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Tobias Engelsing

Das jüdische Konstanz

Blütezeit und Vernichtung

Südverlag, Konstanz 2015. 272 Seiten. Rezension von Prof. Yizhak Ahren, Jerusalem.

Die wechselvolle Geschichte der Juden in Konstanz von 1860 bis zur Gegenwart darzustellen, ist ein Projekt, das nur mit viel Aufwand betrieben werden kann. Ein solches Werk erfordert ein Sammeln, Sichten und Auswerten vielfältiger Quellen, die Fähigkeit, Typisches von Besonderem zu unterscheiden, sowie literarische Gestaltungskraft. Engelsing, Leiter des Rosgartenmuseums Konstanz, hat sich die oben genannte Aufgabe gestellt und sie meisterhaft gelöst. Man erfährt aus dem hier angezeigten Werk viel Neues über zeitgeschichtliche Ereignisse und menschliche Schicksale, nicht zuletzt durch das die Darstellung begleitende reiche Bildmaterial.

Bekannt ist, dass schon im Mittelalter Juden in Konstanz lebten. Engelsing beschreibt allerdings nur die Geschehnisse seit dem Gleichstellungsgesetz von 1862. Damals lebten in Konstanz lediglich 13 jüdische Einwohner. Ihre Zahl wuchs zwar rasant an, überschritt aber nicht das Maximum von 780 gemeldeten Personen. 1883 errichtete die Jüdische Gemeinde in Konstanz eine eigene, mit einer Orgel ausgestattete Synagoge. 1910 erreichte die Zahl der Gemeindemitglieder mit 575 Personen ihren Höchststand. Im Jahr 1938 wurde die Synagoge ein Opfer der Pogrome. Doch nicht einmal die Encyclopaedia Judaica (Jerusalem 1972) erwähnt, dass bereits zwei Jahre zuvor ein Anschlag gegen diese Synagoge erfolgt war. Engelsing stellt fest:

„Der Stadt Konstanz kommt die zweifelhafte Ehre zu, reichsweit die erste Brandstiftung gegen ein jüdisches Gotteshaus erlebt zu haben.“

Die nationalsozialistische Judenverfolgung hat nicht wenige Juden zur Auswanderung aus Konstanz veranlasst – der Autor schildert einige Beispiele –; diejenigen Juden, die nicht weggezogen waren, wurden 1940 bzw. 1942 deportiert, viele von ihnen ermordet. Eine Namensliste der Deportierten schließt das Buch ab.

An mehreren Stellen ist deutlich zu spüren, wie sehr der Autor um Objektivität bemüht ist. Die Geschichten, die er zu erzählen hat, werden keineswegs geschönt, Allzumenschliches wird nicht übergangen, sondern aufgedeckt. So wird aus einer Rede zitiert, die der Konstanzer Oberbürgermeister Fritz Arnold 1946 bei der Einweihung der Gedenkstätte am Platz der zerstörten Synagoge hielt:

„Wenn uns dabei noch etwas trösten kann, so ist es die Tatsache, dass es fremde Bubenhände waren, die sich an dieser uns alten Konstanzern so vertrauten Kultstätte vergriffen haben, dass kein Konstanzer dabei mitgewirkt hat.“

Engelsing kommentiert trocken:

„Das war nachweislich falsch, und Arnold, dessen Elternhaus kaum 500 Meter von der Synagoge entfernt stand, wusste das.“

Im letzten Kapitel, „Zum Umgang mit der Erinnerung“, argumentiert der Historiker Engelsing gegen die nicht erst heute in Deutschland weit verbreitete ‚Schlussstrich‘-Mentalität.

Gegen den Untertitel des Buchs, „Blütezeit und Vernichtung“, ist ein Einwand zu erheben. Ausführlich geschildert wird nämlich auch das jüdische Leben in Konstanz nach 1945. Demnach müsste der Untertitel lauten: „Blütezeit, Vernichtung und Neubeginn“. 1964, neunzehn Jahre nach dem Ende der NS-Zeit, formierte sich erstmals wieder eine jüdische Gemeinde in Konstanz; im Jahre 1980 folgte die Gründung einer zweiten, liberal ausgerichteten, Gemeinde. Ob der Plan einer „Einheitsgemeinde“ realisiert werden kann, bleibt abzuwarten. Nicht nur in Konstanz diskutieren Gemeindevertreter, ob und wie Gesetzestreue und Reformjudentum miteinander vereinbar sind.

Yizhak Ahren, Jerusalem


Jahrgang 23 / 2016, Heft 1, S.  54 f.


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