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Cohen, Menachem (Ed.)

A Revised and Augmented Scientific Edition of „Mikra'ot Gedolot“ Based on the Aleppo Codex and Early Medieval MSS: Joshua — Judges

Bar-Ilan University, Ramat-Gan (Haketer), Israel, 1992.

Rezension

Es geht hier um den ersten Band einer neuen Ausgabe der „Rabbiner-Bibel“ bzw. der „Mikra'ot Gedolot“. Es ist ein Unternehmen, das zum Stolz der Wissenschaft des Judentums gereichen wird. So weit ersichtlich, werden bald weitere Bände folgen, denn die Wissenschaftler und Computer arbeiten derzeit ununterbrochen.

Die neue Ausgabe kann in der Tat dank der zweiten technischen Revolution verwirklicht werden. Die erste Ausgabe erfolgte im 16. Jh. aufgrund der ersten technischen Revolution, der Erfindung des Buchdruckes. Sie wurde durch Jakob Ben-Hajjim in Venedig in der berühmten Druckerei Bomberg im Jahre 1524-25 fertiggestellt. Damals hatte der große Humanist Erasmus von Rotterdam in Basel bei einem ebenso berühmten Verleger, nämlich Frobenius, Fuß gefaßt. Im gleichen Jahr hat dieser die vorzügliche Ausgabe des lateinischen Josephus herausgegeben, und Erasmus selbst hat — allerdings bei einem anderen Verleger — seine Polemik gegen die Theologie Luthers, das Buch „De libero arbitrio“, publiziert.

Obwohl sich Jakob Ben-Hajjim die größte Mühe gegeben hat, um die „Mikra'ot Gedolot“ möglichst vollkommen herauszugeben, fehlten ihm damals nicht nur die technischen Mittel, die uns heute zur Verfügung stehen, sondern er hatte auch nicht den Zugang zu den vorzüglichen Handschriften gehabt, die wir heute besitzen, dennoch wurde seine Ausgabe zur Grundlage aller solcher kommentierten Ausgaben der hebräischen Bibel bis heute. Die weitaus wichtigste hebräische Bibelhandschrift ist die 1050 Jahre alte Handschrift von Aleppo (Syrien), die man auch „Keter“ nennt. Schon Maimonides hat sie die verläßlichste Handschrift genannt. Sie befand sich in der Synagoge von Aleppo, bis sie nach dem Pogrom von 1947 nach Israel gelangt ist. Diese Handschrift ist die Grundlage jeder wissenschaftlichen Ausgabe des Textes der „Rabbiner-Bibel“. Darum basiert auch die neue Ausgabe auf der Handschrift ,Keter` und der Name ,Haketer` steht im Titel der Ausgabe. Sie gibt nicht nur den Text des Codex Aleppo wieder, sondern auch die sich dort befindlichen kurzen kritischen Anmerkungen zum biblischen Text. Daß dieser ungemein wertvolle ,apparatus criticus' in der ersten Ausgabe so konzentriert verfaßt ist, daß ihn ein einfacher Mensch nicht ohne Hilfe verstehen kann, habe ich selbst gesehen. Dem ist jetzt abgeholfen, da in der neuen Ausgabe endlich der uralte ,apparatus criticus' erläutert ist.

Doch die Vorzüge der neuen „Rabbiner-Bibel“ beschränken sich nicht auf den hebräischen Bibeltext, denn diese neuen Mikra'ot Gedolot folgen dem üblichen Vorbild und bringen neben dem Text die klassischen rabbinischen Bibelkommentare und die aramäische Übersetzung, den sogenannten Targum. In den Prophetenbüchern gibt es nur einen Targum, und der wird in unserem Band nach den besten jemenitischen Handschriften vokalisiert gebracht. Das ist ein bedeutender Fortschritt, auch deshalb, weil die aramäischen Bibelübersetzungen heute sehr vielseitig geworden sind. Im Pentateuch-Band werden alle vorhandenen Targumim abgedruckt werden.

Die üblichen klassischen, mittelalterlichen, rabbinischen Kommentare werden in der neuen Ausgabe nach den besten Handschriften gebracht. Das wird augenscheinlich, wenn man den Text der Kommentare des Raschi mit seiner überlieferten korrumpierten und interpolierten Form vergleicht. Gegenüber den früheren üblichen Ausgaben wird jetzt die Auswahl der Kommentare durch solche vermehrt, deren Bedeutung man inzwischen erkannt hat. Dabei ist die neue Ausgabe sicher nicht überlastet und ist typographisch schön und übersichtlich. Das 100 Seiten lange Nachwort von Menachem Cohen ist viel mehr als ein Forschungsbericht, es ist eine wissenschaftliche Monographie.

Die neue „Biblia rabbinica“ zeigt, daß es doch eine Freude ist, heute zu leben. Sie wird mit Gottes Hilfe ein unerläßliches Werkzeug für den Weg zur „hebraica veritas“ werden. Wenn man im christlich-jüdischen Dialog davon ausgeht, das jüdische Selbstverständnis kennenzulernen, und zu verstehen, kann der neue ,Keter` dabei helfen. Die aramäische Übersetzung der hebräischen Bibel und die klassischen jüdischen Kommentare stellen uns das jüdische Selbstverständnis vorzüglich vor, allerdings das Selbstverständnis eines Judentums, das damals noch ungebrochen gewesen ist.

David Flusser


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 55-57


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