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Yizhak Ahren

Michael Wyschogrod (1928–2015)

Interpret der Erwählung Israels

Am 17. Dezember 2015 ist der angesehene amerikanisch-jüdische Philosoph und Theologe Michael Wyschogrod nach einer schweren Krankheit verstorben. Er war ein origineller Denker, dessen Schriften auch im deutschsprachigen Raum viel Beachtung fanden. So sind sein Hauptwerk „Gott und Volk Israel“ (Stuttgart 2001) sowie einige Aufsätze von ihm und über ihn ins Deutsche übersetzt worden.

Geboren wurde Wyschogrod 1928 in Berlin, seine Familie wanderte im Jahr 1939 gerade noch rechtzeitig nach Amerika aus. Wyschogrod bekam eine solide jüdische Ausbildung; er studierte talmudische Texte im Seminar von Rabbiner Joseph B. Soloveitschik. Seine Doktorarbeit schrieb er an der Columbia University (New York) über Sören Kierkegaard und Martin Heidegger (Kierkegaard and Heidegger: The Ontology of Existence, 1953). Er lehrte jahrzehntelang Philosophie an verschiedenen amerikanischen Universitäten (u. a., im Zusammenwirken mit seiner Frau, Prof. Edith Wyschogrod, an der Rice University in Houston) und hielt auch Vorlesungen an deutschen Hochschulen. 1984 veröffentlichte er gemeinsam mit Prof. Clemens Thoma  „Das Reden vom einen Gott bei Juden und Christen“ (Rezension von Georg Klostermann, Luzern, in: FrRu XXXVIII [1985/86] 126 f.).

Ungewöhnlich für einen orthodoxen Juden ist es, dass sich Wyschogrod intensiv mit dem Christentum auseinander gesetzt hat (zu Wyschogrods Lehre vgl. FrRu NF 15 [2008]  11). Bei einer Begegnung mit dem evangelischen Theologen Karl Barth hat er sich selbst einen „jüdischen Barthianer“ genannt. Seine zahlreichen Beiträge zum christlichjüdischen Dialog haben an Aktualität nichts eingebüßt; sie werden gewiss auch in Zukunft studiert werden.

In jüdischen Kreisen hat Wyschogrods Kritik an der Religionsphilosophie von Moses Maimonides („Führer der Verirrten“) wenig Anklang gefunden; nach Wyschogrods Meinung war Maimonides unter dem Einfluss der griechischen Philosophie verhängnisvollerweise von der biblischen Auffassung abgewichen. Der Neukantianer Steven S. Schwarzschild sagte mir einmal, er finde Wyschogrod persönlich sehr nett, einige seiner philosophischen Thesen jedoch unerträglich.

Jüdische Kritiker fanden Wyschogrods Betonung der göttlichen Liebe seltsam; nach Wyschogrod ist Israels Erwählung begründet in der Liebe, die der Ewige für Stammvater Abraham hegte. Die Anerkennung der besonderen Liebe Gottes für das Volk Israel ermöglicht, nach der Auffassung Wyschogrods, dass Nichtjuden begreifen, auch sie würden in ihrer Eigenart von Gott geliebt. Die mit Überzeugung vorgetragene Religionsphilosophie Michael Wyschogrods regt sowohl Juden als auch Christen zum Nachdenken an sowie zur Revision mancher liebgewonnenen Ansichten. Wyschogrods klare Stimme ist nun verstummt, aber seine Worte bleiben.

Yizhak Ahren, Jerusalem


Jahrgang 23 / 2016 Heft 2, S. 156 f. 


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