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Aharon Appelfeld

Ein Mädchen nicht von dieser Welt

Roman

Aus dem  Hebräischen von Mirjam Pressler. Rowohlt Verlag, Berlin 2015. 125  Seiten. Rezension von Wolfgang Treitler, Wien.

„Sie gingen Hand in Hand und mit schnellen Schritten, und bei Sonnenaufgang erreichten sie den Wald. – ‚Adam‘, sagte die Mutter, ‚wir sind angekommen, hab keine Angst. Du kennst den Wald und alles, was darin ist. Ich tue, was ich kann, um am Abend wieder bei dir zu sein [...]‘“ (7).

So beginnt Aharon Appelfelds Roman, der in seiner hebräischen Originalfassung und in der amerikanischen Ausgabe als Buch für Kinder illustriert ist (durch unterschiedliche Künstler), in der deutschen Fassung aber diese grafischen Beigaben nicht enthält. Dennoch zeigt auch diese Ausgabe die Kunst eines Weltliteraten, der in kristallklarer Sprache, die die Übersetzung sehr gut nachvollzieht, im Spiegel von Kindern für Kinder die Geschichte einer jüdischen Familie erzählt, die durch den Nationalsozialismus völlig aus den Fugen geworfen wird.

Krieg und Getto haben das Leben zerstört und zwei Familien zerrissen, deren beide Jungen, Adam und Thomas, im Wald ums Überleben kämpfen. Adam, ein „Naturkind“ (27), und Thomas, ein „Stadtkind“ (27), einst Klassenkameraden, wachsen im Wald zusammen. Bald sind ihre Vorräte aus dem Rucksack verbraucht, doch keine der Mütter ist zurückgekehrt. Knapp bevor sie der Hunger peinigt, stoßen beide auf ein dunkles Geheimnis, das Aharon Appelfeld seit den Tagen der eigenen Flucht im Jahr 1941 in sich trägt:

„,Ich habe das Gefühl, dass überhaupt nichts mehr logisch ist, seit es das Ghetto gibt. Man bringt die Alten weg. Warum tut man das? Und warum auch die Kinder? Was haben die Kinder Schlimmes getan? Und was die Alten?‘, fragte Thomas erregt. ‚Sie sind Juden‘, sagte Adam ruhig. ‚Und nur weil sie Juden sind, muss man sie wegbringen?‘ ‚Thomas, du musst dir einfach klarmachen, dass man die Juden nicht liebt.‘ ‚Ich kapiere es nicht. Ich muss vielleicht noch viele Erfahrungen machen und noch viel mehr lernen‘, sagte Thomas mit erstickter Stimme“ (35 f).

In literarisierter Kindererfahrung taucht die Unbegreiflichkeit des Judenhasses auf, der die Gettos so tödlich gemacht hat und in veränderten Formen bis in die Gegenwart reicht.Darum schreibt Appelfeld diese Geschichte heute. Gerade mit diesen ungelösten Fragen kann sie für Kinder und Erwachsene zur Erfahrung werden. Die Fragen wiegen schwerer als alle Antworten, die sie zu lösen versuchen oder gar für Beruhigung sorgen wollen. Der Judenhass ist etwas Irrationales, dem man mit Vernunft nicht beikommt – eine traurige und tragische Einsicht, aber keine, die Appelfeld in die Resignation trieb, sondern ihn seit Jahrzehnten zum Mahner macht, aufmerksam zu leben, feinsinnig zu hören, die kleinen Wunder wahrzunehmen, die gegen die Kräfte der Judenfeindschaft immer wieder auferstehen und das Leben von Juden erhalten, und selbst im Baum eines Waldes einen stummen Boten der Erinnerung an zuhause zu sehen (49).

Rettung gibt es in dieser Geschichte daher auch nicht durch eine große Umkehr, sondern durch ein kleines Mädchen namens Mina, ebenfalls Klassenkameradin der beiden Jungen, die zum Wunder wird (54 f., 68 u. ö.). Auf einer Weide melkt Mina die Kuh eines Bauern, der sie schlägt und am Ende auch übel zurichtet (103). Heimlich stellt sie den Buben Milch bereit, manchmal auch Essbares. Dieses Mädchen, das nicht von dieser Welt ist und sich der Buben wegen in höchste Gefahr begibt (91), lässt Adam einmal ausrufen: „Gott hat uns Mina geschickt!“ (84). Als am Ende der Geschichte die blutig geprügelte Mina von einem Militärarzt der anrückenden Roten Armee versorgt wird und die Buben auch noch ihre Mütter wiedersehen, ist der Schrecken noch nicht ganz vorbei. Man weiß, die Deutschen werden selbst noch auf ihrer Flucht vor den Russen Juden morden, wo immer sie auf sie treffen (80, 98). Und als zuletzt noch die Väter und die Großeltern fehlen, fügen sich die Mütter ins Gebet: „Lasst uns beten, dass auch Papa und die Großeltern zu uns zurückkehren“ (125).

In einem Gespräch mit Eleanor Wachtel sagte Aharon Appelfeld:

„I’m writing a saga, a long saga about the Jewish people, about what happened to them during the twentieth century.“

Der neue Roman setzt diese Saga fort und lässt auch Kinder daran teilhaben, damit sie aufmerksam werden und die kleinen Wunder in einer oft feindseligen Welt wahrnehmen. Denn die Kinder sind – wie in diesem Roman klar wird – die Zukunft und die Hoffnung, dass der zutiefst irrationale Judenhass sich doch an der einen oder anderen Stelle auflöst und schwindet.

Wolfgang Treitler, Wien


Jahrgang 23 / 2016 Heft 2, S. 147 f.


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