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Mordechay Lewy

Vom Vierten Laterankonzil zum Zweiten Vatikanum

Katholische Haltungen gegenüber dem Judentum im Lauf von 800 Jahren

Ich könnte mein Thema sehr schnell abhandeln und einfach sagen, dass sich die Beziehungen zwischen Katholiken und Juden seit 1215 dramatisch zum Besseren gewendet haben. So richtig diese Aussage ist, so unbefriedigend ist sie. Wir sprechen über einen enormen Zeitraum von mehr als 26 Generationen. Das ist fast das Alter Methusalems.Historiker scheuen sich oft, moralische Urteile zu fällen. Im 19. Jahrhundert unterschied man zwischen den Naturwissenschaften, die nach „Erklärung“ der Dinge suchen, und den Geisteswissenschaften, die „Verstehen“ verlangen (Wilhelm Dilthey, 1883). Das Verstehen wurde zur Schwester des Entschuldigens. In der Literatur gibt es ein frühes Beispiel für die Verflechtung von „Verstehen“ und „Entschuldigen“. In Goethes „Torquato Tasso“ (1790) sagt die Prinzessin (Leonore von Este): „Was wir verstehn, das können wir nicht tadeln“ (2. Aufzug, 1. Auftritt, Vers 1113). Es wäre ein großer Fehler, sich moralischer Urteile zu enthalten, wenn man sich damit befasst, was in den Beziehungen zwischen Katholiken und Juden geschehen ist zur Zeit des Vierten Laterankonzils (1215), das vor 800 Jahren in unserer unmittelbaren Nachbarschaft stattfand. Das Gleiche gilt für das Zweite Vatikanische Konzil, das vor 50 Jahren (1965) endete.

1. Das IV. Laterankonzil

a) Papst Innozenz III. (Lotario di Segni) und das politische Klima seiner Zeit

Lotario dei Conti di Segni entstammte einer gräflichen Familie aus der Gegend von Anagni in Latium. Sein scholastisches Denken wurde in Paris geformt, sein juristisches in Bologna, wo er von 1178 bis 1187 studierte. 1187 zum Subdiakon geweiht und 1190 als jüngster Kardinal ernannt, wurde er 1198 im Alter von 37 Jahren zum Papst gewählt. Vermutlich wurde er gewählt, weil er neben seinem Glaubenseifer auch politisches Gewicht besaß. Seinen Aufstieg verdankte er seiner angeborenen autokratischen Persönlichkeit, seinem praktischen juristischen Sachverstand durch seine berufliche Ausbildung und seinem diplomatischen Geschick aufgrund seines politischen Instinkts.Papst Innozenz III. sah sich selbst nicht nur als Nachfolger Petri, sondern auch als Vicarius (Stellvertreter) Christi. Er gilt als der Papst, der die zentrale Autorität des Papsttums herausgebildet hat. Im frühen Mittelalter war es durchaus nicht sicher, dass Rom seinen Primat in der Christenheit aufrechterhalten könne. Nach dem Tod von Innozenz III. wurde der Primat des Papstes in Rom und in der Römischen Christenheit nicht mehr in Frage gestellt – bis zur Lutherischen Reformation. Innozenz III. versuchte, den Umfang des Kirchenstaats, des Patrimonium Sancti Petri, in Mittelitalien auszuweiten. Der Kirchenstaat war die säkulare Manifestation der Macht des Papstes, durch die er in das damalige feudale Netzwerk eingebunden war als ein Herrscher mit seinen Vasallen. Bei genauem Quellenstudium kann man keine Ansätze erkennen, dass Innozenz III. als Papst die Oberherrschaft über weltliche Herrscher anstrebte.

Diese Oberherrschaft ergab sich nur, wenn jene sich selbst unter seinen Schutz stellten (so Sizilien, Aragon, Ungarn oder „König Johann ohne Land“ aus England). Durch diesen bewussten Akt der Unterwerfung waren sie als Vasallen einem säkularen Herrn zu Lehenstreue verpflichtet, so auch dem Papst, aber nicht, weil er Papst war. Was der Papst als Recht für sich in Anspruch nahm, war, im Falle eines Konflikts zwischen säkularen Herrschern und zur Abwehr einer Sünde (ratione peccati) zu intervenieren. Innozenz versuchte auch, die Korruption in der Kurie zu unterbinden, indem er feste Gebühren für klerikale Dienste einführte, obwohl er wusste, dass alte Gewohnheiten sich nicht leicht ausrotten lassen. Einige Historiker sahen in seiner Kurienverwaltung so etwas wie den Kern des kommenden modernen Staates. Sie waren beeindruckt von der hohen Schriftkompetenz der Kurie in einer vorwiegend analphabetischen Welt. Der britische Historiker Geoffrey Barraclough sagte, Innozenz habe weder genug Geld gehabt, um bezahlte Sekretäre zu beschäftigen, noch um eine eigene Armee zu unterhalten zur Durchsetzung seines politischen Willens.1

Das politische Schicksal von Innozenz III. war ausgesprochen glücklich. Das spricht für seinen politischen Instinkt und sein diplomatisches Geschick. Er nutzte im Jahr 1198 die Vakanz der kaiserlichen Macht und wurde der Vormund und Lehnsherr des kleinen, vierjährigen Friedrich II., der nach dem Tod seines Vaters, Kaiser Heinrich VI., König von Sizilien wurde. Auf dem IV. Laterankonzil wurde Friedrich II. zum Kaiser bestimmt. Innozenz hatte das Konzil einberufen, um die Reform der Kirche zu fördern und die Kreuzzüge zur Befreiung des Heiligen Landes wieder aufleben zu lassen.

b) Das IV. Laterankonzil 1215

Das Konzil wurde mit einer päpstlichen Bulle am 19. April 1213 einberufen und am 11. November 1215 im Lateranpalast eröffnet. Zu seinen Teilnehmern zählten 71 Patriarchen, 412 Bischöfe, 900 Äbte und Ordensobere. Außerdem entsandten viele weltliche Herrscher Repräsentanten. Es war das teilnehmerreichste Konzil im Mittelalter, das alle anderen Konzilien der Kirche übertraf – bis zum I. Vatikanum im Jahr 1870. Das Konzil von Basel hatte zwar 3300 registrierte Teilnehmer, aber auch eine Dauer von fast 18 Jahren. Das wichtigste Ergebnis des IV. Laterankonzils waren seine Beschlüsse, die in 70 Canones niedergelegt wurden und theologische und kirchenrechtliche Angelegenheiten regelten.2

Während der Amtszeit von Innozenz III. richtete sich der Kreuzzug auch gegen Nicht-Muslime wie die Albigenser in Südfrankreich. Bevor wir uns aber der Haltung von Innozenz gegenüber den Juden zuwenden, ist es wichtig zu wissen, wie die Beziehungen zu Juden vor Innozenz III. waren, festgeschrieben in der päpstlichen Bulle Sicut Judaeis.

c) ‚Sicut Judaeis‘ und der Schutz der Juden im Mittelalter

Die päpstliche Bulle Sicut Judaeis, auch „Schutzbulle für die Juden“ genannt, wurde erstmals 1122/3 von Papst Callixtus II. (1119–1124) erlassen. Tatsächlich schrieb sie einen Status quo im Verhältnis zu den Juden fest, der eingeschränkter war als ihr einstiger rechtlicher Status im späten Römischen Reich. Die stetige Verschlechterung ergab sich aus dem Erstarken des Christentums als Staatsreligion. Eine einigermaßen wohlwollende Haltung spricht aus einem Rundbrief, den Papst Alexander II. (1061–1073) im Jahr 1063 an die spanischen Bischöfe geschickt hatte, in dem er u. a. feststellte:

„Ihr habt die Juden beschützt, die unter Euch wohnen, damit sie nicht von denen, die gegen die Sarazenen in Spanien vorgingen, bekämpft werden. Motiviert durch dumme Ignoranz oder vielleicht blinden Ehrgeiz, wollten sie diejenigen in ihrem Zorn ermorden, welche die göttliche Liebe womöglich zur Erlösung vorherbestimmt hat; denn seit dem Verlust ihrer Freiheit und ihres Vaterlands leben sie zerstreut in allen Teilen der Welt, verdammt zu dauernder Buße für das Vergehen ihrer Väter, für das vergossene Blut des Erlösers. Zweifellos verschieden ist der Fall der Juden und der Sarazenen. Gegen letztere wird zurecht gekämpft, weil sie die Christen verfolgen, während diese [die Juden] überall bereit sind dienstbar zu sein.“

Trotz der päpstlichen Mahnungen verübten Kreuzzügler schwere Gräueltaten an jüdischen Gemeinden.

Der ursprüngliche Text von Sicut Judaeis ist in der Bulle Papst Alexanders III. (1159–1181) von 1179 erhalten. Die wichtigsten Punkte sind: Gewährung päpstlichen Schutzes; keine Zwangstaufe; das Verbot, Juden ohne Gerichtsverfahren zu töten oder zu verletzen oder ihr Geld und Eigentum wegzunehmen. Niemand soll ihren Kult stören oder sie in Sklaverei zwingen. Jeder, der gegen dieses Dekret handelt, verliert seine Stellung und sein Gefolge und kann exkommuniziert werden, wenn er sich nicht entschuldigt und seine Übertretung korrigiert. – Die Strafbestimmungen für Christen, die Juden schädigen, waren jedoch recht schwach.

Dieser Text wurde der Standardtext für den Schutz der Juden, der von fast allen Päpsten bis zum 13./14. Jahrhundert bei der Inaugurationsprozession zu ihrer Kathedra in San Giovanni im Lateran wiederholt wurde. Er wurde zum Ritual, ja zur Routine, was die Verbindlichkeit seines Inhalts deutlich schwächte.

d) Innozenz III. und die Juden

Einige Briefe Innozenz III. lassen eine wachsende Feindseligkeit gegenüber Juden erkennen. In einem Brief aus dem Jahr 1205 drohte er dem Grafen von Nevers mit der Exkommunikation, wenn er weiterhin die Juden schütze:

„Die Juden sind wie der Brudermörder Kain dazu verdammt, als Flüchtlinge und Vagabunden über die Erde zu wandern, und ihr Gesicht muss mit Scham bedeckt sein. Unter keinen Umständen sind sie zu schützen, sondern sie sind zur Leibeigenschaft verdammt. Es ist für christliche Prinzen schändlich, Juden in ihre Städte und Dörfer aufzunehmen und sie als Wucherer zu beschäftigen, um Geld von Christen einzutreiben. Die Prinzen verhaften an Juden verschuldete Christen, und Juden nehmen sich christliche Burgen und Dörfer als Faustpfand. Die Kirche verliert so ihren Zehnten. Trauben werden von Juden nach ihren religiösen Vorschriften gepresst. Es ist dies eine umso größere Sünde, wenn dieser Wein in der Kirche für das Sakrament der Eucharistie verwendet werden sollte.“

Da Innozenz glaubte, dass die Ausbreitung häretischer Sekten in Südfrankreich auf jüdischen Einfluss zurückginge, strebte er die Demütigung der Juden an, damit Christen vor einer Verbindung mit ihnen zurückschrecken sollten. In einem Brief an den französischen König Philipp II. August (1205) bezieht sich Innozenz auf Gerüchte, dass die Leiche eines armen christlichen Studenten in der Latrine eines jüdischen Hauses aufgefunden wurde. Er verwendet diese Geschichte, um anzudeuten, dass es für Christen gefährlich sein könne, bei blutdürstigen Juden zu Gast zu sein. Sein Bestreben ist es, die Juden gesellschaftlich zu isolieren. Er betont, dass Juden durch die Verhöhnung des Gekreuzigten Jesus Christen beleidigten.

Dieses Verhalten gab es tatsächlich, da beide Seiten sich in heftigen Polemiken gegeneinander ergingen. Innozenz war einer der wenigen Päpste, die den Ritualmordanklagen Glauben schenkten, während die meisten Päpste solche Gerüchte verurteilten, da sie wussten, welche heftigen Aufwallungen gegen Juden dadurch hervorgerufen wurden. Er rügte den französischen König dafür, dass er den Juden erlaubte, Land zu besitzen und christliche Diener und Ammen zu beschäftigen. Mit dieser feindseligen Geisteshaltung gegenüber Juden wurden die Canones des IV. Laterankonzils von Innozenz formuliert und von den Teilnehmern gebilligt.

e) Das IV. Laterankonzil und die Juden

Von den 70 Canones (Beschlüssen) betreffen vier (Nr. 67–70) die Juden.

Canon 67 legt fest, dass die Juden zu zwingen seien, den Zehnten und diejenigen Abgaben an die Kirche zu zahlen, welche die Christen zu zahlen hatten, bevor ihr Eigentum an Juden gefallen war.

Canon 68 behandelt die Kleidung: Juden und Sarazenen beiderlei Geschlechts müssen sich in jeder Provinz von den Christen durch eine abweichende Kleidung unterscheiden.3  Der Beschluss ist an sich nicht neu, aber er ist die folgenreichste Entscheidung des Konzils zur Diskriminierung der Juden. Die Synode von Narbonne legte 1227 in Canon 3 fest, dass Juden ein ovales Kennzeichen auf der Kleidung – mitten auf der Brust – zu tragen hätten, einen Finger lang und eine halbe Handbreit hoch.

Canon 69 verbietet Juden die Übernahme öffentlicher Ämter. Jeder, der ihnen dazu verhilft, soll bestraft werden. Einem jüdischen Amtsträger ist derKontakt mit Christen zu verweigern.

Canon 70 legt fest, dass Juden, die die Taufe empfangen haben, von den Priestern abgehalten werden sollen, zu ihrer früheren Glaubenspraxis zurückzukehren. Wie ist Sicut Judaeis vor dem Hintergrund dieser Canones zu bewerten? Einige Gelehrte nehmen an, dass Sicut Judaeis nicht so sehr auf den Schutz der Juden abzielte, sondern auf den Wunsch, mit weltlichen Herrschern gleichzuziehen, die ihre Beziehung zu Juden als Verhältnis zu Leibeigenen (servi camerae) gestalteten. Nach dem Historiker Shlomo Simonsohn unterhielten die römischen Juden und der Papst eine spezielle Beziehung, die der römischen jüdischen Gemeinde im Mittelalter das Überleben sicherte, während andere Gemeinden in Europa verfolgt wurden. Die wirklichen Probleme für die jüdische Gemeinde in Rom begannen vor allem nach dem Konzil von Trient (1545–1563).

Im Wesentlichen war Sicut Judaeis ein Vertragswerk, in welchem der Papst den Juden seinen Schutz versprach und die Juden ihm im Gegenzug finanzielle Unterstützung zusicherten und gelobten, sich seiner Oberhoheit als Herrscher von Rom unterzuordnen. In diesem Zusammenhang wurde das Dekret Sicut Judaeis auch zum Ausdruck der weltlichen und spirituellen Macht des Papstes über alle päpstlichen Territorien.

Aus theologischer Sicht stehen die Canones des IV. Laterankonzils in einer Kontinuität, denn ihre Aussagen entsprechen sowohl den Forderungen früher Konzilien wie auch früheren Dokumenten aus der Amtszeit Innozenz III. Er selbst hatte die verschärften Maßnahmen zur Diskriminierung und Isolierung der Juden mehr, als es damals theologisch geboten erschien, gefordert. Seine Haltung gegenüber den Juden leitete viele spätere Päpste. Fraglich ist, inwieweit seine Direktiven von den Bischöfen eingehalten wurden. Wir haben Grund anzunehmen, dass die Direktiven manchmal ignoriert, manchmal aber sogar verschärft interpretiert wurden, wie dies beim Konzil von Narbonne im Jahr 1227 geschah.

Ohne Innozenz’ judenfeindliche Motivation zu entschuldigen: Seine Haltung gegenüber den Juden war nicht nur auf die Verachtung durch bestehende kirchliche Lehraussagen zurückzuführen, sondern auch auf die gesellschaftlichen Veränderungen in Europa. Das Wachstum der Städte, die Hinwendung zur Geldwirtschaft und das Entstehen einer neuen Mittelklasse marginalisierten die Juden als Stadtbewohner und reduzierten ihren bisherigen innerstädtischen Einfluss. Sie verloren ihr Monopol als Geldverleiher, da immer mehr Christen sich diesem Geschäft zuwandten und Konkurrenten wurden. Es war der Franziskaner-Theologe Petrus Johannes Olivi (um 1247–1298), der das scholastische Verbot des Geldverleihs gegen Zinsen in Frage stellte und neue ethische Parameter für den Profit bei Geldgeschäften aufstellte. Aber zu diesem Zeitpunkt konnten Juden in England und Frankreich nicht mehr in den Wettbewerb eintreten, da sie aus diesen Ländern schon vertrieben waren.

Der zwischen der Kirche und weltlichen Herrschern während des 12. und 13. Jahrhunderts verbreitete Konflikt bestimmte die vorherrschende Sichtweise der Theologen und Kanoniker. Ein Nebeneffekt dieses Konflikts war die Verschlechterung der kirchlichen Haltung gegenüber den Juden. Durch seinen Umgang mit Juden konnte der Papst immer wieder zeigen, dass er mit anderen weltlichen Herrschern auf gleicher Ranghöhe stand. Innozenz III. spielte eine wesentliche Rolle in diesem unseligen Vorgang, der Juden in Europa für Jahrhunderte verfemte und an den Rand drängte, da seine Motive zweifacher Art waren: theologisch und politisch zugleich.

2. Das II. Vatikanische Konzil (1962–1965)

a) Papst Johannes XXIII. (Angelo Giuseppe Roncalli) und das politische Klima seiner Zeit

Angelo Giuseppe Roncalli war fast 40 Jahre älter als Lotario di Segni, als er zum Papst gewählt wurde. Die Dauer seiner Amtszeit war um knapp fünf Jahre kürzer. Geboren wurde er am 25. November 1881 in Sotto il Monte bei Bergamo in einer bäuerlichen Familie. Seine kirchliche Laufbahn führte ihn bald in den diplomatischen Dienst: als Apostolischer Delegat in Bulgarien, der Türkei und Griechenland während der Zeit des Nationalsozialismus, wo er sich auch für die Rettung der verfolgten Juden einsetzte, und später als Nuntius in Frankreich. Seine Nominierung für Paris nach der Befreiung Frankreichs von der deutschen Besatzung 1944 soll auf eine Bitte von General de Gaulle zurückgehen. Der General bat den Heiligen Stuhl dringend, seine Repräsentanz in Paris zu besetzen, bevor der sowjetische Gesandte Doyen des diplomatischen Corps am Ufer der Seine werden konnte. Nach dem Tod von Pius XII. (1958) wurde Roncalli nach 11 Wahlgängen als neuer Papst gewählt. Er nahm den Namen Johannes XXIII. an. Seit dem Konzil von Trient (1545) bis zum I. Vatikanischen Konzil (1869/70) waren mehr als 300 Jahre vergangen. Inzwischen war auch der Vatikanstaat wesentlich kleiner geworden.

b) Das Zweite Vatikanische Konzil

Zur allgemeinen Überraschung kündigte Johannes XXIII. schon nach 3 Monaten als Papst seine Absicht an, ein Konzil einzuberufen. Legendär ist sein Ausspruch, es sei Zeit, die Fenster der Kirche zu öffnen, um frische Luft hereinzulassen. Am 11. Oktober 1962 wurde das Konzil von Johannes XXIII. eröffnet und am 8. Dezember 1965 von Papst Paul VI. geschlossen. Während das I. Vatikanische Konzil sich mit innerkirchlichen Themen befasste, z. B. mit dem ,Dogma der Unfehlbarkeit‘, und wie man dem Rationalismus, Liberalismus und Materialismus begegnen könne, erörterte das II. Vatikanische Konzil auch außerkirchliche Belange, wie die Stellung der Kirche in der modernen Welt und ihre Beziehungen zu anderen Religionen. Während der drei Jahre nahmen 2625 kirchliche Würdenträger am Konzil teil.

c) Die Beziehung der Kirche zu den Juden nach der Schoa und vor 1958

Um die Veränderungen im Verhältnis zum Judentum zu verstehen, muss man wissen, dass es direkt nach der Schoa mindestens zwei Versuche gegeben hat, Papst Pius XII. nahezulegen, eine spezielle Deklaration zur Verurteilung des Antisemitismus zu veröffentlichen. Den ersten Versuch machte 1946 der französische Gesandte beim Vatikan, Jacques Maritain (1882–1973), den zweiten 1949 der jüdische Historiker Jules Isaac (1877–1963). Beide Versuche waren vergeblich. Der Papst wies jede Anspielung auf eine christliche Mitschuld an dem fatalen Hassausbruch gegen die Juden zurück.

Diese Haltung stand im Gegensatz zu den Aussagen des Buchs Die Lehre der Verachtung (L’enseignement du mépris, 1962), in dem Jules Isaac seine Untersuchungen über die christlichen Wurzeln von Antijudaismus und Antisemitismus zusammenfasste. Isaac legte seine Ergebnisse bereits 1947 in den Zehn Thesen von Seelisberg4  vor:

  1. Es ist hervorzuheben, dass ein und derselbe Gott durch das Alte und das Neue Testament zu uns allen spricht.
  2. Es ist hervorzuheben, dass Jesus von einer jüdischen Mutter aus dem Geschlechte Davids und dem Volke Israel geboren wurde, und dass seine ewige Liebe und Vergebung sein eigenes Volk und die ganze Welt umfasst.
  3. Es ist hervorzuheben, dass die ersten Jünger, die Apostel und die ersten Märtyrer Juden waren.
  4. Es ist hervorzuheben, dass das höchste Gebot für die Christenheit, die Liebe zu Gott und zum Nächsten, schon im Alten Testament verkündigt, von Jesus bestätigt, für beide, Christen und Juden, gleich bindend ist, und zwar in allen menschlichen Beziehungen und ohne jede Ausnahme.
  5. Es ist zu vermeiden, dass das biblische und nachbiblische Judentum herabgesetzt wird, um dadurch das Christentum zu erhöhen.
  6. Es ist zu vermeiden, das Wort „Juden“ in der ausschließlichen Bedeutung „Feinde Jesu“ zu gebrauchen, oder auch die Worte „die Feinde Jesu“, um damit das ganze jüdische Volk zu bezeichnen.
  7. Es ist zu vermeiden, die Passionsgeschichte so darzustellen, als ob alle Juden oder die Juden allein mit dem Odium der Tötung Jesu belastet seien. Tatsächlich waren es nicht alle Juden, welche den Tod Jesu gefordert haben. Nicht die Juden allein sind dafür verantwortlich, denn das Kreuz, das uns alle rettet, offenbart uns, dass Christus für unser aller Sünden gestorben ist. Es ist allen christlichen Eltern und Lehrern die schwere Verantwortung vor Augen zu stellen, die sie übernehmen, wenn sie die Passionsgeschichte in einer oberflächlichen Art darstellen. Dadurch laufen sie Gefahr, eine Abneigung in das Bewusstsein ihrer Kinder oder Zuhörer zu pflanzen, sei es gewollt oder ungewollt. Aus psychologischen Gründen kann [...] der natürliche Abscheu gegen die Verfolger Jesu sich leicht in einen unterschiedslosen Hass gegen alle Juden aller Zeiten, auch gegen diejenigen unserer Zeit, verwandeln.
  8. Es ist zu vermeiden, dass die Verfluchung in der Heiligen Schrift oder das Geschrei einer rasenden Volksmenge: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ behandelt wird, ohne daran zu erinnern, dass dieser Schrei die Worte unseres Herrn nicht aufzuwiegen vermag: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, Worte, die unendlich mehr Gewicht haben.
  9. Es ist zu vermeiden, dass der gottlosen Meinung Vorschub geleistet wird, wonach das jüdische Volk verworfen, verflucht und für ein ständiges Leiden bestimmt sei.
  10. Es ist zu vermeiden, die Tatsache unerwähnt zu lassen, dass die ersten Mitglieder der Kirche Juden waren.

Diese Thesen wurden von Jules Isaac am 13. Juni 1960 in einer Audienz in Castel Gandolfo Papst Johannes XXIII. überreicht. Vor der Begegnung sorgte dieser bereits für eine Überraschung. Als er zum ersten Mal als Papst der Karfreitagsliturgie vorstand, strich er aus dem Text der ‚Großen Fürbitten‘ im Missale von 1570 das diskriminierende Adjektiv der Bitte pro perfidis Judaeis („für die treulosen Juden“). Entsprechend ersetzte er die Wendung judaicam perfidiam („jüdische Treulosigkeit“) durch Judaeos. Wie Hubert Wolf5  gezeigt hat, war es nicht der erste Versuch im 20. Jahrhundert, die Karfreitagsbitte für die Juden zu ändern. Der frühere Versuch, eingereicht von den ‚Amici Israel‘6 , scheiterte jedoch 1928 an der Kurie.

Jules Isaac bat in der Audienz um die Einsetzung eines päpstlichen Komitees zur Untersuchung der questione ebraica (jüdischen Frage), um das Christentum von der „Lehre der Verachtung“, die auch antichristlich ist, zu reinigen, und um die biblische christliche Lehre wiederherzustellen. Johannes XXIII. antwortete: „Ich dachte daran vom ersten Augenblick unserer Begegnung an. Sie haben Grund zu mehr als Hoffnung.“ Roncalli verwies Isaac an Kardinal Bea, der gerade als Präsident des neu gebildeten Sekretariats für die Einheit der Christen nominiert worden war. Schon im November 1960 wurden die Mitglieder des Komitees bei der ersten Plenarsitzung über den Auftrag des Papstes informiert, sich auch sub secreto (geheim) mit den Beziehungen zwischen Katholiken und Juden zu befassen. Es scheint, dass durch die Intervention des 81jährigen Jules Isaac und die bereits vorhandene Initiative des 79jährigen Papstes Johannes XXIII. die Juden diskret auf die Agenda des kommenden Konzils gesetzt wurden. Jules Isaac und der Papst erlebten das Ergebnis ihrer Bemühungen nicht mehr; beide starben 1963, zwei Jahre vor der Veröffentlichung von Nostra aetate.

d) Das II. Vatikanische Konzil und die Juden: der lange Weg zu ‚Nostra aetate‘

Die jüdische Akte blieb sub secreto, da Johannes XXIII. wusste, dass in der Kurie und in den orientalischen Kirchen, die als christliche Minderheit in einer muslimischen Mehrheit überleben mussten, und nicht zuletzt in den arabischen Ländern selbst jeder Gunsterweis gegenüber Juden mit heftiger Opposition würde rechnen müssen. Ein Unterkomitee entwarf einen Vorschlag für ein Dokument über Juden, der trotz arabischer Proteste im Juni 1962 beim zentralen Vorbereitungskomitee eingereicht wurde. Die Proteste drückten die Furcht der Araber aus, der Vatikan könne den Staat Israel anerkennen und die Kirche könne dem Judentum gegenüber dem Islam einen Vorzug im Dialog einräumen. Unglücklicherweise kündigte in demselben Monat Nahum Goldmann, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, an, dass Haim Vardi, ein Beamter des israelischen Ministeriums für religiöse Angelegenheiten, als Beobachter des jüdischen Weltkongresses zum II. Vatikanischen Konzil geschickt werden würde. Dieser Zug stärkte den Argwohn von arabischen Vertretern und katholischen Würdenträgern aus den orientalischen Kirchen. Das vorbereitende Komitee entschied daher, das Entwurfsdokument über die Juden von der Agenda des Konzils, das am 12. Oktober eröffnet wurde, zurückzuziehen.

Kardinal Bea war es dann, der Johannes XXIII. davon überzeugte, seinem Willen zu einer Neuordnung der Beziehungen zum Judentum durch einen Brief an die Konzilsväter Ausdruck zu geben. Mithilfe dieses Briefs gelang es Kardinal Bea dann, das 4. Kapitel im offiziellen Schema über Ökumenismus für eine Erklärung zum Judentum zu sichern. Kritische Stimmen von Seiten der Traditionalisten begleiteten die Überlegungen im Konzil; diese meinten, dass die jüdische Frage nichts mit Ökumenismus zu tun habe, der eine innerkirchliche Angelegenheit sei, und dass sie von der Agenda entfernt werden solle. Die orientalischen Christen forderten die Entfernung ebenso und meinten, dass im Falle einer Erklärung zum Judentum auch alle anderen nichtchristlichen Religionen Erwähnung finden müssten. Das Sekretariat für die Einheit der Christen lehnte diese Idee lange Zeit ab, da man zu wenig Expertenwissen bezüglich anderer Religionen habe. Angesichts derartiger Uneinigkeit im Konzil verschob das Sekretariat im Dezember 1963 alle Debatten über die jüdische Frage auf spätere Sitzungen und stufte den Text zu einem Anhang an die Deklaration zum Ökumenismus herab.

In der Zwischenzeit besuchte Papst Paul VI. das Heilige Land.7  Im Sommer 1964 wurde der Entwurf aus Beas Komitee umgeschrieben, um den Forderungen mehrerer Kritiker zu entsprechen. Dieser dritte Entwurf erzeugte einen noch größeren Aufstand, indem nun die Unterstützer einer Annäherung an die Juden betonten, dass der neue Entwurf die Auffassung einer jüdischen Kollektivschuld am Gottesmord verstärke und die Ablehnung der Substitutionstheologie (die Ersetzung des alten Bundesvolkes [Israel] durch die Kirche [das neue Volk Gottes]) verwässere. Ein verbesserter Entwurf, der die projüdischen Aspekte einbezog, stieß wieder auf heftigen Protest von arabischer Seite und von Traditionalisten.

Am Ende unterstützte Paul VI. eine separate Deklaration über die Beziehungen der Kirche zu nichtchristlichen Religionen, in die auch der Text über die Juden aufgenommen wurde. Der Entwurf wurde von einer überwältigenden Mehrheit der Konzilsväter am 20. November 1964 angenommen. Im Folgejahr fochten die Gegner einer Erklärung über die Juden einen langen Kampf, um diese noch scheitern zu lassen. Um die Forderungen von arabischer Seite zu befriedigen, wurde ein Absatz über den Islam angehängt. Letztlich widerstand der Vatikan dem politischen Druck mit Rückendeckung durch die Konzilsväter. Die Schlussabstimmung ergab eine überwältigende Mehrheit von 2221 Ja- zu 88 Neinstimmen. Am 28. Oktober wurde die Deklarationvon Papst Paul VI. proklamiert.

e) Text und Bedeutung von Absatz 4 in ‚Nostra aetate‘

Der endgültige Text und sein Ort waren das Ergebnis lang andauernder Debatten, deren Motive wohl eher politisch als theologisch waren. Schließlich aber gewannen die theologischen Gesichtspunkte die Oberhand. Die aus jüdischer Sicht entscheidenden Punkte von ‚Nostra aetate 4‘ sind:

1. Gottes Bund mit den Juden ist nicht aufgehoben, sondern weiterhin gültig:

„Nichtsdestoweniger sind die Juden [...] immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich.“

2. Unausgesprochen wird die Konversion der Juden auf das Ende der Tage verlegt:

„[So] erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker [...] den Herrn anrufen.“

3. Parameter eines Dialogs mit Juden:

„Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gesprächs ist.“

4. Juden sind nicht des Gottesmordes schuldig:

„Man kann [...] die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.“

5. Gegen eine Lehre der Verachtung:

„Man darf die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, dass niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geist Christi nicht im Einklang steht.“

6. Gegen den Antisemitismus:

„Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums, alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben.“

Es spricht für Papst Johannes XXIII. und Jules Isaac, dass ihre Ideen auch noch nach ihrem Tod im Konzil aufgegriffen und umgesetzt wurden. Der Sinneswandel in der Katholischen Kirche war die Folge der geistig-moralischen Krise, die die christlich geprägte europäische Zivilisation dadurch erfahren hat, dass sie die Gräueltaten der Nationalsozialisten nicht verhindern konnte (bzw. nicht verhinderte). Ohne Nostra aetate wäre der Dialog mit dem Judentum heute nicht denkbar. Die Erklärung baute Ängste auf beiden Seiten ab und bahnte den Weg, neues gegenseitiges Vertrauen aufzubauen.

Ich möchte meinen Vortrag mit einem Beispiel gegenseitigen Vertrauens beenden. Man erzählt von Martin Buber, dass er bei einem Gespräch zwischen Christen und Juden bemerkt habe, dass beide, Juden und Christen, auf den Messias warteten. Für die Christen kam er schon einmal. Für Juden kam er noch nicht. Buber schlug also seinen christlichen Freunden vor, beide sollten gemeinsam warten. Wenn der Messias dann käme, solle niemand ihn fragen, ob er zum ersten oder zum zweiten Mal gekommen sei.


Mordechay Lewy, 1948 in Tiberias geboren, studierte Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem; seit 1967 im diplomatischen Dienst, u. a. von 2000 bis 2004 als Botschafter des Staates Israel in Berlin und von 2008 bis 2012 beim Heiligen Stuhl. – Der hier wiedergegebene Vortrag wurde am 9. November 2015 anlässlich der Tagung „Ein nie widerrufener Bund – ,Nostra aetate‘. Der lange Weg vom Lateranum IV zum Vatikanum II (1215 - 1965 - 2015)“ an der Lateran-Universität in Rom gehalten.


  1. Geoffrey Barraclough, The Medieval Papacy, London 1968, S. 128
  2. Vgl. Chaim Noll, Rom und Jerusalem – eine wechselhafte Beziehung, in FrRu NF 16 (2009) 265–276.
  3. Vgl. Elisabeth Fuchshuber-Weiß, Die Geschichte des Davidsterns. Von Missbrauch und Pervertierung zum Staatssymbol, in: FrRu NF 22 (2015) 28–34 (Anm. 1, S. 28).
  4. „Die 10 Seelisberger Thesen von 1947 zum christlichen Religionsunterricht“, in: FrRu II. Folge (1949/1950), Nr. 8/9, 5 f.
  5. Hubert Wolf: „Lasst uns beten für die treulosen Juden“: Neues zum Thema Katholische Kirche und Antisemitismus aus den Vatikanischen Archiven (Festvortrag anlässlich der Verleihung des Communicator-Preises am 30. September 2004 (www.dfg.de/download/pdf/gefoerderte.../ vortrag_wolf_040930.pdf).
  6. Vgl. Elias H. Füllenbach, Katholische Initiativen gegen den Antisemitismus und die Anfänge des christlich-jüdischen Dialogs, in: FrRu NF 22 (2015) 2–19; „Amici Israel“: 4–6.
  7. Vgl. Jörg Ernesti, Die Revision der katholischen Haltung zum Judentum und zur Palästinafrage unter Papst Paul VI., in: FrRu NF 18 (2011) 265–275.

Jahrgang 23 / 2016 Heft 3, S. 163−176

 



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