Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Rezensionen ab Jg. 2001 > 1485  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Nea Weissberg / Jürgen Müller-Hohagen (Hg.)

Beidseits von Auschwitz

Identitäten in Deutschland nach 1945.

Lichtig Verlag, Berlin 2015. 346  Seiten. Rezension von Rachel Kochawi, Berlin.

Es gibt sie bereits in einer ansehnlichen Zahl – und kann es doch kaum je genug geben: Berichte der Überlebenden; Berichte der Täter oder eher ihrer Kinder oder, häufiger, ihrer Enkel gibt es dagegen weniger. Die einen erschütternd, sie verfolgen den Leser oft noch lange danach; die anderen geschönt, verlogen oder offen, dann häufig als ‚mutig‘ gepriesen. Und jetzt, im vorliegenden Buch in insgesamt 30 Beiträgen, dieselbe Zeit und ihre Folgen – betrachtet einmal aus der Perspektive der Opfer und zwischendurch aus der Sicht der Kinder oder Enkel der Täter. Ein interessanter und mutiger Versuch! Den Tenor geben die ersten drei Beiträge vor: der erste von Jürgen Müller- Hohagen, 1946 in einer westfälischen Kleinstadt geboren. Der Vater war eher kritisch dem NS-Staat gegenüber, die Mutter dagegen begeisterte Anhängerin. Hinzu kommt der braune Mief der Kleinstadt. Erst nach seinem Umzug nach Dachau befasst sich Müller-Hohagen mit der NS-Zeit. Dann aber gründlich. Inzwischen sind darüber schon 30 Jahre ins Land gegangen.

Und er entwickelt eine bemerkenswerte These: Die Kinder und Enkel leiden, ob sie es wollen oder nicht, an Schuldgefühlen für die Taten ihrer Eltern und Großeltern, und sie tun unbewusst Buße dafür. So führt er den frühen Tod seines Vaters, er starb mit gerade einmal 45 Jahren, auf seine in der NSZeit begangenen Taten zurück. Denn nicht nur die Porsts, Neckermanns und Schickedanz’ sind die Gewinnler von Arisierung und Germanisierung. Nein, auch die sogenannten ‚kleinen Leute‘ durften sich über ein günstig erworbenes Silberbesteck oder ein elegantes Büffet aus der Gründerzeit freuen, erworben von jüdischen Nachbarn, die „weggezogen sind“. Einfach so, von heute auf morgen. Nur die wenigsten dürften über ihr dergestalt zu Unrecht erworbenes Gut von ihrem Gewissen bedrängt worden sein wie die Besitzer dieses Büffets, von dem im Beitrag „Er gehört uns nicht – Ein Schrank erzählt“ die Rede ist.

Im Gegensatz zu Müller-Hohagen erzählt Yaacov Naor vom „Trauma der Holocaustüberlebenden“. Sie entwickeln Schutzmechanismen und geben diese an die Kinder weiter. Die zweite Generation kompensiert ihrerseits das ererbte Trauma, wie zuvor die Eltern, durch großen Ehrgeiz, Streben nach beruflichem Erfolg, der Suche nach materieller Sicherheit, nach Schönheit, was sich u. a. in ausgewählter Kleidung ausdrückt. Nicht genug damit: Die Kinder der Überlebenden träumen genau wie ihre Eltern von Verfolgung durch die Nazis, von Stacheldraht und Gaskammern, von Erschießungskommandos, Folter, Verstümmelung und Angst vor Vernichtung. Auch Yaacov Naor ist Sohn von Überlebenden und weiß, wovon er schreibt. Er hat den Weg des Psychodramas als einen Weg zur Heilung der emotionalen Wunden gewählt.

Mit Karin Weimann kommt, ebenfalls gleich am Anfang, ein dritter Aspekt zur Sprache. Sie schildert den Ablauf des mit von ihr initiierten Gedenktags am 27. Januar an der Ruth-Cohen-Schule in Berlin. Während all der Jahre ihrer Organisationsarbeit hat sie sich besonders daran gestoßen, dass die Generation der Täter im Grunde nicht so sehr die Juden als Opfer betrachtet, sondern gerne und oft vor allem sich selbst in dieser Rolle. Eine „furchtbare Friedfertigkeit“ (71) erkennt Weimann bei Müttern, Vätern und auch Großeltern. Für sie gibt es keine Erinnerung – lediglich das eigene Leid als Vertriebene. Wie hält man es da, fragt Weimann, wenn man es besser weiß, mit dem Gebot: „Ehre die Alten!“

Mit Nea Weissberg, Eva Nickel und Norma Drimmer kommen die Töchter von Überlebenden zu Wort. Sie berichten von ihren Familien – vor dem Krieg und in der Zeit danach – und ihrem Heranwachsen oft ohne Großeltern, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen.Was für ein Unterschied zur Geschichte von Beate Niemann, der Tochter eines SS-Mannes, oder von Ursula Sperling-Sinemus, die einen zähen Kampf mit den Nazis in ihrer Familie führt! Ganz entgegen Müller-Hohagens anfänglicher These verspürt Johanna Ofori Artah dagegen keinerlei Schuld, wohl aber Verantwortung. Ihre Mutter erzählt von den Bombenangriffen oder vom Vater, der betrunken heimkehrt, die gerade einmal Sechsjährige auf die Knie nimmt und, geschüttelt von Weinkrämpfen, von „seinen schrecklichen Erlebnissen im Krieg“ erzählt. Weshalb er die hatte, davon ist keine Rede. Das nennt man gemeinhin Verharmlosung. Hilde Gött geht in ihrem Beitrag genau dieser Frage nach: „Zu der Zeit, als die Ermordeten und die Überlebenden zu Opfern wurden, [haben] die Täter laut Traumadefinitionen kein Trauma erlebt.“ Ähnliches gilt auch für ihre Kinder und Enkel.

Zusammenfassend muss ich, ebenfalls Schoa-Überlebende, gestehen, dass mich angesichts einiger vorgebrachter Meinungen, vor allem von den Kindern und Enkeln der Täter, beim Lesen ein leichtes Grauen überkam. Identitäten? Welche? Gestörte bei den Nachfahren der Überlebenden! Aber Gestörte auch bei den Nachfahren der Täter? Wie gestört und warum? Diese Fragen wären noch eingehender zu erforschen.

Rachel Kochawi, Berlin


Jahrgang 23 / 2016, Heft 1, S. 65−67.


top