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Hartmut Bomhoff

Ernst Ludwig Ehrlich

Prägende Jahre. Eine Biographie

Europäisch-jüdische Studien. Beiträge, Band 25, hg. vom  Moses  Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam,  in  Kooperation mit dem Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg.  de  Gruyter, Oldenbourg 2015. 184 Seiten. Rezension von Evelyn Adunka,  Wien.

Der christlich-jüdische Dialog in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich und der Schweiz war das große Anliegen und Verdienst des Religionswissenschaftlers und Publizisten Ernst Ludwig Ehrlich  (1921–2007).

Ehrlich wuchs als einziger Sohn des liberalen jüdischen Bahnbeamten Martin Ehrlich und seiner Ehefrau Eva, geborene Borkowsky, in Berlin auf. Sein Vater starb 1936, seine Mutter wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Von 1940 bis 1942 besuchte er die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, wo er von Rabbiner Leo Baeck maßgeblich geprägt wurde. Er war neben Herbert A. Strauss und Wolfgang Hamburger einer von nur drei Schülern des letzten Jahrgangs der 1942 geschlossenen Lehranstalt, die überlebten.

Im Juni 1943 gelang Ehrlich mithilfe von Luise Meier und Josef Höfler zusammen mit Herbert Strauss, dem späteren amerikanischen Universitätsprofessor und ersten Direktor des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, die Flucht in die Schweiz. Mit gefälschten Papieren gaben sie sich als Industrie-Inspektoren aus. Nach drei Monaten in einem Arbeitslager erhielt Ehrlich ein Stipendium für die Universität Basel, an der er 1950 mit der Abhandlung „Der Traum im Alten Testament“ promoviert wurde. Seine gleichzeitig verfolgten Pläne, mit Hilfe von Leo Baeck, der die Haft in Theresienstadt überlebt hatte und nach London ausgewandert war, das abgebrochene Rabbinatsstudium in den USA fortzusetzen, scheiterten. Noch 1954 schrieb Leo Baeck über ihn in einem Brief: „Ich setze auf ihn manche Hoffnung.“

1946 lernte Ehrlich in Zürich Gertrud Luckner kennen, mit der er zeit ihres Lebens verbunden blieb, – und darüber hinaus bis zum Ende seines Lebens mit dem von ihr begründeten „Freiburger Rundbrief“. Leo Baeck berichtete ihm, dass er durch Gertrud Luckner während der Schoa das Bild eines anderen Deutschlands bewahrt habe. 1995 hielt Ehrlich in Freiburg i. Br. die Grabrede für Luckner. 1958/59 unterrichtete er am Seminar für Evangelische Theologie der Freien Universität Berlin. Von 1958 bis 1996 war er Zen tralsekretär der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft der Schweiz. Zusammen mit H. G. Adler und Erwin Sylvanus erhielt er 1958 den Leo- Baeck-Preis. Während des Zweiten Vatikanischen Konzils war er als Berater von Kardinal Bea an der Vorbereitung der Erklärung „Nostra aetate“ beteiligt. 1963 lehnte er einen Ruf auf die Professur für die Wissenschaft des Judentums in Frankfurt am Main ab.

Ab 1972 lehrte er als Honorarprofessor Jüdische Geschichte und Literatur an der Universität Bern. Er hielt auch Gastvorlesungen an den Universitäten Frankfurt a. M. und Berlin und erhielt von den Universitäten Basel, Luzern und von der Freien Universität Berlin die Ehrendoktorwürde. Ende der achtziger und in den neunziger Jahren predigte er während der Hohen Feiertage in Berliner Synagogen. Als Ehrensenator war er an der Gründung des neuen liberalen Berliner Rabbinerseminars, dem Abraham-Geiger-Kolleg, beteiligt. 2007 erhielt er in Berlin für sein Lebenswerk den Israel-Jacobson- Preis.

Neben seiner akademischen Tätigkeit war Ehrlich von 1961 bis 1994 auch Europadirektor der B’nai B’rith. In dieser Funktion sprach er oft in der Wiener Zwi Perez Chajes Loge, wobei er auch immer wieder auf die Verdienste des Namensgebers der Loge verwies. Bomhoff konnte in seiner Darstellung manche Fragen nicht schlüssig beantworten, wie er auch offen schrieb. Einer der Gründe dafür ist, dass sich Ehrlichs Nachlass, der sich heute im Archiv für Zeitgeschichte in Zürich befindet, bedauerlicherweise erst ab 1977 erhalten hat. 2009 erschien im Verlag de Gruyter bereits der wichtige Band „Von Hiob zu Horkheimer. Gesammelte Schriften zum Judentum und seiner Umwelt“ von Ernst Ludwig Ehrlich.

Bomhoff verantwortet die Öffentlichkeitsarbeit des Abraham Geiger Kollegs in Berlin und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der dortigen School of Jewish Theology. Er schrieb seine Diplomarbeit über Ehrlich und publizierte 2011 in der Reihe „Jüdische Miniaturen“ im Berliner Verlag Hentrich & Hentrich auch den Band 80 über Ernst Ludwig Ehrlich. Beides ist im vorliegenden Band jedoch nicht erwähnt, auch fehlt ein Hinweis auf Ehrlichs überaus zahlreiche Beiträge und Rezensionen im „Freiburger Rundbrief“. – Das vorliegende Buch erschien aus Anlass des fünfjährigen Jubiläums des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks, dessen Schirmherrin Dr. h. c. Charlotte Knobloch das Vorwort schrieb.Evelyn Adunka, Wien


Jahrgang 23 / 2016 Heft 2, S. 149 f.


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