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Görge Karl Hasselhoff / Bertold Klappert / Thomas Kremers (Hg.)

Heinz Kremers – Vom Judentum lernen

Impulse für eine Christologie im jüdischen Kontext

Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen- Vluyn 2015. 218 Seiten. Rezension von Werner Trutwin, Bonn.

Wer sich in den vergangenen Jahrzehnten ernsthaft mit dem jüdisch-christlichen Verhältnis befasst hat, wird unweigerlich auf den Namen Heinz Kremers (1926–1988) gestoßen sein. Er war ein Pionier des christlich-jüdischen Gesprächs und hat als Religionspädagoge und Theologe großen Einfluss auf die Evangelische Kirche im Rheinland ausgeübt. So konnte er bedeutende Erklärungen zur Verständigung zwischen Christentum und Judentum anregen und inhaltlich beeinflussen. Schon früh hat er sich für die Ablehnung von ,Judenmission‘ eingesetzt. Seit Anfang der sechziger Jahre war er an der Gründung der christlichen Siedlung (Kibbutz) Nes Ammim („Zeichen für die Völker“) in Israel beteiligt, einem Ort, der bis heute intensiv um christlich- jüdische Verständigung bemüht ist. Für sein Engagement erhielt Kremers 1986 die Buber-Rosenzweig-Medaille, die höchste Auszeichnung für Verdienste im christlich-jüdischen Dialog in Deutschland.

Seit seinem Tod am 26. Mai 1988 ist es stiller um ihn geworden. Um das Andenken an ihn wachzuhalten, aber auch, um neue Impulse für die Zukunft zu geben, hat die Gemeinschaft Evangelischer Erzieher anlässlich seines 25. Todestages (2013) beschlossen, einen Sammelband herauszugeben, der an sein Lebenswerk erinnert und entlegene Arbeiten von Heinz Kremers wieder zugänglich macht. Zu den Herausgebern zählen sein Sohn Thomas Kremers, Görge K. Hasselhoff, Pfarrer und Lehrbeauftragter, sowie Bertold Klappert, Professor em. in Wuppertal/Bethel, der sich ebenfalls große theologische Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog erworben hat. Der Sammelbandenthält insgesamt 16 Beiträge.

(1) Der erste Teil führt in das Werk von Heinz Kremers ein. Hier kommen die drei Herausgeber ausführlich zu Wort. Thomas Kremers gibt einen interessanten Überblick über das bewegte Leben und die Grundgedanken seines Vaters. Niemand hätte das wohl besser gekonnt als er. Bertold Klappert zeigt, wie Heinz Kremers an einer nicht-antijüdischen Christologie gearbeitet hat, während Görge K. Hasselhoff auf einen kostbaren Text Kremers’ eingeht, einen Talmudvortrag aus dem Jahr 1977, der nicht eine Vereinnahmung des Talmud durch das Christentum, sondern ein besseres christliches Verständnis des Talmud anzielt.

(2) Der zweite Teil bildet das Herzstück des Sammelbandes. Hier finden sich wissenschaftliche Beiträge Kremers’, die sich mit einer Christologie im jüdischen Kontext befassen, einem schon damals äußerst schwierigen Thema. Was bedeutet es, dass Jesus der Messias ist? Wie deutet Paulus im Römerbrief die Bundesschlüsse Gottes mit Israel? Welche Bedeutung haben Land und Staat Israel für die Christenheit? Ein Zitat aus Kremers’ Überlegungen zu einer nicht-konfrontativen Christologie:

„Wir müssen heute wiederentdecken, dass Jesus Christus nicht mit uns als unser Christus dem jüdischen Volk gegenübersteht, sondern dass Jesus Christus frei zwischen uns und den Juden steht. Jesus Christus zwischen Juden und Christen hat eine Botschaft nach beiden Seiten.“

Ein solcher Satz dürfte auch heute auf beiden Seiten umstritten sein. Viele Juden und viele Christen werden ihn so ablehnen. Er muss sich erst noch im gemeinsamen Dialog bewähren, und wenn das noch nicht möglich ist, weiterhin diskutiert werden.

(3) Der dritte Teil zeigt, wie das Werk von Heinz Kremers weitergeführt werden kann. Da werden christliches und jüdisches Hoffen miteinander verglichen (Klaus Müller) und die Unterschiede von Messianismus, Christologie und Politik in Judentum und Christentum herausgearbeitet (Simon Schoon).

Die folgenden Beiträge behandeln das Thema „Land und Staat Israel“ auch aus palästinensischer Sicht (Katja Kriener), kreisen um neue Bausteine für eine christliche Tauf-Theologie (Volker Haarmann) und untersuchen kritisch die Anliegen der Messianischen Juden und der Evangelikalen in Israel (Rainer Stuhlmann).

Insgesamt trägt der Sammelband eine hochverdiente Dankesschuld an Heinz Kremers ab, den der Rezensent persönlich kannte und schätzte. Das Buch zeigt auch, dass sich manche Probleme im Dialog verändert und verschoben haben. So rückt derzeit in Deutschland ein islamischer und bürgerlicher Antisemitismus selbstbewusst in den Vordergrund. Immer schwieriger gestaltet sich der Kampf gegen ein wachsendes Desinteresse am christlich-jüdischen Dialog und am religiösen Judentum generell, während gleichzeitig der Staat Israel zu Unrecht zunehmend als „gewalttätiger Machtfaktor“ an den Pranger gestellt wird. Vielleicht sollte der Titel des Buches heute lauten: „Judentum und Christentum – voneinander lernen“. Für diese aktuelle Problematik wünschte man sich mehr Menschen wie Heinz Kremers, die mit Sachkenntnis und persönlichem Engagement den christlich-jüdischen Dialog voranbringen.

Werner Trutwin, Bonn


Jahrgang 23 / 2016 Heft 2, S. 151 f.

 



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