mose, sondern Gott gab dem Volk Israel die Thora. So war es auch Gott, der die Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft befreite. In der Pessach-Haggada, dem wichtigen Werk für den Seder-Abend, sucht man daher vergebens nach Mose. Dies soll verdeutlichen, dass das Judentum ganz auf Gott ausgerichtet ist und nicht nur auf eine menschliche Mittlerperson. Auch im Achtzehngebet11  findet Mose keine Erwähnung. Ferner ist Mose nicht allwissend, er wird von den Rabbinen bewusst als Instrument eingesetzt. Der Fokus liegt auf der Thora; sie steht über allem. So wird schon in der Mischna darauf hingewiesen, dass allein der feste Glaube an Gott dem Volk Israel im Kampf gegen Amalek den Sieg brachte, nicht etwa Moses zum Himmel gestreckte Arme12:

„Aber hätten denn die Hände des Mose den Krieg fördern können oder hätten sie den Krieg hindern können? Vielmehr [steht es da], um dir zu sagen: Immer, wenn die Israeliten einsichtig waren gegenüber [dem da] oben und ihre Herzen ihrem Vater, der im Himmel ist, unterwarfen, waren sie siegreich, aber wenn nicht, verloren sie“ (mRH 3,8).

Erst mit der Gemara, die zusammen mit der Mischna den Talmud bildet, erhält Mose seinen Titel Mosche Rabbenu, ‚unser Lehrer Mose‘, und zeigt zugleich seine Rolle in der rabbinischen Auslegung. Der Name „Mose“ war zudem bis zum frühen Mittelalter tabuisiert; doch seitdem gilt er als Ehrentitel für Gelehrte13  und erfreut sich noch heute großer Beliebtheit.

Der Midrasch „Petirat Mosche“ (nach Adolf Jellinek)

In den Jahren 1853 bis 1878 publizierte der jüdische Gelehrte Adolf Jellinek (1820/21–1893) das bedeutende sechsbändige Werk Bet ha-Midrasch. Es enthält 99 kleine, größtenteils unbekannte Midraschim14, die Jellinek nach Handschriften und Drucken gesammelt hat.15  Der Midrasch Petirat Mosche ist nach Jellinek in drei Versionen überliefert, beziehungsweise erhalten.16  Zwei von ihnen befinden sich in Jellineks Edition: eine im ersten Teil und eine andere Fassung im sechsten Teil; beide Texte liegen ohne Vokalisierungen vor. Für keine der Versionen ist ein Verfasser genannt. Die Ausführung im ersten Teil des Sammelwerkes ist die längere erhalten gebliebene und wurde von ihrem deutschen Übersetzer August Wünsche mit Moses Tod betitelt, was der hebräischen Überschrift entspricht. Sie wurde für das Fest Simchat Thora (Freude der Thora), den letzten Tag des Laubhüttenfestes, verfasst.17  An diesem Tag wird in der Synagoge der letzte Wochenabschnitt der Thora mit Dtn 33 und 34 vorgelesen18, welche den Segen und den Tod Moses behandeln. Diese Version des Midrasch beginnt dabei mit Dtn 33,119  als einleitendem Vers. Zudem sind zwei Erstdrucke bekannt: Konstantinopel (1516) sowie Venedig (1544).20  

Auch eine Bearbeitung in jiddischer Sprache soll existieren21  und war wohl „als ‚Trostbuch‘ für die eigene Sterbestunde“22  gedacht. Dies lässt vermuten, dass der Text für das einfache Volk verfasst wurde23  oder aber erst aufgrund der jiddischen Bearbeitung diesem zugänglich gemacht werden konnte. So konnten auch erstmals jüdische Frauen mit der Midrasch-Tradition in Berührung kommen.24


Mose am brennenden Dornbusch.
Fresko aus der Synagoge von Dura Europos.

Eine weitere Fassung beginnt mit dem Vers Spr 31,2925  und befindet sich im sechsten Teil des Bet ha-Midrasch. Sie wurde von August Wünsche mit Moses Größe betitelt. Die deutsche Übersetzung möchte demnach nicht nur Irritationen vermeiden, sie will vielmehr auf den ganz anderen Inhalt des Midrasch hinweisen. Nicht der Tod Mose steht hier im Vordergrund, sondern – wie der Titel bereits vermuten lässt – die Überhöhung Moses. Nach Jellinek lässt der Charakter der Sprache erkennen, dass es sich hierbei um die ältere Fassung handeln muss. Die Ausgabe bei Jellinek folgt der Handschrift codex h. Paris 710. Da der Pariser Handschrift leider sechzehn Blätter fehlen, bricht der Midrasch mitten in der Handlung ab.26  Seine weitere Entwicklung kann nicht eingeschätzt werden, lässt aber Großes erahnen. Jedoch hat Jellinek ihr vermutlich die zweite Hälfte der anderen Fassung des Midrasch Petirat Mosche angefügt.

Nach August Wünsche weist diese ergänzte Fassung lediglich wenige Abweichungen zur Version im ersten Teil der Jellinek-Ausgabe auf. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass die Ergänzung einem anderen Druck oder einer anderen Handschrift folgt. Da diese Beifügung von Jellinek nicht kommentiert wurde, bleibt unklar, welcher Text der unvollständigen Pariser Handschrift beigefügt wurde und aus welchem Anlass. Wünsche hat aus diesem Grund lediglich die Pariser Handschrift ins Deutsche übersetzt und entsprechend auf die andere Fassung (Moses Tod) verwiesen.27  Dass verschiedene Versionen des Midrasch Petirat Mosche existieren, legt eine weite Verbreitung und Beliebtheit des Stoffes nahe und deutet zugleich auf eine zunächst mündliche Überlieferung hin.28  Ebenso verdeutlicht es auch das hohe Ansehen Moses im rabbinischen Judentum.

Das Motiv vom Tod Moses war allgemein in der rabbinischen Literatur beliebt und wurde in verschiedenen Werken verarbeitet.29  Parallelen zum vorliegenden Midrasch Petirat Mosche finden sich zum Beispiel in Devarim Rabba 1130 sowie im Yalqut Deuteronomium § 94031. Eine genaue Datierung ist nur schwer vorzunehmen. Wahrscheinlich wurde der Midrasch Petirat Mosche im 11. Jh. verfasst32  und gehört somit zur jüngeren Aggada. Klaus Haacker vermutet sogar eine frühere Datierung, da ein Pijjut33  von Benjamin ben Samuel (frühes 11. Jh.) wohl diesen Midrasch voraussetzt.34

Leopold Zunz vermutet, dass der Autor des Midrasch poetische Werke des 9. und 10. Jh. gekannt haben muss, die diesen Stoff verarbeitet haben.35  In seinem Werk Literaturgeschichte der synagogalen Poesie lassen sich dabei viele verschiedene Pijjutim vor allem anonymer Dichter dieser Periode (von Quallir im 6./7. Jh. bis 1140) finden. So wurden zu den unterschiedlichsten jüdischen Festen Pijjutim über Mose verfasst. Diese umfassen Moses Geburt und Jugendjahre bis hin zur Darstellung, bzw. kreativen Ausgestaltung seines Todes.36  Die Aussagen zur Datierung müssen jedoch einander nicht ausschließen; sie dürfte für das 11. Jh. anzusetzen sein. Es soll jedoch noch darauf hingewiesen werden, dass die Sekundärliteratur oft nur von dem Midrasch Moses Tod spricht, der wiederum in verschiedenen Bearbeitungen überliefert ist.37

Der unvollständig erhaltene Midrasch „Moses Größe“

Der Midrasch Moses Größe ist sehr übersichtlich gestaltet und beginnt – ausgehend von Spr 31,29 – mit einem einleitenden Absatz, dem elf Passagen mit Gleichnissen folgen. Das letzte Gleichnis bricht inmitten der Handlung ab, da hier – wie bereits erwähnt – zahlreiche Blätter der Pariser Handschrift fehlen. Dieser Midrasch dient dem Lob und der Überhöhung Moses. Dabei wird Mose in den ersten sechs Passagen in chronologischer Reihenfolge mit jeweils einer bedeutenden biblischen Gestalt verglichen. Diese Persönlichkeiten sind allesamt männlich: Adam, Noah, Abraham, Isaak, Jakob und Joseph. Jede Passage wird mit der Frage ‚Wem gleichen sie?‘38  eingeleitet.

Im Anschluss daran wird Mose mit je einem Werk der Schöpfung verglichen, das wiederum mit einem bestimmten Schöpfungstag verbunden ist: Licht am ersten Tag, Raki‘a39  am zweiten Tag, Wasser am dritten Tag, Gestirne am vierten Tag, Tiere am fünften Tag – entsprechend der Reihenfolge der biblischen Vorlage.40  Anstelle der Frage, wem sie gleichen, wird hier jedoch der Ausruf ‚Siehe, beide sind gleich!‘, bzw. ‚Siehe, sie sind gleich!‘ eingefügt.41 Dies suggeriert zunächst eine Gleichstellung Moses mit dem jeweiligen Schöpfungswerk. Am Ende jeder der elf Passagen dagegen erfolgt der Ausspruch ‚Siehe, Mose ist größer als [...]‘, um jeweils zu verdeutlichen, dass allein Mose alles und jeden überwiegt.42  Somit sind wahrscheinlich sechs biblische Personen und sechs Schöpfungswerke für einen Vergleich mit Mose vorgesehen gewesen. Ein ähnlicher Ansatz findet sich ebenfalls im Midrasch Devarim Rabba 11.43  Auch hier bezieht sich eine rabbinische Auslegung auf Spr 31,29 und vergleicht Mose mit (hier nur) fünf biblischen Gestalten: Adam, Noah, Abraham, Isaak und Jakob. Einige Elemente finden sich dabei im vorliegenden Midrasch Moses Größe wieder.

Das hier als Stilmittel verwendete rabbinische Gleichnis gehört einer eigenen Literaturgattung an und ist sowohl im Jerusalemer wie auch im Babylonischen Talmud und in zahlreichen Midraschim zu finden. Entstehung und Ursprung des rabbinischen Gleichnisses sind nicht geklärt; das älteste Gedankengut jedoch hat seinen Ursprung in der letzten Generation vor der Zerstörung des zweiten Tempels.44  Das Gleichnis ist eine Erzählung mit einer einfachen Handlung, deren Bilder aus dem Alltag stammen. Diese erfundenen oder übernommenen Erzählungen möchten den Sinn der „rabbinisch verstandenen“45  Thora vermitteln.46  Nach bSan 38b pflegte auch Rabbi Meir seinen Vortrag in drei Abschnitte zu gliedern: „ein Drittel Halakha, ein Drittel Agada und ein Drittel Gleichnisse“ (bSan 38b).

Die einleitenden Verse:

„Es steht geschrieben: ‚Viele Töchter haben Tüchtigkeit bewiesen, du jedoch übertrafst sie alle‘ (Spr 31,29). Wem gegenüber sagte Salomo diesen biblischen Vers? Man sagte es in Bezug auf unseren Lehrer Mose. Der Heilige, gesegnet sei er, wog alle Gerechten ihm gegenüber, und Mose überwog sie alle. Was tat der Heilige, gesegnet sei er? In vielfacher Hochachtung zu Mose brachte er das ganze Schöpfungswerk herbei. Er legte es in die eine Waagschale und Mose in die andere Waagschale. Mose jedoch überwog sie alle“ (Midrasch Moses Größe).47

Eingeleitet wird der Midrasch mit dem biblischen Vers Spr 31,29, der zu den Ketuvim48  zählt und gleichzeitig aus dem ‚Lob der tüchtigen Hausfrau‘ stammt. Dieser Vers kann als eine Art Peticha angesehen werden, welche im Allgemeinen den auszulegenden Injanvers49  ergänzt. Hier dagegen dient der Vers Spr 31,29 eher als Einleitung in den Midrasch sowie als Hinführung zum Thema – dem Lob und der Überhöhung Moses – und wird demnach nicht im traditionellen Sinne verwendet. Auffällig ist, dass das Bibelzitat das weibliche Geschlecht, insbesondere die jüdische Ehefrau und Mutter betrifft und hier auf Mose übertragen wird. Das ‚Lob der tüchtigen Hausfrau‘ gilt vor allem als Liebestext. Traditionell tragen die Männer am Eingang des Schabbat ihren Ehefrauen diese Vers-Einheit vor. Für den vorliegenden Midrasch soll dieses Liebesverhältnis auf Gott und Mose übertragen werden.Es gibt jedoch noch eine andere Möglichkeit, diesen Vers hier zu verorten. Im Midrasch Schemot Rabba wird Ex 19,350  mit Ps 68,19 verbunden51:

„,Du stiegst zur Höhe, machtest Gefangene‘ [Ps 68,19]. Was heißt [stiegst zur Höhe]52? Soviel wie du wurdest erhöht, du rangst mit den Engeln der Höhe“ (ShemR 28).

Da diese hebräische Verbform auch im vorliegenden Vers Spr 31,29 verwendet wird53, kann der Bezug zur Erhöhung Moses somit übertragen werden.54  Im weiteren Verlauf wird Salomo namentlich erwähnt, da ihm das Buch der Sprüche55  traditionell zugeschrieben wird. Damit wird suggeriert, dass Salomo diesen Vers allein für Mose verfasst hätte. Dies verdeutlicht nachdrücklich die hohe Bedeutung Moses. Gleichzeitig gilt Salomo traditionell auch als „Ahnvater des Maschal“56, des Gleichnisses, das wiederum als direkter Bezug zu den nachfolgenden Gleichnissen angesehen werden kann. Und dann befasst sich Gott selbst mit Mose.

Ganz bildlich wird an dieser Stelle geschildert, wie Gott zunächst alle Gerechten der Welt gegenüber Mose auf einer Balkenwaage wiegt und Mose sie aufgrund seiner Leistungen, seines Wertes überwiegt. Als die Gerechten nicht genügen, nimmt Gott das gesamte Schöpfungswerk und wiegt dieses gegenüber Mose. Dabei offenbart sich Gottes große Zuneigung und ganzes Vertrauen zu Mose. Das Ergebnis ist dasselbe: Mose überwiegt alle.


Die Berufung des Mose.

„Dort erschien ihm der  Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch hervorschlug“  (Ex 3,2).

Goldene Haggada, Spanien, 1310–1320. 

Der Verfasser dieses Midrasch lässt Mose demnach nicht nur jeden gerechten Menschen überbieten, sondern gleich alle Werke der Schöpfung. Das Bild einer Balkenwaage wirkt dabei unterstützend. Moses Taten stehen somit über allem; nichts oder niemand kann mit ihm verglichen werden. Dies wollen im Folgenden die Gleichnisse verdeutlichen. Die biblischen Figuren, die hier vom Verfasser gewählt wurden, sind dabei keine unbedeutenden und sollen die eingangs genannten „Gerechten“ repräsentieren. Adam ist der erste Mensch, Noah der Sintflutbezwinger; Abraham, Isaak und Jakob sind die drei Erzväter, und Joseph bildet nicht nur den Übergang von den Erzväter-Geschichten zur Befreiung aus der Knechtschaft, vielmehr steigt er in Ägypten zum obersten Verwalter auf und ist eine angesehene Persönlichkeit. Allen diesen biblischen Gestalten ist Gott nahe, doch nur Mose ist dazu bestimmt, mit Gott von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.

Der Verfasser des Midrasch hat diese wichtigen Figuren bewusst gewählt, um Mose noch bedeutender wirken zu lassen. Dass für einen weiteren Vergleich mit Mose sogar die Schöpfungswerke herangezogen werden, bekräftigt diese These. Jedes einzelne Werk von Gottes Schöpfung ist etwas Einzigartiges – und doch wird ihnen ein einzelner kleiner Mensch gegenüber gestellt. Das soll keineswegs bedeuten, dass Mose über Gott steht – niemals ist das rabbinische Intention. Hier geht es ausschließlich um von Gott Erschaffenes. Mag es heutige Leser seltsam anmuten, so steht doch immer eine „theologische Absicht [hinter] rabbinische[m] Erzählen [...]“57. Im Folgenden können lediglich zwei Gleichnisse des Midrasch Moses Größe wiedergegeben werden, die jedoch zum Weiterlesen anregen wollen.

Joseph und Mose

„Joseph und Mose: Wem gleichen sie? Einem Nasiräer und einem Trunkenbold. Der Nasiräer hatte einen Weinkrug als Pfand in seinem Haus. Auch der Trunkenbold hatte einen Weinkrug in seinem Haus. Der Versöhnungstag kam, und beide enthielten sich des Weins. Welcher von ihnen ist größer? Nicht der Trunkenbold? So war auch Joseph ein Nasiräer in Bezug auf die Frau seines Herrn, wie geschrieben steht (Gen 39,9): ‚Wie könnte ich ein so großes Übel tun […]‘. Mose jedoch hatte seine Frau bei sich, schlief aber nicht mit ihr. Siehe, Mose ist größer als Joseph“ (Midrasch Moses Größe).

Das letzte Gleichnis zu den biblischen Gestalten ist Joseph und Mose gewidmet und vergleicht beide mit einem Nasiräer und einem Trunkenbold. Beide haben einen Weinkrug in ihrem Haus, für den Nasiräer stellt dieser jedoch ein Pfand (und keinen Besitz) dar. Am Versöhnungstag enthalten sich beide des Weins. Die Auflösung sieht in dem Nasiräer Joseph und in dem Trunkenbold Mose; der Weinkrug entspricht einer verheirateten Frau. Der Versöhnungstag kann als solcher stehenbleiben, da der höchste jüdische Feiertag als strenger Fasten- und Bußtag gilt:

„Am Versöhnungstag ist es verboten zu essen, zu trinken, sich zu waschen, zu salben, die Sandalen anzulegen und das Bett zu benutzen [gemeint ist der Beischlaf]“ (mJoma 8,1).

Ein Nasiräer ist ein Gottgeweihter, dessen Gesetz in Num 6,1–21 verankert ist. Deshalb ist es einem Nasiräer unter anderem verboten, Wein und andere alkoholische Getränke zu sich zu nehmen, sodass er gewohnt ist, auf den Genuss von Wein zu verzichten. Einem Trunkenbold fällt dies natürlich wesentlich schwerer.

Der angegebene Schriftbeleg zu Joseph bezieht sich auf die Begegnung mit Potiphars Ehefrau in dessen Haus (vgl. Gen 39). In Bezug auf die Frau des Potiphar kann Joseph als Nasiräer gesehen werden; sie wiederum als der Weinkrug, der Joseph als Pfand in die Hände gegeben wurde. Joseph weigert sich, eine fremde Ehefrau auch nur zu berühren und damit gegen Gottes Gebot zu verstoßen, wie der Schriftbeleg verdeutlichen möchte:

„Wie sollte ichdenn nun ein solch großes Übel tun und gegen Gott sündigen?“ (Gen 39,9).

Mose hingegen enthält sich seiner eigenen Ehefrau, wie sich der Trunkenbold des Weins enthält, und beweist damit Charakterstärke. Ein Schriftbeleg fehlt leider an dieser Stelle – ganz bewusst, denn ein solcher Beleg scheint nicht zu existieren. Erweist es sich schon als schwierig, sich einer fremden Ehefrau zu enthalten, um wie viel mehr dann der eigenen Ehefrau! Mose überragt demnach auch Joseph.

Mose und der Raki‘a

„Am zweiten Tag schuf der Heilige, gesegnet sei er, den Raki‘a, wie geschrieben steht (Gen 1,8): ‚Und Gott nannte den Raki‘a Himmel.‘ Über Mose steht ebenso geschrieben (Lev 1,1): ‚Und er rief Mose‘. Siehe, beide sind gleich. Ein Gleichnis von zwei Menschensöhnen: Der eine hatte die Berechtigung, in den Hof seines Freundes zu gehen, der andere jedoch hatte diese Berechtigung nicht. So hatte der Raki‘a keine Berechtigung, sich auf der Erde aufzuhalten. Mose jedoch stieg zum Raki‘a hinauf. Siehe, Mose ist größer als der Raki‘a“ (Midrasch Moses Größe).

Für den zweiten Schöpfungstag liegt ein Gleichnis vor, das dem Raki‘a und Mose gewidmet ist. Wie in Fußnote 39 bereits vermerkt ist, wurde der hebräische Begriff Raki‘a bewusst übernommen, da dieser nicht nur ‚Fläche‘ oder ‚Himmel‘ bedeuten kann, sondern vielmehr den Namen von einem der sieben Himmel darstellt und somit eine bessere Aussageintention besitzt. Wie für den Vergleich mit dem ersten Schöpfungstag, dem Licht,58  bezieht sich der Verfasser auch hier auf die hebräische Konstruktion ‚und er rief / nannte‘, welche die Schriftbelege Gen 1,8 und Lev 1,1 bekräftigen. Nun folgt zunächst die Aussage ‚Siehe, beide sind gleich‘ und suggeriert bewusst ein Gleichgewicht zwischen dem zweiten Schöpfungswerk und Mose, das im Folgenden jedoch durch das Gleichnis aufgehoben wird.

Zum ersten Mal in diesem Midrasch wird ein Gleichnis mit dem hebräischen Wort ‚Maschal‘ eingeleitet. In diesem werden der Raki‘a und Mose mit zwei Menschensöhnen verglichen, von denen einer die Berechtigung besitzt, sich im Hof des Freundes aufzuhalten, der andere dagegen nicht. Erneut werden keine Schriftbelege angegeben, vermutlich weil keine entsprechenden Belege existieren. Die Textstelle zu Mose ist vielmehr der rabbinischen Auslegung entnommen und wird in diesem Midrasch gerne – vor allem im Zusammenhang mit Ps 68,19 – verwendet. Die Auflösung sieht demnach in dem Menschensohn (ohne Berechtigung) den Raki‘a und in dem anderen Menschensohn (mit Berechtigung) Mose. Die Berechtigung wiederum scheint eine von Gott erteilte Erlaubnis zu sein, die nicht jedem zugestanden wird. Ferner ist der Hof ein Ort, der für den jeweils anderen unzugänglich ist. So kann der Raki‘a den Hof Moses (die Erde) nicht betreten, da ihm die Berechtigung (Gottes Erlaubnis) fehlt. Mose hingegen ist es erlaubt, sich auf dem Hof des Raki‘a (Höhe, Himmel) aufzuhalten. Wiederum ist Mose größer als ein Schöpfungswerk.

Die rabbinische Darstellung Moses im Midrasch „Moses Größe“ (Zusammenfassung)

Ganz eindeutig lässt sich die rabbinische Intention des Midrasch Moses Größe erkennen: Es geht hierbei ausschließlich um die Überhöhung Moses. Die einzelnen Gleichnisse helfen dabei, ein Idealbild von Mose zu zeichnen, und weisen gleichzeitig auf dessen Beliebtheit und feste Verankerung im Judentum hin. Bewusst werden biblische Schriftbelege sowie rabbinische Auslegungen verwendet, welche die jeweilige biblische Gestalt oder das entsprechende Schöpfungswerk gegenüber Mose gering und sekundär erscheinen lassen. Mose hingegen wirkt unfehlbar; für ihn werden ausschließlich positive Belege herangezogen, bzw. werden sie zu seinen Gunsten ausgelegt.

Verwoben mit den Gleichnissen, lassen sich die überragenden Taten Moses leichter einprägen und sollen so dem Leser lange im Gedächtnis bleiben. Das Gleichnis bildet dabei einen guten Transfer. Es ist anzunehmen, dass dieser Midrasch zur Erbauung für das einfache jüdische Volk verfasst wurde. Viel von dem verwendeten Gedankengut stammt aus der rabbinischen Literatur. So wird vor allem der Midrasch Bereschit Rabba herangezogen, aber auch der Topos von Moses Aufstieg in die Höhe findet sich mehrmals. Einige Parallelen sind ferner im Midrasch Devarim Rabba 11 zu erkennen, wobei hier jedoch nicht geklärt ist, welcher der beiden Texte zuerst entstanden ist.59

Es ist möglich, dass noch weitere Parallelen in der rabbinischen Literatur vorhanden sind. Doch nicht alles konnte für diese Arbeit eingesehen werden. Fest steht, dass der Verfasser des vorliegenden Midrasch gebildet und sehr gut mit der rabbinischen Literatur vertraut war. Außerdem ist es kein Leichtes, elf verschiedene Gleichnisse60  mit derselben Intention zu verfassen.

Eine wesentliche Rolle wird Gott zugesprochen, welcher erst derjenige ist, der den Anstoß gibt und Mose gegenüber den Gerechten und dem gesamten Schöpfungswerk wiegt. Der einleitende Vers Spr 31,29 dient dabei als Metapher eines Liebesverhältnisses zwischen Gott und Mose und bereitet auf die nachfolgenden Gleichnisse vor. Diese Liebe und Zuneigung Gottes zu Mose zeigt sich nicht nur in den inhaltlichen Aspekten, sondern auch in den sprachlichen Formulierungen. So zum Beispiel in der einleitenden Passage („Was tat der Heilige, gesegnet sei er? In vielfacher Hochachtung zu Mose [...]“) wie auch im Übergang zu den Gleichnissen der Schöpfungswerke („Doch nicht nur das, darüber hinaus wog ihn der Heilige, gesegnet sei er, gegenüber allen Schöpfungswerken [...]“). Auch wenn dabei das Bild, wie Gott Mose mit anderen auf einer Balkenwaage wiegt, im ersten Augenblick seltsam erscheint, so kann sich der Leser dadurch doch eine sehr gute Vorstellung von dem Vorgang machen. Die Darstellung wirkt viel plastischer und dient somit dem leichteren Verständnis.

Dass Gott in diesem Midrasch den auslösenden Faktor darstellt, lässt Mose bescheiden wirken. Der Verfasser scheint darauf bedacht, die Figur Mose passiv in Erscheinung treten zu lassen. Die Verwendung von Gleichnissen bietet dabei einen Blick von oben auf das Geschehene. Mose ist also nicht aktiv Agierender, sondern er wirkt vielmehr wie jemand, für den eine Feier veranstaltet wird – gleichsam der Ehrengast. Für die Vergleiche mit Mose werden dabei keine geringen Personen oder unbedeutenden Objekte herangezogen. Im Gegenteil: Es werden die hervorragendsten biblischen Gestalten gewählt, um Mose noch einzigartiger wirken zu lassen. Alle Figuren stammen aus dem Buch Genesis und liegen außerdem zeitlich vor Mose.

Daneben bedient sich der Verfasser auch der Naturelemente und lässt darüber hinaus Gottes Schöpfungswerk gegenüber Mose wiegen. Betrachtet man dazu den hebräischen Titel des Midrasch, so könnte der Text als eine Lobeshymne auf Mose nach dessen Tod verstanden werden – auch wenn dieser Text erst viele Jahrhunderte später entstanden ist.


Claudia Meretz, geb. 1981, studierte Judaistik an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg i. Br. Der vorliegende Beitrag basiert auf ihrer Masterarbeit mit demselben Titel (Abschluss im Sommersemester 2014) und erscheint in zwei Teilen. Auf Zitate in hebräischer Sprache wurde hier bewusst verzichtet.


  1. Im vorliegenden Artikel werden folgende Abkürzungen verwendet: DevR (Midrasch Devarim Rabba), yPea (Jerusalemer/Palästinischer Talmud, Pea), bMen (Babylonischer Talmud, Menachot), mRH (Mischna, Rosch ha-Schana), mAvot (Mischna, Avot), bHag (Babylonischer Talmud, Hagiga/Chagiga), bSan (Babylonischer Talmud, Sanhedrin), ShemR (Midrasch Schemot Rabba), mJoma (Mischna, Joma).
  2. Michaela Bauks / Klaus Koenen / Stefan Alkier (Hg.), Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex, http://www.wibilex.de). Permanenter Link zum Artikel „Mose“: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/28069/ (Zugriff am 19.04.2016).
  3. Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion, Verlag Albert de Lange, Amsterdam 1939.
  4. Beate Ego, Mose im Judentum, in: Christfried Böttrich / Beate Ego / Friedmann Eißler (Hg.), Mose in Judentum, Christentum und Islam, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, 11–66; 61 f.
  5. Die Übersetzung des hebräischen Originaltitels lautet: „Vom Ableben unseres Lehrers Mose, Friede sei mit ihm.“
  6. Encyclopaedia Judaica, Keter Publishing House, Jerusalem 1972, s. v. Moses (Bd. 12, S. 371–411).
  7. Vgl. dazu auch Mose in der himmlischen Jeschiva bei Rabbi Aqiva in bMen 29b: „Als Mose in die Höhe stieg […]. Da wandte er [Mose] sich um und setzte sich hinter die achte Reihe; er verstand aber ihre Unterhaltung nicht und war darüber bestürzt. Als jener [R. Aqiva] zu einer Sache gelangte, worüber seine Schüler ihn fragten, woher er dies wisse, erwiderte er ihnen, dies sei Mose am Sinaj überlieferte Lehre [...].“
  8. Vgl. Sifre Deuteronomium § 357 (zu Dtn 34,7).
  9. Encyclopaedia Judaica (Anm. 6), s. v. Moses.
  10. Ebd.
  11. Das „Achtzehngebet“ („Schemone Esre“, auch „Amida“ genannt) ist Teil eines jeden Gottesdienstes und neben dem „Schma Jisrael“ eines der wichtigsten Gebete.
  12. Vgl. Ex 17,11: „Und wenn Mose seine Hand emporhielt, siegte Israel; wenn er aber seine Hand sinken ließ, siegte Amalek.“
  13. Encyclopaedia Judaica (Anm. 6), s. v. Moses.
  14. Ebd., s. v. Adolf Jellinek (Bd. 9, S. 1337–1339).
  15. Midrasch „Petirat Mosche“ (nur in hebräischer Sprache), in: Bet ha-Midrasch. Sammlung kleiner Midraschim und vermischter Abhandlungen aus der ältern jüdischen Literatur. Erster Teil. Nach Handschriften und Druckwerken gesammelt und nebst Einleitungen herausgegeben von Dr. Adolf Jellinek, Wahrmann Books, Jerusalem 31967, S. 115–129, S. VIII.
  16. Ebd., Sechster Teil, S. 71–78, S. XXI.
  17. Ebd., Erster Teil, S. XXI.
  18. An Simchat Thora wird sowohl der letzte als auch der erste Wochenabschnitt (Parascha) aus dem Jahreszyklus von 45 Wochenabschnitten der Thora gelesen (ein Zyklus wird beendet und ein neuer Zyklus beginnt). Die Form der Rolle veranschaulicht zudem, dass die Thora keinen Anfang und kein Ende hat, entsprechend dem Wort von Rabbi Ben Bag Bag: „Wende sie [die Tora] hin und wende sie her, denn alles ist in ihr [...]“ (mAvot 5,22).
  19. Dtn 33,1: „Dies ist der Segen [...]“.
  20. Günter Stemberger, Einleitung in Talmud und Midrasch, Neunte, vollständig neubearbeitete Auflage, Verlag C. H. Beck, München 2011, S. 370.
  21. Klaus Haacker / Peter Schäfer, Nachbiblische Traditionen vom Tod des Mose, in: Otto Betz / Klaus Haacker / Martin Hengel (Hg.), Josephus-Studien. Untersuchungen zu Josephus, dem antiken Judentum und dem Neuen Testament. Otto Michel zum 70. Geburtstag gewidmet, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1974, S. 170. Leider gibt Haacker keine näheren Auskünfte über die jiddische Fassung, sodass diese nicht eingesehen werden konnte.
  22. Ebd.
  23. Vgl. auch Günter Stemberger, Midrasch „Wa-yosha“ – Quellen und Tendenzen einer mittelalterlichen Erzählung, in: ders., Judaica Minora, Bd. 2, Mohr Siebeck, Tübingen 2010, S. 594.
  24. Günter Stemberger, Midrasch. Vom Umgang der Rabbinen mit der Bibel. Einführung – Texte – Erläuterungen, Verlag C. H. Beck, München 1989, S. 213 f.
  25. Spr 31,29: „Es sind wohl viele tüchtige Frauen, du aber übertriffst sie alle.“
  26. Midrasch „Petirat Mosche“, in: Jellinek, Bet ha-Midrasch (Anm. 15), Sechster Teil, S. XXI.
  27. Vgl. Midrasch „Moses Größe“, in: August Wünsche, Aus Israels Lehrhallen, Band 1, Teile I–III, Kleine Midraschim zur späteren legendarischen Literatur des Alten Testaments, 2. Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1907; Georg Olms Verlag, Hildesheim 2013, S. 126.
  28. Vgl. auch Stemberger, Midrasch (Anm. 24), S. 205.
  29. Vgl. Haacker, Nachbiblische Traditionen (Anm. 21), S. 164 ff. Eine chronologische Darstellung wichtiger jüdischer Werke zum Tod Moses gibt Rella Kushelevsky, Moses and the Angel of Death, in: Horst S. Daemmrich (Hg.), Studies on Themes and Motifs in Literature, Vol. 4, Peter Lang AG, New York 1995, S. xviii (Einleitung).
  30. Eine genaue Datierung von DevR ist problematisch. Das Werk ist vermutlich sehr früh entstanden, wohl zwischen 450 und 800 n. Chr. Die Parallelen zum Midrasch Petirat Mosche hingegen können als Nachtrag angesehen werden. Welcher Text jedoch zuerst verfasst wurde, lässt sich heute nicht mehr feststellen; vgl. auch Stemberger, Einleitung in Talmud und Midrasch (Anm. 20), S. 341.
  31. Stemberger, ebd., S. 369.
  32. Stemberger, Midrasch (Anm. 24), S. 52.
  33. Eine besondere Dichtung für den liturgischen Gebrauch im jüdischen Gottesdienst.
  34. Haacker, Nachbiblische Traditionen (Anm. 21), S. 167. Leopold Zunz schreibt dazu, dass die poetische Beschreibung vom Tod Moses vermutlich von Benjamin b. Samuel stammt und im Sillukstil für das Laubhüttenfest verfasst wurde. Ob diese jedoch den Midrasch Petirat Mosche voraussetzt, wird nicht erwähnt. Vgl. Leopold Zunz, Literaturgeschichte der synagogalen Poesie, Reprografischer Nachdruck der Ausgabe Berlin 1865; Georg Olms Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1966, S. 119.
  35. Leopold Zunz, Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden historisch entwickelt. Ein Beitrag zur Altertumskunde und biblischen Kritik, zur Literatur- und Religionsgeschichte, Reprografischer Nachdruck der Ausgabe Frankfurt a. M. 1892; Georg Olms Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1966, S. 154.
  36. Zunz, Literaturgeschichte (Anm. 34), S. 64–84. Leider konnten diese Pijjutim im Rahmen der Arbeit nicht berücksichtigt werden. Die Angaben von Zunz sprechen jedoch dafür, dass einige Themen in den Midrasch eingeflossen sein könnten. Vgl. auch Stemberger, Midrasch (Anm. 24), S. 205: Die Pijjutim als Teil des Synagogengottesdienstes weisen bereits früh enge Parallelen zu den Midraschim auf.
  37. Eine Liste mit den verschiedenen überlieferten Manuskripten und Drucken des Midrasch Petirat Mosche in: Rella Kushelevsky, Moses and the Angel of Death (Anm. 29), S. 289 ff.
  38. Eine Ausnahme bilden die beiden ersten Passagen, in denen je abweichende hebräische grammatikalische Formen verwendet werden.
  39. Der Begriff „Raki‘a“ wurde bewusst übernommen (wie auch August Wünsche [Anm. 27] diesen beibehält), da er nicht nur Fläche oder Himmel bedeuten kann, sondern vielmehr den Namen von einem der sieben Himmel darstellt und somit eine bessere Aussagekraft besitzt. Vgl. Marcus Jastrow, Sefer Milim. A Dictionary of the Targumim, the Talmud Babli and Yerushalmi, and the Midrashic Literature, compiled by Marcus Jastrow with an Index of Scriptural Quotations, Nachdruck der zweibändigen Originalausgabe Philadelphia 1903; Makor, Jerusalem o. J. [1988], s. v. Raki‘a (Stichwortsuche nur in hebräischer Sprache möglich), S. 1496 f.; vgl. auch bHag 12b: „Res? Lagis? sagte: Es sind deren sieben [Himmel], und zwar: Vorhang, Veste, Dunstwolke, Wohnung, Burg, Stätte und Gewölk.“ Dabei steht das Wort ‚Veste‘ für das hebräische Raki‘a.
  40. Ein kleiner Unterschied besteht am fünften Schöpfungstag: Im Buch Genesis werden am fünften Tag die Tiere des Wassers sowie die Vögel geschaffen. Erst am sechsten Tag kommen die Landtiere hinzu. Der Midrasch hingegen bezieht sich bereits am fünften Tag neben den Vögeln auch auf die Landtiere. Da unklar ist, wie der Midrasch fortgefahren wäre, kann nur vermutet werden, dass wahrscheinlich am sechsten Tag die Erschaffung des Menschen im Vordergrund gestanden hätte.
  41. Eine Ausnahme bilden die Passagen des ersten sowie des fünften Tages.
  42. Eine Ausnahme bilden der Vergleich mit Abraham sowie der fünfte Tag (doch dieser ist unvollständig).
  43. Wünsche, Aus Israels Lehrhallen (Anm. 27), DevR 11, S. 108 f. (vgl. auch Anm. 30).
  44. David Flusser, Die rabbinischen Gleichnisse und der Gleichniserzähler Jesus, 1. Teil: Das Wesen der Gleichnisse, in: Simon Lauer / Clemens Thoma (Hg.), Judaica et Christiana, Bd. 4, Peter Lang AG, Bern 1981, S. 18 f.
  45. Clemens Thoma / Simon Lauer (Hg.), Die Gleichnisse der Rabbinen. Erster Teil: Pesiqta deRav Kahana (PesK). Einleitung, Übersetzung, Parallelen, Kommentar, Texte, in: Simon Lauer / Clemens Thoma (Hg.), Judaica et Christiana, Bd. 10, Peter Lang AG, Bern 1986, S. 17; vgl. Clemens Thoma, Das Holz im Badehaus. Jüdischer Dialog im frühen Mittelalter, in FrRu NF 6 (1999) 161–165.
  46. David Flusser, Die rabbinischen Gleichnisse (Anm. 44), S. 16 f.
  47. Die Übersetzungen aus dem Midrasch Moses Größe wurden von Claudia Meretz vorgenommen.
  48. Der Tanach besteht aus der Thora (fünf Bücher Mose), den Nevi’im (Propheten) und den Ketuvim (Schriften).
  49. „Unter Injanvers versteht man den auszulegenden Vers; die Peticha ist in der rabbinischen Exegese ein an den Injanvers herangetragener Vers, der die Auslegung neu und überraschend befruchtet. Im Allgemeinen ist der Injanvers der Thora, der Petichavers den prophetischen und poetischen Büchern der Heiligen Schrift entnommen“ (Gabrielle Oberhänsli- Widmer, Biblische Figuren in der rabbinischen Literatur. Gleichnisse und Bilder zu Adam, Noah und Abraham im Midrasch ‚Bereschit Rabba‘, in: Simon Lauer / Clemens Thoma (Hg.), Judaica et Christiana, Band 17, Lang AG, Bern 1998, S. 38, Fußnote 49).
  50. Ex 19,3: „Und Mose stieg hinauf zu Gott“.
  51. Der Psalm 68,19 wird in der rabbinischen Literatur Mose zugeschrieben und ist in diesem Midrasch an mehreren Stellen als Schriftbeleg angegeben; vgl. Hermann L. Strack / Paul Billerbeck, Die Briefe des Neuen Testaments und die Offenbarung Johannis, erläutert aus Talmud und Midrasch, in: Dies. (Hg.), Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, Dritter Band, C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1926, S. 596 f.
  52. Eigentlich wird an dieser Stelle die entsprechende hebräische Verbform für ein besseres Verständnis abgebildet. Es geht hierbei um die Verwendung einer hebräischen Verb-Wurzel, welche in den verschiedenen
  53. Und zwar: „[...] du jedoch übertrafst sie alle“.
  54. Unvokalisiert ist kein Unterschied zwischen maskuliner und femininer zweiter Person Singular zu erkennen.
  55. Daneben werden ihm traditionell auch das Hohelied und Kohelet zugeschrieben.
  56. Oberhänsli-Widmer, Biblische Figuren (Anm. 49), S. 28. Der Begriff ‚Maschal‘ wird bereits in der Hebräischen Bibel verwendet. Ein Bezug zu Salomo findet sich in I Kön 5,12: „Und er dichtete dreitausend Sprüche [Maschal] [...]“.
  57. Günter Stemberger, Narrative Theologie im Midrasch, in: ders., Judaica Minora, Bd. 1, Mohr Siebeck, Tübingen 2010, S. 130–144.
  58. In diesem Artikel nicht wiedergegeben.
  59. Vgl. Anm. 30.
  60. Die Anzahl der Gleichnisse bezieht sich auf die überlieferten. Der zweite Teil des Artikels (in Heft 4/2016) wird sich mit der wesentlich umfangreicheren sowie vollständig erhaltenen Version des frühmittelalterlichen Midrasch beschäftigen. Eines soll vorab bereits bemerkt werden: Mit dem Midrasch Moses Tod erwartet den Leser nicht nur ein ganz anderer Inhalt, sondern vielmehr ein alternierendes rabbinisches Bild Moses.

Jahrgang 23 / 2016 Heft 3, S. 195−210.


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