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Tetyana Pavlush

Kirche nach Auschwitz zwischen Theologie und Vergangenheitspolitik

Die Auseinandersetzung der evangelischen Kirchen beider deutscher Staaten mit der Judenvernichtung im „Dritten Reich“ im politisch-gesellschaftlichen Kontext

Zivilisationen & Geschichte,  Bd. 35. Peter Lang-Edition, Frankfurt  am Main 2015. 573 Seiten.  Rezension von Prof. Matthias Blum, Berlin.

Das Buch geht auf die Dissertation der Autorin im Jahr 2014 an der Freien Universität Berlin zurück. Tetyana Pavlush bietet nach einer die „Forschungsfragen, -gegenstände, -kontexte und komparative Herangehensweise“ erläuternden Einleitung eine Auseinandersetzung in drei Teilen, bevor sie diese mit einem Fazit (S. 457–489) schließt. Pavlush thematisiert in einem ersten Teil zunächst „die Holocaust-Reflexion und das christlich-jüdische Gespräch in Ost und West an der Kreuzung der endogenen und exogenen Faktoren“ (S. 51–115), bevor sie sich im zweiten Teil mit der „kirchliche[n]‚Vergangenheitsbewältigung‘ im Kontext der öffentlichen Kontroversen“ auseinandersetzt (S. 117–318).

Die Analyse der öffentlichen Konflikte bezieht sich in diesem Teil der Studie auf folgende Ereignisse: die antisemitische „Schmierwelle“ 1960/61, die Festnahme von Adolf Eichmann sowie den Prozess in Jerusalem 1961; das Schauspiel „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth 1963; den Sechs-Tage- Krieg 1967 sowie die Ausstrahlung der US-amerikanischen Fernsehserie „Holocaust“ 1979.

Im dritten Teil geht Tetyana Pavlush auf den „9. November 1938 als Forum für die Holocaust-Reflexion“ ein (S. 319–456), indem sie die Entwicklung des Gedenktages anhand der Jahrestage 1968, 1978 und 1988 aufzeigt. Das Buch schließt mit einem umfangreichen Anhang (S. 491–573), der nach einem Abkürzungsverzeichnis ein Personenregister mit biographischen Angaben sowie ein der inhaltlichen Auseinandersetzung entsprechendes Quellen- und Literaturverzeichnis umfasst, das folgende Gliederungspunkte aufweist: Kirchliche Voten, Veröffentlichungen „nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“, Beiträge in der konfessionellen Presse, Der Prozess gegen Adolf Eichmann, „Der Stellvertreter“, Der Sechs-Tage-Krieg, TV-Serie „Holocaust“, Der 9. November: Der 30. Jahrestag 1968, Der 40. Jahrestag 1978, Der 50. Jahrestag 1988, Zeitungen und Zeitschriften, Quelleneditionen, Weitere Quellen und Sekundärliteratur. Die Arbeit versteht sich in historiographischer Hinsicht

„als ein Beitrag erstens zur noch ungeschriebenen Geschichte der deutsch-deutschen kirchlichen Erinnerung an die NS-Zeit und den Holocaust und zweitens zur methodischen Diskussion über die Entwicklung der Maßstäbe und Beurteilungskriterien, die eine vergleichende und beziehungsgeschichtlich angelegte Bewertung der Rolle und Funktion der Kirchen in einem demokratischen Rechtstaat und einer kommunistischen Diktatur ermöglichen“ (S. 28 f.).

Tetyana Pavlush bilanziert im Hinblick auf die Holocaust-Reflexion eine qualitative und quantitative Asymmetrie zugunsten der westdeutschen evangelischen Kirchen, wobei sich die Ost-West-Unterschiede erst für die Zeit seit den 1970er Jahren deutlich nachweisen ließen. Dass die festgestellte Asymmetrie zum Teil jedoch relativiert werden könne, stellt die Autorin unter Verweis auf die Auswertung der evangelischen Presse heraus.

„Auch im ostdeutschen Raum, und zwar nicht nur in der Tätigkeit der christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaften, lässt sich nach 1978 eine deutliche Tendenz beobachten, sich zunehmend kritisch den theologischen Fragen nach dem Verhältnis von Kirche und Synagoge, den christlichen Wurzeln des Antisemitismus, der Legitimität der Judenmission zu stellen. Dabei bildeten die Errungenschaften der westdeutschen Kirchen im christlich-jüdischen Gespräch und in der ‚Theologie nach Auschwitz‘ einen wesentlichen Faktor für die sukzessiven Veränderungen in den ostdeutschen Kirchen“ (S. 458 f.).

Allerdings war, wie Tetyana Pavlush hervorhebt, das Potential von Theologie und Kirchen in der DDR

„[retrospektiv gesehen] tatsächlich nicht groß genug, um einen historisch und theologisch signifikanten Beitrag zum übernationalen oder westdeutschen Erinnerungsprozess mit Blick auf den Holocaust zu leisten. Es genügte aber dennoch, um einen Wandel des Stellenwertes der christlich- jüdischen Problematik im Geschichtsbild der DDR-Bürger zu bewirken und eine Wendung der Erinnerungsarbeit im eigenen, ostdeutschen Raum durchzusetzen“ (S. 460).

Tetyana Pavlush legt mit ihrem Buch eine überaus interessante Studie vor, die die bereits vorliegenden Untersuchungen zur theologischen Reflexion um den Aspekt des politisch-gesellschaftlichen Kontextes bereichert. Dass sie in ihrer Studie über die Holocaust-Reflexion in den evangelischen Kirchen auch das kirchliche und theologische Potential in der ehemaligen DDR mitbedacht hat, ist positiv hervorzuheben.

Matthias Blum, Berlin


Jahrgang 23 / 2016, Heft 1, S. 61−63.


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