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Theo Mechtenberg

Späte Ehrung für Jan Karski

– und ein Fauxpas

Am 30. Mai 2012 ehrte Präsident Barack Obama den im Jahr 2000 verstorbenen polnischen Emissär des Zweiten Weltkriegs Jan Karski posthum mit der höchsten zivilen Auszeichnung der USA, der Freiheitsmedaille. Es war ein Akt später Anerkennung und Wiedergutmachung, mit dem ein jahrzehntelanges Schweigen beendet und die Erinnerung an Karski und seine letztlich gescheiterte Mission neu geweckt wurde.

Im besetzten Polen hatte Karski sich als Offizier der im Untergrund agierenden Heimatarmee in besonderer Weise dem Schicksal der in Gettos eingesperrten und zur physischen Vernichtung bestimmten Juden verbunden gefühlt. Er hatte das Warschauer Getto illegal aufgesucht, um sich ein Bild von den dort herrschenden unmenschlichen Zuständen zu verschaffen, hatte dort mit führenden Juden Gespräche geführt und sich unweit von Lublin in ein Vernichtungslager einschleusen lassen. Durch dieses gefahrvolle Unternehmen wurde er wie kaum ein anderer zum Augenzeugen des drohenden Holocaust.

Um die Katastrophe abzuwenden, nahm Karski die schwierige Mission auf sich, aus dem besetzten Polen im Auftrag der polnischen Exilregierung in die USA zu gelangen, wo er mit Journalisten, hohen Militärs und Politikern Kontakt aufnahm. Ihnen schilderte er seine gewonnenen Eindrücke in der Hoffnung, die öffentliche Meinung dahingehend beeinflussen zu können, dass die Alliierten alles ihnen diplomatisch und militärisch Mögliche unternehmen würden, die Millionen von der Vernichtung bedrohten Juden zu retten.1

Karski gelang es tatsächlich, zu Präsident Roosevelt vorgelassen zu werden. Doch das überlieferte Gespräch mit dem damals mächtigsten Mann der Welt ist geradezu symptomatisch für die Vergeblichkeit der von Karski unternommenen Bemühungen. Als er im Juli 1943 im Weißen Haus Präsident Roosevelt gegenüber saß und ihm über die jüdische Tragödie Bericht erstattete, hat dieser ihn unterbrochen und sich – nach Pferderennen im Generalgouvernement erkundigt. Am Ende wurde er mit der Floskel abgespeist: „Sagen Sie Ihrer Nation, dass wir für Freiheit und Unabhängigkeit kämpfen werden.“ Für seine Mission wurde Karski nach dem Ende kommunistischer Herrschaft im freien und demokratischen Polen mit der höchsten militärischen und zivilen Auszeichnung geehrt, dem Orden „Virtuti Militari“ und dem Orden vom „Weißen Adler“.

Der am 24. Juni 1914 als Jan Kozielewski in Lodz geborene und am 13. Juli 2000 in Washington verstorbene Karski zählt zu jenen Persönlichkeiten, die als „Gerechte unter den Völkern“ in die Geschichte eingehen. Für ihn war der von ihm ausgeführte – wenngleich gescheiterte – Auftrag keine einmalige Mission, sondern ein sein ganzes Leben bestimmendes Los. Darum hat er auch unter dem Scheitern seiner Mission schwer gelitten, hat Phasen tiefer Depression durchlebt und wie kaum ein anderer Nichtjude bis zu seinem Tod im Bewusstsein des Holocaust gelebt. Die Vernichtung der Juden laste unaufhebbar – so seine wiederholte Aussage – wie ein dunkler Schatten auf der gesamten Menschheit. Sie habe damit einen „zweiten Sündenfall“ begangen. „Ob auf Geheiß oder Nachlässigkeit, aus selbst verschuldetem Unwissen oder aus mangelnder Sensibilität, aus Egoismus oder Heuchelei, oder auch aus kalter Berechnung – diese Sünde wird die Menschheit bis zum Ende der Welt verfolgen. Sie verfolgt mich. Und ich will, dass dies so bleibt.“2

Auf der 1981 der Vernichtung der Juden gewidmeten Washingtoner Konferenz sagte Karski von sich, er sei durch seine Mission „damals zum Juden geworden“. Durch seine jüdische Frau, die ihre Angehörigen in Gettos, Konzentrationslagern und Krematorien verloren hatte und die später unter dieser Last Selbstmord beging, seien die ermordeten Juden zu seiner „eigenen Familie“ geworden. Er, der praktizierende Katholik, politisch links orientiert, verstand sich als „christlicher Jude“. Der Preis dieser zu den gängigen Schemata quer stehenden selbst gewählten Identität war Einsam keit. Sein Kampf gegen den Antisemitismus in seiner Heimat war kompromisslos – und machte ihn in national-katholischen Kreisen unbeliebt. Als in den 1990er Jahren das Haus seines Freundes Marek Edelman mit antisemitischen Parolen beschmiert worden war, wandte er sich in einem Brief an ihn entschieden gegen die offiziell herrschende Verharmlosung:

„Wer in Polen regiert und sagt, dass Schriften auf Mauern wie ‚Juden ins Gas’, ‚Juden raus’, ‚Polen den Polen’ nichts weiter seien als unschuldige Jugendstreiche, der gehört nicht zur Machtelite der westlichen Welt. Wer solches toleriert, begünstigt es und wird mitverantwortlich.“3

Die Ehrung, die Jan Karski, seit 1954 Bürger der Vereinigten Staaten, zwölf Jahre nach seinem Tod erfuhr, war leider durch einen Fauxpas überschattet. In seiner Rede hatte Präsident Obama von „Polish death camps“ gesprochen. Auch wenn aufgrund des Kontextes kein Zweifel bestand, dass es sich um die von Deutschen im besetzten Polen errichteten Vernichtungslager handelte, so stieß doch die von Barack Obama gewählte Formulierung beim anwesenden polnischen Botschafter auf Unverständnis und Widerspruch.

Immer wieder hatten in der Vergangenheit ähnliche Aussagen die Gemüter in Polen empört und Regierungsstellen zu Protesten bewogen. Derlei Äußerungen sind auch nicht durch den geografischen Hinweis zu rechtfertigen, die Lager hätten sich schließlich auf polnischem Boden befunden. Einem deutschen Kommentator würde es im Traum nicht einfallen, die von den Sowjets nach Ende des Zweiten Weltkriegs in ihrer Besatzungszone errichteten Lager, in der Tausende schuldige wie unschuldige Deutsche umkamen, statt „sowjetische“, „deutsche“ Lager zu nennen.

Unmittelbar nach der Festveranstaltung ließ der polnische Botschafter die Amerikaner wissen, dass die von ihrem Präsidenten gewählte unglückliche Formulierung nicht hinnehmbar sei und korrigiert werden müsse. Diese zeigten sich zunächst abwehrend und konsterniert, hatten sie doch von polnischer Seite Dankesworte erwartet. Sie waren bemüht, den Vorgang unter Hinweis auf die gute Intention Obamas zu bagatellisieren. Im Weißen Haus erkannte man aber wohl, dass schnell eine Richtigstellung erfolgen müsse, um den unangenehmen Vorgang aus der Welt zu schaffen. Bereinigt wurde diese Angelegenheit letztendlich durch einen Briefwechsel zwischen den Präsidenten beider Länder, Bronislaw Komorowski und Barack Obama.


Dr. Theo Mechtenberg, Vorstandsvorsitzender des Gesamteuropäischen Studienwerks e. V. Vlotho und Mitglied des Vorstands der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, engagiert sich seit Anfang der Sechzigerjahre als deutsch-polnischer Brückenbauer. 2001 wurde er mit dem Kavalierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen ausgezeichnet.
  1. Vgl. Jan Karski, Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund, hg. von Céline Gervais-Francelle, München 2011.
  2. Bogdan Bialek, Zlecenie od Pana Boga, Tygodnik Powszechny v. 10. Juni 2012, S. 4.
  3. Bogdan Bialek (Anm. 2), S. 4. Zu Marek Edelman vgl. Theo Mechtenberg, Gelebte Solidarität. Zum Tod von Marek Edelman (1919–2009), FrRu NF 17(2010)118–122.


Jahrgang 20 / 2013, Heft 1, S. 48−50.


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