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Ursula Rudnick

Esther Retterin im Exil

Der Hintergrund des Purim-Festes

Die Geschichte des Buchs Esther1  spielt im persischen Reich „zu den Zeiten des Ahasveros, der König war vom Indus bis zum Nil über hundertundsiebenundzwanzig Länder“ (Est 1,1)2. Die Orts- und Zeitangaben des Textes sind präzise: sie sollen den Eindruck einer historischen Erzählung erwecken. So ist König Ahasveros – mit seinem griechischen Namen als Xerxes I. bekannt – eine historische Person. Er regierte Persien von 486–465/4 v. Chr. Vertreter der historisch-kritischen Bibelexegese sind jedoch der Ansicht, dass diese Geschichte kein historischer Tatsachenbericht ist, sondern eine literarisch sehr sorgfältig gestaltete Novelle, die ein ernstes Thema auf dramatische und zuweilen höchst amüsante Weise inszeniert.

Das Thema des Buchs Esther ist die Judenfeindschaft und die Verfolgung von Juden. Judenfeindschaft reicht weit in die Antike zurück. Ein erster Ausbruch von Judenfeindschaft ist aus Elephantine, im Süden Ägyptens, aus dem Jahr 410 v. Chr. überliefert. Der jüdische Tempel wurde von Priestern des Khnum – unter Mitwirkung der regionalen persischen Behörde – zerstört. Ein anderes Beispiel antiker Judenfeindschaft zeigt sich in den politischen Auseinandersetzungen im Land Israel im 2. Jahrhundert v. Chr. Die Makkabäerbücher geben von den judenfeindlichen Aktivitäten des seleukidischen Herrschers Antiochos IV. Zeugnis.

Die biblische Geschichte

Im dritten Jahr seiner Herrschaft beschließt König Ahasveros, ein Fest „für alle seine Fürsten und Großen, die Heerführer von Persien und Medien, die Edlen und Obersten in seinen Ländern“ (1,3), in seiner Hauptstadt zu veranstalten. Das Fest dient seiner Machtdemonstration: „damit er sehen ließe den herrlichen Reichtum seines Königtums“ (1,4). Auch sein Volk darf feiern „vom Größten bis zum Kleinsten“ (1,5): „Und man schrieb niemand vor, was er trinken sollte“ (1,8). Es scheint, dass dem König der Weinkonsum etwas zu Kopfe stieg, denn als er „guter Dinge war vom Wein“ (1,10), befahl er seinen Kämmerern,

„dass sie die Königin Vasthi3  mit ihrer königlichen Krone holen sollten vor den König, um dem Volk und den Fürsten ihre Schönheit zu zeigen; denn sie war schön. Aber die Königin Vasthi wollte nicht kommen [...]. Da wurde der König sehr zornig, und sein Grimm entbrannte in ihm“ (1,11–12).

Und er fragte seine Weisen:

„Was soll man nach dem Gesetz mit der Königin Vasthi tun, weil sie nicht getan hat, wie der König durch seine Kämmerer geboten hatte?“ (1,15).

Einer antwortete:

„Die Königin Vasthi hat sich nicht allein an dem König verfehlt, sondern auch an allen Fürsten und an allen Völkern in allen Ländern des Königs Ahasveros. Denn es wird diese Tat der Königin allen Frauen bekannt werden, sodass sie ihre Männer verachten [...]. Dann werden die Fürstinnen in Persien und Medien auch so sagen zu allen Fürsten des Königs, wenn sie von dieser Tat der Königin hören [...]“ (1,16–18).

Die Männer sorgen sich um ihre Macht und raten dem König,

„dass Vasthi nicht mehr vor den König Ahasveros kommen dürfe und der König ihre königliche Würde einer andern geben solle, die besser ist als sie“ (1,19b).

Sie hoffen, dass diese Politik der Abschreckung dazu führen möge, dass

„alle Frauen ihre Männer in Ehren halten bei Hoch und Niedrig. Das gefiel dem König und den Fürsten [...]. Da wurden Schreiben ausgesandt in alle Länder des Königs, in jedes Land nach seiner Schrift und zu jedem Volk nach seiner Sprache, dass ein jeder Mann der Herr in seinem Hause sei“ (1,20–22).

Die Staatsräson bzw. der politische Friede im Lande verlangt die Demission der eigensinnigen Königin Vasthi und stellt den Hof vor die Aufgabe, eine neue Königin zu finden: „Man suche dem König schöne Jungfrauen [...]“ (2,2).

In der Hauptstadt werden „viele Jungfrauen zusammengebracht […] auf das Schloss zu Susa unter die Hand Hegais [...], auch Esther wurde in des Königs Palast geholt“ (2,8).

Esther ist die Nichte Mordechais: er ist zugleich ihr Pflegevater, „denn sie hatte weder Vater noch Mutter“ (2,7). Mordechai gehört zu jenen, die nach der Eroberung Judäas durch Nebukadnezar (586 v. Chr.) nach Susa verschleppt wurden (vgl. 2,6). Im Haus des Königs verschweigt Esther ihre jüdische Herkunft. Mordechai hatte ihr dazu geraten. Esther, eine schöne und zugleich zurückhaltende junge Frau, muss sich einer Schönheitskur unterziehen, die zwölf Monate dauert:

„sechs Monate mit Balsam und Myrrhe und sechs Monate mit kostbarer Spezerei und was sonst zur weiblichen Pflege gehört“ (2,12).„Es wurde aber Esther zum König Ahasveros gebracht [...]. Und der König gewann Esther lieber als alle Frauen, und sie fand Gnade und Gunst bei ihm vor allen Jungfrauen. Und er setzte die königliche Krone auf ihr Haupt und machte sie zur Königin an Vasthis Statt“ (2,16–17).

Die Hochzeit wird gebührend gefeiert: mit einem „Festmahl Esthers“, und der König „gewährte den Ländern Steuererlass und teilte königliche Geschenke aus“ (2,18).

Hier könnte die märchenhafte Geschichte enden, aber sie beginnt nun erst richtig. Mordechai, besorgt um Esthers Wohl, hält sich oft im Tor des Palastes auf, da er hofft, dort Informationen über das Wohlergehen Esthers zu erhalten. Eines Tages erfährt er, dass „zwei Kämmerer des Königs, Bigtan und Teresch“ (2,21), planen, den König zu ermorden. Er teilt dies Esther mit, die den König informiert. Sie vergisst nicht, Mordechais Namen zu erwähnen. Die Verschwörer werden hingerichtet, und das Verbrechen wird „aufgezeichnet im Buch der täglichen Meldungen für den König“ (2,23).

König Ahasveros sortiert seinen Hofstaat neu und ernennt Haman zum ersten Ratgeber. Haman wird als Agagiter vorgestellt. Agag war König der Amalekiter, des Volks, das in der Bibel exemplarisch für die Feinde Israels steht. Sie überfallen Israel, das der ägyptischen Verfolgung entronnen, durch Gott bewahrt, auf dem Weg zum Sinai ist (siehe Ex 17,8–16; Dtn 25,17–19). Diese Kennzeichnung Hamans als Nachkomme von Amalek lässt für den Fortgang der Geschichte nichts Gutes erwarten. Haman ist als erstem Mann des Königs eine besondere Ehre zu erweisen: alle haben vor ihm zu knien. „Aber Mordechai beugte die Knie nicht und fiel nicht nieder“ (3,2). Mordechai weigert sich, Haman Respekt und Ehrerbietung zu zeigen.

„Und als Haman sah, dass Mordechai nicht die Knie beugte noch vor ihm niederfiel, wurde er voll Grimm. Aber es war ihm zu wenig, dass er nur an Mordechai die Hand legen sollte, denn sie hatten ihm gesagt, von welchem Volk Mordechai sei; sondern er trachtete danach, das Volk Mordechais, alle Juden im gesamten Königreich des Ahasveros zu vertilgen“ (3,5–6).

Hier wird deutlich, wie Antisemitismus funktioniert. Ärger über einen Menschen verwandelt sich in Hass gegen die ganze Gruppe. Der Historiker Daniel J. Goldhagen nennt diese Art von Judenfeindschaft „eliminatorischen Antisemitismus“4. Antisemitismus, der sich nicht damit begnügt, Juden zu verunglimpfen, zu diskriminieren oder zu vertreiben, sondern auf die vollständige Auslöschung des jüdischen Volkes zielt: Völkermord. Haman weiß, dass er seinen Plan nicht allein umsetzen kann. Daher spricht er zum König:

„Es gibt ein Volk, zerstreut und abgesondert unter allen Völkern in allen Ländern deines Königreichs, und ihr Gesetz ist anders als das aller Völker und sie tun nicht nach des Königs Gesetzen. Es ziemt dem König nicht, sie gewähren zu lassen“ (3,8).

Zunächst charakterisiert Haman – ohne explizit von den Juden zu sprechen – ein Volk, „zerstreut und abgesondert“. Von der Charakterisierung gelangt er zu einer Wertung. Dann stellt er einen radikalen Unterschied fest zwischen Juden und allen anderen Völkern und behauptet, dass sie gegen die Gesetze des Königs, also gegen die Staatsraison, verstoßen. Unsicher, ob sein geplanter Völkermord beim König Anklang finden wird, fügt Haman ein zusätzliches Lockangebot hinzu:

„Gefällt es dem König, so lasse er schreiben, dass man sie umbringe; so will ich zehntausend Zentner Silber darwägen in die Hand der Amtleute, dass man’s bringe in die Schatzkammer des Königs“ (3,9).

Der König zögert nicht lange. Auch eine Beratung mit anderen scheint nicht notwendig.

„Und der König sprach zu Haman: Das Silber sei dir gegeben, dazu das Volk, dass du mit ihm tust, was dir gefällt“ (3,11).

Haman gibt ein Edikt in Auftrag: an

„die Fürsten des Königs und an die Statthalter hin und her in den Ländern und an die Obersten eines jeden Volks in den Ländern hin und her in der Schrift eines jeden Volks und in seiner Sprache, im Namen des Königs Ahasveros und mit des Königs Ring gesiegelt. Und die Schreiben wurden gesandt durch die Läufer in alle Länder des Königs, man solle vertilgen, töten und umbringen alle Juden, Jung und Alt, Kinder und Frauen, auf ‚einen‘ Tag, nämlich am dreizehnten Tag des zwölften Monats, das ist der Monat Adar, und ihr Hab und Gut plündern“ (3,12–13).

Aber nicht alle sind der jüdischen Bevölkerung feind: „die Stadt Susa war bestürzt“ (3,15).

„Als Mordechai alles erfuhr, was geschehen war, zerriss er seine Kleider und legte den Sack an und tat Asche aufs Haupt [als Zeichen der Trauer] und ging hinaus mitten in die Stadt und schrie laut klagend und kam bis vor das Tor des Königs“ (4,1).

Dort wird ihm der Einlass verwehrt, „denn es durfte niemand in das Tor des Königs eintreten, der einen Sack anhatte“ (4,2).

Esther und Mordechai sind für ihr Gespräch nun auf Boten angewiesen. Mordechai lässt Esther ausrichten, „dass sie zum König hineingehe und zu ihm flehe und bei ihm Fürbitte tue für ihr Volk“ (4,8). Esther erwidert, dass dies nicht den Sitten des Hofes entspreche:

„dass jeder, der ungerufen zum König hineingeht in den inneren Hof, Mann oder Weib, nach dem Gesetz sterben muss, es sei denn, der König strecke das goldene Zepter gegen ihn aus, damit er am Leben bleibe“ (4,11).


Esther bittet vor Ahasveros für ihr Volk.
lluminierte Handschrift aus Nordfrankreich (um 1278).
British Library, London.

Mordechai akzeptiert diese Antwort nicht:

„Denke nicht, dass du dein Leben errettest, weil du im Palast des Königs bist, du allein von allen Juden. Denn wenn du zu dieser Zeit schweigen wirst, so wird eine Hilfe und Errettung von einem andern Ort her den Juden erstehen, du aber und deines Vaters Haus, ihr werdet umkommen. Und wer weiß, ob du nicht gerade um dieser Zeit willen zur königlichen Würde gekommen bist“ (4,13–14).

Esther lässt sich umstimmen und bittet Mordechai, dass die ganze jüdische Gemeinschaft in Susa drei Tage fasten möge.

„Auch ich und meine Dienerinnen wollen so fasten. Und dann will ich zum König hineingehen entgegen dem Gesetz. Komme ich um, so komme ich um“ (4,16).

Klara Butting bemerkt dazu: „Ohne dass sich die Machtverhältnisse äußerlich geändert haben, wird Esther handlungsfähig. Ihre Perspektive gegenüber diesen Machtverhältnissen verändert sich. Sie selbst gewinnt Macht. Dies wird sogleich darin sichtbar, dass am Ende des Gesprächs Esther diejenige ist, die Mordechai sagt, was zu tun ist“ (vgl. 4,17).5

Esther geht zum König und findet Gnade in seinen Augen:

„Was hast du, Esther, Königin? Und was begehrst du? Auch die Hälfte des Königreichs soll dir gegeben werden“ (5,3).

Esther bringt nicht sofort ihre Bitte vor, sondern lädt den König zu einem festlichen Essen ein. Noch einmal fragt der König sie nach ihren Wünschen. Ein weiteres Mal lädt sie zu einem festlichen Mahl: neben dem König bittet sie auch Haman dazu.Gleichsam wie um die Spannung zu steigern, legt die Erzählung den Fokus auf Haman, der „fröhlich [ist] und guten Mutes“ (5,9). Aber als er Mordechai begegnet, der sich nicht vor ihm erhebt, überkommt ihn der Zorn. Zu Hause erzählt er seiner Frau Seresch und seinen Freunden davon. Sie geben ihm den Rat:

„Man mache einen Galgen, fünfzig Ellen hoch, und morgen früh sage dem König, dass man Mordechai daran aufhänge. Dann geh du mit dem König fröhlich zum Mahl. Das gefiel Haman gut und er ließ einen Galgen aufrichten“ (5,14).

Dann richtet sich der Fokus der Erzählung auf den König, der des Nachts schlaflos in seinem Bett liegt. Er lässt „sich das Buch mit den täglichen Meldungen bringen“ (6,1). Er bemerkt, dass die Person, die die Verschwörung gegen ihn aufgedeckt hat, noch keine Ehrung erhalten hat, und fragt seinen Ratgeber Haman, ohne den Namen Mordechais zu erwähnen, wie dieser Mann geehrt werden könne. Haman, der annimmt, dass er selber geehrt werden soll, schlägt vor:

„Dem Mann, den der König gern ehren will, soll man königliche Kleider bringen, die der König zu tragen pflegt, und ein Ross, darauf der König reitet und dessen Kopf königlichen Schmuck trägt, und man soll Kleid und Ross einem Fürsten des Königs geben, dass er den Mann bekleide, den der König gern ehren will, und ihn auf dem Ross über den Platz der Stadt führen und vor ihm her ausrufen lassen: So tut man dem Mann, den der König gern ehren will“ (6,7–9).

Und der König erteilt Haman den Auftrag.Die Geschichte nähert sich ihrem dramatischen Höhepunkt. Der König und Haman besuchen Esther. Nun endlich bringt sie ihr Anliegen vor:

„Hab ich Gnade vor dir gefunden, oh König, und gefällt es dem König, so gib mir mein Leben um meiner Bitte willen und mein Volk um meines Begehrens willen. Denn wir sind verkauft, ich und mein Volk, dass wir vertilgt, getötet und umgebracht werden. Wären wir nur zu Knechten und Mägden verkauft, so wollte ich schweigen; denn die Bedrängnis wäre nicht so groß, dass man den König darum belästigen müsste“ (7,3–4).

Der König Ahasveros fragt Esther:

„Wer ist der oder wo ist der, der sich hat in den Sinn kommen lassen, solches zu tun?“ (7,5).

Esther berichtet ihm von Hamans Plan, den er ja eigentlich kennen müsste, da er selber das Edikt unterzeichnete. Der König verlässt aufgebracht die Tafel, Haman sorgt sich um sein Leben und fällt vor Esther auf die Knie.Als der König zurückkehrt, sieht er Haman liegen

„vor dem Lager, auf dem Esther ruhte. Da sprach der König: Will er auch der Königin Gewalt antun bei mir im Palast?“ (7,8).

Das Missverständnis wird nicht aufgeklärt. Einer der Ratgeber des Königs erinnert ihn an den Galgen:

„Der König sprach: Hängt ihn daran auf! So hängte man Haman an den Galgen, den er für Mordechai aufgerichtet hatte. Da legte sich des Königs Zorn“ (7,9–10)

Und ist nun alles gut? Der König schenkt Esther das Haus Hamans, Mordechai erhält eine gute Position, aber das Edikt zur Ermordung der jüdischen Bevölkerung ist noch immer in Kraft.Esther wendet sich erneut an König Ahasveros, mit der Bitte, das Gesetz zur Ermordung der Juden zu widerrufen. Das jedoch ist im persischen Reich nicht möglich, aber es wird ein weiteres Edikt verfasst, das den Juden erlaubt,

„ihr Leben zu verteidigen und alle Macht des Volks und Landes, die sie angreifen würden, zu vertilgen, zu töten und umzubringen samt den Kindern und Frauen, und ihr Hab und Gut zu plündern“ (8,11).

Am 13. Adar, dem Tag, da alle Juden im persischen Reich ermordet werden sollten,

„schlugen die Juden alle ihre Feinde mit dem Schwert und töteten und brachten um und taten nach ihrem Gefallen an denen, die ihnen feind waren“ (9,5), unter ihnen auch „die zehn Söhne Hamans, des Sohnes Hammedathas, des Judenfeindes. Aber an die Güter legten sie ihre Hände nicht“ (9,10).

Nun sollen nicht die Juden, sondern die Feinde der Juden samt den Kindern und Frauen getötet werden. Das Edikt, welches der jüdischen Bevölkerung ermöglicht, sich zu verteidigen, ist inhaltlich identisch mit dem Edikt, das der König zur Ermordung der Juden erlassen hatte.Die Feinde werden getötet, „aber an die Güter legten sie ihre Hände nicht“ (9,10.15.16), obwohl der König ihnen das Recht dazu gegeben hatte.

Ob auch Frauen und Kinder ermordet wurden, erfahren wir nicht. Nur: dass die Söhne Hamans – sie werden namentlich genannt – umgebracht werden.Werden hier Kinder für die Sünden ihres Vaters verantwortlich gemacht? Wir erfahren es nicht. Vielleicht handelt es sich um bereits erwachsene Kinder, die selbst an der Verfolgung der Juden beteiligt waren. Nach dem Tag der Notwehr, den der König genehmigt hatte, sind wohl noch nicht alle Feinde tot, und Esther bittet den König um einen zweiten Tag der Notwehr, der gewährt wird. Es ist eine Geschichte der Umkehrung der Wirklichkeit. Der verfolgten Minderheit gelingt es, durch kluges strategisch-politisches Handeln einen Völkermord zu verhindern. Und nicht nur das: Sie sind selber einmal mächtig, können so handeln, wie es ihre Feinde sonst mit ihnen tun.

Nach der Erleichterung darüber, den Genozid verhindert zu haben, war der darauffolgende Tag, der vierzehnte Tag des Monats Adar, ein Tag der Ruhe, des „Festmahls und der Freude [...], und senden einer dem andern Geschenke“ (9,17.19). Das Buch Esther beschreibt auch die Einsetzung des Purim- Festes:

„Und die Juden nahmen es an als Brauch, was sie angefangen hatten zu tun“ (9,23):

nämlich ein Festmahl zu feiern, Geschenke zu machen und an die Geschichte zu erinnern und zu erzählen.

„Es sind die Purimtage, die nicht übergangen werden sollen unter den Juden, und ihr Andenken soll nicht untergehen bei ihren Nachkommen“ (9,28). „Und der Befehl der Esther bestätigte die Einsetzung dieser Purimtage. Und es wurde in ein Buch geschrieben“ (9,32).

Das Purim-Fest

Der historische Hintergrund der Esther-Erzählung ist das 5. Jahrhundert. v. Chr. Ihre Entstehung wird in das 4.–2. Jahrhundert v. Chr. datiert.6   Obwohl die Handlung im persischen Reich spielt, entstand die Esther-Erzählung aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in diesem kulturellen Kontext, denn der Text enthält viele der griechischen Stereotype über die persische Herrschaft: unbeschreiblicher Luxus, ein autokratischer Herrscher, sein Hofstaat, seine Satrapen usw.7  Nach literarischen Gattungskriterien könnte man den Text als ‚Novelle‘ bezeichnen, was jedoch seinen komischen Elementen nicht gerecht würde. Wäre es ein Theater-Stück, dann könnte man von einer ,Tragikomödie‘, ja sogar von einer ‚Burlesque‘ sprechen.


 Ausschnitt aus einer Esther-Rolle (1,10b–2,7b), Norditalien, um 1750.

Das Buch Esther zählt zu den fünf Megillot ([Fest-]rollen) – Ruth, Hoheslied, Kohelet, Klagelieder und Esther – die jeweils an den Festen Schawuot, Pessach, Sukkot, Tischa beAv und Purim gelesen werden. Die Esther-Geschichte ist mit dem Purim-Fest am 14./15. Adar – meist im Monat März – fest im Jahreskreis verankert. Jedes Mal, wenn bei der Verlesung der Megillat Esther der Name des Bösewichts Haman erscheint, wird mit Rasseln oder Tröten Lärm gemacht. Ein weiterer Brauch, der bereits im Buch Esther (9,19) erwähnt wird, ist das Versenden von Geschenken (mischloach manot). Nicht nur Familie und Freunde, sondern auch die Armen und die im Einsatz befindlichen Soldaten werden mit Geschenken bedacht.8

Darüber hinaus gibt es an Purim – wie an den meisten jüdischen Festen – spezielle Speisen: die „Hamantaschen“, dreieckige mit Mohn, Pflaumenmus oder Marmelade gefüllte Teigtaschen, als eine symbolische Art, das Böse zu vertilgen. Im Talmud steht sogar die Aufforderung, an Purim soviel Alkohol zu trinken, bis der Unterschied zwischen dem Bösewicht Haman und dem guten Mordechai nicht mehr erkennbar ist.9

Ein anderer Brauch besteht darin, sich zu verkleiden. Kinder – und auch Erwachsene – kostümieren sich an Purim, und es werden Purim-Theaterstücke gespielt, die aktuelle Themen aufgreifen. Sie können einen harmlos-heiteren oder einen politisch-ernsten Charakter haben, wie z. B. die „Hitler-Rolle“ (Megillat Hitler). Sie wurde während des Zweiten Weltkrieges in Marokko im Stil der Esther-Rolle verfasst und erzählt die biblische Geschichte in neuem Gewand: Hitler ist Ahasveros, Göring ist Haman, Roosevelt, Churchill, Stalin und De Gaulle sind der moderne Mordechai. Die Esther-Erzählung illustriert, wie mit Hilfe biblischer Texte Erfahrungen der Gegenwart gedeutet und verstanden werden können.

Der Philosoph Emmanuel Levinas ist der Frage nachgegangen, warum das Esther-Buch in den Kanon der Bibel aufgenommen wurde, wo doch der Name Gottes nicht explizit erwähnt wird. Levinas sieht den Grund in der Antwort Esthers nach ihrer Entscheidung, für ihr Volk einzustehen: „Soll ich umkommen, so komme ich um“ (4,16). Levinas kommentiert: „Der Tod eines anderen Menschen beunruhigt mich in meiner Sorge mehr als mein eigener.“10  Der Kern jüdischer Identität und – humaner – Existenz, zeigt sich – nach Levinas – in der Sorge um die Unversehrtheit der Nächsten. Nicht der Glaube an Gott, der ja bei Esther vorhanden ist (sie betet und fastet), sondern die Anteilnahme am Schicksal der Mitmenschen wird hier in den Fokus gerückt.

Das Buch Esther reflektiert jüdisches Leben in der Diaspora. Jon D. Levenson sieht darin eine Verteidigung der religiösen Selbstbestimmung in der Zeit des Exils, dass Leben im Exil möglich ist, ja, dass Exil ein Teil jüdischer Existenz ist.11

Die antijüdische Auslegungsgeschichte im Christentum

In einem frühen Kommentar aus dem Jahr 836 setzt Hrabanus Maurus (um 780–856) Ahasveros mit Christus, Vasthi mit der verstoßenen Synagoge und Esther mit der „erwählten“ Kirche gleich. Damit wurde Esther zu einer Figur der Lehre der Substitution, der Lehre von der Ersetzung des Judentums durch die Kirche.12

Spätere katholische Interpreten wie Bernhard von Clairvaux und andere sahen in Königin Esther Maria, die Mutter Jesu, präfiguriert. „Esthers Krönung durch Ahasveros (2,17) präfiguriert die Krönung Mariens durch Christus, und Esthers fürbittender Gang zum König (5,1 f.) entspricht der Rolle Mariens als Fürbitterin der Menschheit am Thron Gottes.“13  Ein weiteres Beispiel aus der Kunstgeschichte, wo diese Deutung augenfällig wird, ist die Tafelmalerei von Konrad Wirtz aus dem 15. Jahrhundert (Esther vor Ahasveros, Kunstmuseum Basel) oder eine Darstellung auf dem Deckenfresko in der Apsis der Wallfahrtskirche in Birnau am Bodensee, die den Vergleich beinhaltet: Esther rettet durch ihre Fürbitte vor König Ahasveros das jüdische Volk, Maria dagegen erbittet Gnade für die ganze Menschheit.14

Die typologische Auslegung ablehnend, fand der Reformator Martin Luther keinen positiven Zugang zum Esther-Buch. In den Tischreden urteilte Luther, das Buch „judenze zu sehr“ und wäre am besten „gar nicht vorhanden.“ In der evangelischen Auslegungstradition wurde das Buch selten geschätzt. Oftmals diente es der Bestätigung antijüdischer Vorurteile. So seien z. B. die Juden tückisch und voller Lüge, grausam und von Hass und Fanatismus gegen Nichtjuden erfüllt. Die negativen Bewertungen im 19. und 20. Jahrhundert sind zahlreich.

Erich Zenger sieht in den negativen Wertungen christlicher Ausleger „ein erschreckendes Urteil über das Christentum selbst, das in der Geschichte vielfach die Rolle des Haman gespielt hat“.15  Jedoch gibt es auch andere Stimmen: „Esther gehört zu den literarischen Kostbarkeiten der Bibel, die sich bei unvoreingenommener Begegnung auch heute noch dem Leser erschließen.“16  Im kirchlichen Leben hat das Buch bisher keinen Ort. Das Buch Esther ist in den evangelischen Kirchen in Deutschland weder als Predigttext noch als eine gottesdienstliche Lesung vorgesehen.

Die Neuentdeckung des Buches ist insbesondere feministischen Theologinnen zu verdanken, in Deutschland vor allem Klara Butting und Marie-Theres Wacker. Butting liest den Text als eine Geschichte im Widerspruch zu Sexismus und Antisemitismus. „Die Frauen sollen deklassiert und gebrochen werden, der Hass gegen das jüdische Volk zielt auf Vernichtung [...].“17  So identifizieren sich christliche Frauen eher mit Waschti, die sich offen widersetzt, denn Esther ist zunächst durchaus angepasst. „Erst nach einer langen Zeit [...] steht sie auf und handelt [...], und dann taktiert sie in ihrem Widerstand eher, als dass sie, wie Waschti, geradeheraus Nein sagt.“18 Und Butting fährt fort: „Dennoch bin ich sicher, dass der Widerstand sehr vieler Frauen in der Regel dem Esthers ähnlicher sieht als dem Waschtis [...].“19

Ein anderer wichtiger Aspekt, auf den Butting hinweist, ist die Ablehnung des gewaltsamen jüdischen Widerstands. „Wenn ChristInnen den gewalttätigen Widerstand im Estherbuch kritisieren, müssen sie überprüfen, ob ihrer Kritik ein tödliches Verständnis von Sünde und Gnade zugrunde liegt, dem es gleichgültig ist, ob Juden und Jüdinnen vernichtet werden, oder ob die Organisatoren dieser Vernichtung zugrunde gehen.“20  Dies ist wichtig, denn insbesondere Frauen nehmen Anstoß an der Tötung der Feinde der Juden (vgl. den Auszug aus Ägypten: Ex 1, 15; 12,12; 14,27).21

Hierzu ist zweierlei zu sagen: Der Charakter des Buchs Esther macht deutlich, dass es sich hier nicht um historische Zusammenhänge handelt, auch nicht um ein „Antisemitenpogrom“ – wie z. B. Jan Assmann meint22, sondern um Selbstverteidigung und Notwehr. Es werden diejenigen getötet, die planten, Juden zu töten. Diese Vorstellung – so zeigt es die Feier des Purim- Festes – ist eine Umkehrung der historischen Erfahrungen von Verfolgung und Vernichtung, im Laufe derer sich niemand den Feinden und Mördern der Juden entgegenstellte, sie weder an ihren Plänen hinderte, noch sie für ihre Taten bestrafte. Das Buch Esther verhandelt somit ein ernstes – und noch immer aktuelles – Thema in ungewohnter Form, indem es die Welt auf den Kopf stellt und zur Perspektivveränderung einlädt.


Prof. Dr. Ursula Rudnick, evangelische Theologin, promovierte Judaistin und habilitierte Religionspädagogin, lehrt an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität in Hannover und ist Beauftragte für Kirche und Judentum der Ev.-luth. Landeskirche Hannover. Der (für den Abdruck leicht gekürzte) Text wurde auf einem Symposium im Gedenken an Aloysia Löwenfels in Dernbach im Sommer 2015 vorgetragen.

  1. Die Esther-Rolle (Megillat Esther) wird an Purim gelesen. In diesem Jahr (2016) fällt Purim auf den 24. März (14. Adar 5776). In „ummauerten Städten“ wie Jerusalem wird das Fest (Schuschan-Purim) am 15. Adar gefeiert. Dem Fest geht das „Esther-Fasten“ (Ta’anit Esther, am 23. März / 13. Adar) voraus.
  2. Zit. nach der Biblia Hebraica mit deutscher Übersetzung (nach Luther). Für alle folgenden Zitate aus dem Buch Esther werden nur Kapitel und Vers genannt.
  3. Vasthi: So ihr Name in Luthers Übertragung. Im Hebräischen lautet er Waschti.
  4. Goldhagen gebrauchte diese Formulierung in seinem Buch „Hitler’s Willing Executioners. Ordinary Germans and the Holocaust“, London 1996 (dt. „Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“, Berlin 1996). Vgl. Michael Graetz, Der „Goldhagen- Effekt“, in: FrRu NF 4 (1997) 2–6 .
  5. Klara Butting, Das Buch Esther. Vom Widerstand gegen Antisemitismus und Sexismus, in: Luise Schottroff / Marie-Theres Wacker (Hg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998, 175.
  6. Rainer Kessler, „Historischer Hintergrund“, in: Klara Butting / Gerard Minnaard / Marie- Theres Wacker (Hg.), Ester. Mit Beiträgen aus Judentum, Christentum, Islam, Literatur, Kunst, Erev-Rav, Wittingen 2005, S. 55 f.
  7. Adele Berlin, Esther. The JPS Bible Commentary, The Jewish Publication Society (JPS), Philadelphia 2001.
  8. Entsprechend der Vorschrift sollten insbesondere Waisen, Witwen und Bedürftige mit zwei unterschiedlichen Lebensmitteln beschenkt werden.
  9. Megillat Esther 7b.
  10. Gerard Minnaard, Das Buch Ester und Emmanuel Levinas, in: Klara Butting (Anm. 6).
  11. Jon D. Levenson, The Scroll of Esther in Ecumenical Perspective, in: Journal of Ecumenical Studies 13 (1976) 440–452.
  12. Rainer Kessler, Historischer Hintergrund, in: Klara Butting (Anm. 6), S. 56.
  13. Marie-Theres Wacker, Ester im Bild, in: Klara Butting (Anm. 6), S. 80.
  14. Die Darstellung bezieht sich auf eine Vision des Mönchs Wilhelm von Clairvaux, in der Maria Christus bittet, die Menschheit, wenn nicht um ihrer selbst willen, dann doch wegen der Zisterzienser zu verschonen (https://de.wikipedia.org/wiki/Wallfahrtskirche_Birnau). Zur ikonographischen Darstellung vgl. auch: Walter Haug / Burghart Wachinger (Hg.) Die Passion Christi in Literatur und Kunst des späten Mittelalters, Tübingen 1990, S. 253.
  15. Erich Zenger, Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart 1995, S. 210.
  16. Otto Kaiser, Einleitung in das Alte Testament. Eine Einführung in ihre Ergebnisse und Probleme, 5. Auflage, Gütersloh 1984, S. 202.
  17. Klara Butting (Anm. 5), S. 173.
  18. Ebd., S. 175.
  19. Ebd.
  20. Ebd., S. 177.
  21. Vgl. Irmtraud Fischer, Wieso lässt Gott Pharaos Elitetruppen ertrinken? Zur Gewaltproblematik in der Schilfmeererzählung, in: FrRu NF 19 (2012) 98–106.
  22. Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 6. Auflage 2007, S. 83.
Weiterführende Literatur:

Bardtke, Hans, Luther und das Buch Esther, Tübingen, 1964.
Brenner, Athalya, A Feminist Companion to Ester, Judith and Susanna, Sheffield 1995.
Herrmann, Wolfram, Ester im Streit der Meinungen, (BFATAJ 4), Frankfurt a. M. 1986.
Hirdt, Willi, Esther und Salomé. Zum Konnex von Malerei und Dichtung im Frankreich des 19. Jahrhunderts, Tübingen 2003.
Levinas, Emmanuel, Esters Forderung nach einem Platz in der Bibel, in: Stunde der Nationen.
Talmudlektüren, München 1994.
Wacker, Marie-Theres, Ester. Jüdin – Königin – Retterin, in: Bibel heute (167), Katholisches Bibelwerk (Hg.), Bekannte und unbekannte Frauen der Bibel, Stuttgart 2006.
Wahl, Harald Martin, Esther-Forschung in: Theologische Rundschau 66 (2001) 103–130.


Jahrgang 23 / 2016 Heft 2, S.128−140.


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