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Paucker, Arnold (Hrsg.)

Die Juden im nationalsozialistischen Deutschland. „The Jews in Nazi-Germany 1933-43“

Mohr (Siebeck). Tübingen 1986. xxiv, 426 Seiten.

Rezension

Es war seinerzeit eine große Leistung, dieses Buch, das aus einer Berliner Konferenz des Leo-Baeck-Instituts (vom 28.-31. Oktober 1985) hervorgegangen ist, erscheinen zu lassen.

In ihm findet sich ein Vorwort des Direktors des LBI, Fred Grube, ferner eine Einleitung von Peter Pulser.

Der erste Beitrag von Peter Gay deutet die gesamte Problematik des Buches an, nämlich die Existenz der deutschen Juden in der Weimarer Zeit, die Tatsache, daß die Mehrheit der deutschen Juden in Deutschland zu Hause war. Der Wahnsinn der Nazis erschien derart unglaubwürdig, daß man ihn nicht gebührend zur Kenntnis nahm.

Unter den wertvollen Aufsätzen erwähnen wir den von Arnold Paucker über jüdische Selbstverteidigung, den von Julius Carlebach über das orthodoxe Judentum, den von R. Rürop über das Ende der Emanzipation. Einen aufschlußreichen Beitrag stellt die Studie von Herbert A. Strauß dar über die jüdische Autonomie in den Grenzen der nationalsozialistischen Politik, eine wertvolle Arbeit über die Reichsvertretung sowie die jüdischen Organisationen während der NS-Zeit. Die Reichsvertretung und die Gemeinden versuchten, die Auswirkungen der Verfolgung zu mildern, soweit und solange dies möglich war.

A. Barkai schreibt über den wirtschaftlichen Existenzkampf der Juden im Dritten Reich, ihre systematische Entrechtung und Ausplünderung. Der Aufsatz von David Kramer ist der Geschichte der jüdischen Sozialfürsorge im NS-Staat gewidmet. Auswanderungshilfe und jüdische Winterhilfe stellen bedeutende Leistungen der jüdischen Selbsthilfe dar. Traude Maurer befaßt sich mit Zahl und Stellung ausländischer Juden in Deutschland von 1933 bis 1939. Es gab am 16.06.1933 98.747 jüdische Ausländer, rund 20 Prozent der jüdischen Bevölkerung. Bis zum Jahre 1938 verhielt sich der NS-Staat diesen Ausländern gegenüber eher zurückhaltend. Auf der anderen Seite war die Lage der Staatenlosen besonders prekär. Die Studie gibt ein sehr gutes Bild über den Problemkreis der Juden aus Osteuropa.

Werner T. Angress schildert die jüdischen Jugendbewegungen, H. Bernett die jüdische Turn- und Sportbewegung; Joseph Walk schreibt über jüdische Erziehung als geistiger Widerstand; M. Daxner behandelt die jüdische Privatschule Kaliski in Berlin; H. Freeden schreibt über die jüdische Presse, V. Dahn über jüdische Verleger; Rita Thalmann behandelt den jüdischen Frauenbund, J. Reinharz die zionistische Bewegung Haschomer Hazair; Otto Kulka schreibt über die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland aufgrund sorgfältiger Quellenstudien. Der Aufsatz von Ian Kershaw ist der deutschen Volksmeinung gewidmet; die Einstellung der Bevölkerung gegenüber den Juden war nicht einheitlich, Apathie und moralische Indifferenz waren die am meisten verbreitete Haltung. Bei einigen Teilen der Bevölkerung bestand aber auch Sympathie und Solidarität.

In einem letzten Teil werden Diskussionsbeiträge über die Vorträge zusammengefaßt.

Dieses Buch wird zweifellos lange Zeit grundlegend für das Thema der Juden in NS-Deutschland sein und bleiben und sollte immer herangezogen werden, wenn seine Themen zur Diskussion stehen. Merkwürdigerweise hat man den Problemkreis Juden und Kirchen während der NS-Zeit ausgespart; das mag damit zusammenhängen, daß dieser Problemkreis viel zu umfangreich ist, als daß man ihn in einem relativ kurzen Beitrag abhandeln könnte.

Ernst L. Ehrlich


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 57-58


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