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Heiko Heinisch / Nina Scholz

Europa, Menschenrechte und Islam ein Kulturkampf?

Passagen Verlag, Wien 2012, 350 Seiten. Rezension von Stefan Hartmann, Bamberg.

Schon vor dem 11. September 2001 und dem sich anschließenden Irak-Krieg (2003) war von einem Zusammenprall der Kulturen („clash of civilization“) die Rede, wobei Samuel Huntington mit diesem Schlagwort mehr als nur den islamisch-westlichen Gegensatz meinte. Aufgewühlt von historischen Ereignissen und im Bann aktueller Terroranschläge lässt es sich kaum besonnen und vertiefend weiterdenken. Inzwischen geht es nicht nur um Weltpolitik. Die Konfrontation der westlichen, auf individuellen Rechten und Lebensentwürfen basierenden Gesellschaft mit traditionell-kollektivistisch geprägten Kulturen des Islam verläuft nicht spannungsfrei und stellt die europäischen demokratischen Länder vor neue Herausforderungen.

Die Wiener Autoren Nina Scholz (Politikwissenschaftlerin) und Heiko Heinisch (Historiker) sind dieser neuen Lage in ihrem Werk „Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?“ kritisch und historisch fundiert nachgegangen. Selbst konsequent den Werten der Aufklärung und den universalen Menschenrechten verpflichtet, bieten sie eine nüchterne Bestandsaufnahme und eine unideologische Islamkritik, die sich von allen verschwörungstheoretischen Konstruktionen fernhält, aber sich auch nicht scheut, immer wieder entschieden kritische Stimmen vor allem von Frauen wie der deutsch-türkischen Publizistin Necla Kalek und der deutschen Rechtsanwältin türkisch-kurdischer Herkunft Seyran Ates aufzugreifen.

In voneinander unabhängigen Themenabschnitten wird die Problematik eines vielerorts bereits existierenden „Kulturkampfes“ behandelt. Als erstes Stichwort wird der Begriff „Islamophobie“ analysiert und wegen seiner Pauschalität nicht nur wissenschaftlich als ungeeignet zurückgewiesen. Zwischen Islamkritik und rechtspopulistischer Muslimfeindschaft sollte klar unterschieden werden. Die ideologische Repristination (Wiederherstellung) eines „christlichen Abendlandes“, wie sie etwa auch der Utöya-Massenmörder Anders Behring Breivik betreiben wollte, ist etwas anderes als die Sorge liberaler und säkularer Kräfte vor menschrechtswidrigen Auswirkungen islamischer Migranten und Bürger in Europa. „Multikulturalismus“ wird als naiver Kulturrelativismus geschildert, der allen Kulturen mehr Daseinsberechtigung zuspricht als der eigenen. Dem wird eine positiv verstandene pluralistische multikulturelle Gesellschaft gegenübergestellt.

Im Abschnitt „Toleranz“ wird, im Rückgriff auf eine historische Analyse, im Islam eine absolute Intoleranz konstatiert, insbesondere beim Verbot des Religionswechsels vom Islam zu einer anderen Religion und gegenüber Homosexualität. „Der Geschichtsmythos vom toleranten Islam hilft niemandem weiter und steht einer kritischen Aufarbeitung der islamischen Geschichte im Weg“ (71). Eingeschränkt ist im Islam auch das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung. Religion darf nicht „diffamiert“ werden. In der ominösen „Kairoer Deklaration der Menschenrechte“ von 1990 heißt es fast zynisch: „Alle haben das Recht, ihre Meinung frei auf eine Weise auszudrücken, die der Scharia nicht zuwiderläuft“ (80).

In diesen Themenbereich gehört auch der bekannte, von Dänemark ausgehende „Karikaturenstreit“ um Karikaturen des Propheten Mohammed, der zu einer „Diktatur der Beleidigten“ führte. Viele ähnliche Beispiele werden aufgezeigt; am bekanntesten ist der skandalöse Umgang mit dem Schriftsteller Salman Rushdie. In diesen Zusammenhang gehört noch die ganze Debatte um Blasphemie, die auch im Christentum periodisch geführt wird (vgl. Thomas Laubach [Hg.], Kann man Gott beleidigen? Freiburg im Breisgau, Herder 2013). Radikal abgelehnt werden in kollektivistischen Milieus alle Arten von „Dissidenten“. Der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) entzog dem von Bundespräsident Joachim Gauck besuchten Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide das Vertrauen (warum?). Individuelle Meinung, auch wissenschaftlich begründet, wird als mit dem Kollektiv unverträglich bezeichnet. Besonders empfindlich und mit Rufmord verbunden wird auf emanzipierte Frauen reagiert.

So schlimm und verheerend der christliche Antisemitismus in Europa wütete, so kann das Christentum doch nicht umhin, Israel als seine Wurzel und als „Gottes erste Liebe“ (Friedrich Heer) anzuerkennen. Für den Islam waren Juden von Anfang an Bürger zweiter Klasse. Ein eigener Abschnitt befasst sich mit dem Anstieg der „Judenfeindschaft“ nach der Gründung des Staates Israel. Stereotypen des rassistischen und nationalsozialistischen Antisemitismus wurden von der sich besonders seit 1979 zunehmend ausbreitenden Bewegung des Islamismus aufgegriffen. Mit Blick auf Migrantenmilieus kommen die Autoren zu dem Ergebnis: „Judenfeindschaft gehört in der islamischen Welt zum gesellschaftlichen Konsens und ist über alle sonstigen Differenzen hinweg das einigende Band zwischen den verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Strömungen“ (142).

Ferner werden ausführlich und deskriptiv Fragen von Integration und Assimilation behandelt, von Gettobildung und die vom Islam als „Religionsschutz“ umgedeutete Religionsfreiheit. Konsequent an den Menschenrechten orientiert sind die Abschnitte „Kopftuch“ und „Ehre und Gewalt“, in denen es um den Schutz vor allem der weiblichen Individualität vor kollektiven Repressionen geht. Während das Tragen eines Kopftuches durch die Religionsfreiheit gedeckt ist, „erscheint es durchaus sinnvoll, Burka und Gesichtsschleier zu verbieten, bevor sie durch zu häufiges Auftreten zu einem Problem werden“ (197). Die Verknüpfung von Ehre und Sexualität in islamischen Kulturen ist patriarchalisch orientiert, Ehrenmorde, Genitalverstümmelung und Zwangsverheiratung kann kein demokratischer Rechtstaat dulden. Seyran Ates¸ plädiert daher für eine „sexuelle Revolution“ im Islam.

Die historischen Kapitel über „Dschihad“ und „Kreuzzüge“ belegen (entgegen der Meinung von Bassam Tibi), dass kriegerische Eroberung von Anfang an zum Wesen des sich missionarisch ausbreitenden Islam gehörte. Diese Gewaltgeschichte wird meist geleugnet oder relativiert und fälschlicherweise mit den Kreuzzügen verglichen. Kreuzzüge waren keine antiislamische Aktion, sondern eine Re-Aktion auf gewaltsame islamische Eroberungen. An Gräueltaten haben sich beide Seiten nichts geschenkt. Dass die Kreuzzüge als moralische Katastrophe des Abendlandes hingestellt wurden beruhe auf einer „Konstruktion des 19. Jahrhunderts“ (252).

Die Schlussabschnitte über „Scharia“ und „Menschenrechte“ weisen instruktiv und illusionslos die absolute Unvereinbarkeit der beiden Rechtssysteme auf. Die bereits erwähnte „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“ (1990) ist eine eindeutig propagandistische Verfälschung und wurde von der säkularen Türkei damals nicht unterzeichnet. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das vorliegende Sachbuch eine Lücke füllt und zu einer emotionslosen Sicht der Problematik beiträgt. Es wäre interessant, nun an modernen islamwissenschaftlichen Fakultäten zu erforschen, wie sich eine Dekonstruktion und Säkularisierung des als aggressiv, totalitär und menschenrechtswidrig in Erscheinung tretenden Islam konkret durchführen lässt. Die gelungene Integration vieler muslimischer Menschen, insbesondere aus der Türkei, zeigt, dass dies durchaus möglich ist.

Stefan Hartmann, Bamberg


Jahrgang 23 / 2016, Heft 1, S. 56−58.

 



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