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Bernd Mathias Kremer

Augustin Kardinal Bea (1881−1968)

Vorkämpfer der Ökumene und der Aussöhnung mit den Juden

Augustin Kardinal Bea, dessen 125. Geburtstag sich am 28. Mai 2006 jährt, gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten, die das Zweite Vatikanische Konzil geprägt haben.1  Mit Bea verbindet sich der ökumenische Aufbruch des Konzils. Mit ihm verbindet sich auch die grundlegende Veränderung der Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und den Juden. Sein Wirken und seine Persönlichkeit sind auch fast vierzig Jahre nach seinem Tod noch gut in Erinnerung bei allen, die den damaligen Aufbruch begeistert mitgetragen haben. In seiner Heimatgemeinde Riedböhringen im Schwarzwald ist ihm ein dauerndes Gedenken geblieben, wurde er doch in seiner Heimatkirche beigesetzt. Das Geburtshaus des Kardinals wurde zu einem Museum umgebaut und aus Anlaß seines 25. Todestages durch Johannes Kardinal Willebrands und Erzbischof Oskar Saier eingeweiht. Mit dem Kardinal-Bea-Museum besitzt die Erzdiözese Freiburg nicht nur eine Erinnerungsstätte an den Kardinal, sondern ein Zentrum, das den Aufbruch der ökumenischen Bewegung in eindrucksvoller Weise dokumentiert.

Das Leben Kardinal Augustin Beas

Augustin Bea wurde am 28. Mai 1881 in Riedböhringen im Schwarzwald geboren. Er war das einzige Kind des Zimmermanns Karl Bea und dessen Frau Maria geb. Merk. Trotz der bescheidenen äußeren Umstände seiner Jugendjahre fiel die Begabung des Knaben schon früh auf. Deshalb wurde ihm nach der Volksschule in Riedböhringen der Wechsel an die Lendersche Anstalt in Sasbach und später an Gymnasien in Konstanz und Rastatt ermöglicht. Dort bestand Bea sein Abitur mit Auszeichnung. Nach dem Abitur studierte er in Freiburg Theologie (1900 bis 1902). Sein eigentlicher Wunsch war es jedoch, Jesuit zu werden. Im Jahr 1902 trat er in den Jesuitenorden ein. Zu dieser Zeit war der Orden in Deutschland aufgrund der Kulturkampfgesetze verboten. Bea mußte daher seine Ordensausbildung und seine Studien in Holland absolvieren. 1912 wurde er dort zum Priester geweiht. Seine Primiz durfte er allerdings in der Heimatkirche in Riedböhringen feiern.

Der Wunsch, in den Jesuitenorden einzutreten, war für seine Eltern schwer zu akzeptieren. Stjepan Schmidt, der Sekretär des Kardinals während seiner Zeit als Präsident des Einheitssekretariates, schildert in seiner umfangreichen Biographie den schwierigen Entscheidungsprozeß, den Bea bei seinem Ordenseintritt durchstehen mußte.Die Eltern befürchteten die Trennung von ihrem einzigen Sohn und sahen möglicherweise die Perspektive verbaut, daß sie im Alter im Pfarrhaus ihres Sohnes versorgt werden könnten. Schließlich ergaben sie sich in Gottes Willen und den Wunsch ihres Sohnes. Sein Vater schrieb ihm:

„Auf Dein sehnlichstes Verlangen will ich Dir nun einige trostvolle Worte, Worte nach dem Willen Gottes schreiben. Ich will nach Gottes weisem Ratschlusse Deinem Vorhaben nicht im Wege stehen, obwohl es eine schwere Aufgabe ist, wenn wir in diesem Leben voneinander scheiden müssen, der einzige Sohn, die einzige Freude, die einzige Hoffnung wird uns aus diesem Leben scheiden, allein es ist der Wille Gottes, dem kann ich nicht widerstehen. Somit will ich auch diesmal meine Pflicht als Vater erfüllen, fällt es noch so schwer [...]. Ich will mich auf Gottes Vatergüte stützen und auf ihn vertrauen. Nur in Gott allein finden wir unser Heil und an Gottes Segen ist alles gelegen.“2

Beas fromme Eltern hatten mit ihrer Zustimmung zum Ordenseintritt des Sohnes, der zunächst den Wegzug nach Holland bedeutete, ein großes Opfer gebracht. Aus Dankbarkeit machte er seine Zustimmung zur Beisetzung in der Pfarrkirche in Riedböhringen davon abhängig, daß seine Eltern mit ihm in einer gemeinsamen Gruft beigesetzt würden.

Im Jesuitenorden wurde man schnell auf die außergewöhnliche Begabung Beas aufmerksam. Dies führte dazu, daß Bea bereits 1921 Provinzial der Oberdeutschen Ordensprovinz wurde. Drei Jahre später (1924) wurde er aus diesem Amt nach Rom als Professor der biblischen Theologie an die Päpstliche Universität Gregoriana und an das Päpstliche Bibelinstitut berufen. Sechs Jahre später wurde er dessen Rektor.In dieser Epoche, die vom zeitlichen Umfang her den Schwerpunkt seines Lebens darstellt, hat sich Bea wesentliche Verdienste um die Bibelwissenschaft erworben. Auch sein Einfluß an der römischen Kurie wuchs. Er wurde zum Konsultor verschiedener römischer Kongregationen berufen und von Papst Pius XII. zu seinem Beichtvater ernannt, ein einflußreiches Amt, das höchste Diskretion verlangte. Neben seiner Lehrtätigkeit und seinen Ämtern in der römischen Kurie entfaltete Bea eine umfangreiche publizistische Tätigkeit.3  Die zahlreichen Aufgaben, die Bea wahrnehmen mußte, gingen fast über seine Kräfte, zumal er sie bis ins hohe Alter wahrnahm.

Der Berufung zum Kardinal am 12. November 1959 folgte am 4. Juni 1960 seine Ernennung zum ersten Präsidenten des Sekretariates für die Einheit der Christen. Auf Bea kam damit die wichtigste Phase seines Lebens zu, in der er zu einer kirchengeschichtlich bedeutenden Persönlichkeit wurde. Die Errichtung des Einheitssekretariates ging auf eine gemeinsame Initiative Beas und des Paderborner Erzbischofs Lorenz Kardinal Jäger zurück. Bea sollte eine einflußreiche Stellung auf dem Konzil einnehmen. Er hat in besonderer Weise die Ökumene und die Aussöhnung mit den Juden gefördert. Bei seinem Wirken konnte sich Bea der Wertschätzung und des Vertrauens Papst Johannes’ XXIII. erfreuen, der kurz vor seinem Tod einem Besucher anvertraute:

„Denken Sie, welch große Gnade mir der Herr erwiesen hat, daß ich Kardinal Bea entdeckt habe.“4

Das Zweite Vatikanische Konzil

Am 11. Oktober 1962 eröffnete Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil. In seiner Eröffnungsansprache skizzierte er die Aufgaben des Konzils. Er warnte vor einem Zeitpessimismus und vor den Unglückspropheten, „die immer das Unheil voraussagen, als ob die Welt vor dem Untergang stünde“.5  Die Hauptaufgabe des Konzils sah Johannes XXIII. darin, das heilige Überlieferungsgut der christlichen Lehre zu bewahren und zu erklären, wobei es ihm nicht darum ging, nur das Alte zu bewahren, sondern ebenso darum, den Weg zu dem fortzusetzen, was unsere Zeit erfordert. Bereits in seiner Eröffnungsansprache setzte er sich für das ökumenische Anliegen ein:

„Diese sichtbare Einheit in der Wahrheit hat aber leider die gesamte christliche Familie noch nicht in Vollendung und Vollkommenheit erreicht. Daher sieht es die katholische Kirche als ihre Pflicht an, alles Erdenkliche zu tun, damit das größte Mysterium jener Einheit erfüllt werde, die Christus Jesus am Vorabend seines Opfertodes von seinem himmlischen Vater mit glühenden Gebeten erfleht hat.“6

Gemäß der Einladung des Papstes war von Anfang an eine beachtliche Anzahl von Beobachtern der von Rom getrennten Kirchen vertreten, die während des Konzils ständig wuchs. An sie wandte sich der Papst in einer Ansprache am 13. Oktober 1962, in der er ein bewegendes ökumenisches Zeugnis abgab.7  Wenige Tage danach empfing Bea die Konzilsbeobachter. Er forderte sie auf, dem Sekretariat ihr volles Vertrauen zu schenken und alles zu sagen, was ihnen mißfallen würde. Schon die Anwesenheit so vieler nichtkatholischer Beobachter am Konzil war für dessen ökumenischen Geist von großer Bedeutung. Die Möglichkeit der Intervention über das Einheitssekretariat hat deren Einfluß gestärkt und entscheidend den ökumenischen Geist des Konzils geprägt.

Kirche und Ökumene

Erzbischof Hermann Schäufele (Freiburg/Br.) faßte das Wirken Beas für das Konzil in folgenden Worten zusammen:

„Kardinal Bea hat die gegenwärtige, durch das Konzil geprägte Gestalt der Kirche maßgebend mitbestimmt. Er repräsentiert die ökumenische Öffnung und den ökumenischen Aufbruch, die in der katholischen Kirche nach Jahren und Jahrzehnten der Distanz wie ein neues Pfingsten erwacht sind. Das Vermächtnis des Kardinals Augustin Bea an uns heißt: Treue zum Ursprung und Ökumene als Auftrag.“8

Bea hat mit seinem Einheitssekretariat mehrere Konzilsdokumente nachhaltig beeinflußt. Er war das „ökumenische Gewissen“ des Konzils.9

Bereits die Dogmatische Konstitution über die Kirche (Lumen gentium) enthält im 2. Kapitel einen ökumenischen Brückenschlag zu den anderen Konfessionen. In dieser Passage wird insbesondere auf die Taufe, die Hl. Schrift und die Sakramente als wesentliche Bindeglieder zu den nicht voll mit Rom verbundenen Christen hingewiesen.10  

Das am 21. November 1964 verabschiedete Dekret über den Ökumenismus (Unitatis redintegratio)11  – eines der bedeutendsten Konzilsdokumente – verdankt sein Entstehen insbesondere dem unermüdlichen Einsatz Beas. Im Vorwort wird die Hilfe zur Wiederherstellung der Einheit aller Christen als eine der Hauptaufgaben des Konzils bezeichnet. Auf die getrennten Christen wollen die Konzilsväter in brüderlicher Liebe zugehen.12  Im Gegensatz zu früheren Verdammungen erkennen die Konzilsväter ausdrücklich an, daß viele und bedeutende Güter, aus denen die Kirche erbaut wird, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche existieren können. Den getrennten Kirchen und Gemeinschaften wird von der Konzilserklärung ausdrücklich ein „Gewicht im Geheimnis des Heiles“ zugesprochen. Die Katholiken werden aufgefordert, mit Eifer an dem ökumenischen Werk mitzuwirken (Art. 4).

Von Bedeutung ist auch die Tatsache, daß das Konzil ausdrücklich dazu auffordert, die Sinnesart der getrennten Brüder kennenzulernen und deren Lehre und liturgisches Leben zu studieren (Art. 9). Auch „die Unterweisung in der heiligen Theologie“ und insbesondere in den historischen Fächern habe unter ökumenischen Gesichtspunkten stattzufinden (Art. 10). Bemerkenswert ist die Aussage in Art. 11, daß die Art und Weise der Formulierung des katholischen Glaubens keinerlei Hindernis für den Dialog mit den Brüdern bilden dürfe. Damit verabschiedet sich die Kirche von jeder kontroverstheologischen Ausrichtung der Theologie. Die Aufforderung, sich in die Lehre der getrennten Christen zu vertiefen, führte zur Aufhebung des Index.

Das 3. Kapitel des Dekrets über den Ökumenismus enthält einen ausführlichen Abschnitt zu den orientalischen Kirchen (Art. 14 ff.), deren geistliches, liturgisches, disziplinäres und theologisches Erbe ausdrücklich als „zur vollen Katholizität und Apostolizität der Kirche gehörend“ bezeichnet wird (Art. 17).

Der folgende Abschnitt stellt die Beziehungen zu den getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften im Abendland dar. In diesen heben die Konzilsväter die Bedeutung der Hl. Schrift als ausgezeichnetes Werkzeug des Dialoges hervor und fordern die „Söhne der katholischen Kirche“ auf, sich mit ganzer Kraft den ökumenischen Anliegen zu widmen (Art. 24). Das fast einstimmig verabschiedete Dekret über den Ökumenismus hat zu einer wesentlichen Befruchtung der Beziehung zu den getrennten Christen beigetragen. Seine Verabschiedung war eine der großen Leistungen des Einheitssekretariates und seines Präsidenten Kardinal Augustin Bea.Das Verhältnis zu den Juden: Nostra aetate Nr. 4

Am nachhaltigsten war die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen (Nostra aetate),13  die das Konzil in seiner Schlußphase am 28. Oktober 1965 verabschiedete. Die relativ kurze Erklärung stellt einen Markstein des Konzils dar, anerkennt sie doch ausdrücklich das, was in anderen Religionen wahr und heilig ist (Art. 3). Besonderes Gewicht legt die Erklärung auf die Neubestimmung des Verhältnisses der katholischen Kirche zu den Juden.

„Sie bekennt, daß alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und daß in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, daß sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing, und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind. Denn die Kirche glaubt, daß Christus unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat“ (Art. 4).

Mit Nachdruck beklagen die Konzilsväter alle Verfolgungen, die sich gegen die Juden gerichtet haben.14 Nur wenige Monate nach Konzilsende bezeichnet Bea das Konzildokument als Meilenstein in der Geschichte zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk.15

Dieser grundlegenden Erklärung waren kleinere – aber aufmerksam registrierte – Schritte Papst Johannes’ XXIII. vorausgegangen, mit denen er die liturgischen Texte von antijüdischen Formulierungen reinigte.

Für Bea war die Aussöhnung mit den Juden bereits lange vor dem Konzil ein wichtiges Anliegen. Schon in dieser Zeit hatte er Kontakte zu führenden Juden, die sich in der Konzilszeit verstärkten. Der Oberrabbiner von Rom, Elio Toaff, berichtet in seinen 1987 erschienenen Memoiren, Bea habe ihm anvertraut, daß er als gebürtiger Deutscher die ganze Last des Bösen und des Leides fühle, das sein Volk den Juden angetan habe, und daß er wenigstens etwas im Sinne einer, wenn auch äußerst beschränkten, Wiedergutmachung tun möchte.16

Die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen erwies sich als das Konzilsdokument, das dem größten politischen Widerstand von außen ausgesetzt war. Bea sprach davon, daß die erste Lesung derartige Bewegungen in den Völkern des Nahen Ostens hervorgerufen habe, daß man das Schlimmste befürchtete und überlegen mußte, wie zum Zeitpunkt der endgültigen Annahme des Dokumentes ähnlichen Vorkommnissen vorzubeugen wäre.17  Der Widerstand der arabischen Welt erklärt sich daraus, daß in einem brüderschaftlichen Dokument über das Verhältnis von Christen und Juden die islamischen Staaten einen substantiellen Beitrag der katholischen Kirche zur Anerkennung des Staates Israel sahen, was sie unter allen Umständen verhindern wollten. Auch die Tatsache, daß die Erklärung Nostra aetate sich keineswegs auf das Verhältnis der Kirche zu den Juden beschränkte, sondern auch die anderen Religionen einbezog, konnte an dieser Problematik nichts ändern und dies, obwohl in Art. 3 ausdrücklich den Muslimen die Hochachtung der Konzilsväter ausgesprochen wurde.

Bea ließ sich davon nicht beirren. Er stellte seine Auffassung vom Verhältnis von Kirche und Judentum in beeindruckender Weise dar und rief die Wahrheit in Erinnerung, daß das Gottesvolk des Neuen Testaments geistlich mit dem Stamme Abrahams verbunden sei, und somit dieser eine der Grundlagen des Christentums ist.18  In seiner Relatio vom 19. November 1963 betonte Bea diesen engen Bezug von Christentum und Judentum:

„Nicht nur die ganze Vorbereitung des Werkes des Erlösers und der Kirche im Alten Testament, sondern auch die Verwirklichung dieses Werkes, die Gründung der Kirche und ihre Verbreitung in der Welt, vollzog sich entweder im erwählten Volk Israel oder durch Glieder dieses Volkes, derer sich Gott als Werkzeug bediente.“19

Die am 28. Oktober 1965 verabschiedete Erklärung Nostra aetate erwies sich als Markstein zu einer Aussöhnung mit den Juden. Ihr sind später viele bedeutende Schritte, vor allem unter dem Pontifikat Papst Johannes Pauls II. gefolgt. Bea sah in der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen eine friedenstiftende Funktion:

„Es ist dies die Sendung, von der geschrieben steht: ‚Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen‘ (Mt. 5,9). Es ist jene Sendung, auf die das ganze Werk des Friedensfürsten gerichtet war, der eben in seiner Person Juden und Heiden zu dem neuen Menschen vereinigt hat, den Frieden stiftete, und uns zum Frieden ward (vgl. Eph. 2,14-16).“20

Papst Johannes Paul II. hat sich während seines langen Pontifikates um eine tiefgreifende Verbesserung der Beziehung zu den Juden bemüht. Hervorzuheben sind der erste Besuch eines Papstes in einer Synagoge (1986), sein Besuch in Jerusalem (2000) und die Erklärung der Päpstlichen Bibelkommission „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel“ (24. Mai 2001). Diese Erklärung weist eindrücklich auf die Nähe des Volkes Gottes des alten und neuen Bundes hin:

„In der Tat ist die Heilige Schrift des jüdischen Volkes ein wesentlicher Teil der christlichen Bibel, und sie ist auch im zweiten Teil dieser Bibel in vielfacher Weise gegenwärtig. Ohne das Alte Testament wäre das Neue Testament ein Buch, das nicht entschlüsselt werden kann, wie eine Pflanze ohne Wurzeln, die zum Austrocknen verurteilt ist.“21

Das Geheimnis der Persönlichkeit Beas

Augustin Bea hat das Zweite Vatikanische Konzil um fast drei Jahre überlebt. Die Epoche seiner Amtszeit als Kardinal war neben der unmittelbaren Arbeit in Vorbereitung für das Konzil von einem äußerst umfangreichen Wirken für die Ökumene begleitet. Dazu zählen herausragende Ereignisse wie der offizielle Besuch Kardinal Beas beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf (Generalsekretär Pastor Dr. Willem Visser’t Hooft22) und der von Bea vorbereitete Besuch von Papst Paul VI. beim ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. in Konstantinopel (Januar 1964), der der späteren Aufhebung der Exkommunikationsbullen aus dem Jahre 1054 vorausging.

Der ökumenische Frühling der Konzilszeit hat zu manchen Hoffnungen hinsichtlich einer raschen Entwicklung des Zueinanders der Kirchen geführt, die in dieser Form enttäuscht werden mußten. Den ungestümen Erwartungen ist Beas große Geduld und Nüchternheit entgegenzusetzen. Er war überzeugt, daß der Weg zur Einheit großen Einsatz und Geduld erfordern würde:

„Hier handelt es sich nicht einfach um ein großes und schönes Geschenk. Es geht vielmehr darum, die höchste Bestimmung der Menschheit zu verwirklichen.“23

Als Bea am 16. November 1968 starb, wurde man sich bewußt, welch großen Verlust sein Heimgang für die Kirche und die Welt bedeutete. Der evangelische Altbischof von Wien, Gerhard May, äußerte:

„Ich darf aussprechen, daß nächst Papst Johannes XXIII. keine andere Persönlichkeit eine so rückhaltlose Verehrung und Dankbarkeit innerhalb des Protestantismus genießt wie der heimgegangene Kardinal Bea“24,

und der Amerikanische Jüdische Kongreß gedachte seiner mit den Worten, daß die Erinnerung an Kardinal Bea „im jüdischen Volk auf der ganzen Welt geehrt und gesegnet bleiben“25  wird.

Die Aussöhnung der katholischen Kirche mit den Juden war für Bea ein zentrales Anliegen – nicht nur in der Konzilsaula. In den Jahren 1960 bis 1964 hatte er über dreißig Kontakte mit jüdischen Einrichtungen und Persönlichkeiten, darunter sein Besuch beim Amerikanisch-Jüdischen Komitee in New York im Jahre 1963. Ebenso dankbar wie die protestantischen Kirchen und die Juden erinnerte sich auch die orthodoxe Kirche26  an seine Persönlichkeit. Beas Liebenswürdigkeit und Güte haben nach dem Eindruck aller, die ihn kannten, die Herzen geöffnet. Seine fundamentalen Bibelkenntnisse, sein festes Stehen im Glauben und seine aufrichtige brüderliche Liebe zu den anderen Konfessionen und Religionen waren persönliche Voraussetzungen, die den Erfolg seines Wirkens erklären. Nach dem Seelenamt empfing Papst Paul VI. die Vertreter der anderen Kirchen und gedachte des Verstorbenen mit den ergreifenden Worten:

„Kardinal Bea ist als immer anwesend zu betrachten und wird mit seinen Gebeten allen beistehen, die sich um diese erhabene Sendung von Glaube und Liebe und Brüderlichkeit bemühen.“27

Es ist nicht zu übersehen, daß der begeisterten Aufnahme des ökumenischen Dialoges vor einer Generation manche Ernüchterung folgte. Aber es darf nicht verkannt werden, daß nach jahrhundertelanger Trennung es ein langer und schwieriger Weg ist, zur Einheit zurückzufinden, die ja letztlich ein Geschenk Gottes ist. Zahlreiche Schritte auf dem Weg des Miteinanders der Konfessionen sind in den Jahrzehnten nach dem Konzil erfolgt. Auf diesem Weg gilt es beharrlich und geduldig fortzuschreiten. Kardinal Walter Kasper mahnt zutreffend diese Geduld an:

„Nur wenn die ökumenische Gegenwart keineswegs, wie immer wieder behauptet wird, von Stagnation und Resignation gekennzeichnet ist, kann konkrete Hoffnung aufkeimen, die eine realistische Zukunftsperspektive erschließt“28 ,

und Landesbischöfin Margot Käßmann weist darauf hin, daß es zwischen Protestanten und Katholiken in Deutschland in den Grundüberzeugungen eine so große Nähe gibt, daß sich diese auch bei Sachthemen sehr nahe sind.29

Mit Bea verbindet sich die Erinnerung an einen großen Mann der Ökumene und mit ihm sollen wir Hoffnung haben, daß mit Gottes Hilfe der Dialog zwischen den Religionen und Konfessionen weiterhin fortschreitet und gesegnet bleibt.


Dr. Bernd Mathias Kremer, Oberrechtsdirektor, Bau- und Kunstreferent der Erzdiözese Freiburg. Veröffentlichungen: u. a. Der westfälische Frieden in der Deutung der Aufklärung, 1989; Kunst und geistliche Kultur am Oberrhein, FS für Hermann Brommer, 1996; Barockjuwel am Bodensee. 250 Jahre Wallfahrtskirche Birnau, 2000; sowie zahlreiche Beiträge zur Kunst- und Rechtsgeschichte und zum geltenden Recht, insbesondere zum Denkmalrecht.
  1. Zur Biographie Beas: Stjepan Schmidt, Augustin Bea. Der Kardinal der Einheit, Graz/ Wien/Köln 1989 (die umfangreichste Biographie, geschrieben von seinem ehemaligen Privatsekretär). Vgl. ferner: Hans Heid u. a. (Hg.), Augustin Bea. Über Leben, Person und Werk eines badischen Kardinals. Dokumentation der Ausstellung, Stadtgeschichtliche Reihe Bd. 7/2, Rastatt 1999; Bernd Mathias Kremer, Augustin Kardinal Bea. Zum Lebenswerk des Kardinals der Einheit und zum Kardinal-Bea-Museum in Riedböhringen, Freiburger Diözesan- Archiv, 123. Bd. 2003, 125 ff.; Eva-Maria Jung-Inglessis, Kardinal Bea, sein Leben und Werk, St. Ottilien 1994; Gudrun Griesmayr, Die Eine Kirche und die Eine Welt. Die ökumenische Vision Kardinal Augustin Beas, Frankfurt/M. 1997.
  2. Schmidt (Anm. 1), 49.
  3. Schmidt (Anm. 1), Bibliographie 993 ff.
  4. Schmidt (Anm. 1), 988.
  5. Herder Korrespondenz 1962, 86.
  6. Ebd., 88.
  7. „Ich brenne darauf zu arbeiten und zu leiden für das Herannahen der Stunde, wo sich für alle das Gebet Jesu im Abendmahlssaal verwirklichen wird. Aber die christliche Tugend der Geduld darf nicht jener der Klugheit schaden, die ebenso grundlegend ist.“ In: Herder Korrespondenz 1962 (Anm. 5), 91.
  8. Schmidt (Anm. 1), 945.
  9. P. Paulus Gordan, Das ökumenische Gewissen der Kirche. Kardinal Augustin Bea zum Gedenken, FrRu XX(1986)3 f.
  10. „Dazu kommt die Gemeinschaft im Gebet und in anderen geistlichen Gütern; ja sogar eine wahre Verbindung im Heiligen Geiste, der in Gaben und Gnaden auch in ihnen mit seiner heiligenden Kraft wirksam ist und manche von ihnen bis zur Vergießung des Blutes gestärkt hat.“ Text der Konstitution, in: Lexikon für Theologie und Kirche (LThK), 2. Aufl., Das Zweite Vatikanische Konzil, Teil I, 156 ff., 202 f. (Art. 15).
  11. LThK (Anm. 10), Teil II, 40 ff.
  12. „Den Menschen jedoch, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren sind und in ihnen den Glauben an Christus erlangen, darf die Schuld der Trennung nicht zur Last gelegt werden – die katholische Kirche betrachtet sie als Brüder, in Verehrung und Liebe“ (Art. 3).
  13. LThK (Anm. 10), Teil II, 488 ff.
  14. „Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben“ (Art. 4).
  15. Augustin Kardinal Bea, Die Kirche und das jüdische Volk, Freiburg 1966.
  16. Schmidt (Anm. 1), 167; vgl. ferner Bernd Feininger, Bea und das Judentum, in: Heid, Augustin Bea, Begleitbuch (Anm. 1), 163.
  17. Bea (Anm. 15), 23. Zur Vor- und Textgeschichte des Dokumentes vgl. Johannes Oesterreicher, LThK (Anm. 10), Teil II, 406 ff.
  18. Bea (Anm. 15), 49.
  19. Ebd., 142.
  20. Ebd., 166 (Relatio vom 14.10.1965).
  21. Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 152(2001)161.
  22. Am 25. September 1966 wurden Kardinal Bea und Willem Visser’t Hooft in der Frankfurter Paulskirche mit demFriedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Bericht, Laudatio und Danksagungen in: FrRu XVIII(1966)82–87.
  23. Bea, Der Weg zur Einheit nach dem Konzil, Freiburg/Basel/Wien 1966, 35.
  24. Schmidt (Anm. 1), 939.
  25. Ebd., 939.
  26. Brief von Patriarch Athenagoras I. vom 10. Februar 1969, in: Maria Buchmüller (Hg.), Augustin Kardinal Bea, Wegbereiter der Einheit, Augsburg 1972, 15.
  27. Schmidt (Anm. 1), 948.
  28. Kasper, Ökumenische Perspektiven der Zukunft, KNA Dok. Nr. 13 v. 27.11.2001, 1; ders., Wie geht es in der Ökumene weiter? Stimmen der Zeit, 2005, 147 ff.
  29. Die Anspannung kann sich schnell entzünden. Ein Gespräch mit Landesbischöfin Margot Käßmann über den Stand der Ökumene, Herder Korrespondenz 2005, 178 ff., 179.

Jahrgang 13 / 2006 Heft 2, S. 82−92.


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