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Holger Banse / Gabriele Grünebaum (Hg.)

Mein Leben nach Auschwitz

Erinnerungen von Rachel Grünebaum.

Emons Verlag GmbH, Köln 2014. 160 Seiten. Rezension von Franz Domeier.

Mein Leben nach Auschwitz gibt die Erinnerungen der am 20. Juli 2010 verstorbenen Rachel Grünebaum wieder. Ihre Lebensgeschichte will an das schrecklichste Kapitel deutscher Geschichte erinnern, damit es nicht in Vergessenheit gerät (S. 6). Holger Banse hat die Erinnerungen Rachel Grünebaums aufgeschrieben und in Zusammenarbeit mit ihrer Tochter Gabriele ein sehr lesenswertes Buch verfasst. Die zwanzig Kapitel des Buches lassen sich vier Teilen zuordnen: (1) Es ist zunächst die Geschichte einer unbeschwerten und schönen Kindheit im rumänischen Signet und einer gelebten jüdischen Tradition. (2) Mit dem Kapitel „Wir wollten das nicht glauben“ beginnt die Schilderung ihrer Erinnerungen an die Zeit der Verfolgung, der Zwangsarbeit und der Todeslager. (3) Eine Art Einschub stellt das Kapitel „Alfred (Fredi) Grünebaum“ dar: die Zusammenstellung eines Gesprächs mit Rachels Ehemann, einem Auszug aus seinem Lebenslauf sowie Behördenkorrespondenz aus den 1950er Jahren. (4) Etwa ein Drittel des Buches ist dem Leben der Autorin und ihrer Familie in Deutschland bzw. in Israel gewidmet.

Vor allem die Kapitel über die Hölle der Zeit des Nationalsozialismus sind von einer beeindruckenden Differenziertheit. Rachel Grünebaum wollte nicht verallgemeinern. Die sprachliche Darstellung kann man als eher zurückhaltend beschreiben, was wohl Grünebaums Persönlichkeit entsprach. „Wo man mich hinschickt, dahin gehe ich“ (S. 64 f.), war ihre lebensrettende Grundhaltung. So wagte sie mit ihrem Mann eine frühe Rückkehr (1953) nach Deutschland. Durch kursiv gedruckte Ergänzungen oder Erläuterungen (z. B. Hintergrundinformationen zur Geschichte von Auschwitz) wird die vergangene Wirklichkeit noch präsenter. Erinnerungen und Dokumentation eignen sich auch zur Behandlung des Themas in der Schule, denn bis heute stellt der Schulunterricht eine wichtige Schnittstelle dar, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen und die vergangene Wirklichkeit nicht auf „Meinungen“ zu reduzieren.

In dem Kapitel „Religion und Traditionen“ beschreibt Rachel Grünebaum eindrücklich und mit Hingabe die großen jüdischen Feste und den Schabbat. Ein Schwerpunkt dieser fünfzehn Seiten liegt auf der detaillierten, facettenreichen Darstellung von Bräuchen und ist wie eine Zeitreise in eine andere Welt, obwohl die Autorin feststellt: „Ich wollte nicht fromm sein und habe auch nicht an Gott geglaubt“ (S. 109).

Das Buch hat einen schön gestalteten Schutzumschlag mit einem Foto von Rachel Grünebaum. An das lange, graue Sackkleid aus Leinen, das sie jahrelang tragen musste, erinnert der graue Buchdeckel, der ohne Beschriftung geblieben ist – fast so, wie man nach dieser Lektüre sprachlos ist. Ein persönliches Nachwort ihrer Tochter und Mitautorin Gabriele Grünebaum fasst die Intention des Buches zusammen in der Hoffnung, „dass es solch grausames Morden nie mehr geben wird“ (S. 153).

Franz Domeier, Bretten


Jahrgang 23 / 2016 Heft 1, S. 53 f.


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