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Hans Schweikart

Es wird schon nicht so schlimm!

oder Nichts geht vorüber! Ein Filmvorschlag

Hg. von Carsten Ramm, Nachwort von Rolf  Aurich und Wolfgang Jacobsen.  Verbrecher Verlag, Berlin 2014. 120  Seiten. Rezension von Bettina Klix,  Berlin.

Ein kleines Buch, das Großes leistet: das den Rassenwahn der Nationalsozialistenmit seiner bis ins kleinste Detail gehenden Gesetzgebung am Beispiel einer sogenannten „Mischehe“ so darstellt, dass wir noch einmal von neuem erschüttert sind.

„Es wird schon nicht so schlimm!“ lautet der Titel, aber die Geschichte des Schauspielerpaares Lilly und Gregor Maurer nimmt die allerschlimmste, wenn auch nicht die von der Obrigkeit aufgezwungene, Wendung. Der Ehemann weigert sich, sich von seiner jüdischen Ehefrau scheiden zu lassen und sie damit der Deportation und Ermordung preiszugeben, und begeht stattdessen mit ihr und dem gemeinsamen Kind Selbstmord.

Schweikarts noch unveröffentlichte Erzählung war bis vor Kurzem verschollen. Der Herausgeber Carsten Ramm stellte erfolgreich Nachforschungen an und engagierte sich anschließend für die Veröffentlichung. Er war auf die Spur des Textes geraten durch den Vorspann des Films „Ehe im Schatten“ (1947), der darauf hinweist, dass der Film nach einer „Novelle von Hans Schweikart“ entstanden sei. So bildete die „Filmerzählung“ also nicht nur den „Filmvorschlag“ – so der heutige Untertitel –, sondern die Grundlage für eine Version des Stoffs, die vielen bekannt ist.

Zugrunde liegt ihr die Geschichte des Schauspielerpaars Meta und Joachim Gottschalk. „Der Regisseur Kurt Maetzig verarbeitet darin auch den Suizid seiner Mutter, die Jüdin war. Auch sie lebte in einer ‚Mischehe‘.“ So Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen in ihrem bewegenden Nachwort, das nicht weniger erschütternd ist als die Erzählung selbst; unter dem Titel „Alle Giftmittel standen hoch im Kurs“ beleuchtet es die Vorgeschichte des Textes und seiner Verfilmung und die biographischen Hintergründe. Dabei weisen Aurich und Jacobsen auch auf eine weitere, sehr gelungene literarische Vergegenwärtigung des „Falls Gottschalk“ hin: Curt Riess, jüdischer Emigrant und Heimkehrer, erzählt in seinem großen Filmerinnerungsbuch „Das gab’s nur einmal“ (1956), unter dem Titel: „Im Leben zum Tode verurteilt“ die Geschichte nach. Riess hatte im vorausgegangenen Kapitel von einem filmischen Plädoyer für die Euthanasie berichtet.

„Noch bevor das Jahr 1941 zu Ende geht, wird die moralische Forderung, die Wolfgang Liebeneiner (1905–1987) in dem Film Ich klage an! zur Diskussion stellte, zumindest von einer Familie in die Realität umgesetzt. Der Schauspieler Joachim Gottschalk scheidet mit Frau und Kind aus dem Leben. Freiwillig, wenn man von Freiwilligkeit bei einem Mann sprechen kann, den man zu Tode gehetzt hat. Zu Tode gehetzt nicht, weil er oder seine Frau unheilbar krank waren –, sondern weil Deutschland unheilbar erkrankt ist.“

Wie dieser „Fall“ von den andern in „Mischehen“ lebenden Paaren verfolgt wurde, zeigt exemplarisch das Tagebuch des Dichters Jochen Klepper (1903–1942), der die Idee des gemeinsamen Freitods schon länger – allein oder im Gespräch mit seiner jüdischen Frau und der Tochter – erwogen hatte. Heinz Gosch hat in seinem Buch „Nach Jochen Klepper fragen“ (1982) die Gewissensqualen dieses Christen beschrieben, der die Selbsttötung für Sünde halten musste, aber die geliebten Menschen nicht mehr schützen konnte. Klepper schrieb nach 1933 in sein Tagebuch:

„[...] eine Ehe ist eine Lebensgemeinschaft, aber kein Todesbund. Das gemeinsame Sterben liegt nicht im Sinn der Ehe, vielmehr wird sie durch einen solchen Entschluss gelöst, weil man über sich, den andern und das verbundene Leben das Todesurteil spricht.“

Der Fall Gottschalk „bewirkte offensichtlich eine – wenn auch nur kurze – Änderung des Verhaltens der NS-Behörden gegenüber ‚jüdisch versippten‘ Künstlern“ (Gosch). So schöpfte Klepper wieder Hoffnung, die trügerisch war. 1942 gingen Jochen Klepper und seine Frau Johanna zusammen mit der jüngeren Tochter Renate in den Tod.

Die Erzählung des Regisseurs, Schauspielers und Autors Hans Schweikart (1895–1975) erinnert auch an eigene Handlungsmöglichkeiten während des Nationalsozialismus, reflektiert Verantwortung, Leugnung, Schuld. Die Stufen der Umsetzung der nationalsozialistischen Rassenpolitik werden den Phasen gegenübergestellt, in denen die betroffenen Menschen sich dazu ins Verhältnis setzen: verkennend, leugnend, hoffend, nach Auswegen suchend, verzweifelnd. Der Untertitel zu „Es wird schon nicht so schlimm!“ lautet: „Nichts geht vorüber!“ Die Geschichte beginnt mit dem Satz „Heute wissen wir es.“ Sie ist also aus der Nachkriegsperspektive geschrieben. Doch am Ende finden sich die warnenden Sätze, die sich einer Beschränkung der erzählten Geschichte auf nur einen historischen Ort widersetzen.

„Es geht nichts vorüber. Es kommt auf jeden Augenblick an! Die Verantwortung ist immer da! Der Kampf darf nie aussetzen. Gegen die Müdigkeit, die Nachgiebigkeit, gegen die Zugeständnisse, aus denen sich das Netz weben ließ, in dem sich ein ganzes Volk fing.“

Bettina Klix, Berlin


Jahrgang 23 / 2016 Heft 1, S. 63−65


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