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Norbert J. Hofmann SDB

Auf dem Weg der Versöhnung

Vierzig Jahre nach ,Nostra aetate‘

Die Vierzig-Jahr-Feiern von Nostra aetate laden dazu ein, auf die Früchte des jüdisch-katholischen Dialogs zu schauen und gleichzeitig den Blick auf dessen Zukunft zu richten. Am 28. Oktober 1965 wurde jene Konzilserklärung promulgiert, die das Verhältnis der katholischen Kirche zu den Weltreligionen neu definierte. Die ursprüngliche Intention zur Abfassung eines Dokuments stammte von Papst Johannes XXIII. Allerdings hatte dieser den Auftrag gegeben, einen Tractatus de iudeis ins Konzil einzubringen. Daß nun Nostra aetate allen Religionen gewidmet ist, hat mit den Entwicklungen im Laufe des Konzilgeschehens zu tun. Den ursprünglichen Kern aber stellt sicherlich der vierte Paragraph dar, wo es um das Verhältnis zum Judentum geht. Und in diesem Bereich ist in den letzten vierzig Jahren wahrhaft viel geschehen, so daß es allen Grund gibt zu feiern.

Jubiläumsfeier im Vatikan

Die Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum hatte am Vorabend des 28. Oktober 2005 zu einer offiziellen Feierstunde im Vatikan eingeladen – mit über 250 Gästen aus der ganzen Welt, Juden und Christen, die im Dialog der letzten Jahre eine wichtige Rolle gespielt haben. Bemerkenswert war auch die Teilnahme mehrerer Kardinäle und Bischöfe der römischen Kurie sowie von Mitgliedern des diplomatischen Korps des Heiligen Stuhls. Der Präsident der Kommission, Kardinal Walter Kasper, begrüßte die Gäste und verlas zunächst die Botschaft, die ihm Papst Benedikt XVI. zu diesem Anlaß zugesandt hatte. Aufgabe der beiden Referenten, Rabbiner David Rosen, Jerusalem, und Kardinal Jean-Marie Lustiger, Paris, war es, auf die vierzig Jahre seit der Promulgation von Nostra aetate zurückzublicken, den heutigen Stand der Beziehungen zwischen Juden und Christen zu charakterisieren und die Perspektiven für den weiteren Dialog und die zukünftige Zusammenarbeit zu benennen. Während Kardinal Lustigers Ansprache eher theologisch-spirituell fundiert war, hielt sich Rabbiner Rosen an die ganz konkreten Schritte in der Entwicklung des Dialogs zwischen Katholiken und Juden, der in den vergangenen vierzig Jahren enorme Fortschritte gemacht hat.

Grußbotschaft von Papst Benedikt XVI.

Vierzig Jahre sind vergangen, seitdem mein Vorgänger Papst Paul VI. die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra aetate feierlich verkündete, die eine neue Epoche der Beziehungen zum jüdischen Volk einleitete und die Grundlage eines ehrlichen theologischen Dialogs bildete. Aus vielerlei Gründen veranlaßt uns dieses Jubiläum, dem allmächtigen Gott für das Zeugnis all jener zu danken, die trotz einer komplexen und oft schmerzlichen Vergangenheit und vor allem nach der tragischen Erfahrung der Schoa, die von einer neuheidnischen, rassistischen Ideologie geprägt war, mutig auf eine tiefere Versöhnung und eine bessere Verständigung zwischen Christen und Juden hingearbeitet haben.

Nostra aetate schuf die Grundlage für ein neues Verhältnis zwischen dem jüdischen Volk und der Kirche und hob die Notwendigkeit hervor, Vorurteile, Mißverständnisse, Gleichgültigkeit und die verächtliche und feindselige Sprache vergangener Zeiten zu überwinden. Die Erklärung hat ein tieferes gegenseitiges Verständnis und gegenseitige Achtung, Zusammenarbeit und nicht selten auch Freundschaft zwischen Katholiken und Juden ermöglicht. Auch forderte das Dokument beide heraus, ihre gemeinsamen spirituellen Wurzeln anzuerkennen und ihr reiches Erbe des Glaubens an den einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, zu würdigen, der seinen Bund mit dem auserwählten Volk schloß, seine Gebote offenbarte und Hoffnung in jene messianischen Verheißungen lehrte, die Zuversicht und Trost spenden in den Wechselfällen des Lebens.Während wir auf vier Jahrzehnte fruchtbarer Kontakte zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk zurückblicken, müssen wir zu diesem Jahrestag unseren Einsatz für die noch ausstehende Arbeit von neuem bekräftigen. Seit den ersten Tagen meines Pontifikats und insbesondere anläßlich meines Besuchs in der Synagoge von Köln habe ich in dieser Hinsicht meine feste Entschlossenheit zum Ausdruck gebracht, den Spuren meines geliebten Vorgängers Papst Johannes Paul II. zu folgen.

Der jüdisch-christliche Dialog muß die geknüpften Bande der Freundschaft weiterhin bereichern und vertiefen, während wir in der Predigt wie auch in der Katechese bemüht sein müssen, unsere gegenseitigen Beziehungen im Licht der vom Konzil festgelegten Grundsätze darzulegen. Im Hinblick auf die Zukunft hoffe ich, daß sowohl im theologischen Dialog wie auch in der täglichen Begegnung und Zusammenarbeit Christen und Juden ein immer wirksameres gemeinsames Zeugnis ablegen werden für den einen Gott und seine Gebote, die Unantastbarkeit des Lebens, die Förderung der menschlichen Würde, für die Rechte der Familie und für die Notwendigkeit, eine Welt der Gerechtigkeit, der Versöhnung und des Friedens für die kommenden Generationen aufzubauen. Anläßlich dieses Jubiläums versichere ich alle jene meines Gebets, die für die Förderung einer besseren Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Christen und Juden im Geist von Nostra aetate eintreten. Von Herzen erbitte ich für alle den göttlichen Segen der Weisheit, der Freude und des Friedens.“

Nostra aetate verpflichtet zu ,Teschuva‘

Kardinal Walter Kasper wies darauf hin, daß der Weg zur Versöhnung zwar nicht immer einfach gewesen sei, man insgesamt aber die vierzig Jahre als eine gesegnete Zeit betrachten könne. Nostra aetate stelle den Anfang des Versöhnungs- und Friedensprozesses zwischen Juden und Christen dar. Man sei gemeinsam auf dem Weg, hätte aber noch lange nicht das „gelobte Land“ erreicht, denn es gehe immer noch darum, Hindernisse und Mißverständnisse zu überwinden, das Gedächtnis durch einen Prozeß der Teschuva (Umkehr) zu reinigen. Er nahm auch Bezug auf die wichtigsten Protagonisten im jüdisch-christlichen Gespräch (u. a. Kardinal Augustin Bea , Jules Isaac), erwähnte aber vor allem die Verdienste von Johannes Paul II. Der Rezeptionsprozeß von Nostra aetate erfordert ständige Bemühungen im Bereich von Bildung und Erziehung, damit die junge Generation die Bedeutung des radikalen Umbruchs nach dem Konzil ermessen könne.

Inhaltlich hob Kardinal Kasper zwei markante Punkte hervor: Nostra aetate ist ein klares Nein zu allen Formen von Antisemitismus und Antijudaismus, von Diskriminierung und Ungerechtigkeit sowie ein eindeutiges Ja zur Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln des Christentums. Das Christentum hat schließlich eine einzigartige Beziehung zum Judentum, unvergleichbar mit der Beziehung zu anderen Religionen. Für die Zukunft des jüdisch-christlichen Gesprächs ermunterte der Kardinal zur Entwicklung einer christlichen Theologie des Judentums, die bislang nur in Fragmenten vorhanden sei.

Weiterhin gehe es darum, die Zusammenarbeit im Bereich der sozialen Gerechtigkeit zu intensivieren. Zum Schluß seiner Ausführungen betonte Kasper, daß Juden und Christen eine gemeinsame Mission haben: die Fackel der Hoffnung an eine neue Generation weiterzugeben, der oft die Orientierung und Hoffnung fehlt, damit sie eine neue Welt errichte, in der sich Gerechtigkeit und Frieden küssen (vgl. Ps 85,11).

Das gemeinsame geistliche Erbe

Kardinal Jean-Marie Lustigers Rede war davon geprägt, das gemeinsame geistliche Erbe von Juden und Christen in mehrfacher Brechung zu benennen. Beide tragen Verantwortung für die menschliche Zivilisation und für die ganze Menschheit, beide beziehen sich in ihren heiligen Schriften auf die Offenbarung Gottes, beiden geht es um eine ethisch-moralische Ordnung auf der Basis des Willens Gottes. Recht und Gesetz entspringen nicht rein menschlicher Konvention, sondern gründen sich auf eine höhere Instanz, auf den einen Gott, der von Juden und Christen angebetet wird. Die Würde der menschlichen Person stellt demnach kein rein menschliches Konstrukt dar, sondern ergibt sich daraus, daß der Mensch Abbild Gottes ist (vgl. Gen 1,26-27) und ihm die „Weisungen zu einem gelungenen Leben im rechten Verhältnis zu Gott“ offenbart wurden.

Das Geschenk des Gesetzes am Berg Sinai haben sowohl Juden als auch Christen auf jeweils verschiedene Art und Weise erhalten. Die Zehn Gebote sind für das ethische Verhalten im Christentum und im Judentum gleichermaßen zentral. Wenn das Christentum die Gottes- und Nächstenliebe als das höchste der Gebote betrachtet, so gilt das gleichermaßen auch für das Judentum. Schließlich kam Kardinal Lustiger auf das Konzept des Universalismus im Judentum und Christentum zu sprechen, denn die Offenbarung Gottes ist an alle gerichtet, wenngleich unter verschiedenen Blickwinkeln.

Die Beziehung Gottes zur gesamten Menschheit ist schon von Anfang an dem Judentum inhärent, denn in Abraham sind alle Geschlechter der Erde gesegnet (vgl. Gen 12,3). Die Christen haben daher genauso Anteil an diesem Segen, der durch Christus die heidnische Welt umfaßt. Juden und Christen haben entsprechend der je eigenen Berufung eine gemeinsame Verantwortung, der Menschheit ihre Einheit und einzigartige Erwählung bewußt zu machen. Diese Perspektiven bedrohen aber weder die jüdische noch die christliche Identität, zumal es darum geht, das Gemeinsame in unterschiedlicher Interpretation und Sichtweise herauszustellen.

Nostra aetate – eine Erfolgsgeschichte

Rabbiner David Rosen bezeichnete Nostra aetate als ein Dokument, das eine „Revolution“ im positiven Sinn in den Beziehungen der Kirche zum jüdischen Volk bewirkt habe. Als Spezialist im interreligiösen Dialog, als profunder Kenner der entsprechenden katholischen Dokumente und der vorherrschenden theologischen Meinungen konnte er seine Ausführungen durch einschlägige Zitate untermauern. Die Aussage Johannes Pauls II., daß der Bund mit dem Volk des Alten Bundes ungebrochen und gültig ist, hat für die katholische Kirche theologische Konsequenzen, die noch nicht ausdiskutiert sind. Auch die tiefen theologischen Implikationen von Nostra aetate sind noch nicht zu Ende gedacht, denn dieses Dokument stellt eine absolute Neuheit in der kirchlichen Tradition dar. Ihm sind innovative Elemente inhärent, die einen radikalen Wandel zur Folge haben.

Rosen erwähnte auch die theologisch umstrittene Frage, inwiefern die missionarische Struktur der katholischen Kirche mit der Achtung und dem Respekt vor dem Judentum als Heilsweg für Juden vereinbar sei, ein Aspekt, zu dem es noch keine definitive Äußerung des kirchlichen Lehramts gibt. Nostra aetate stellt also auch heute noch eine theologische Herausforderung für die Kirche dar. Dennoch hat dieses Konzilsdokument in seiner Rezeption eine große Erfolgsgeschichte bewirkt, vor allem dort, wo Juden und Katholiken Tür an Tür wohnen. Als Beispiel nannte Rosen die Situation des jüdisch-katholischen Dialogs in den USA, wo es unter anderem viele gemeinsame Anstrengungen im Bereich von Erziehung und Ausbildung gibt.

Die gegenseitige Kenntnis und Achtung sowie das wechselseitige Vertrauen sind wichtige Voraussetzungen für einen gelingenden Dialog. Auch der Staat Israel ist für den Dialog von Bedeutung, denn Israel ist ein unverzichtbarer Identifikationspunkt für Juden in aller Welt. In diesem Zusammenhang erwähnte der Rabbiner die Bedeutsamkeit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl im Jahr 1993/94.

Höhepunkt der Verbesserung der Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem Staat Israel war sicherlich der Besuch von Papst Johannes Paul II. in Israel im März 2000, der in der öffentlichen Wahrnehmung und Meinung vieles zum Positiven hin gewendet hat. Eine besonders herausragende Frucht des Papstbesuchs war der im Jahr 2002 begonnene Dialog der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum mit dem Oberrabbinat in Israel. Als Folge dieses Dialogs sei nicht nur in Israel, sondern auch in der jüdischen Diaspora eine neue Offenheit des orthodoxen Judentums für den Dialog festzustellen. In Israel selbst sind in den letzten Jahren im Rahmen des jüdisch-christlichen Dialogs viele Aktivitäten angestoßen worden.

Wie schon Kardinal Kasper wies auch Rabbiner Rosen auf die Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Juden und Christen im Bereich der sozialen Gerechtigkeit hin. Wünschenswert wäre auch innerhalb des Judentums eine theologische Vertiefung der Beziehung zum Christentum. Abschließend zitierte Rosen das berühmte Wort von Johannes Paul II., daß Juden und Christen gemeinsam ein Segen für die Welt seien, sofern sie zuerst füreinander zum Segen werden.

Weltweites gemeinsames Gedenken

Das katholische Dokument Nostra aetate wurde vom Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 in Rom verabschiedet. Insofern darf man die Feier vom 27. Oktober 2005 im Vatikan mit Recht als den Höhepunkt des Jubiläumsjahres bezeichnen. Darüber hinaus schickten sich aber auch Juden und Katholiken weltweit an, Gedenkfeiern zu organisieren, selbst dort, wo nur unscheinbare jüdische Minderheiten leben (z. B. in Korea, El Salvador, Rumänien, etc.). Beachtenswert ist vor allem die Tatsache, daß der Impuls zu diesen gemeinsamen Feiern vor allem von den Juden ausging. Welche andere Gemeinschaft, sei sie nun einer nicht-katholischen christlichen Konfession oder einer anderen Weltreligion zugehörig, wäre wohl auf die Idee gekommen, ein katholisches Dokument zu feiern? Allein diese Tatsache beweist, daß zwischen Juden und Katholiken in den letzten Jahren sehr viel gewachsen ist und derzeit ein gutes Einvernehmen herrscht. Da der Großteil der Juden in Israel und in den Vereinigten Staaten lebt, war es für die vatikanische Kommission auch selbstverständlich, dort an den jeweiligen Feiern teilzunehmen.

Vom 13. bis 15. März 2005 lud die Bischofskonferenz der USA zu einer Gedenkfeierein, die mit einem akademischen Symposium verbunden war. Kardinal Kasper hielt an der Catholic University of America einen wegweisenden Vortrag zum Thema „Vierzig Jahre der Erklärung zum JudentumNostra aetate“. Die Bischofskonferenz startete zu diesem Zeitpunkt zwei theologische Dialogreihen zu den Themen Gott und die Offenbarung und ,Bund‘ im 21. Jahrhundert.

In Israel hatte das Center for the Study of Christianity an der Hebräischen Universität vom 30. Oktober bis zum 1. November 2005 zu einer akademischen Konferenz eingeladen. Zusammen mit Prof. Zwi Werblowsky, Rabbiner David Rosen und anderen äußerte sich Kardinal Walter Kasper in einer Podiumsdiskussion zum Thema Nostra aetate: An Unfinished Agenda. Am Tag darauf nahm Kasper an einer vom Interreligious Coordinating Council in Israel (ICCI) organisierten Tagung teil zum Thema Vierzig Jahre seit ‚Nostra aetate‘ – Beziehungen zwischen Juden und Christen – Was sind die nächsten Schritte?

In São Paulo (Brasilien) fand – anläßlich des Jubiläums von Nostra aetate – am 25. September 2005 ein Konzert statt. In kurzen Grußworten wiesen Kardinal Walter Kasper, Kardinal Claudio Hummes von São Paulo und Rabbiner Henry Sobel auf die Bedeutung dieses Konzilsdokumentes hin. Schließlich nahm die Kommission auch an Feierlichkeiten in London (29. September bis 1. Oktober 2005) und Brüssel (23. November 2005) teil, sowie an einem akademischen Symposium der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom (25. bis 28. September 2005).


P. Dr. Norbert Johannes Hofmann SDB ist seit Oktober 2002 Sekretär der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum. Bis zu seiner Ernennung war er Dozent für Bibelwissenschaft in Benediktbeuern.

Jahrgang 13 / 2006 Heft 2, S. 93−99.



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