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Hans Hermann Henrix

Zuspruch aus fremden Quellen

Begegnungen mit Persönlichkeiten aus Judentum und Christentum

Topos Taschenbuch 807. Verlag Friedrich Pustet, Kevelaer 2012. 292 Seiten. Rezension von Simon  Lauer, Zürich.

Alle siebzehn in diesem Band vorgestellten Persönlichkeiten angemessen darzustellen, würde den Rahmen einer Besprechung sprengen. Wir beschränken uns auf deren sieben. Eine stark persönliche Würdigung erfährt der Aachener Bischof Klaus Hemmerle . Dessen Formulierung der Aufgabe einer katholischen Akademie (1956 in Freiburg) war für Henrix ein Leitbild: gemäß einem Wort Pius’ XII., innerhalb der Kirche eine öffentliche Meinung zu bilden, deren Träger „aus der Freiheit der einzelnen gebildeten und geäußerten Meinung [...] das Leben und Erscheinungsbild dieser Gemeinschaft mitbestimmt“. Hemmerle war „ein unübertroffener Nachahmer der Freigabe menschlicher Freiheit durch Gott“. Gerade diese Freiheit mit der in Christus verkörperten eigenen Wehrlosigkeit ermöglichte es Hemmerle, dem Anderen zu begegnen. Wie weit er darin gegangen ist, zeigt sein hier abgedrucktes Gedicht zum 50. Jahrestag der ,Reichskristallnacht‘: „Man hat meinem Gott das Haus angezündet  – und die Meinen haben es getan [...].“

In einem Gespräch (S. 76–79) fand sich Bischof Hemmerle dem jüdischen Philosophen (nicht Theologen) Emmanuel Levinas  gegenüber. Dieser erklärte seine Nähe zum Christentum anhand von Mt 25 und Jes 58: „Gott kommt nur dann, wenn sie [die Menschen] dem Armen helfen [...]“. Aber die schlimmen Dinge, die unter dem Zeichen des Kreuzes getan worden sind, bedürfen noch der Erklärung. Bischof Hemmerles Hinweis auf die völlige Wehrlosigkeit Gottes setzte Levinas entgegen: „[...] aber das kostet doch zu viel – nicht den lieben Gott, sondern die Menschheit“. Was beide Denker letztlich verbindet, so Henrix, ist „der Vollzug der Gerechtigkeit bzw. der Liebe (als) ‚Hauptsache‘“.

Hilfreich für den Leser, der diesem Denken nachgehen will, sind des Verfassers Ausführungen, besonders zu Begriff und Anwendung (bei Levinas besonders häufig) der Metapher, die über sich hinausweist, und zwar auf den Anderen hin, der in Levinas’ Denken immer klarer Priorität gewinnt. Wie tief das bei Levinas sitzt, zeigt sich darin, dass er für das griechische Wort „Ethik“ das biblische „Heiligkeit“ setzt. Als philosophisch- phänomenologisch (nicht psychologisch) Denkender spricht er von der „Epiphanie des Antlitzes“ des Anderen, der nicht auf gleicher Augenhöhe erscheint, sondern „in einer Dimension [...] des Göttlichen“. Der dem Anderen Begegnende übernimmt damit die Verantwortung dafür, dass dieser nicht getötet und nicht allein gelassen wird; es kommt zu einer „Beziehung ohne Wechselbeziehung“.

Mit einem Hinweis auf Gottes Sich-Nicht-Zeigen (Ex 33) steigert Levinas die Metapher „Spur“ aufs äußerste: In der Spur, die man sich wohl gar nicht immateriell genug vorstellen kann, ist „der Andere“, auf den zuzugehen die vornehmste Aufgabe des Menschen ist. Ungeachtet der Tatsache, dass sich Levinas stets ausdrücklich als Philosoph, keineswegs als Theologe, verstanden hat, ortet Henrix hier zu Recht die „Widerständigkeit der [...] Spur-Metapher für die [christliche] Theologie“: Die „absolute Transzendenz als absolute Abwesenheit“ erlaubt es ja nicht, „kindlich religiös“ von Gottes Gegenwart zu sprechen. Ansätze zu Formulierungen, die vom Christentum her Levinas’ ethischen Imperativ aufzunehmen geeignet wären (Karl Rahner, Marcel Poorthuis), beschließen diesen höchst anspruchsvollen Teil.

Außer dem biographischen Hintergrund von Johannes Paul II . ist vor allem dessen theologische Sicht auf das Judentum zu erwähnen. Gegen alle Bedenken (Henrix führt sie an) war er überzeugt, dass Gott an seinem Bund mit Israel festhält – auch mit Israel post Christum natum. Hinzu kommt die nachdrücklich geäußerte Gewissheit des Papstes, dass Jesu Geburt und menschliche Entwicklung innerhalb des Judentums durchaus kein bloßer Zufall der Geschichte ist. „Spricht man Christus seine Verbindung mit dem Alten Testament  ab, dann bedeutet das, ihn von seinen Wurzeln zu trennen und sein Mysterium allen Sinnes zu entleeren.“ Die Empfindlichkeit vieler Juden ist groß, wenn es um Worte oder Taten kirchlicher Würdenträger, gar eines Papstes, geht. Johannes Paul II.  hat souverän und sensibel reagiert. Seine Gesten in Yad Vashem und an der Klagemauer haben die letzten jüdischen Bedenken ausgeräumt.

An gravierenden Problemen hat es im Pontifikat seines Nachfolgers, Benedikt XVI., nicht gefehlt: dessen Rede in Auschwitz, in der man ein Mitschuld- Bekenntnis der Kirche vermisste, die Formulierung der Fürbitte für die Juden in der Karfreitags-Liturgie, die Aufhebung der Exkommunikation von Richard Williamson von der Pius-Bruderschaft. Zur Fürbitte hat Kardinal Kasper mit Recht darauf verwiesen, dass Gott allein über das „Wann und Wie“ des endzeitlichen Heils entscheidet. Einen kaum überbietbaren Höhepunkt seiner Hochschätzung des Judentums hat Papst Benedikt XVI. aber schon als Präfekt der Glaubenskongregation gesetzt, nämlich mit seinem Vorwort zum Dokument der Bibelkommission „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel“  (2001) – ein theologisches Meisterwerk.Ein Beispiel für „Zuspruch aus fremden Quellen“, das allerdings nicht unbesehen verallgemeinert werden kann, bietet der Verfasser mit seinen Ausführungen über Edith Stein. Aus einem Leben voller Krisen und Brüche hat die Witwe ihres Mentors, des Göttinger Phänomenologen Adolf Reinach, ihr mit ihrem Beispiel eines „fast souveränen Gehaltenseins in ihrem christlichen Glauben“ (Henrix) herausgeholfen. Was Edith Stein letztlich charakterisiert, ist ihre Treue zu dem, was sie als Ruf Gottes verstand, und worauf sie mit dem biblischen „hinneni – hier bin ich“ antwortete: „ethisch-existenziell“ als Jüdin, „spirituell-existenziell“ als Karmelitin. Ihre Heiligsprechung  1998 hat zu einer jüdisch-katholischen Kontroverse  über den Begriff des Martyrium s geführt.

Traditionell kommt im Judentum das Attribut der Heiligkeit  ausschließlich denjenigen zu, die ihres jüdischen Glaubens wegen das Leben verloren haben, ob wir ihre Namen kennen oder nicht. Die Kirche kennt auch andere Kriterien. Mit Recht stellt Henrix die Frage nach einer angesichts der unzähligen Morde in aller Welt neuen Definition des Martyriums. Den Begriff der Heiligkeit werden wir Juden, auch angesichts des bei uns ebenfalls grassierenden Säkularismus, vielleicht gesondert überdenken müssen. Festzuhalten bleibt, dass Papst Johannes Paul II. in seiner Predigt zu Edith Steins Heiligsprechung verlangt hat, der Opfer der Schoa zu gedenken. Das ist gewiss keine bloße Geste, vielmehr Ausdruck seines festen Glaubens an die unlösbare Verbindung des Christentums mit dem Judentum.

Ein ganz anderer Konvertit hat eine ganz andere Kontroverse ausgelöst: Daniel Oswald Rufeisen . In den Wirren des Zweiten Weltkriegs in Osteuropa hatte er aus manchen „Löwengruben“ vielen Juden das Leben gerettet, bis er in einem Karmelitinnenkloster untertauchen musste. Die Lektüre des Neuen Testaments hat ihn dazu bewogen, Christ und Karmelit zu werden. Ab 1959 lebte er im Karmel Stella Maris in Haifa und stellte den Antrag, das israelische Bürgerrecht zu erhalten, und zwar aufgrund des „Rückkehrgesetzes“, das jeden jüdischen Einwanderer zum Staatsangehörigen werden lässt. Das Gesuch wurde vom Obersten Gericht des Landes mit Mehrheitsbeschluss abgewiesen, worauf der damalige Ministerpräsident Ben Gurion jüdische Autoritäten in aller Welt mit der Frage konfrontierte: „Wer ist Jude?“ Es überrascht wenig, dass eine allgemein-gültige Antwort immer noch aussteht. In P. Daniels Sicht sollte die Kirche wieder „vertikal“ werden: Ihr Zentrum solle wieder die Gemeinde aus Juden und Heiden in Jerusalem werden, nicht Byzanz bzw. Rom.

Auf ganz anderem Weg, im bleibenden Schatten der Schoa, verlief Leben und Denken von Albert H. Friedlander. Für ihn gehörten Leiden und Erlösung untrennbar zusammen: „Weil wir das Dunkle nicht vergessen, können wir an das Helle glauben.“ Darum müssen wir die biblische Hoffnung von Pessach „in unserem Leben auflodern lassen [...], die messianische Hoffnung muss ausgesprochen werden“. Dass ethisches Verhalten in unserem Diesseits zur Verwirklichung der Erlösung unverzichtbar ist, wusste auch Friedlander. Aber er wusste auch, dass diese kommen muss, und zwar dann, wenn Gott es will. Eine innerweltlich herbeigeführte Erlösung (etwa durch das, was Jeschajahu Leibowitz als „Immobilien-Idolatrie“ gegeißelt hat) hätte er entschieden, ausnahmsweise einmal nicht so sanftmütig wie sonst, abgelehnt.

Der Zweifel im Glauben hat bei Friedlander durchaus seinen Platz; einen nicht geringeren aber hat der Glaube, der im Zweifel schlummern kann. Hans Hermann Henrix hat uns mit diesem Sammelband einen reichen Schatz an Persönlichkeiten und Ideen geschenkt, der nicht so rasch auszuschöpfen ist. Es seien abschließend noch jene Persönlichkeiten erwähnt, auf die in diesen Zeilen nicht eingegangen werden konnte: Schalom Ben-Chorin, Martin Buber, Ernst Ludwig Ehrlich, Leon Klenicki, Janusz Korczak, Jakob J. Petuchowski, Gerhart M. Riegner, Rabbiner Michael A. Signer, Jacob Taubes und Miloslav Kardinal Vlk.

Simon Lauer, Zürich


Jahrgang 23 / 2016 Heft 2, S. 153−156. 


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