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Chaim Noll

Chanukka Das Lichterfest

Jedes Jahr im Dezember, acht Tage lang (25. Kislew bis 2. Tewet), feiern Juden in aller Welt das Lichter- oder Weihefest, hebräisch Chanukka. Schon im 4. Buch Moses (Num) 7,11 ist das Gebot einer Weihgabe für den Altar Gottes ausgesprochen, die von den Fürsten der zwölf biblischen Stämme überbracht werden soll. Entsprechend beging König Salomo, wie das Zweite Buch der Chroniken (2 Chr 7,5) überliefert, eine grandiose Weihefeier zur Einweihung des von ihm erbauten Tempels in Jerusalem. Vielleicht wäre das Weihefest ein ritueller Staatsakt geblieben, eine Gebotserfüllung bei seltener Gelegenheit, hätte nicht das Auf und Ab der Geschichte für eine tiefe und innige Verbindung des biblischen Volkes zu dieser Tradition gesorgt. Das Weihe- und Lichterfest gewann seine heutige Form in einer der düstersten Perioden jüdischer Geschichte, während der Tyrannei der Seleukiden, die in Nachfolge Alexanders des Großen den Mittleren Osten beherrschten. Einer der letzten dieser Könige, Antiochos IV. Epiphanes (reg. 175–164 v. d. Z.), verbot den Juden in ihrem eigenen Land die Ausübung ihrer Religion bei Todesstrafe und provozierte damit den Volksaufstand der Makkabäer, von dem in den beiden apokryphen biblischen Makkabäer-Büchern und anderen antiken Quellen berichtet wird.

Zu Beginn des Monats Kislew im Jahr 165 vorchristlicher Zeit eroberte ein jüdisches Volksheer unter der Führung von Judas Makkabäus das von seleukidischen Truppen besetzte Jerusalem und den einst von König Salomo errichteten Tempel. Die Makkabäer fanden Gebäude und Altar verwüstet und durch heidnische Kulte entweiht, auch das für die Lampen des Heiligtums nötige reine Olivenöl verschwendet, so dass schnellstens neues hergestellt werden musste, um den verödeten Tempel zu beleuchten. Der jüdische Religionsphilosoph Maimonides überliefert in seinem Werk Mishnej Torah das Wunder, das sich nun ereignet haben soll:

„Es geschah am 25. Tag des Monats Kislew. Sie betraten das Heiligtum und fanden nur noch einen Krug reinen Öls, ausreichend für einen Tag, doch dann brannte es acht Tage lang, so dass Zeit genug war, neue Oliven zu pressen und frisches Öl zu gewinnen. Deshalb haben die Weisen Tage des Jubels und Gotteslobs für jede neue Generation ausgerufen. Jede Nacht werden Kerzen im Eingang des Hauses angezündet, um das Wunder immer neu zu verkünden.“

Auch im ersten Buch der Makkabäer (1 Makk 4,36–59) ist die Geschichte der Reinigung des Tempels, der Errichtung eines neuen Brandopferaltars und der Weihe des Tempels aufgezeichnet, gleichfalls in den Antiquitates Iudaicae (XII, 316–326) des jüdischen Historikers Flavius Josephus aus dem ersten Jahrhundert christlicher Zeit. Das zweite Buch der Makkabäer (2 Makk 10,6–9) nennt einen weiteren Grund, warum das alljährliche Fest aus Anlass der Weihe acht Tage dauern soll: zur Erinnerung an das achttägige Laubhüttenfest, das die Bürger Jerusalems noch kürzlich als Vertriebene „in der Wildnis und den Höhlen wie wilde Tiere“ hatten begehen müssen, während sie nun wieder im Besitz ihrer Stadt und ihres Tempels waren.

Das Chanukka-Wunder des Jahres 165 vorchristlicher Zeit ließ die Weihe des Tempels zu einem Volksfest werden. Juden begehen es seither durch allabendliches Segensprechen und Anzünden der Lichter, die in einem achtbzw. neunarmigen Leuchter angeordnet sind: je eine Kerze für die acht Tage des Festes und eine weitere als „Anzünder“, in Erinnerung an jenen letzten Krug, der sich vor rund zweitausendzweihundert Jahren in dem von Heiden verwüsteten Jerusalemer Tempel fand.

Um ein solches Fest entstehen im Lauf der Jahrhunderte Bräuche, Lieder und Legenden. Chanukka ist ein Familienfest, ein Abendfest. Der jüdische Tag beginnt getreu der biblischen Schöpfungsgeschichte mit dem Abend, folglich nehmen auch die Tage des Chanukka-Festes ihren Anfang mit einbrechender Dunkelheit. Umso wirkungsvoller sind die Lichter. Sie werden angezündet, sobald die Dämmerung sinkt, vom ersten bis zum achten Tag jeweils eine weitere Kerze. Man trifft sich zum gemeinsamen Essen, zu Gesang und Spielen, isst bestimmte traditionelle Speisen wie Sufganiot, mit Marmelade gefüllte Pfannkuchen („Berliner“), oder Latkes (Kartoffelpuffer mit Apfelmus und Sahne).

Vor allem aber segnet man die Lichter mit dem Gebet „Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du uns geheiligt durch deine Gebote und uns befohlen, das Chanukkalicht anzuzünden“, singt das berührende Chanukka-Lied „Maos zur jeschuati“ – „Zuflucht, meiner Hilfe Hort“ (nach Ps 28,8 [„Der Herr ist die Stärke seines Volkes, er ist Schutz und Heil für seinen Gesalbten“] und Jes 17,10 [„den Felsen, auf dem du Zuflucht findest“]) und stellt den Chanukka-Leuchter ins Fenster oder in den Torweg des Hauses, damit Vorüberkommende sehen, dass die Juden des Ortes die Tage des Lichterfestes begehen. Das alte Ereignis der Lichterweihe hat im Wort „Weihnachten“ überlebt.

Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit fiel die Nacht, in der Jesus geboren wurde, in die Zeit des Chanukka-Festes. Dafür spricht die Stimmung, die das Lukas-Evangelium überliefert: die Nacht, das Licht, die Engel und die von ihnen ausgehende Erleuchtung der jüdischen Hirten, die sich um das Elternpaar scharen. An welchem der acht Tage das Kind zur Welt kam, lässt sich wegen der Uneinigkeit in der Bestimmung des Geburtsjahres – nach römischer oder jüdischer Jahreszählung – nicht ermitteln. Welcher Tag des achttägigen Festes auch immer: Als gesetzestreue Juden werden Joseph und Maria in ihrer Unterkunft in Bethlehem Lichter angezündet haben wie von alters her üblich, so viele, wie das Fest Tage alt war.

Das Segnen und Anzünden von Lichtern und das damit verbundene Gefühl eines Neubeginns – einst im wiedergewonnenen Heiligtum, dann durch die Geburt jenes außergewöhnlichen, weltverändernden Kindes – ist vom älteren Chanukka-Weihefest auf das jüngere christliche Lichterfest übergegangen. Dennoch feiern Christen und Juden ihre Lichterfeste seit Jahrhunderten getrennt. Auch kalendarisch, da die Differenz zwischen dem alten jüdischen Mondkalender und dem christlichen Sonnenkalender nur hin und wieder eine Koinzidenz der beiden Feste zulässt. All das hat den gemeinsamen Ursprung im Lauf der Jahrhunderte vergessen lassen, wie im Fall anderer christlicher Feste, die aus jüdischen hervorgegangen sind: Ostern aus dem Pesach-Fest, Pfingsten aus dem Schawuot- oder Wochenfest. Jedes dieser Feste überliefert tiefe, uralte Konzepte des Menschlichen, die vielen heute nicht mehr bewusst sind. Die Grundlagen des Christlichen sind in Wahrheit viel älter als allgemein gedacht, viel tiefer im menschlichen Bewusstsein verankert, und sie haben sich über viel längere Zeiträume bewährt.

Da Chanukka in diesem Jahr (2015) Weihnachten vorangeht, kann man sich während dieser Tage noch einmal auf den Ursprung des Lichterfestes besinnen. Wenn an Weihnachten die Straßen und Plätze christlicher Länder im Glanz tausender Lichter erstrahlen, gilt der Glanz dem Geburtstag des christlichen Heilands. Und doch liegt dieser „Weihenacht“ und Lichterpracht immer etwas von der alten Weihe der Lichter im Tempel zugrunde, aber gleichzeitig auch von Verfolgung und Leid. Im Kern hat Aggression gegen Juden und Christen fast immer mit dem bei Menschenfeinden aller Art verhassten Gebot der Nächstenliebe zu tun, das im 3. Buch Mose (Lev) 19,18 erstmals ausgesprochen wird und das Jesus zu seinem Programm gemacht hat: Veahavta le re’acha kamocha / „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Dieses Gebot, das keine andere Religion so vorbehaltlos vertritt, macht die Anhänger des biblischen Gottes, die ihren Glauben ernst nehmen, zugleich verletzlicher und überlebensfähiger als andere Menschen.

 

Chanukka- und Neujahrsgruß aus Gurs,
von Avigdor David Tulman (Signatur).

940 begann Chanukka am 24. Dezember
und endete am 31. Dezember.

Paloma Tulman, Jerusalem.

Neujahrskarte aus Gurs

Weihnachten und Chanukka sind Freudenfeste, Feste des Friedens, die zugleich an die Bedrohung erinnern sollen, der wir auf dieser Erde ausgesetzt sind. Dabei erweckt das Anzünden der Lichter stets die alte Hoffnung in uns, die seit der Wiedergewinnung Jerusalems unvergänglich ist: mit den Gefahren und Bedrohungen fertig zu werden, ein weiteres Jahr in schweren Zeiten zu überstehen, in unserem Haus zu sein, in Sicherheit, Wärme, Geborgenheit, erhellt von dem Licht, das wir Menschen zu bewahren wussten, durch das Auf und Ab unserer Geschichte: das ist das eigentliche Wunder von Chanukka.


* Chaim Noll, deutsch-israelischer Schriftsteller, 1954 in Ost-Berlin geboren, Studium der Mathematik in Berlin und Jena, Kunststudium und Kunstgeschichte an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee, 1989–1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin, lebt seit 1995 in Israel. Viele Veröffentlichungen (vgl. http://chaimnoll.com/textarchiv. htm), auch im Freiburger Rundbrief (zuletzt „Schawuot – Der Fünfzigste Tag. Jüdische Gedanken zum „Sieben-Wochen-Fest“ in: FrRu NF 20 [2013] 242–255). Siehe auch i. d. H., S. 72 f.: Die Akra (Zitadelle). Ein archäologischer Rückblick auf Chanukka.


Jahrgang 23 / 2016 Heft 1, S.35−38


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