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Elie Wiesel

Raschi

Ein Portrait

Aus dem französischen Original  übersetzt, mit Quellenangaben,  Erläuterungen und einem Nachwort von  Daniel Krochmalnik. Herder,  Freiburg i. Br. 2015. 127 Seiten. Rezension von Werner Trutwin, Bonn.

Zu den großen jüdischen Lehrern des Mittelalters gehört Raschi (Schlomo Jizchaki, auch Schlomo ben Jizchak, Schelomo ben Isaak oder Salomo ben Isaak, 1040–1105). Er hat vor allem in Troyes, der damaligen Hauptstadt der Champagne, gelebt, wo seine Eltern Winzer waren und auch er selbst die Winzerarbeit kennenlernte. Der Name „Raschi“ setzt sich aus den Anfangsbuchstaben seines vollen Namens „Rabbi Schlomo Jizchaki“ zusammen. Sein Ruhm beruht vor allem auf seinen ausführlichen und gelehrten Kommentaren zur Hebräischen Bibel und zum Babylonischen Talmud. Schon zu seinen Lebzeiten fand er im Judentum große Anerkennung. Spätere jüdische Kommentatoren haben ihm viel zu verdanken. Selbst christliche Lehrer – und das war gewiss damals eher die Ausnahme – zitierten voll Respekt seine Schriften. Der Einfluss seiner Kommentare ist bis heute wirksam.

In der langen Tradition der Bewunderer steht auch der bekannte jüdische Erzähler, Publizist und Wissenschaftler Elie Wiesel (geb. 1928 in Rumänien). Wiesels Familie wurde 1944 nach Auschwitz deportiert. Seine Eltern, Großeltern und seine jüngste Schwester wurden ermordet; er selbst überlebte. Seine Erinnerungen an Auschwitz veröffentlichte er in dem inzwischen weltweit bekannten autobiographischen Werk La Nuit (1958, dt. Die Nacht, 1962). Neben autobiographischen und belletristischen Werken hat Wiesel auch zahlreiche Werke im Bereich der Judaistik veröffentlicht, u. a.: „Célébration biblique. Portraits et légendes“, Paris 1975 (dt.: „Adam oder das Geheimnis des Anfangs. Brüderliche Urgestalten“, Freiburg i. Br. 1980); „Five Biblical Portraits“, Notre Dame 1981 (dt.: „Von Gott gepackt. Prophetische Gestalten“, Freiburg i. Br. 1983); „Célébration talmudique. Portraits et légendes“, Paris 1991 (dt.: „Die Weisheit des Talmud. Geschichten und Porträts“, Freiburg i. Br. 1992). 1986 wurde Wiesel mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.In dem vorliegenden Buch will Wiesel nicht einfach eine weitere Biographie über einen bekannten jüdischem Lehrer vorlegen. Es kommt aus einer tieferen Motivation. Wiesel möchte damit dem großen Rabbi danken, der ihn seit seiner Kindheit begleitet und immer wieder inspiriert hat. Auf jeder Seite spürt man Wiesels Begeisterung für Raschi, dessen Gelehrsamkeit auch in der Gegenwart noch aktuell ist. Knapp und nüchtern erklärt Raschi viele unklare Bibelstellen und eröffnet Perspektiven, die neues Licht auf einzelne Verse und ganze Bücher der Bibel werfen. Wiesel schreibt Raschi fünf ausgeprägte Eigenschaften zu: Bescheidenheit, Einfachheit, Streben nach Wahrheit, Vertrauen in seine schöpferische Kraft und das Bewusstsein, als Gemeindeführer eine besondere Sendung zu erfüllen.

Den Hauptteil des Buches bilden Kommentare Raschis zu Genesis, dem ersten Buch der Bibel: Texte zur Schöpfung, zur Erschaffung von Adam und Eva, über Noach und insbesondere über Abraham und Sara. Letztere hat Raschi besonders ins Herz geschlossen. Es folgen weitere Kommentare zu Hagar und zu Ismael, für den Raschi als „Prototyp des Muslim“ keine Sympathien hegt, sowie Texte zu Isaak, Jakob und zu Esau, an dem Raschi, als an dem „Modell eines Christen“, auch kein gutes Haar lässt. Des Weiteren kommentiert Raschi Texte zu Lea und Sara, zu Joseph und seinen Brüdern.Heutige Leser, die die Bibel nach „modernen“ Auslegungsmethoden lesen, werden möglicherweise Probleme mit Raschis Kommentaren haben. Ihnen könnte sich der Eindruck aufdrängen, dass Raschi in seinen Kommentaren seinen persönlichen, subjektiven Eindruck des biblischen Textes beschreibt und manches in den Text hineinliest, was man auch ganz anders interpretieren könnte. Ein Beispiel: Als die Söhne Aarons ein unreines und ‚fremdes Feuer‘ ins Heiligtum brachten (Lev 10,1 f.), kommentiert Raschi ihr Verhalten lapidar mit dem Hinweis: „Sie waren betrunken.“

Von der öffentlichen Wertschätzung für Raschi zeugt auch die Tatsache, dass sein Bibelkommentar um 1470 als erstes hebräisches Buch gedruckt wurde. Dieser Kommentar hat auch Martin Luther beeinflusst. Zahlreiche weitere Kommentatoren haben sich mit Raschis Bibel- und Talmud-Kommentaren befasst. Bei Wiesel erfährt man auch die wenigen Daten, die aus dem Leben Raschis noch bekannt sind. Er hatte – so die Überlieferung – keine Söhne, aber drei fromme und hochgebildete (gelehrte) Töchter (Jochebed, Miriam und Rachel), die auch selber schriftstellerisch tätig waren. Eine Zeitlang unterrichtete Raschi an den Lehrhäusern in Mainz und Worms. Um 1070 gründete er sein eigenes Lehrhaus in Troyes. Auch die Schrecken der mittelalterlichen Judenverfolgungen hat er erlebt. Während des Ersten Kreuzzugs fielen einige seiner Verwandten und Freunde den Pogromen zum Opfer.Daniel Krochmalnik, Inhaber des Lehrstuhls für jüdische Religionslehre, -pädagogik und -didaktik an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, hat Wiesels Buch nicht nur ins Deutsche übersetzt, sondern auch ein ausführliches Nachwort beigesteuert, in dem er viele weitere Details zur neueren Wirkungsgeschichte Raschis mitteilt; so verweist er auch auf den tiefen Eindruck, den Raschis Lehre auf den Philosophen Emmanuel Levinas machte. Doch bei aller Hochschätzung für Wiesels Erzähltalent ist an manchen Stellen eine deutliche Distanz gegenüber dem Historiker Wiesel spürbar. Wer sich für Raschi, seine Zeit und seine Kommentierung biblischer Text interessiert, findet in Wiesels Buch viele Anregungen.

Werner Trutwin, Bonn


Jahrgang 23 / 2016 Heft 1, S. 67−69


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